Rückendeckung für die Olympischen Spiele

© Public Domain Pictures / Pixabay

© Public Domain Pictures / Pixabay
Gestern in fünf Monaten sollen die Olympischen Sommerspiele von Tokio eröffnet werden, morgen in einem Monat der Olympische Fackellauf. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) und der lokale Veranstalter hatten für Februar eine offizielle Wasserstandsmeldung in der Frage der Strategie der Vorbereitung versprochen und spielen offensichtlich auf Zeit. Unterdessen hat sich der Sport geschlossen auf die Pro-Seite gestellt. Die Vereinigung der Olympischen Sommersportarten (ASOIF) sprach sich einheitlich und einstimmig für die Durchführung der Olympischen Spiele im Sommer aus. „Aktuell sind wir sehr positiver Stimmung, dass die Spiele stattfinden“, erklärte Francesco Ricci, Präsident der ASOIF, die 33 internationale Verbände umfasst, in einem Interview mit der US-amerikanischen Nachrichtenagentur AP. „Es werden andere Spiele. Aber wir Verbände sind offen, diese Veränderungen zu akzeptieren und wir werden selbst untersuchen, welche Maßnahmen pro Sportart sinnvoll sind, vorzubereiten.“ Negative Spekulationen um eine neuerliche Verschiebung oder Absage, die im Gastgeberland aufgrund der globalen Pandemiesituation nach wie vor sehr präsent sind, will Ricci bei Seite schieben. „Wir wollen diese Spiele unbedingt!“ Auch aus finanziellen Gründen, laut Ricci würde ungefähr die Hälfte der Olympischen Sommersportarten mit ernsthaften finanziellen Problemen im Falle einer Olympia-Absage kämpfen. Andrew Ryan, Geschäftsführer der ASOIF verneinte in einem Interview mit der britischen Nachrichtenagentur REUTERS allerdings die Befürchtung, dass einer der großen Sportverbände im Falle einer Olympia-Absage in Existenzschwierigkeiten käme, auch wenn alle Verbände bis auf Fußball mindestens 30% ihres Umsatzes aus den vierjährlichen Olympischen Spielen ziehen. Daher wäre eine Absage eine „Katastrophe!“
 

Die Hoffnung

Unterdessen werden die japanischen Verantwortlichen trotz des heftigen Gegenwinds aus der Bevölkerung nicht müde, zu betonen, dass man sichere Spiele vorbereite und diese durchführen will. Dies bekräftigte Japans Premierminister Yoshihide Suga in der Telefonkonferenz des Weltwirtschaftsforums mit aller Entschlossenheit. Und er erhält prominente politische Unterstützung: Die Vereinigung der G7 sprach dem japanischen Regierungschef uneingeschränkte Rückendeckung aus. Die japanische Olympiaministerin Seiko Hashimoto, selbst siebenfache Olympia-Teilnehmerin als Bahnradfahrerin und Eisschnellläuferin (Bronzemedaille 1992), sagte vor einigen Wochen: „Die Olympischen Spiele von Tokio zum Erfolg zu machen wird demonstrieren, dass die Welt vereint ist.“ Es würde die Lösungorientiertheit und das Verfolgen von Hoffnungen und Träumen Japans als Botschaft in die Welt versenden. Damit surft sie auf einer Wellenlänge mit IOC-Präsident Thomas Bach, der unlängst sagte: „Wir verschwenden keine Energie an Spekulationen, ob die Olympischen Spiele stattfinden oder nicht. Wir arbeiten daran, wie sie stattfinden.“
 

Die Spielregeln

In Japan ist die Stimmung aktuell auch deshalb so negativ, weil der Ausnahmezustand über die Metropolregion Tokio genauso wie über die zweitgrößte Metropolregion des Landes um Osaka bis Anfang März verlängert wurde. Damit wolle die japanische Politik Entschlossenheit im Kampf gegen die Pandemie zeigen, die Verzögerung des Starts der Impfkampagne kostet weiterhin Zeit. Laut einer neuen Umfrage unter rund 11.000 japanischen Unternehmen sprach sich die Mehrheit (56%) für eine Verschiebung oder Absage der Spiele aus.
Das Internationale Olympische Komitee hat Mitte Februar mit der Veröffentlichung der Spielregeln für Olympioniken einen wenig erfolgreichen Kommunikationsbeitrag geliefert. Die Sozialkontakte der Athleten solle während des Aufenthalts in Japan minimalisiert werden, der Bewegungsradius marginalisiert, auf Handshakes und Umarmungen werde generell verzichtet. Weitere Leitlinien für Sicherheit, die nach einem Jahr Pandemie nun wirklich keine Überraschung brachten, finden sich in einem insgesamt 33 Seiten umfassenden Dokument, darunter eine Testpflicht von mindestens alle vier Tage und der Ausschluss im Falle eines positiven Ergebnisses. Warum das IOC laut der französischen Nachrichtenagentur (AFP) trotzdem wie üblich rund 150.000 Kondome in die Athleten-Packages verteilen will, ist angesichts einer Kontaktminimierung hinterfragenswert. Zwei weitere Updates dieses „Playbooks“ sollen folgen.
 

