Sporteinschränkungen: Status quo und transnationaler Vergleich

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Kurz vor Weihnachten, just in jenem Zeitraum, als die Österreichische Bundesregierung restriktivere Maßnahmen für den pandemischen Alltag der Gesellschaft vorbereitete, hat die Bundessportorganisation Sport Austria bei einem Pressetermin die Ergebnisse einer Umfrage durch die OBSERVER Brand Intelligence GmbH präsentiert, an der 2.000 Erwachsene mit ausgewogenen demographischen Merkmalen im Oktober 2020 teilgenommen haben. Nicht viele, um den Schluss auf die gesamte Bevölkerung ziehen zu können, aber immer noch mehr als bei so manch anderen als repräsentativ ausgewiesene Studien hierzulande. 28% der Befragten reduzierten ihren Umfang an sportlicher Bewegung im Vergleich zu vor Pandemiebeginn. Je älter die Menschen, desto größer wird der Anteil jener, die weniger Bewegung konsumieren als früher, im Vergleich zu jenen, die sich mehr bewegen. Kurioserweise sind die Unter-29-Jährigen in beiden Kategorien Spitzenreiter (was heißt, dass nur wenige ihr Bewegungslevel konstant hielten), sie sind die einzige Altersgruppe, die sich im Schnitt mehr sportlich bewegt als vor der Pandemie. Der Charme des generell Laufbooms, den diverse Umfragen, Erhebungen und unzählige Beobachtungen im wettertechnisch herrlichen, pandemischen Frühling festhielten und manche auch werblich nutzten, ist auf dem Weg in die kalte Jahreszeit nicht wenig überraschend gebremst worden. Just in jener Zeit also, als die Virensaison Fahrt aufnahm und der Benefit eines gestärkten Immunsystem am größten wäre. Noch alarmierender inmitten einer Gesundheitskrise: Die Bedeutung von Sport nahm unter den Befragten um durchschnittlich 17 Prozentpunkte ab.
 

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Generell dürfte das Jahr 2020 aber eine Zunahme der gelaufenen Kilometer pro Gesellschaft bringen, das zeigen diverse Zahlen aus etlichen europäischen Ländern (was nicht zwangsläufig heißt, dass generell mehr Sport oder Bewegung gemacht wurde). Auch in den USA ist dies so: Laut einer Analyse von Runner’s World (30.12.20) auf Basis der Daten von Laufapp-Anbietern sind US-Amerikaner im Jahr 2020 generell mehr gelaufen und deutlich mehr im Freien gelaufen, was der Schließung der Fitnesscenter geschuldet ist. Außerdem verlagerten sich etliche Läufe tendenziell von den Morgen- und Abendstunden auf die Zeit rund um Mittag und wurden bei geringeren Tempo absolviert, was eine wichtige Pandemie-Empfehlung für Sport war.
 

Andere Entwicklung bei Kindern und Jugendlichen?

In der oben zitierten Umfrage waren die Befragten nach unten hin auf ein Alter von 16 Jahren limitiert, wodurch keine Daten von Kindern vorhanden sind. Das gilt leider für viele andere Studien auch. Etliche Experten befürchten oder leiten von Beobachtungen ab, dass Kinder sich in der Zeit der Pandemie weniger bewegt haben als davor. Was hauptsächlich mit der geschlossenen Infrastruktur zu tun haben könnte, als potenzielles Gegenstück zum bewegungsarmen Distance Learning. Der deutsche Lauftrainer Lothar Pöhlitz wundert sich in einer aktuellen Meldung der German Road Races, warum sich der Sport bei diesem Missstand so ruhig verhält. Zuletzt sorgte Mo Farah, vierfacher Olympiasieger und sechsfacher Weltmeister, in einem Bericht der britischen Tageszeitung „The Telegraph“ (8.1.2021) für Aufsehen und bezeichnete die Sicherstellung von ausreichend Bewegung bei Kindern zurzeit als viel wichtiger als die Durchführung von professionellem Sport.
 

