Doppeltes Duell Ingebrigtsen gegen Lewandowski

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Sechs Laufentscheidungen stehen am kommenden Wochenende während der sieben Sessions der Hallen-Euroapmeisterschaften in Torun auf dem Programm. Zwar verzichten einige der besten Läuferinnen und Läufer Europas auf eine Teilnahme, dennoch zieren etliche Stars die Startlisten und in einigen Laufdisziplinen lässt eine unheimliche Dichte spannende Wettbewerbe erwarten. Nur bei einer Laufentscheidung gibt es dank Andreas Vojta (team2012) österreichische Beteiligung, nämlich im 3.000m-Lauf (separater Vorbericht folgt am Donnerstag). In den weiteren fünf Laufentscheidungen könnte das Duell Jakob Ingebrigtsen gegen Marcin Lewandowski jenes sein, dass Polens und Europas Lauffans in Atem hält. Aus polnischer Sicht wäre die legitime Nachfolge des Duells zwischen Laura Muir und Konstanze Klosterhalfen vor zwei Jahren in Glasgow, als die Lokalmatadorin die Deutsche sowohl im 1.500m-Lauf als auch im 3.000m-Lauf besiegte, ein wohl traumhaftes Ergebnis.
 
 
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Marcin Lewandowski jubelt über WM-Bronze 2019 in Doha. © Getty Images for IAAF / Alexander Hassenstein
 

Ein Duell mit Tradition

Der Local Hero und das norwegische Supertalent sind Dauerrivalen auf dem europäischen Parkett. 2018 bei den Europameisterschaften in Berlin war der Skandinavier mit seinen zwei Goldmedaillen der große Star, Lewandowski hatte mit Silber über 1.500m das Nachsehen. Bei den Hallen-Europameisterschaften 2019 siegte Ingebrigtsen über 3.000m, Lewandowski sparte sich die Kräfte und knackte den favorisierten Norweger dank einer smarten finalen Phase mit seiner bekannten Endschnelligkeit über 1.500m. Ingebrigtsen musste sich mit Silber zufrieden geben. Noch deftiger war aber die Niederlage für den Norweger in Doha, als Lewandowski bei den Weltmeisterschaften zu Bronze spurtete und Ingebrigtsen als Vierter leer ausging. Dank des Hallen-Europarekords, den der 20-jährige Norweger auf die Laufbahn von Liévin zauberte, ist er der große Favorit im 1.500m-Lauf und als Titelverteidiger auch über die doppelte Distanz (sofern beide das Doppel absolvieren, Anm.). Doch der mit allen Wassern gewaschene Pole, der das Laufen in der Halle liebt und einen Hattrick bei Hallen-Europameisterschaften aufstellen könnte, strotzt nur so vor Selbstvertrauen: „Bei Meisterschaftsrennen bin ich derjenige, vor dem alle anderen Angst haben.“ Die Stärke im Schlussspurt ist das größte Ass im Ärmel des gelernten 800m-Läufers, der wohl trotz eines unlängst markierten Landesrekords nicht die Stärke haben wird, einem Tempodiktat seines Kontrahenten über eine längere Distanz zu folgen. Und das weiß natürlich auch Ingebrigtsen, dessen Bruder Filip in die Rolle des persönlichen Pacemakers schlüpfen könnte, sofern beide das Finale erreichen.
 