Der Rücktritt

Dass zurzeit wenig Konkretes aus Japan kommt, hat auch mit einem Skandal im Organisationskomitee zu tun. OK-Chef Yoshiro Mori, ein ehemaliger Regierungschef, hatte sich über die Kommunikationsweise von Frauen in Entscheidungsgremien abfällig geäußert, eine postwendende Entschuldigung verhinderte seinen Rücktritt nicht. Was hierzulande möglicherweise als entschuldbarer sexistischer Fehltritt nach den gängigen Tut-mir-leid-Worten verziehen worden wäre, ist in Japan verpönter. Ungünstig ist in diesem Zusammenhang, dass das fernöstliche Land laut eines Berichts beim Weltwirtschaftsforums 2020 bezüglich der Geschlechtergleichheit das mit Abstand schlechtestgereihte, Erste-Welt-Land ist. Die Nachfolge trat nicht der von den Medien gehandelte Saburo Kabawuchi, Gründer der japanischen Fußballliga, sondern die ehemalige Olympiaministerin Hashimoto an, praktischerweise Parteikollegin von Ministerpräsident Suga. Dafür trat Hashimoto von ihrem Ministeramt zurück, Tamayo Marukawa heißt ihr Nachfolger. „Meine Mission ist die Durchführung der Olympischen Spiele mit maximaler Priorität auf die sichere Durchführung für teilnehmende Sportler und die japanische Bevölkerung. Wir werden eine Atmosphäre kreieren, in der Träume ohne Sorgen möglich sind“, sagte die 56-Jährige. IOC-Präsident Thomas Bach erkannte in der Ernennung einer Frau als OK-Chefin ein „sehr wichtiges Signal für Gendergerechtigkeit“, eines der wichtigsten Themen der Olympischen Agenda und des laufenden Reformprogramms des IOC.
 

Die Impffrage

Der internationale Sport scheint sich derweil wenig Sorgen zu machen, dass die Olympischen Spiele nicht stattfinden könnten. Der australische IOC-Vize-Präsident widmete sich in Medienberichten lieber der Zuschauerfrage, die im April oder Mai auf Basis einer Entscheidung der japanischen Regierung geklärt werden soll. Ihm wäre es am liebsten, so spät wie möglich. Vielleicht auch deshalb, weil Schätzungen besagen, dass ein Zuschauerverbot bei den Olympischen und Paralympischen Spielen einen wirtschaftlichen Verlust von knapp 20 Milliarden Euro bedeuten würde, nur ein Bruchteil davon fällt direkt auf den Ticketverkauf. Und nationale Olympischen Komitees widmen sich immer stärker der Impffrage. Das IOC und Japan wollen auf eine Impflicht für Sportlerinnen und Sportler verzichten. Laut einer Umfrage des Deutschen Olympischen Sportbundes (DSOB) unter deutschen Athleten wollen 72% der Befragten keine Priorisierung im nationalen Impfprozess, womit DOSB-Präsident Alfons Hörmann die hohe soziale Verantwortung des deutschen Sports bestätigt sieht. Davor hatten bereits die nationalen Olympischen Komitees aus Kanada, Großbritannien und Italien verlautbart, Olympioniken nicht vorzureihen. Anders denken dagegen die nationalen Olympischen Komitees in Ungarn, Serbien, Südkorea, Israel, Indien oder Australien.
Dass der auf Zeit spielt, könnte im Sinne der oft proklamierten, engen Zusammenarbeit mit der Weltgesundheitsorganisation übrigens auch Sinn machen. Schließlich zeigt sich selbst die WHO überrascht, wie rasant das globale Infektionsgeschehen in den letzten Wochen zurückgegangen ist. Dagegen spricht, dass die Impfkampagnen hinter ihren Planungen her laufen und dass unlängst der OK-Chef der Olympischen Spiele 2024 in Paris, Tony Estanguet in einem REUTERS-Interview verraten hat, dass man ein detailliertes COVID-19-Konzept für die Spiele in drei Jahren erstellt.