Ein neuer Star am britischen 800m-Himmel

Keely Hodgkinson 2021 beim Hallenmeeting im Wiener Dusika Stadion – vielleicht ein Meilenstein einer ganz großen Karriere. © ÖLV / Alfred Nevsimal

19 Jahre wurde Keely Hodgkinson am Mittwoch, also unmittelbar vor Beginn der Hallen-EM 2021. Ihre ersten großen internationalen Meisterschaften der Allgemeinen Klasse, an der die talentierte Engländerin, Bronzemedaillengewinnerin der Junioren-EM im Freien 2019, teilnahm. Sie kam nicht als Außenseiterin zum Lernen, zum Erfahrungsammeln. Nein, als kurzzeitige Halterin des Junioren-Weltrekords im Hallenlauf reiste sie als Europas Jahresschnellste nach Torun, als Favoritin auf den großen Coup. 1:59,03 Minuten lautete die Fabelzeit, die sie Ende Jänner beim Indoor Track & Field Vienna auf die Bahn zauberte und die vier Wochen später von der US-Amerikanerin Athing Mu verbessert wurde. Hodgkinson wurde den Hoffnungen, die die britische Leichtathletik in sie setzte, gerecht. Mit einer ungemeinen Souveränität, die nicht an einen Teenager erinnert. Sie lief Bestzeit im gestrigen Halbfinale, sie gewann locker ihren Vorlauf am Freitag. Und nun ist sie Nachfolgerin von Jennifer Meadows (2013) und der abwesenden Titelverteidigerin Shelayna Oskan-Clarke, die beiden letzten britischen 800m-Hallen-Europameisterinnen. In Wahrheit aber steht sie bereits in den großen Fußstapfen der Doppel-Olympiasiegerin von Athen 2004, Kelly Holmes. Und einer Zola Budd, die als letzte Britin einen Junioren-Weltrekord gebrochen hat. So lautet zumindest die Einschätzung der britischen Tageszeitung „The Daily Telegraph“ vom 9. Februar. „Wenn ich auf Keely blicke, dann habe ich das Gefühl, dass sie dem britischen 800m-Rekord von Kelly Holmes sehr nahe kommen kann“, wird Jennifer Meadows, die Hodgkinson gemeinsam mit ihrem Ehemann Trevor Painter trainiert, in diesem Bericht zitiert. „Sie ist noch so jung, aber hat großes Potenzial.“ Und versprach, sie aufgrund ihrer Jugend vor zu großem Druckaufbau Richtung Olympia 2021 zu schützen. Das wird nun umso wichtiger, denn als Hallen-Europameisterin kann die 19-Jährige die Jemma Reekies und Laura Muirs durchaus fordern.
 
 
Der RunAustria-Bericht des 800m-Finallaufs der Männer: Doppelsieg mit Sensation – Landsleute stehlen Ksczot die Show
 
 

Keely Hodgkinson bei ihrem – zur damaligen Zeit – Junioren-Weltrekord in Wien. © ÖLV / Alfred Nevsimal
 

Kein Krimi für die Kriminologin in Ausbildung

„Ich bin im siebtem Himmel. Ich bin 19 und eigentlich noch in der Ausbildung zur Läuferin“, jubelte der junge Champion. „Ich bin einfach relaxed geblieben und habe mich auf meine Aufgabe konzentriert. Ich hatte keinen übergeordneten Plan, sondern war für diverse Szenarien vorbereitet.“ Kein Wunder, denn mentale Stärke könnte einmal Hodgkinsons absolutes Spezialgebiet werden, zumindest wenn man ihren Werdegang außerhalb der sportlichen Karriere beachtet. Sie studiert seit Herbst an der Universität in Leeds Kriminologie und Psychologie. Dabei war der Finallauf von Torun gar kein Krimi. Hodgkinson übernahm bereits nach einer Viertel der Distanz in Führung, führte das Feld in sehr moderaten 1:05,31 Minuten in die zweite Runde, beschleunigte, wurde sukzessive schneller und gab ihre Position nicht mehr her, bis die Zeitmessung bei 2:03,88 Minuten stehen blieb. Mit einer Teilzeit von 58,57 Sekunden für die zweite Rennhälfte und 28,28 Sekunden für die letzte Runde.
 

