Der Anti-Doping-Kampf vor Olympia in Verzug

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Seit über einem Jahr sorgt eine Pandemie für weitreichende Einschränkungen des Lebens weltweit. Auch der globale Kampf gegen Doping im Spitzensport wurde ausgebremst. Geschlossene Reiserouten und damit hinderliche Erreichbarkeit der Athletinnen und Athleten, kombiniert mit der Schwierigkeit von Kontrolleuren die gängigen gegenwärtigen Verhaltensregeln einzuhalten, verhinderten das Niveau der Kontrollaktivität von vorher. Dass diese Tatsche zu einem höheren Betrug im Spitzensport führen müsste, erscheint fast logisch. Weniger als vier Monate vor Start der Olympischen Spiele von Tokio ist das ziemlich bedenklich, ein geschwächtes Vertrauen in das System vor und bei den Spielen die Folge. Der ehemalige Chef des Britischen Leichtathletik-Verbandes (UK Athletics), Ed Warner sagte in einem Interview mit der BBC im April 2019, also weit vor Pandemiebeginn, Betrug im Sport sei unvermeidlich und sogar nachvollziehbar. Dementsprechend wäre der einzige erfolgsversprechende Weg, ihn zu bekämpfen, die Thematik aus der Perspektive eines Betrügers zu betrachten und aus Schlüssen daraus Lösungswege zu finden.
 

Nicht einmal halb so viele Dopingkontrollen

Würde man diese Perspektive nun anwenden, hieße das: Seit über einem Jahr war und ist die Wahrscheinlichkeit von Dopingkontrollen in vielen Ländern der Welt durchgehend oder zumindest partiell wesentlich geringer als üblich. Das gilt insbesondere für jene Länder mit schwachen nationalen Anti-Doping-Aktivitäten, was nicht heißt, dass in Ländern mit starken Anti-Doping-Aktivitäten zu Pandemiezeiten Kontrolleure von einem Test zum nächsten reisten. 2020 wurden weniger als halb so viele Dopingtests an Profisportlern durchgeführt als 2019, besonders wenige in der ersten Phase der Pandemie im Frühling 2020. Damals sagte Travis Tygart, Chef der US-amerikanischen Anti-Doping-Agentur der New York Times: „Es wäre naiv zu glauben, dass die Leute keinen Vorteil daraus ziehen.“
 

„Das ist gar nicht gut“

Eine Befürchtung, die Athletinnen und Athleten, die für einen sauberen Sport eintreten, gegen den Strich gehen. Zahlreiche haben sich zu Wort gemeldet, mit am deutlichsten die schottische Langstreckenläuferin Jessica Judd, die Anfang November 2020 in der BBC den reduzierten Testaufwand der britischen Anti-Doping-Behörde schwer kritisierte: „Es ist wie ein Freifahrtsschein. Als ob ein Unternehmen sagen würde: ,Dieses Wochenende schalten wie die Überwachungskameras aus’. Vor Tokio ist das ein riesiges Problem.“ Zum besseren Verständnis drehte die 25-Jährige das Blatt um: „Ich kann niemandem beweisen, dass ich all das, was ich 2020 geschafft habe, sauber geschafft habe. Ich hatte keine einzige Out-of-Competition-Kontrolle. Das ist gar nicht gut.“

Schuhhersteller investieren in Anti-Doping-Maßnahmen

Um die Anti-Doping-Aktivitäten im Straßenlauf wieder anzukurbeln, investierten die drei großen Schuhproduzenten Adidas, Asics und Nike Ende des Sommers 2020, also unmittelbar vor der Wiederaufnahme von Laufevents, in das Road Running Integrity Programm der Athletics Integrity Unit (AIU), welches hauptsächlich auf kenianische und äthiopische Athleten zugeschnitten war. „Eine wichtige Entwicklung für die Zukunft des Straßenlaufs“, hieß es aus dem Leichtathletik-Weltverband (World Athletics).
 