Spanisches Duo in Lauerposition

Der 1.500m-Lauf der Männer ist die vielleicht am stärksten besetzte Laufentscheidung der Hallen-EM 2021. Die beiden Spanier Ignacio Fontes und Jesus Gomez zeigten sich in letzter Zeit genauso wie der Tscheche Filip Sasinek in sehr starker Verfassung. Gomez, der sich den spanischen Meistertitel krallte und beim World Athletics Indoor Tour Meeting Lewandowski die Chance auf den Gesamtsieg klaute, indem er einen bemerkenswerten Lauf auf Rang zwei hinter dem Äthiopier Selemon Barega beendete, und Sasinek gewannen bei den letzten beiden Auflagen dieser Meisterschaften jeweils eine Bronzemedaille – Gomez 2019, Sasinek, der in Glasgow Vierter wurde, 2017. Fontes ist der amtierende U23-Europameister, dennoch ist sein Landsmann wohl der einzige im Feld, der sich realistischerweise in das Duell Ingebrigtsen gegen Lewandowski einmischen kann.
Mit dem Franzosen Simon Denissel ist ein weiterer ehemaliger Bronzemedaillengewinner am Start (2013). Dahinter postiert sich eine Gruppe von Läufern, die in diesem Winter individuell große Fortschritte gemacht haben, und daher Anwärter für Spitzenplätze sind: der Brite Neil Gourley, der Ungar Istvan Szögi, der in Wien einen Landesrekord lief und auch in Ostrava ein Hallen-Meeting gewann, als er u.a. Sasinek hinter sich ließ, der Ire Andrew Coscoran und der Luxemburger Charles Grethen, der zuletzt mehrfach seinen Landesrekord steigerte. Berechtigte Hoffnungen auf eine Finalteilnahme hegen auch die Deutschen Marius Probst, vor zwei Jahren Sechster, und Homiyu Tesfaye, der sich nach einen Marathon-Intermezzo wieder auf die Mittelstrecke konzentriert. Der dritte Startplatz geht an Karl Bebendorf, Marvin Heinrich sitzt auf der Reservebank.
 

Kszczot hofft auf vierten Titel

Eine spannende und gutklassige Entscheidung lässt auch der 800m-Lauf der Männer erwarten. Nicht nur aus polnischer Sicht, da sich die zweite Laufgoldhoffnung der Gastgeber in Position bringt. Adam Kszczot hat bereits dreimal Hallen-EM-Gold gewonnen, das ist in dieser Disziplin in 35 Auflagen sonst niemanden gelungen. Kszczot präsentierte sich in diesem Winter nicht in der besten Form seines Lebens, aber deutlich verbessert zu einem verbrauchten Wettkampfjahr 2020. Aufgrund der Reihe seiner Topleistungen bei internationalen Meisterschaften gehört er zum Kandidatenkreis auf Gold, die Favoritenrolle liegt aber auf den Schulter anderer. Allen voran auf Jamie Webb, der von der kurzfristigen Abwesenheit seines Landsmanns und neuen britischen Hallenrekordhalter Elloit Giles profitiert. Der 26-Jährige, vor zwei Jahren Silbermedaillengewinner, siegte in den vergangenen Wochen bei Hallenmeetings in Wien und Ostrava und belegte die Ränge zwei bei den Meetings in New York (hinter Weltmeister Brazier) und Torun (hinter Giles).
 

Enorme Dichte macht Halbfinale zur Riesenaufgabe

Aufgrund des dichten Programms (Vorläufe, Halbfinalläufe und Finallauf) und der Tatsache, dass nur sechs Läufer das Finale bestreiten, ist es bereits eine große Leistung, dorthin zu kommen und die Gefahr negativer Überraschungen in den Halbfinalläufen ist groß. Ein starkes Aufgebot schicken die Spanier mit dem nicht in Topform befindlichen Titelverteidiger Alvaro de Arriba, dem WM-Sechsten von Doha, Adrian Ben und Madrid-Sieger Mariano Garcia ins Rennen. Bei den letzten neun Hallen-EM-Rennen über 800m landete achtmal mindestens ein Spanier auf dem Stockerl. Das französische Duo Pierre-Ambroise Bosse und Benjamin Robert gehören wie Amel Tuka zum Medaillenkreis – weder Weltmeister Bosse noch der zweifache WM-Medaillengewinner Tuka haben bisher bei Hallen-Europameisterschaften reüssieren können. Andreas Kramer hält die schwedischen Hoffnungen hoch, U23-Europameister Mateusz Borkowski und der polnische Meister Patryk Dobek flankieren Kszczot, Djoao Lobles und Thijmen Kupers, Bronzemedaillengewinner von 2015, bilden ein starkes niederländisches Duo, der zweifache Hallen-EM-Medaillengewinner Mark English und sein talentierter, 18 Jahre alter irischer Landsmann Cian McPhillips zielen auf eine irische Finalteilnahme ab, der Ungar Balazs Vindics ist seit Sommer in chronischer Topform, die Tschechen Lukas Hodbod und Filip Snejdr sowie der Belgier Eliott Crestan liefen zuletzt auch stark und Marc Reuther, Christoph Kessler und der deutsche Überraschungsmeister Oskar Schwarzer sind für Deutschland im Einsatz. Für das DLV-Trio wird es eine schwierige Aufgabe, ins Finale zu kommen. Denn wie skizziert – die Bewerber sind zahlreich und das Gedränge in den Halbfinalläufen wird enorm sein.
 

