Hallen-EM: Torun lädt zum Winter-Höhepunkt

© ÖLV / Jean-Pierre Durand

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Zum zweiten Mal nach 1975 (Kattowice) finden am kommenden Wochenende Hallen-Europameisterschaften in Polen statt. Die 2014 eröffnete Multifunktionshalle „Torun Arena“ in der gleichnamigen, 200.000 Einwohner verzeichnenden, im Norden des Landes liegenden Stadt ist von Donnerstag bis Sonntag Bühne für die besten Leichtathletinnen und Leichtathleten des Kontinenten. Nach der neuerlichen Absage der ursprünglich bereits 2020 eingeplanten Hallen-WM in Nanjing ist es der Hallen-Höhepunkt dieses Winters für Europas Leichtathletik. 733 Sportler aus 47 Nationen haben für die 36. Austragung der Titelkämpfe unter dem Hallendach gemeldet und sorgen damit zwar nicht bezüglich der Anzahl der Nationalitäten, aber der Anzahl der Athleten für einen neuen Veranstaltungsrekord. Die bisherigen, teils fantastischen Leistungen im Laufe dieser Hallensaison lassen ein sportliches Spektakel erwarten.
 
 
Die RunAustria-Vorschau auf den 3.000m-Lauf mit Andreas Vojta: „Voller Fokus auf den Vorlauf“
Die RunAustria-Vorschau auf weiteren Laufbewerbe: Doppeltes Duell Ingebrigtsen gegen Lewandowski
 
 

Die Heimatstadt von Nikolaus Kopernikus

Torun liegt auf Rang 16 der polnischen Städte gereiht nach Einwohnerzahlen. Das polnische Leichtathletik-Zentrum Bydgoszcz, bereits mehrfach Gastgeber kontinentaler und globaler Titelkämpfe, oftmals für den Nachwuchs, liegt um die Ecke – gerade einmal 40 Kilometer von Torun entfernt. Die Agglomeration rund um Danzig, zu der auch der Austragungsort der Hallen-WM 2014, Sopot sowie der Austragungsort der Halbmarathon-WM 2019, Gdynia gehören, ist gerade einmal rund 150 Kilometer in nördlicher Richtung entfernt. Torun liegt also an einer leichtathletischen Hauptschlagader Europas und richtet selbst seit Jahren eines der wichtigsten Hallenmeetings des Kontinenten aus.
Der Veranstalter ließ in den letzten Monaten wenig Gelegenheit aus, zu betonen, dass Torun nicht nur eine Sport-, sondern auch eine Kulturstadt ist. Das gotisch geprägte Stadtbild im Zentrum gehört zum Weltkulturerbe der UNESCO. Eine Fotoausstellung mit den wichtigsten Sportmomenten in der Torun Arena zieht sich durch die Altstadt. Hier wurde im fernen Jahr 1473, als Torun zu Preußen gehörte, Thorn hieß und eine mittelalterliche Stadt in der Größe eines Dörfchen war, einer der berühmtesten Polen geboren: der Astronom und Arzt Nikolaus Kopernikus, dessen heliozentrisches Weltbild eine Revolution in der Weltanschauung und im Verständnis unseres Sonnensystems auslöste. Die Stadt liegt an der Weichsel, Polens größtem Fluss, der im gleichnamigen Ort Wisla, ein Wintersportort und Geburtsort des polnischen Sporthelden Adam Malysz, entspringt und sich seinen Weg quer durch Polen Richtung Ostsee bahnt.
 

