Laufen als sozialer Beitrag

Die globale Laufbewegung hat über die letzten Jahrzehnte erhebliche positive Auswirkungen auf das soziale Leben in unserer Gesellschaft ausgeübt. Von Gesundheitsprävention über das Gefühl des Miteinanders bis hin zu wirtschaftlichem Erfolg, also auf unterschiedlichen Ebenen. Am ersehnten Ende der gegenwärtigen Gesundheitskrise, die längst das Gesicht einer Wirtschafts- und Sozialkrise angenommen hat, hat die Laufszene Trümpfe in der Hand, sobald sie die Karten wieder auf den Tisch legen darf.
Die gegenwärtig unsere Gesellschaft enorm belastende Pandemie hat viele Auswirkungen, die auf der Mikroebene, also der individuellen zu bestimmten Handlungen leitet. Eine davon ließ sich im Frühjahr auf den Laufstrecken des Landes beobachten und wurde von diversen Umfragen auch in Zahlen gegossen. Österreicherinnen und Österreicher sind mehr gelaufen als davor und zahlreiche haben mit dem Laufen begonnen. Das ist kein nationales Phänomen, diese Beobachtungen gibt es in vielen anderen Ländern auch, sogar in jenen, die zu diesem Zeitpunkt restriktivere Maßnahmen über ihre Gesellschaft stülpten. Über die Gründe für diesen, oft wahrscheinlich übertrieben formulierten, „Laufboom“ mag man diskutieren. Das Wegfallen zahlreicher anderer Freizeitmöglichkeiten, die höhere Zeitverfügbarkeit oder Flucht aus der beengten Wohnsituation. Aber die Erkenntnis, dass Laufen sowohl präventiv als auch unmittelbar einen wertvollen Beitrag für die individuelle körperliche und psychische Gesundheit liefert, dürfte für einen großen Teil mindestens eine partielle Motivation sein, sich verstärkt einem aktiven Lebensstil zu widmen, in dem das Laufen einen soliden Platz einnimmt. Das Laufen hat sich allerdings verändert und findet temporär fast ausschließlich auf individueller Ebene statt. Eine Laufcommunity gibt es zurzeit nur auf virtueller Ebene.
 

Ein Laufmoment beim Vienna City Marathon 2009. © SIP
 

Gesunde Menschen sind glücklicher und sozialer

Gerade jetzt, wo ehemals normalste Verhaltensweisen gefühlsmäßig im historischen Archiv liegen, ist eine Erinnerung daran, welches soziale und wirtschaftliche Potenzial für moderne Gesellschaften im Laufsport steckt, wichtig. Der ehemalige Marathon-Staatsmeister Karl Aumayr schrieb im Laufmagazin RunUp (Ausgabe 2017/03): „Neben den sportlichen Ambitionen sind vor allem körperliches Wohlbefinden, eine gesteigerte Gesundheit und eine höhere Leistungsfähigkeit die wichtigsten Motivationsfaktoren für einen aktiven Lebensstil.“ Das alles finde durch regelmäßiges Lauftraining seinen Ausdruck. Insbesondere in einer Leistungsgesellschaft spielen die Entschleunigungswirkung und die positiven emotionalen Auswirkungen regelmäßiger Bewegung eine essentielle Rolle. Gesunde Menschen, so der Sieger des Salzburg Marathon 2015, sind tendenziell glücklichere Menschen, tendenziell leistungsfähigere Menschen und legen tendenziell ein sozialeres Verhalten an den Tag. Weil Läuferinnen und Läufer meist Menschen sind, die sich auf einen aktiven Lebensstil verständigt haben, wird das Laufen in der individuellen Lebensweise durch weiteres, gesundheitlich nachhaltiges Verhalten ergänzt. Womit das Laufen einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zum Erhalt und zu Einsparungen in unserem Gesundheits- und Sozialsystem leistet. Potenziale der Auswirkungen von sportlicher Bewegung auf eine Gesellschaft, auch aus ökonomischer Perspektive, lesen Sie in diesem aktuellen RunAustria-Artikel.
 

Laufen verbindet

Auch wenn Laufsport herunterdividiert auf die individuelle Ebene eine Einzelsportart ist, was in der isolierten Betrachtung des professionellen Laufsports auch so ist, versteht die globale Laufbewegung das Laufen als verbindendes Element. Wenn ehemals über 40.000 Laufbegeisterte am Marathon-Wochenende in Wien ihre Laufschuhe geschnürt haben, über 30.000 Läuferinnen und Walkerinnen mit Enthusiasmus zum Österreichischen Frauenlauf gekommen sind oder ebenfalls Tausende bei Marathon- und Laufevents in den anderen österreichischen Städten und Orten gelaufen sind, stand das Verbindende, das Miteinander auf einer friedlichen und sozial stabilen Grundlage im Vordergrund, nicht die Charakteristik des Wettlaufs gegeneinander. Und das alles unabhängig aller demographischer, geografischer, philosophischer und sozialer Unterschiede oder Einstellungsfragen.
 

