Giles pulverisiert Coes britischen Rekord

Der Brite Elliot Giles verbesserte beim World Athletics Indoor Tour Meeting in Torun den 38 Jahre alten britischen Hallenrekord von Sebastian Coe über 800m. In vier hochklassigen Laufentscheidungen bei der Generalprobe zur Hallen-EM 2021 fielen mehrere nationale Bestleistungen.

© Veranstalter des Copernicus Cup in Torun / Facebook

 

  • Zweitschnellste 800m-Zeit in der Halle für Giles bei EM-Generalprobe in Torun
  • Lewandowski trotz polnischem Rekord deutlich hinter Barega
  • Äthiopische Siege mit Topzeiten bei den Frauen

 

© Veranstalter des Copernicus Cup in Torun / Facebook / Paweł Skraba
Am 12. März 1983 hat der jetzige World-Athletics-Präsident Sebastian Coe in einer Zeit von 1:44,91 Minuten den britischen Hallenrekord im 800m-Lauf aufgestellt, der satte 38 Jahre unangetastet blieb. Bis gestern als Elliot Giles bei der fünften Station der diesjährigen World Athletics Indoor Tour Gold eine Sternstunde entfachte. Er pulverisierte Coes nationale Bestmarke um 1,28 Sekunden und stellte sie auf eine Zeit von 1:43,63 Minuten. Was auch im Freien eine absolute Superzeit wäre – Giles ist selbst nie schneller gelaufen, ist unter dem Hallendach, wo über 800 Meter doppelt so viele Kurven, und das doppelt so enge, gelaufen werden müssen, eine historische. Nur ein Läufer war jemals schneller: Wilson Kipketer bei seinem unvergessenen Auftritt bei den Hallen-Weltmeisterschaften 1997 in Paris, als der für Dänemark startende Kenianer erst im Vorlauf einen neuen Hallen-Weltrekord aufstellte, den er zwei Tage später im Finale noch einmal deutlich auf den weiterhin gültigen Weltrekord von 1:42,67 Minuten steigerte.
 

Krönung der Saison

Der Engländer, dessen größter Erfolg es bisher war, bei den Europameisterschaften 2016 in Amsterdam eine Bronzemedaille zu gewinnen, war von der Zeit überwältigt. Ganz überraschend kam es freilich nicht, dass Giles den britischen Rekord verbesserte. Obwohl er seine Indoor-Bestleistung um fast zwei, seine Outdoor-Bestleistung um fast eine Sekunde steigerte. Der 26-Jährige zeigte sich in diesem Winter von Beginn an in Topform: Die Siege über 800m in Karlsruhe und Liévin wurden ergänzt von zwei starken Auftritten über 1.500m in Metz und Val-de-Reuil. Der Lauf bei der EM-Generalprobe in Torun war jedoch die bisherige Krönung: unter 24 Sekunden für die erste Runde, 50,14 Minuten als Durchgangszeit zur Hälfte, 1:17,28 zum Eingang der letzten Runde. Der Engländer lief das gesamte Rennen von vorne, unbeeindruckt von allen anderen Kontrahenten und in perfekter Manier. Wer so stark ist, kann das locker machen. Und mit Erfolg umsetzen.
Mit dieser Galavorstellung stellte Giles das restliche Feld in den Schatten. Dabei profitierten viele von seinem Renntempo. Jamie Webb, Sieger des Indoor Track & Field Vienna, blieb ebenso unter Coes altem britischen Rekord und wurde in 1:44,54 Minuten Zweiter. Der drittplatzierte Andreas Kramer verbesserte den 29 Jahre alten schwedischen Landesrekord von Martin Enholm um fast eine Sekunde auf eine Zeit von 1:45,09 Minuten. Lokalmatador Adam Kszczot, der sich sichtlich bemühte, gelang der schnellste 800er in der Halle seit sieben Jahren und der schnellste insgesamt seit eineinhalb Jahren. Weswegen er sich nach dem Rennen rundum zufrieden gab: „Ich bin sehr zufrieden mit meinen Trainingsleistungen der letzten Monate. Ich ernte nun die Früchte davon und glaube, dass ich noch schneller laufen kann.“ Dennoch sind die Vorzeichen für ihn etwas ungünstig: Erstmals seit einer Ewigkeit wird Kszczot nicht als Favorit in die kontinentalen Titelkämpfe gehen. Ausgerechnet vor heimischem Publikum, vom 5. bis 7. März in dieser Arena.
 