Marcin Lewandowski: Starbotschafter, Hoffnung der Fans und Rekordjäger

Polen hat sich in den letzten Jahren zu einer der stärksten Leichtathletik-Nationen in Europa entwickelt. Bei den letzten beiden Hallen-Europameisterschaften bescherten die Topstars der Leichtathletik-Nation dem polnischen Leichtathletik-Verband (PLZA) jeweils den Sieg im Medaillenspiegel. Der Wunsch nach dem Hattrick ist in der sportbegeisterten Nation spürbar. Einer der großen Stars der polnischen Leichtathletik und gleichzeitig Gold-Hoffnung fürs Wochenende ist Marcin Lewandowski, einer der Botschafter des Großevents. „Ich bin unglaublich stolz darauf“, sagte der 33-Jährige nach der Ernennung. „Die Hallen-EM 2021 wird eines meiner wichtigsten Events im Jahr 2021.“ Und um dieser Aussage vor dem zu erwartenden Duell mit Europas Nachwuchsstar Jakob Ingebrigtsen, der sich für einen Start bei der Hallen-EM ausgesprochen hat, weitere Dramatik zu verleihen, kündigte Lewandowski auch gleich an, dass diese Heim-EM die letzte Hallen-EM seiner Karriere sein wird. Sieben Jahre nach der missglückten Heim-WM unter dem Hallendach in Sopot, als er stark lief, seine Medaille im 800m-Lauf aber wegen einer Disqualifikation verlor.
Lewandowski, der in der Torun Arena vor zwei Wochen beim World Athletics Indoor Tour Meeting einen polnischen Hallenrekord im 1.500m-Lauf aufgestellt hat, hat für den 1.500m- und 3.000m-Lauf genannt. Ein Doppel, das sich aufgrund des umsichtigen Zeitplans des Veranstalters tatsächlich realisieren lässt – mit etwas Terminstress und viel Anstrengung. Lewandowski befindet sich in der Rolle des Rekordjägers. Nach seinen Titeln 2015 (800m), 2017 und 2019 (jeweils 1.500m) peilt er den vierten Hallen-EM-Titel in Serie an. Eine Serie, die nur Weitspringerin Ivana Spanovic egalisieren hätte können, hätte sie nicht kurzfristig wegen einer Oberschenkel-Verletzung abgesagt. Und: Gewinnt er die längere Distanz, wäre er der erste Läufer der Geschichte, der bei Hallen-Europameisterschaften eine Goldmedaille in allen Laufdisziplinen gewonnen hätte. Trotz der Präsenz von Ingebrigtsen ist Lewandowski Polens wohl größte Goldhoffnung im Laufsektor. Seinen Weggefährten Adam Kszczot, bereits dreimal Hallen-Europameister über 800m, abzuschreiben, könnte allerdings ein fataler Schritt sein. Auch wenn der 31-Jährige nicht in der überragenden Favoritenrolle scheint und zuletzt bei den polnischen Meisterschaften eine Niederlage einstecken musste, näherte er sich zuletzt in sachten Schritten seiner Topform. Er ist seit Jahren ein Meister der Hallenrennen.
 
 

Das Programm der Laufentscheidungen bei der Hallen-EM 2021

Donnerstag, 4. März um 19:30 Uhr – 3.000m-Lauf der Frauen, Vorläufe
Donnerstag, 4. März um 20:20 Uhr – 1.500m-Lauf der Männer, Vorläufe
Freitag, 5. März um 11:50 Uhr – 1.500m-Lauf der Frauen, Vorläufe
Freitag, 5. März um 12:30 Uhr – 800m-Lauf der Frauen, Vorläufe
Freitag, 5. März um 20:05 Uhr – 800m-Lauf der Männer, Vorläufe
Freitag, 5. März um 21:00 Uhr – 3.000m-Lauf der Frauen, Finale
Freitag, 5. März um 21:35 Uhr – 1.500m-Lauf der Männer, Finale
Samstag, 6. März um 11:00 Uhr – 3.000m-Lauf der Männer, Vorläufe (mit Andreas Vojta)
Samstag, 6. März um 19:00 Uhr – 800m-Lauf der Frauen, Halbfinalläufe
Samstag, 6. März um 19:25 Uhr – 800m-Lauf der Männer, Halbfinalläufe
Samstag, 6. März um 19:50 Uhr – 1.500m-Lauf der Frauen, Finale
Sonntag, 7. März um 17:52 Uhr – 3.000m-Lauf der Männer, Finale (ggf. mit Andreas Vojta)
Sonntag, 7. März um 18:13 Uhr – 800m-Lauf der Frauen, Finale
Sonntag, 7. März um 18:25 Uhr – 800m-Lauf der Männer, Finale
 