Marathonevents erzeugen beachtlichen wirtschaftlichen Wert

Auch wenn aus der Eventszene Stimmen immer lauter werden, dass die Laufeventszene zukünftig nie wieder das Gesicht bekommen wird, welches sie vor der Pandemie hatte, wird nicht nur die Vorbildwirkung des organisierten Laufsports ein stichhaltiges Argument, sondern auch die wirtschaftliche Wertschätzung. Es ist anzunehmen, dass die 126.872 Nächtigungen mit knapp 25 Millionen Euro an touristischen Gesamtausgaben, die laut Zahlen des Vienna City Marathon aus dem Jahr 2019 direkt auf den größten Marathon des Landes zurückfallen, für den angeschlagenen städtischen Tourismus auch in der Aufmerksamkeit und Wertschätzung zukünftig einen höheren Stellenwert haben wird, sofern der Marathontourismus wieder anläuft. Im wesentlich kleineren Salzburg, das die hohe Bedeutung des Städtetourismus mit der Bundeshauptstadt teilt, stehen rund 25.000 Nächtigungen direkt in Verbindung mit den Lauffestspielen der Mozartstadt, die einen geschätzten wirtschaftlichen Wert von 4,7 Millionen Euro für Stadt und Land erzeugen.
Der Berlin Marathon, einer der bedeutendsten Marathonläufe weltweit und größten in Europa, errechnete durch den Pandemie bedingten Ausfall 2020 einen Verlust von 141 Millionen Euro direkter Wertschöpfung für die Stadt Berlin und von weiteren 242 Millionen an induzierter Wertschöpfung durch erhöhte Kaufkraft. Das sind Zahlen, von denen der Standort normalerweise pro Jahr profitiert. Die Folgen des positiven Images und der Werbebilder über mediale Aufmerksamkeit sind gar nicht eingerechnet.
 

Laufen als Basis für soziale und wirtschaftliche Erfolge

Laufen und wirtschaftlicher Erfolg stehen auf mehrfacher Ebene in harmonischer Beziehung, auch auf der individuellen. Etliche Studien der letzten Jahre haben gezeigt, dass ein bewegungsfreudiger Lebensstil Konzentration und Aufmerksamkeit erhöht, die Gehirnfunktion, auch im Netzwerk verschiedener Gehirnregionen, verbessert, das Gehirn effizienter arbeiten lässt und generell mehr Energie für den Alltag zur Verfügung stellt (vgl. dazu die RunUp-Online-Artikel, die entsprechende Studienerkenntnisse zitieren: Vorteile durch Laufen – mittelfristige Effekte & Vorteile durch Laufen – kurzfristige Effekte).
Gründe dafür sind, dass körperliche Aktivität den Blutfluss verbessert, auch ins Gehirn, und gleichzeitig einen wichtigen Ausgleich schafft, der auch zahlreiche körperliche Prozesse ausbalanciert. Letztendlich führt ein sportlicher Lebensstil mitunter dazu, dass man sich als Folge des generellen Wohlgefühls auch am Arbeitsplatz wohler fühlt. Und es zahlt sich auch für den Lohnzettel aus: Die Wissenschafter Michael Lechner von der Universität in St. Gallen und Nazmi Sari von der University of Saskatchewan haben kanadische Datensätze im Zeitraum von zwölf Jahren analysiert und sind zum Ergebnis gekommen, dass die Steigerung des Laufumfangs und eine Verbesserung des Lohnniveaus in direktem Zusammenhang stehen (Link zur Studie). Die finanzielle Situation ist bekanntermaßen nicht der einzige, aber ein wesentlicher Faktor für das soziale Standing und das Wohlbefinden in einer Gesellschaft.
 

Manager lieben Marathon

Auch zahlreiche Manager und Geschäftsführer international sehr erfolgreicher Unternehmer sind passionierte Läuferinnen und Läufer, viele werden von der Faszination Marathon angezogen. Laut eines Berichts der deutschen Tageszeitung „Die Zeit“ (online) vom 21. September 2015 ist jeder zehnte Manager börsennotierter Unternehmen Marathonläufer, womit die Frequenz 60mal höher ist als in der Gesamtbevölkerung. Auch sie mögen davon profitieren, dass Läuferinnen und Läufer erwiesenermaßen produktiver sind und effektivere Lösungen für schwierige Entscheidungen finden.