Weshalb das eine gute PK war

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Zum Start des zweiten Monats des neuen Jahres, das bisher überwiegend unter dem Motto Verbot stand, ging die Bundessportorganisation Sport Austria in die Offensive. Bei einer Pressekonferenz vertrat Sport Austria-Präsident Hans Niessl geschickt und inhaltlich treffend den Beitrag, den der organisierte Sport für die gesellschaftliche Gesundheit leistet und mit der Bereitschaft, effiziente Maßnahmen in geprüften Konzepten umzusetzen, dies auch in der gegenwärtigen Zeit tun könnte. Was ihn zur Forderung der Öffnung des organisierten Sports für die Bevölkerung und insbesondere für Kinder und Jugendliche, deren Bedürfnis nach Bewegung in der 54-minütigen Präsentation mehrfach deutlich untermalt wurde, leitete. Gleichzeitig schickte er seinen Stellvertreter Michael Eschlböck vor, der den Hammer herausholte, um auf die politische Corona-Strategie gegenüber dem Sport draufzuhauen. Die ehemalige Fußballnationalspielerin Nina Burger erzählte aus dem aktuellen Vereinsinnenleben beim Fußballclub First Vienna FC 1894. Und Public-Health-Experte Dr. Hans-Peter Hutter stützte die Bedeutung von körperlicher Aktivität im Alltag unserer Gesellschaft mit seiner medizinischen Fachkenntnis.
 
Die Pressekonferenz kann im Laufe dieser Woche unter diesem Link in der TV-Thek des ORF, der live übertrug, nachgesehen werden
 

„Ein Tag ohne Sport ist ein verlorener Tag für die Gesundheit!“ (Hans Niessl, Sport Austria-Präsident)

Man darf an der inhaltlichen Präsentation dieser Pressekonferenz mit seiner eigenen, individuellen Meinung und Einschätzung dazu im Kontext des alles dominierenden Themas der Jetzt-Zeit begegnen. Es werden viele unterschiedliche Schlüsse und Analysen daraus folgen. Es ist Raum für diverse Repliken zu unterschiedlichen Aspekten. Klar ist auch, dass eine Interessensvertretung immer in der angenehmeren Position ist, deutliche Standpunkte zu betonen, Forderungen zu formulieren und Druck aufzubauen. Vielleicht ist das in der individuellen Perspektive angemessen, vielleicht nicht. Dass der zentrale Satz, nämlich jener, dass Sport auch in pandemischen Zeiten Lösungen anbietet, medizinisch und sportwissenschaftlich einzementiert ist, ist jedoch eigentlich eine schwerlich verhandelbare Tatsache. Dafür ist der globale Erkenntnisstand eindeutig, übrigens auch gut in Texten auf der Website des Bundesministeriums für Soziales und Gesundheit nachzulesen, die allem Anschein nach vor Pandemiebeginn formuliert wurden und deren Inhalt aber innerhalb der gegenwärtigen Message Control scheinbar ausgesetzt ist. Es war höchst an der Zeit, dass der Sport die Botschaft, durch regelmäßige körperliche Bewegung einen Mehrwert für individuelle und gesellschaftliche Gesundheit zu liefern, in Eintracht in die Öffentlichkeit schmeißt. Und das ist aus diversen Gründen geglückt.
 
 
1. Das Timing
Dieser Schachzug war leicht. Eine Pressekonferenz abzuhalten, einen Tag bevor die Bundesregierung mit der weiteren, kurzfristigen Strategie für das gesellschaftliche Zusammenleben an die Öffentlichkeit gehen wollte, liegt strategisch auf der Hand. Selbst gepfefferte Botschaften konnten in diesem Timing kaum ein Risiko darstellen. Nachdem bereits durchgesickert war, dass der Sport in dieser kurzfristigen Strategie ohnehin missachtet würde, erst recht. Das begründet auch, warum aus subjektiver Sicht des Sports dieser Aufschrei wichtig war. Aber Timing ist bekanntlich nicht alles, auch der Inhalt muss sitzen.
 