Alemu dominiert den 800m-Lauf der Frauen

Nur drei Tage nach der überragenden Weltjahresbestleistung durch ihre Landsfrau Gudaf Tsegay in Val-de-Reuil (siehe RunAustria-Meldung) hat Habitam Alemu einen weiteren großen äthiopischen Erfolg über 800m gefeiert. In Torun steigerte sie ihre persönliche Bestleistung um 1,3 Sekunden auf eine Zeit von 1:58,19 Minuten, womit sie im Alleingang überlegen gewann. Die 23-Jährige nahm als einzige Läuferin des Feldes das Tempo von Pacemakerin Aneta Lemiesz auf, womit sie bereits zur Halbzeit einen erkennbaren Vorsprung auf die in die Länge gezogene Vierergruppe in der Verfolgerposition hatte. Trotz der Durchgangszeit von etwa 57,5 Minuten nach 400 Meter hatte Alemu in der zweiten Rennhälfte noch genügend Kraft für diese Topzeit, wenngleich ihre Mimik die Anstrengungen nicht kaschieren konnte. Die Äthiopierin, die vor dem letzten Meeting der World Athletics Indoor Tour in der Gesamtwertung führt, steigerte den vier Jahre alten Meetingrekord der Polin Joanna Jozwick um über eine Sekunde. Die 30-jährige Lokalmatadorin lief ihren schnellsten 800m-Lauf in der Halle seit damals und überzeugte als Zweite in einer Zeit von 2:00,42 Minuten vor Nadia Power, die sich im Windschatten der Polin festkrallte und ihren vor zweieinhalb Wochen in Wien aufgestellten irischen Rekord um eineinhalb Sekunden auf eine Zeit von 2:00,98 Minuten verbesserte. Die viertplatzierte Noélie Yarigo verbesserte ihren eigenen Landesrekord für den Benin um exakt eine Sekunde auf eine Zeit von 2:01,01 Minuten. Schwierig war das Rennen für die junge Schweizerin Délia Sclabas, weil von Beginn an zu schnell für ihre Bedürfnisse. Sie beendete es in einer Zeit von 2:05,28 Minuten als abgeschlagene Sechste.
 

Baregas Tempo zermürbt Lewandowski

Im Gegensatz zu seinem „Bruder im Geiste“, Kszczot, der 2019 auf die Hallensaison verzichtet hatte, geht Marcin Lewandowski als Titelverteidiger in die Heim-EM in gut zwei Wochen. Die Startankündigung von Jakob Ingebrigtsen erfordert vom WM-Dritten von Doha, neuerlich bei Großereignissen das Kunststück zu schaffen, das skandinavische Supertalent mit einem starken Spurt zu besiegen. Wie es Ingebrigtsen anlegen könnte, spielte ihm Selemon Barega vor. Der Äthiopier hielt von Beginn an das Tempo so hoch, dass auf der vorletzten Runde die Lücke zum verbissen kämpfenden und wie immer smart laufenden Lewandowski aufriss. Der 21-Jährige war so gut, dass er in einer Zeit von 3:32,97 Minuten die drittschnellste Zeit des Jahres hinter Ingebrigtsen und Oliver Hoare aus Australien erzielte, obwohl die Mittelstrecke seine Unterdistanz ist. Der Meetingrekord seines Landsmanns und Weltrekordhalter Samuel Tefera fiel um 2,6 Sekunden, noch etwas deutlicher als der Meetingrekord im 800m-Lauf der Männer gut eine halbe Stunde zuvor gefallen war.
Lewandowski selbst wies jedenfalls nach, dass er in Topform ist. Und er zeigte von Beginn an, dass er gewillt war, offensiv zu laufen. Er sammelte den lange zweitplatzierten Bethwel Birgen auf der letzten Runde ein und widerstand dem Briten Neil Gouley im Kampf um Rang zwei. „Das Ziel war heute, ein so schnelles Tempo wie möglich über die gesamte Distanz zu gehen. Ich fühle mich gut, bin gesund und daher bester Dinge“, sagte der 33-Jährige nach dem Rennen. In einer Zeit von 3:35,71 Minuten verbesserte er seinen eigenen polnischen Rekord um knapp acht Zehntelsekunden, auch der viertplatzierte Michal Rozmys blieb unter der alten Rekordmarke. Gourley schob sich auf Rang fünf der ewigen britischen Bestenliste, Filip Sasinek steigerte den sechs Jahre alten tschechischen Rekord von Jakub Holusa um über eine Sekunde auf eine Zeit von 3:36,53 Minuten.
 

