Lokalmatadoren mit hoher Erwartungshaltung in die 800m-Finals

© Free Photos / Pixabay

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Wären Zuschauer in der Torun Arena zugelassen, um die Leistungen Europas bester Leichtathletinnen und Leichtathleten zu bejubeln – was diese übrigens mit den bisherigen Leistungen verdient hätten, die 800m-Halbfinalläufe wären ein Stimmungsheber der Vorfreude für die polnischen Fans gewesen. Denn was sich in der Vorschlussrunde ankündigt, sind Medaillenchancen am morgigen Abend. Bei den Männern besteht die Hälfte des sechsköpfigen Halbfinals aus Lokalmatadoren. Das ist angesichts des enorm schwierigen Auswahlverfahrens – nur die besten zwei aus drei Halbfinalläufen konnten ihr Ticket fürs Finale lösen – eine große Leistung.
 
 
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Bosse und Kszczot einträchtig ins Finale

Augenscheinlich tat sich ausgerechnet der dreimalige Hallen-Europameister Adam Kszczot aus dem polnischen Team am schwersten. Im dritten Halbfinallauf offenbarte er etwas Mühe, um in einer Zeit von 1:47,96 Minuten hinter Pierre-Ambroise Bosse, ein Dauerkontrahent und -wegbegleiter, den zweiten Platz zu belegen. Doch der 31-Jährige will keine Zweifel aufkommen lassen: „Ich fühle mich gut und kämpfe morgen um Gold!“ Der Franzose hatte den Lauf von vorne bestimmt und ein moderates Tempo gewählt. Erst in der dritten Runde wurde es schneller, der junge Belgier Elliot Crestan bedrängte Bosse und musste sich Kszczot im Spurt geschlagen geben. Mitfavorit Mark English lag zur Rennhälfte trotz des langsamen Tempos schon so weit hinten, dass er keine Chance mehr auf das Finale morgen um 18:25 Uhr hatte – genauso wenig wie Deutschlands letzter verbliebener 800m-Läufer Christoph Kessler, den Erwartungen entsprechend.
 

Borkowski rehabilitiert

Der spannendste Halbfinallauf war der erste, weil der Spanier Mariano Garcia bereits im Startblock die Zähne fletschte und dann seine Beine in die Hand nahm. Meterweit führte er im Alleingang, als sein Vorsprung in der letzten Runde immer geringer wurde, kam es zu einem engen Finale. Der bekannt endschnelle Amel Tuka, der einen starken Eindruck hinterließ, spurtete in 1:47,55 Minuten zum Sieg, der polnische Meister Patryk Dobek schob ebenfalls noch die Brust vorbei an Garcia, der verbissen die letzten Meter zwischen Kampf und Krampf verbrachte.
Am meisten zittern musste aus polnischer Sicht U23-Europameister Mateusz Borkowski und zwar nicht wegen seiner sportlichen Leistung, sondern vor dem Wettkampfgericht. Das disqualifizierte ihn nach einem schwedischen Protest, weil er bei einem Überholmanöver eine Berührung mit Andreas Kramer provoziert haben soll, und nahm die Entscheidung nach dem Gegenprotest zurück. Es wäre eine überharte Strafe gewesen. So flog Kramer, der es von vorne versuchte, als Dritter raus. Borkowski und der Brite Jamie Webb waren in der Schlussrunde klar schneller. 1:45,79 Minuten lief der 23-jährige Pole, im Halbfinale! Das bringt ihn auf Rang vier der ewigen polnischen Bestenliste hinter Adam Kszczot, Pawel Czapiewski und Marcin Lewandowski. Bei Webb, der nur zwei Zehntelsekunden langsamer war, ist das angesichts seines Niveaus in diesem Winter etwas weniger erstaunlich.
 

Fokus auf Halbfinalsieg

Auch bei den Frauen konnten die Polinnen Joanna Jozwick und Angelika Cichocka überzeugen und sich damit in Position für das morgige Finale (18:13 Uhr) bringen. Beiden war es offensichtlich ein großes Anliegen, die Läufe auch als Siegerin zu beenden. Jozwick spurtete im Finale noch an der Britin Isabelle Boffey, die das Rennen mit einer energischen Beschleunigung zum Glockenton für die letzte Runde heiß gemacht hat, vorbei zum Sieg in einer Zeit von 2:03,15 Minuten. „Mir ist ein taktischer Fehler passiert, daher hat die zweite Hälfte enorm viel Kraft gekostet. Jetzt bin ich müde“, war die 30-Jährige nicht ganz zufrieden. Auch Cichocka überspurtete im Finale noch eine führende Britin, Ellie Baker zu einer Zeit von 2:03,18 Minuten. „Das gibt Selbstvertrauen“, sagte die 32-jährige WM-Sechste von London 2017.
Während die Deutsche Tanja Spill und die Schweizerin Selina Rutz-Büchel im zweiten Halbfinallauf keine Chance hatten, erreichte Lore Hoffmann mit einem starken Auftritt im ersten Halbfinallauf das Finale als Zweite knapp vor der Deutschen Christina Hering, deren Attacke sie im Finale abwehren konnte. Ihre Favoritenstellung im Finale untermauert hat Keely Hodgkinson mit der schnellsten Halbfinalzeit aller (2:03,11 Minuten). Die seit Mittwoch 19-Jährige ist eine von drei Britinnen im Finale. „Es ist eine Ehre, wenn man als Jüngste gleich als Favoritin gesehen wird. Aber in einem Finale kann alles passieren“, sagte sie. Hoffmann ist die einzige Nicht-Britin und Nicht-Polin im sechsköpfigen Finalfeld.
 
 
Hallen-Europameisterschaften 2021 in Torun
European Athletics