Zweifache die polnische Flagge bei der Siegerehrung

Wie sich in den Halbfinalläufen am gestrigen Samstagabend ankündigte (siehe RunAustria-Bericht), kamen Hodgkinsons Hauptkontrahentinnen aus dem Gastgeberland. Joanna Jozwick und Angelika Cichocka hielten ihr Versprechen. Jozwick war bei allen acht Zwischenzeiten inklusive Endzeit Zweite, ihre Landsfrau übernahm kurz vor Halbzeit des Rennens die dritte Position. Ihr bekannt schneller Schlussspurt führte Cichocka noch nahe an Jozwick heran, doch sie blieb 0,15 Sekunden hinter ihrer Landsfrau. Jozwick wiederum hatte nur 0,12 Sekunden Rückstand auf Gold, in Wahrheit waren die Verhältnisse aber klarer. „Das waren fantastische Hallen-Europameisterschaften. Ich fühle mich großartig, es ist ein wunderschöner Tag“, freute sich die 30-jährige Jozwick, die 2015 nach der nachträglichen Disqualifikation der Russin Poistogova die Bronzemedaille erbte. Damals war sie eine große Nummer im europäischen Mittelstreckenlauf, gewann EM-Bronze in Zürich, lief bei den Olympischen Spielen von Rio ein sagenhaftes Finale und wurde Fünfte, auch bei der EM 2016 und WM 2017 stand sie jeweils im Finale. 2017 hatte sie außerdem die World Athletics Indoor Tour mit einer eindrucksvollen Dominanz gewonnen, aber auf die Hallen-EM in Belgrad verzichtet. Anschließend folgten magere Jahre, eine Art Durststrecke, ohne an frühere Leistungen anknüpfen zu können. Seit Beginn dieser Wintersaison scheint das Tal durchschritten und die Polin wieder zurück in Europas Spitze.
Auch für Cichocka ist diese Bronzemedaille ein großer Erfolg, auch wenn sie nicht ganz zufrieden war. „Ich war gut vorbereitet, aber ehrlich gesagt: Ich hätte dieses Rennen gewinnen können.“ 2016 war sie Europameisterin im 1.500m-Lauf, ein Jahr davor Hallen-EM-Silbermedaillengewinnerin über die längere Mittelstrecke. Nach einer langen Verletzungspause, die die Jahre 2018 und 2019 beeinträchtigte, widmete sich die 32-Jährige vermehrt den 800 Metern, wo sie 2017 in London WM-Sechste war. Und hat nun auch über die kürzere Mittelstrecke eine erste Medaille auf kontinentalem Niveau – nachdem sie beim letzten Heimspiel unter dem Hallendach, bei der Hallen-WM 2014 in Sopot, Silber über 800m gewonnen hat. Eine noch größere Sensation damals war nur die US-amerikanische Siegerin Chanelle Price.
 

Lore Hoffmann mit großartigem Ergebnis

Wie Hallenrennen über 800m so mit sich bringen, landen 50% der Finalteilnehmerinnen auf dem Stockerl. Auch wenn sie dieses, aus ihrer Sicht, Wunder nicht vollbrachte, konnte die Schweizerin Lore Hoffmann als Fünfte Torun zufrieden verlassen. Drei Rennen an drei Tagen auf diesem Niveau wären eine wichtige Erfahrung für sie für ihren weiteren Karriereweg, sagte sie dem Schweizer Fernsehen in rasantem Französisch. Es ist ihr größter Erfolg bisher und was aus ihrer Sicht bedeutend ist: Mit dem Auftritt in Torun hat die 24-Jährige vorerst mit klarem Signal Selina Rutz-Büchel, immerhin eine zweifache Hallen-Europameisterin, den Nummer eins Rang in der Schweiz deutlich abgelaufen. Außerdem in den Top-Sechs: die Britinnen Ellie Baker, die mit einer beherzten Schlussrunde noch irgendwie eine Hand an Bronze zu bekommen versuchte, und ihre chancenlose Landsfrau und Junioren-Europameisterin Isabelle Boffey.
 
 
Der RunAustria-Bericht des 800m-Finallaufs der Männer: Doppelsieg mit Sensation – Landsleute stehlen Ksczot die Show
 
 

Ergebnis 800m-Finale der Frauen, Hallen-EM 2021 in Torun

Gold: Keely Hodgkinson (Großbritannien) 2:03,88 Minuten
Silber: Joanna Jozwick (Polen) 2:04,00 Minuten
Bronze: Angelika Cichocka (Polen) 2:04,15 Minuten
4. Ellie Baker (Großbritannien) 2:04,40 Minuten
5. Lore Hoffmann (Schweiz) 2:04,84 Minuten
6. Isabelle Boffey (Großbritannien) 2:07.26 Minuten
 
ausgeschieden im Halbfinale u.a. Christina Hering (Deutschland), Tanja Spill (Deutschland) und Selina Rutz-Büchel (Schweiz)
 
 
Hallen-Europameisterschaften 2021 in Torun
European Athletics