 

Die Hallen-EM in der Pandemie

Natürlich stehen auch die Hallen-Europameisterschaften 2021 unter dem starken Eindruck der Pandemie. Lange Zeit hielt der Veranstalter die Hoffnung hoch, Zuschauer zulassen zu können. Ein Gedanke, von dem er sich verabschieden musste. Ausgerechnet das sportbegeisterte polnische Publikum kann dem Höhepunkt der diesjährigen Hallensaison nicht den würdigen atmosphärischen Rahmen verleihen. Der Veranstalter schnürte zwei virtuelle eFan-Packages. Für 13 Euro durften die Fans ein Foto von sich schicken, welches auf einen Avatar geklebt wird. Für 22 Euro durften sie zusätzlich eine maximal siebensekündige Videobotschaft senden und erhielten eine bessere Platzierung des Avatars auf den Tribünen. Es werden gewöhnungsbedürftige, aber kaum gewöhnungswürdige Szenerien, die bereits aus anderen Sportarten bekannt sind.
Alle teilnehmenden Sportlerinnen und Sportler sowie ihre Begleitpersonen müssen sich den im Spitzensport nun bereits standardisierten Sicherheitsmaßnahmen unterwerfen. Dazu zählen eine Testpflicht vor und nach der Anreise, Abstands- und Mund-Nasen-Bedeckungspflicht. Auch die 120 zugelassen Sportjournalistinnen und -journalisten müssen vor der Abreise nach Polen einen negativen PCR-Test absolvieren und werden nach der Ankunft in der Arena ein zweites Mal getestet. Bei positivem Ergebnis droht eine zehntätige Quarantäne fern der Heimat, dieses Risiko gehen auch Athleten ein. Während des Aufenthalts in Polen bewegen sich Medienvertreter wie Sportler und Funktionäre in einer Blase, Kontakt nach außen ist untersagt. Zusätzlich zu strikter Maskenpflicht und täglichem Fiebermessen bei Betreten der Anlage sind singuläre Interviews mit den Sportlern nur durch eine Trennwand aus Plexiglas vorgesehen.
 

Andreas Vojta einziger österreichischer Läufer

Der Österreichische Leichtathletik-Verband (ÖLV) ist mit sieben Sportlerinnen und Sportlern in Torun vertreten. Einziger im Laufbereich ist Andreas Vojta (team2012.at), dessen gute Form im Wettkampfjahr 2020 und guter Start ins neue Jahr die Erwartungen auf ein gutes Abschneiden im 3.000m-Lauf steigen lässt. Angesichts der Leistungsdichte rund um 7:45 bis 7:50 Minuten ist ein enges Gerangel um die Finalplätze erwartbar.
Deutschland ist mit 50 Athleten, die Schweiz mit dem Rekordaufgebot von 24 Aktiven vertreten. Mit Ausnahme von Großbritannien (u.a. sind Laura Muir, Jemma Reekie, Jake Wightman und Elloit Giles nicht gemeldet) haben die großen Nationen den Großteil ihrer Topläuferinnen und -läufer für die Hallen-EM 2021 nominiert, nachdem das angedachte Doppel mit der Hallen-WM in Nanjing nicht zustande gekommen ist. Nicht am Start sind Leichtathleten aus Russland und zwar auch nicht mit neutralem Status. Aufgrund der Suspendierung der russischen Sportnation vom internationalen Sport hängt zurzeit auch diese Möglichkeit in der Schwebe, der Leichtathletik-Weltverband (World Athletics) will sich in Kürze über das weitere Verfahren mit unbelasteten russischen Sportlern äußern.
 
 
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Hallen-Europameisterschaften 2021 in Torun
Europäischer Leichtathletik-Verband