„Sport ist nicht das Wichtigste. Es gibt nichts Wichtigeres als Gesundheit. Und die Gesundheit wollen wir mit dem Sport erreichen.“ (Hans Niessl, Sport Austria-Präsident)

 
2. Der Sport betont seine Stärken…
„Ein Tag ohne Sport ist ein verlorener Tag für die Gesundheit! Jeder Tag, an dem ich mich nicht bewege, führt zu gesundheitlichen Schäden oder psychischen Einschränkungen.“ Mit diesem Satz begründet Hans Niessl die Motivation dieser Pressekonferenz. Mit der naturgemäßen Verzögerung um einige Monate schwemmen immer mehr Studien zu Kollateralschäden an der Gesellschaft durch verordnete oder gebotene Verhaltensweisen seit Pandemiebeginn an die Oberfläche. Bereits vor COVID-19 galt körperliche Inaktivität unter einigen Forschern als größtes gesundheitliches Risiko in westlichen Gesellschaften. Dieser Missstand ist nun verschärft ist. „Wenn Sie ein Medikament erfinden wollen, gibt es kein Ebenbürtiges zu Bewegung“, bringt Dr. Hutter auf den Punkt.
 
 
3. … aber bleibt auf dem Boden der Realität
Als Spitze des organisierten Sports will Niessl den Sport schnellstmöglich zurück in die Gesellschaft führen und ihm einen höheren Stellenwert geben. Das Motto „come back stronger“ mit Leben füllen. Dabei geht er nicht in die Bittstellung für Sonderbehandlung, sondern propagiert die positive Korrelation und will Partner sein: „Sport ist nicht das Wichtigste. Es gibt nichts Wichtigeres als Gesundheit. Und die Gesundheit wollen wir mit dem Sport erreichen.“
 
 
4. Der Sport beruft sich auf seine Präventionskonzepte und agiert lösungsorientiert
Proaktiv stelle der Sport seine Expertise bei der Entwicklung von Präventionskonzepten aus dem vergangenen Sommer, die zu einem Teil auch gut umgesetzt wurden, bis das neuerliche Veranstaltungsverbot gekommen ist, zur Verfügung. Und zwar semantisch nicht als notwendiges Übel, welches in Form eines Kompromisses eingegangen wird, sondern verbunden mit dem Lösungsansatz: Sport als Lösung für die Gesundheit. „Das Rezept ist Bewegung. Kontrollierte Bewegung unter Einhaltung entsprechender Regeln“, sagt Eschlböck und fragt: „Wo geht das besser als im Sport?“ In diese Kerbe schlägt auch Hans-Peter Hutter, der eine Wertschätzung der Präventionskonzepte von Sport- und Kulturveranstaltungen fordert. Gute Konzepte sollten von der Politik prioritär behandelt werden, findet er. „Unter flankierenden Maßnahmen ist eine Öffnung des Sports möglich!“ Auch die Verantwortlichen beteuern, dass durch die Umsetzung gezielter Maßnahmen durch den organisierten Sport die infektionslogische Gefahr kontrollierbar sei.
 

„Bewegung stärkt unsere Immunabwehr. Und das brauchen wir in dieser Zeit dringend. Das müssen wir in unser Denken integrieren.“ (Dr. Hans-Peter Hutter, Public-Health-Experte)

 
5. Der Sport lässt Gesundheitsexperten sprechen
Eigentlich sollte der Fachbereich Public Health in Gesundheitsfragen immer eine gefragte Perspektive sein. Erst recht in einer Pandemie. Der Blick in Länder mit großer Public-Health-Tradition wie den skandinavischen oder die großen ozeanischen Länder zeigt, dass dies anderswo gemacht wird. In Österreich fehlt diese Tradition und es ist auffallend, dass ausgebildete Experten im Bereich der gesellschaftlichen Gesundheit hierzulande selten in der Öffentlichkeit zu Wort kommen. Es war also naheliegend wie gelungen, Dr. Hans-Peter Hutter mit ins Boot zu holen. Er ist stellvertretender Leiter des Zentrums für Public Health an der Medizinischen Universität Wien, ausgewiesener Fachmann für Umweltmedizin und ehemaliger Leiter der Forschungseinheit Child Public Health. Er hält laut Modellierungen, die er an seinem Fachbereich mit Kollegen durchführt, gesellschaftliche Öffnungsschritte, zum Beispiel im Sport, für möglich. Ein Risiko, pandemische Ziele dadurch nicht zu erreichen, sieht er bei Sorgfalt nicht. Hutter legt dafür den Finger in die aufgerissenen Wunden der Restriktionen: Bewegungsmangel, verschlechterte psychische Gesundheit oder fehlende soziale Beziehungen. Letztere seien insbesondere für die Gesundheit junger Menschen eminent wichtig und viele Menschen stillen dieses soziale Bedürfnis über die Zugehörigkeit zu Sportvereinen.
Das gesellschaftliche Bewegungsverhalten, so Hutter, sei bereits vor Pandemiebeginn nicht zufriedenstellend gewesen. Dieser Status quo hat sich in den letzten Monaten verschärft, weswegen er „volksgesundheitliche Probleme“ erwartet. „Die Öffnung von Bewegungsräumen ist auch deshalb so wichtig, weil die (oben skizzierten, Anm. d. Red.) Spätfolgen nicht außer Acht gelassen werden dürfen.“ Und er kehrt im Schlussstatement zur unmittelbaren gesundheitlichen Verfassung zurück: „Bewegung stärkt unsere Immunabwehr. Und das brauchen wir in dieser Zeit dringend. Das müssen wir in unser Denken integrieren.“ Seien diese Rahmenbedingungen hergestellt, würde die Infektion insgesamt weniger drastisch unsere Gesellschaft befallen.
 
