Kein Olympia-Tourismus nach Japan

© Public Domain Pictures / Pixabay

Die Entscheidung, die fallen musste, die erwartet war zu fallen, ist gefallen. Japan wird keine ausländischen Sportfans zu den Olympischen Spielen vom 23. Juli bis 8. August und zu den Paralympics vom 24. August bis 5. September in Tokio zulassen. Damit, so untermalte das Organisationskomitee in Tokio, sei frühzeitig Klarheit sowohl für jene, die noch auf eine Reise zu den Olympischen Spielen hofften, als auch jene, die sich nun um die Rückgabe gekaufter Tickets und Rückerstattung der Kosten bemühen können. Immerhin waren bereits zwischen 600.000 und 900.000 Tickets (Unterschiede in der Medienberichterstattung) an ausländische Sportfans verkauft worden bzw. in den Verkaufsprozess gebracht.
 

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„Unvermeidlich“

Der Entschluss wurde unmittelbar nach einer Videokonferenz, an dem das OK, die japanische Regierung, die Regionalregierung der Metropolregion Tokio sowie das Internationale Olympische Komitee (IOC) und das Internationale Paralympische Komitee (IPC) beteiligt waren. IOC-Präsident Thomas Bach sprach von einer „schwierigen Entscheidung“ und bezeichnete den Entschluss „als notwendiges Opfer“, insbesondere traurig für Familien und Freunde von Athletinnen und Athleten. OK-Präsidentin Seiko Hashimoto stellte fest: „Es ist sehr enttäuschend und bedauerlich, aber diese Entscheidung war unvermeidlich.“ Bereits im Vorfeld berichteten japanische Medienberichte, dass die japanische Regierung sich klar in Richtung dieser Entscheidung bewege, um die Gefahr einer Dynamisierung in der Virusverbreitung durch Olympia-Touristen zum Leidwesen Japans zu verhindern. Das hatte zuvor auch der größte japanische Berufsverband von Ärzten, die Japan Medical Association gefordert. Ein Einlass Tausender Personen aus dem Ausland zur gleichen Zeit wäre unmöglich zu akzeptieren, wurde ein Vertreter Ende Jänner in der „Gazzetta dello Sport“ zitiert.
 

Im Sinne der Bevölkerung

Die Entscheidung trifft den Volkswillen: Laut einer aktuellen Umfrage sprechen sich vier von fünf Japanern gegen ausländische Gäste bei Olympischen Spielen aus. „Die Priorität des IOC ist es, die Olympischen und Paralympischen Spiele für alle so sicher wie möglich zu gestalten: Sportlerinnen und Sportler sowie unsere geschätzten Gastgeber, die japanische Bevölkerung“, schickte Bach hinterher. „Wir respektieren die Entscheidung unserer japanischen Freunde.“
 

Generelle Frage der Zuschauer noch offen

Die Pandemie zwingt den Olympischen Sport damit in Verhältnisse, die zuletzt vor 30 bis 40 Jahren herrschten und die eine ganze Generation gar nicht kennt. Vielfalt, bunte, friedliche, vereinende Bilder von den Tribünen waren, ganz im Sinne des Olympischen Geistes, in den letzten Jahrzehnten Normalität und längst ein fixer Bestandteil der Olympischen Spiele und deren Atmosphäre. Zuletzt fanden 1988 Olympische Spiele fern der breitflächigen Erreichbarkeit europäischer Sportfans statt. Die Spiele damals in Seoul lebten atmosphärisch ganz stark von japanischen Sportfans, wie hoffentlich jene von Tokio nun auch. Danach nahm der globale Sporttourismus rund um Großereignisse eine unheimliche Dynamik auf und bescherte auch den Olympischen Spielen einen neuen, modernen Touch. Zuletzt war es ausländischen Sportfans im Jahr 1920 bei den Spielen von Antwerpen untersagt, in die belgische Hafenstadt zu reisen. Der Grund damals: die Spanische Grippe.
Die Entscheidung, die das OK treffsicher vor dem für Donnerstag geplanten Auftakt des Fackellaufes quer durch das Land, an dem sich unter Ausschluss von Zuschauern rund 100.000 Läuferinnen und Läufer beteiligen werden, verkündete, bedeutet nicht, dass die Olympischen Spiele vor leeren Tribünen über die Bühne gehen. Vielleicht ist dieses Szenario durch diese Entscheidung sogar etwas unwahrscheinlicher geworden. Ob japanische Zuschauerinnen und Zuschauer bzw. in Japan lebende Sportfans in die Arenen und Stadien dürfen und wenn ja, welche Kapazität der Sportstätten genutzt werden wird – diese Entscheidungen sind noch ausständig. Rund 4,5 Millionen Japanerinnen und Japaner sind schon in Besitz eines Tickets. Für den Fackellauf folgte der Appell von Hashimoto an die japanische Bevölkerung, nicht auf die Straßen zu laufen, um dem symbolträchtigen Festakt beizuwohnen.
 

Verlust von 19 Millionen Euro befürchtet

Auch wenn die Entscheidung keine Überraschung darstellte, reagierten einige Nationalen Olympischen Komitees enttäuscht darauf, auch wenn Verständnis dafür dominierte. World-Athletics-Präsident Sebastian Coe hatte noch wenige Tage zuvor seine Hoffnung auf Präsenz ausländischer Fans in Tokio in Medien geäußert: „Ich würde es lieben, Menschen aus aller Welt in den Stadien zu sehen, die das COVID-Protokoll zur Sicherheit aller befolgen.“ Marathon-Weltmeisterin Ruth Chepngetich hat sich vor einigen Wochen aufgrund einer Wettbewerbsverzerrung gegen das Verbot ausländischer Zuschauer ausgesprochen. Das wäre ein Nachteil aller nicht-japanischer Sportlerinnen und Sportler.
Für das Organisationskomitee, das mit Rückenwind der japanischen Politik betonte, am Zeitplan festzuhalten, ist die Entscheidung dennoch ein wirtschaftlich schwerer Schlag. Insbesondere dem Tourismus in Tokio entgeht nun ein Teil des erhofften Profits. Inwiefern japanische Zuschauerinnen und Zuschauer dies abfedern werden, ist noch offen. Hashimoto zeigt sich zuversichtlich, die Stadien zumindest in begrenzter Kapazität zu öffnen. Olympische Spiele gänzlich ohne Zuschauer würden einen Verlust von rund 19 Milliarden Euro für Japan bedeuten, wie eine Studie der Kansai University schätzt.
 

Strikte Regeln für Sportler und Offizielle

Einreisebeschränkungen waren ein wichtiger Pfeiler in der bisher im globalen Vergleich recht positiv bewerteten Gesamtstrategie zur Eindämmung des Virus SARS-Cov-2 Japans. Aktuell ist eine Einreise aus zahlreichen europäischen Ländern nach Japan ohne grobe Einschränkung nicht möglich. Ausländische Spitzensportlerinnen und Spitzensportler dürfen aber für sportliche Wettkämpfe nun wieder reisen, was monatelang nicht möglich war.
Athletinnen und Athleten, deren Betreuer- und Trainingsteams, Offizielle und Medienvertreter dürfen zu den Olympischen Spielen – wenn stattfindend – reisen, müssen sich aber an ein detailliertes Regelbuch halten. Unter anderem ist es ihnen untersagt, sich unter die japanische Bevölkerung zu mischen oder öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen. Vom Einsatz ausländischer Volontäre hat das Organisationskomitee mittlerweile abgesehen.