Sebastian Coe hebt warnend den Finger

Bei der Welt Anti Doping Agentur (WADA) versucht man in der öffentlichen Kommunikation Schadensbegrenzung und beschwichtigt. Geringere Testaktivitäten hätten nicht das Ende der Anti-Doping-Tätigkeit bedeutet, Ermittlungen und Beobachtungen der Blutprofile liefen weiter. Außerdem hieße das nicht automatisch, das mehr Sportlerinnen und Sportler betrügen würden, schließlich würde man nicht über Nacht ein Doper. Das sind die Aussagen von WADA-Generalsekretär Olivier Niggli, der gleichzeitig Bedenken aufgrund der potenziellen Möglichkeiten der Situation nicht leugnete. In Zusammenarbeit mit den japanischen Anti-Doping-Kämpfern sei man sich dessen kurz vor den Olympischen Spielen bewusst.
Auch World-Athletics-Präsident Sebastian Coe schlägt in diese Kerbe und warnt Sportlerinnen und Sportler offensiv davor, vor den Olympischen Spielen zu betrügen. Die Athletics Integrity Unit (AIU), deren Einführung als unabhängige Dopingermittlungsagentur in der Leichtathletik er unlängst als sehr effektiven Schritt im Kampf gegen Doping lobte, sei besser vorbereitet als die Anti-Doping-Programme anderer Sportverbände. „Zu den Athleten kann ich nur sagen: Wenn sie betrügen, haben sie in Tokio wahrscheinlich eine größere Chance erwischt zu werden als bei allen Spielen in der Vergangenheit.“
 

Zu spät?

Auch wenn die Anti-Doping-Aktivitäten kurz vor und während der Olympischen Spiele intensiviert werden, könnte dies längst zu spät sein. Wie die New York Times in einem viel beachteten Artikel vom 23. Oktober 2020 unter Berufung auf Studien hinwies, hält der Profit aus Doping noch Jahre an, selbst wenn man das Dopen eingestellt hat und daher nicht mehr nachweisbar erwischt werden kann. Dieser Fakt bedroht auch Coes Aussagen von oben. Vor den Olympischen Spielen 2012, denen er als OK-Präsident organisatorisch vorstand, versprach er die saubersten Spiele der Geschichten. Nach zahlreichen Dopingskandalen, die retrospektiv aufgedeckt wurden, waren sie wohl eine der „dreckigsten“ aller Zeiten. Die Technologie im Kampf gegen Doping habe sich in den letzten Jahren, speziell seit 2012 massiv verbessert, beschwichtigt Coe.

Neue Gesetze, neue Möglichkeiten

In jüngerer Vergangenheit haben die Sport- bzw. Leichtathletik-Großmächte USA, China und Kenia Anti-Doping-Gesetze verabschiedet – etliche europäische haben dies in den letzten Jahren bereits getan. Damit ist Doping kriminalisiert und kann rechtlich und nicht nur sportrechtlich verfolgt werden. Auch wenn dadurch entlarvten Betrügern ein wesentlich höherer Verlust droht – das US-Gesetz sieht etwa einen Strafrahmen bis zu einer Geldstrafe von 1 Mio. US-Dollar oder Gefängnisstrafen von bis zu zehn Jahren vor, sehen nicht alle einen Vorteil in der Kriminalisierung von Doping, weil die Zeitabstände zwischen Vergehen und Sanktion größer und die Zeitabstände zwischen Sanktion und Ablauf der rückwirkend ausgesprochenen Sperre kürzer werden könnten.
Mehr Hoffnung verleihen die wissenschaftlichen Möglichkeiten im Kampf gegen Doping der nahen Zukunft. Die Überprüfung der biologischen Blutprofile von Athleten überführte vor der Pandemie etliche Spitzensportlerinnen und Spitzensportler des Dopings, weitere Methoden sollen den Rückstand der Behörden gegenüber Betrügern in den nächsten Jahren verkürzen (mehr dazu in einem weiteren RunAustria-Artikel). Doch bevor neue Methoden effektiv eingesetzt werden, muss der Status quo im Kampf gegen Doping erst erreicht werden. Wie die Plattform „Insidethegames“ am 14. März 2021 berichtete, ist gerade einmal ein Drittel der nationalen Anti-Doping-Behörden in Europa auf dem aktuellen Stand des im November 2020 von der WADA veröffentlichten, neuen Anti-Doping-Codes. Das ist die rote Laterne unter allen Kontinenten, während 95% aller Länder auf den amerikanischen Kontinenten und 97% aller internationalen Verbände Olympischer Sportarten up-to-date sind.