Hailus Siegesserie hält an

Im Hallen-Langstreckenlauf der Frauen schwimmt eine 19-Jährige weiterhin auf der Erfolgswelle. Nach ihrem beeindruckenden Sieg in Liévin ließ Lemlem Hailu über 3.000m in Torun einen weiteren folgen und verbesserte ihre eigene Weltjahresbestleistung um gut eine Sekunde auf eine Zeit von 8:31,24 Minuten, mit der sie nun auf Rang sechs der ewigen äthiopischen Hallen-Bestenliste rangiert. Der Auftritt in Torun war ein unglaublich reifer, Hailu übernahm das Kommando, als die zweite Pacemakerin Dariya Barysevich aus Weißrussland ihren Dienst beendete und zwang der Konkurrenz ihr Tempo auf. Als Beatrice Chepkoech im Mittelteil des Rennens sich die Führung schnappte, blieb die junge Äthiopierin ruhig und folgte ihr. Mit dem Ton der Glocke, der die letzte Runde ankündigte, holte sie zu einer abrupten Beschleunigung aus. In den Wirren einiger Überrundungen war es für die Weltmeisterin im 3.000m-Hindernislauf schwierig, ihrer jungen Kontrahentin zu folgen, aber sie schaffte es. Doch Hailus Tempodiktat in dieser letzten Runde war zu eindrucksvoll, Chepkoech konnte keinen Angriff auf den Sieg unternehmen. Mit ihrer neuen persönlichen Bestleistung von 8:31,72 Minuten liegt die 29-Jährige nun auf Rang drei der ewigen kenianischen Bestenliste hinter Hellen Obiri und Vivian Cheruiyot und führt in der World Athletics Indoor Tour Gesamtwertung zwei Punkte vor Hailu, hat allerdings vor dem Finale in Madrid nächsten Mittwoch das Problem eines Streichresultats.
Dritte in Torun wurde bereits mit einigem Rückstand Fantu Worku, die im Finale nicht mehr mithalten konnte. Gesa Krause kam in einer Zeit von 9:02,04 Minuten auf Rang fünf ins Ziel und war fast sieben Sekunden langsamer als Viktoria Wagner-Gyurkes, die in einer Zeit von 8:55,45 Minuten den 33 Jahre alten ungarischen Hallenrekord von Zita Agoston um eine halbe Sekunde verbesserte. Krause platzierte sich damit um zwei Positionen besser als der zweite deutsche Läufer in Torun – Marc Reuther war im 800m-Lauf Siebter. Keine Chance hatte Genzebe Dibaba, die bereits früh das Tempo der Spitzengruppe nicht mitgehen konnte und bereits im ersten Renndrittel das Handtuch warf.
 
 

Ergebnisse Copernicus Cup 2021 in Torun

800m-Lauf der Männer
1. Elliot Giles (GBR) 1:43,63 Minuten * / ** / ***
2. Jamie Webb (GBR) 1:44,54 Minuten ****
3. Andreas Kramer (SWE) 1:45,09 Minuten *****
4. Adam Kszczot (POL) 1:45,22 Minuten
5. Mateusz Borkowski (POL). 1:46,20 Minuten ****
6. Amel Tuka (BIH) 1:46,35 Minuten
7. Marc Reuther (GER) 1:46,43 Minuten
8. Collins Kipruto (KEN) 1:46,61 Minuten
9. Tony van Diepen (NED) 1:46,97 Minuten
 
800m-Lauf der Frauen
1. Habitam Alemu (ETH) 1:58,19 Minuten ** / ****
2. Joanna Jozwick (POL) 2:00,42 Minuten
3. Nadia Power (IRA) 2:00,98 Minuten ******
4. Noélie Yarigo (BEN) 2:01,01 Minuten *******
5. Angelika Cichocka (POL) 2:01,07 Minuten
6. Martina Galant (POL) 2:03,85 Minuten
7. Délia Sclabas (SUI) 2:05,28 Minuten
 
1.500m-Lauf der Männer
1. Selemon Barega (ETH) 3:32,97 Minuten ****
2. Marcin Lewandowski (POL) 3:35,71 Minuten ********
3. Neil Gourley (GBR) 3:35,79 Minuten ****
4. Michal Rozmys (POL) 3:36,10 Minuten ****
5. Filip Sasinek (CZE) 3:36,53 Minuten *********
6. Ignacio Fontes (ESP) 3:37,02 Minuten
7. Kumari Taki (KEN) 3:37,28 Minuten ****
8. Bethwel Birgen (KEN) 3:37,41 Minuten
 
3.000m-Lauf der Frauen
1. Lemlem Hailu (ETH) 8:31,24 Minuten ** / *** / ****
2. Beatrice Chepkoech (KEN) 8:31,72 Minuten ****
3. Fantu Worku (ETH) 8:40,04 Minuten 8:40,04 Minuten
4. Viktoria Wagner-Gyurkes (HUN) 8:55,45 Minuten **********
5. Gesa Felicitas Krause (GER) 9:02,04 Minuten
6. Beata Popka (POL) 9:13,89 Minuten ****
7. Paulina Kaczynska (POL) 9:16,22 Minuten ****
 
 
* neuer britischer Hallenrekord
** neuer Meetingrekord
*** neue Weltjahresbestleistung
**** neue persönliche Bestleistung
***** neuer schwedischer Hallenrekord
****** neuer irischer Hallenrekord
******* neuer Hallenrekord für den Benin
******** neuer polnischer Hallenrekord
********* neuer tschechischer Hallenrekord
********** neuer ungarischer Hallenrekord
 
 
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