Jugend drängt aufs Erwachsenen-Stockerl

Viel Spannung verspricht auch die 800m-Entscheidung der Frauen, in der sowohl der DLV als auch Swiss Athletics das volle Kontingent aufbieten. Die Schweiz stellt mit Selina Rutz-Büchel eine zweifache Hallen-Europameisterin, doch die 29-Jährige muss zuletzt um die nationale Vorherrschaft fürchten, denn Lore Hoffmann ist sein Sommer 2020 in bestechender Form und auch amtierende Schweizer Hallenmeisterin vor Büchel. Beide gehören zum Kreis jener, denen eine Finalteilnahme zuzutrauen ist. Die dritte Schweizerin, Délia Sclabas, hatte zuletzt Schwierigkeiten an ihre besten Zeiten heranzukommen. Der DLV schickt Christina Hering, die bei den deutschen Meisterschaften mit Zitronen handelte, Katharina Trost und Tanja Spill, letztere trotz knapp verpasstem Limits, ins Rennen. Eine Finalteilnahme für das DLV-Trio wird schwer, eine Halbfinalteilnahme sollte aber eine realistische Zielsetzung sein.
In Torun ist das komplette Podest der Junioren-EM 2019 am Start. Neben Sclabas sind das die damalige Europameisterin Isabelle Boffey und Keely Hodgkinson aus Großbritannien. Die beiden Britinnen, insbesondere die Kurzzeit-Junioren-Hallen-Weltrekordhalterin Hodgkinson, drängen bei der Hallen-EM der Allgemeinen Klasse in die Favoritenrolle. Im Kampf um die Medaillen wollen auch die Lokalmatadorinnen Joanna Jozwick, nachträglich Dritte 2015, und Angelika Cichocka, sowie die Schwedin Lovisa Lindh, 2017 Vierte, die Belgierin Renée Eykens und die zuletzt starke Norwegerin Hedda Hynne ein gewichtiges Wörtchen mitsprechen. Ein starkes Trio schickt Irland ins Rennen, insbesondere Siofra Cleirigh-Büttner und Nadia Power absolvierten eine beachtliche Hallensaison – erstere in Amerika, zweitere in Europa. Titelverteidigerin Shelayna Oskan-Clarke fehlt, dennoch ist mit Hodgkinson eine Britin die mit deutlichem Abstand Führende in der Meldeliste gereiht nach Saisonbestleistungen. Die große Herausforderung für die seit heute 19-Jährige: Gerade bei Hallen-Europameisterschaften ist Erfahrung ein sehr hilfreicher Bestandteil von Erfolg.
 