 
6. Der Sport erhebt die Stimme für die Schwächsten
Etliche Expertinnen und Experten aus diversen Fachbereichen heben seit Wochen warnend den Finger, dass die aktuelle Situation Kinder und Jugendliche schwer zu schaffen macht. Bekanntlicherweise nicht aufgrund eines direkten infektiologischen Risikos, sondern aufgrund der Einschränkungen und des Entzugs des Bildungsrechts. Sport Austria bot die Plattform, der Mediziner gab den jungen Menschen die Stimme, die sonst in der Gesellschaft unterrepräsentiert ist. „Kinder und Jugendliche gehören raus aus ihrem Bewegungslockdown, raus aus ihrem sozialen Lockdown! Es ist dringend an der Zeit! Das ist meine klare Ansage aus medizinischer Sicht!“, fordert Hutter in genau dieser Deutlichkeit wie hier verschriftlicht. Die sofortige Öffnung aller Sportvereinsangebote für Kinder und Jugendliche ist international nicht neu. Beispielsweise hat sie World-Athletics-Präsident Sebastian Coe für sein Heimatland Großbritannien bereits im Dezember lautstark gefordert. In einigen Ländern wie Frankreich oder Finnland wird Jugendsport politisch ausdrücklich ermöglicht (siehe RunAustria-Bericht).
 

„Liebe Politik: Vertraut ihr uns? Vertraut ihr dem Team des österreichischen Sport? Dass wir das schaffen und zu einer Verbesserung der gesundheitlichen Situation in Österreich beitragen?“ (Michael Eschlböck, Sport Austria Vize-Präsident)

 
7. Der Sport gibt sich geeint und verfasst klare Aussagen
In diversen Wortmeldungen betonten Niessl und Eschlböck, dass der organisierte Sport geeint hinter der vorgestellten Forderung steht. Aus dieser Position heraus gab es für die Zuhörerinnen und Zuhörer klare, unverblümte Aussagen. Eschlböck, Präsident des Österreichischen Football-Verbandes, übte gar direkten Druck auf die Regierung aus: „Wir können uns nur bewegen, wenn sich die Politik bewegt. Wenn sie das in Form von ,entscheiden’, ,handeln’ und das alles im Jetzt nicht tut, können wir auch nichts bewegen. Der organisierte Sport in Österreich, die Fach- und Dachverbände, die Organisationen mit besonderen Aufgaben im Sport, sind ein Team. Sie sind das Team des österreichischen Sports. Wir sind bereit, alles zu geben.“ Die Politik werbe ständig damit, man solle ihr doch vertrauen. „Liebe Politik, jetzt fragen wir: Vertraut ihr uns? Vertraut ihr dem Team des österreichischen Sport? Dass wir das schaffen und zu einer Verbesserung der gesundheitlichen Situation in Österreich beitragen?“
 
Eine nette Randnotiz: Sowohl Niessl als auch Eschlböck hoben die gute Gesprächsbasis mit Sportminister Werner Kogler hervor und wollten ihre lancierten Botschaften Richtung Gesundheitsministerium verstanden wissen.