Ein offenes Feld bietet große Chancen

In Abwesenheit der europäischen Topstars Sifan Hassan, Laura Muir, Jemma Reekie oder Konstanze Klosterhalfen ist die Entscheidung über 1.500m die von der Prominenz der Besetzung vielleicht unspektakulärste auf den Laufdistanzen. Das öffnet viele Chancen in einem offenen Feld, auch das von Hannah Klein angeführte deutsche Trio mit Hindernislauf-Star Gesa Krause und Caterina Granz darf auf eine oder mehrere Spitzenplatzierungen hoffen inklusive realistische Medaillenchance. Krause, die bei den deutschen Meisterschaften Gold gewann, äußerte sich nach der besten Hallensaison ihrer Karriere zuletzt sehr optimistisch. Ob ihrer Erfahrung zählen die Spanierin Esther Guerrero und die Schwedin Meraf Bahta (falls am Start), Vierte 2017, zu den Favoritinnen. Auch die Portugiesin Marta Pen Freitas und die Belgierin Elise Vanderelst gehören auf diese Liste. Polens größte Hoffnung, Sofia Ennaoui, 2017 und 2019 auf dem Stockerl, fehlt ebenso wie Landsfau Cichocka, die 2015 Silber gewann. Sie konzentriert sich auf die 800m. Da die Irin Ciara Mageean, Bronzemedaillengewinnerin vor zwei Jahren, kurzfristig aus gesundheitlichen Gründen absagen musste, ist in keiner der drei Laufentscheidungen der Frauen eine Medaillengewinnerin von Glasgow 2019 am Start.
 

Hindernisläuferinnen spekulieren auf Medaillen im Flachen

Auch im 3.000m-Lauf der Frauen fehlen die großen Namen des europäischen Laufsports. Die Chance für Läuferinnen, die oft im Schatten stehen, auf das große Rampenlicht ist genauso groß wie im 1.500m-Lauf. Das gilt insbesondere für die Holländerin Maureen Koster, bei den letzten drei Ausgaben von Hallen-Europameisterschaften Dritte, Vierte und Sechste, die Französin Alice Finot, die Slowenin Marusa Mismas-Zrimsek, eigentlich im 3.000m-Hindernislauf zu Hause, aber seit Sommer 2020 auf diversen Distanzen ausgesprochen stark, und das schwedische Duo Meraf Bahta und Samrawit Mengsteab. Mit der Ungarin Viktoria Wagner-Gyürkes und der Britin Rosie Clarke haben zwei weitere Hindernisläuferinnen gute Vorleistungen über 3.000m. Aus Deutschland sind Elena Burkard, ebenfalls 3.000m-Hindernislauf-Spezialistin, und Lea Meyer am Start.
 

Das Programm der Laufentscheidungen bei der Hallen-EM 2021

Donnerstag, 4. März um 19:30 Uhr – 3.000m-Lauf der Frauen, Vorläufe
Donnerstag, 4. März um 20:20 Uhr – 1.500m-Lauf der Männer, Vorläufe
Freitag, 5. März um 11:50 Uhr – 1.500m-Lauf der Frauen, Vorläufe
Freitag, 5. März um 12:30 Uhr – 800m-Lauf der Frauen, Vorläufe
Freitag, 5. März um 20:05 Uhr – 800m-Lauf der Männer, Vorläufe
Freitag, 5. März um 21:00 Uhr – 3.000m-Lauf der Frauen, Finale
Freitag, 5. März um 21:35 Uhr – 1.500m-Lauf der Männer, Finale
Samstag, 6. März um 11:00 Uhr – 3.000m-Lauf der Männer, Vorläufe (mit Andreas Vojta)
Samstag, 6. März um 19:00 Uhr – 800m-Lauf der Frauen, Halbfinalläufe
Samstag, 6. März um 19:25 Uhr – 800m-Lauf der Männer, Halbfinalläufe
Samstag, 6. März um 19:50 Uhr – 1.500m-Lauf der Frauen, Finale
Sonntag, 7. März um 17:52 Uhr – 3.000m-Lauf der Männer, Finale (ggf. mit Andreas Vojta)
Sonntag, 7. März um 18:13 Uhr – 800m-Lauf der Frauen, Finale
Sonntag, 7. März um 18:25 Uhr – 800m-Lauf der Männer, Finale
 
 
Die RunAustria-Vorschau auf den 3.000m-Lauf mit Andreas Vojta: „Voller Fokus auf den Vorlauf“
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Hallen-Europameisterschaften 2021 in Torun
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