Laufeventszene in der Warteschleife

Die großen Laufveranstalter sehen sich standesgemäß als wichtiger Motivator für die Ausübung regelmäßiger Bewegung von Menschen, weil sie Zielsetzungen anbieten, die antreiben. Sie müssen zurzeit tatenlos zusehen, wie dieser Effekt laut genannter Umfrageergebnisse in umgekehrter Richtung in der Gesellschaft erkennbar wird, nämlich nicht förderlich für gesellschaftliche Gesundheit. Eine Perspektive, wann Laufevents in Österreich mit annähernd vergleichbaren Teilnehmerzahlen wie noch 2019 zurückkehren, gibt es nicht. Die Kalkulationen und Hoffnungen der Eventszene lässt sich durch die Verschiebungswelle in den Herbst ablesen. Dasselbe betrifft die Arbeit der Sportvereine, die Struktur, Motivation und sozialen Zusammenhalt bieten. Sportvereine haben schon seit Monaten geschlossen, aktuell ist in Österreich lediglich individuelles Training (bzw. innerhalb des gleichen Haushaltes) laut Verordnung erlaubt, nicht einmal Kleingruppentraining. Nur öffentliche Sportstätten dürfen unter Garantie des Verhältnisses zehn Quadratmeter pro Person betreten werden, mit zwischenmenschlicher Abstandspflicht. Dass Laufen im Freien stattfindet, also jenem Rahmen, der für das Infektionsgeschehen gemäß de facto wissenschaftlichem Konsens keine Rolle spielt, wird in undifferenzierten Gesamtheitsregeln nicht berücksichtigt. Profisportler sind davon ausgenommen, die traditionellen Vorbereitungstrainingslager im klimatisch appetitlicheren Süden Europas fallen aber ins Wasser. Die wenigen Wettkämpfe sind lediglich Profi- oder Vereinssportlern vorbehalten.
 

Mehr Laufmöglichkeiten in der Schweiz und Frankreich

Während Österreicher ihre sportliche Zeit frei einteilen können, sieht die britische Regierung in ihren aktuellen Verschärfungen lediglich ein einmaliges Verlassen der eigenen vier Wände zum Zweck der Sportausübung pro Tag und das nur in unmittelbarer Nähe des Wohnorts vor. Etwas lockerer sind da die Regeln in der Schweiz, wo ab 18. Dezember sämtliche Indoor-Trainingsanlagen für vorerst fünf Wochen gesperrt wurden (Maßnahmen wurden nun bis Ende Februar verlängert, Anm. d. Red.) sowie Nicht-Profis und Jugendliche an keinen Wettkämpfen teilnehmen dürfen. Im Freien dürfen Trainings in Sportvereinen mit maximal fünf beteiligten Erwachsenen (keine Durchmischung der Gruppen) weiterhin über die Bühne gehen. Keine Einschränkung gibt es für Gruppentrainings der Unter-16-Jährigen, was als Statement für die Bedeutung von Sport bei Kindern und Jugendlichen verstanden werden kann. In Frankreich gab es im November und Dezember strengere Regeln für die Sportausübung als jetzt. Aktuell ist sie vor Beginn der Sperrstunde unter Einhaltung des Sicherheitsabstandes in Gruppen von bis zu sechs Personen möglich, Kinder dürfen auch an außerschulischen Indoor-Sportaktivitäten unter Einhaltung der Abstandsregeln teilnehmen, z.B. Schwimmbäder. Auch Sportvereine sind geöffnet, Skilifte bleiben bis mindestens Mitte Februar stehen.
In Holland ist die Sportausübung im Innenbereich untersagt, im Freien alleine oder zu zweit möglich. In Italien, wo nach der Weihnachtspause Restaurants, Bar und Geschäfte etwas eingeschränkt und mit regionalen Unterschieden geöffnet haben, gelten für den Sport ähnliche Regeln wie in Österreich. Sportminister Vincenzo Spadafora begründete das in einem Facebook-Post vom 9. Jänner damit, dass in ganz Europa der organisierte Sport stillsteht – ein wenig kraftvolles Argument, das nur großteils stimmt. Er gab die Perspektive aus, dass in Zusammenarbeit mit dem regierungsberatenden Expertengremium eine schrittweise Wiedereröffnung von Sporteinrichtungen, die von insgesamt 20 Millionen Italienern regelmäßig genutzt wurden, bis Monatsende geplant ist – darunter voraussichtlich auch Skigebiete. Bis dahin decke der Staat Mieten, Nebenkosten und weitere Ausgaben ab.
 

Schweden ermutigt Bevölkerung zu Sport

Die Kommunikation der Kriseninformation der schwedischen Behörden, aktualisiert am 14. Dezember 2020, als die schwedische Regierung neue Maßnahmen festlegte, zum Thema Sport beginnt mit folgendem Satz: „Wir ermutigen alle Menschen unabhängig ihres Alters Sport auszuüben und zu trainieren, sofern Maßnahmen ergriffen werden, um die Verbreitung von COVID-19 zu verringern.“ Im Vergleich dazu: In der aktuellen Information auf der Website des Österreichischen Bundesministeriums für Kunst, Kultur, öffentlicher Dienst und Sport dominieren die Begriffe „Maßnahmen“ und „geschlossen“.
Auch in den Beschreibungen der schwedischen Regeln, in denen die nationale Gesundheitsbehörde ein Eingrenzen der sozialen Kontakte nahelegt, dominiert das Pro der Sportausübung über das Kontra. Jugendsport ist im Vergleich zu den meisten anderen Ländern Europas fast uneingeschränkt möglich, die Vermeidung der Nutzung von Innenräumen wird mehrfach spezifisch empfohlen. Für die Erwachsenen gilt, dass Indoor-Sporteinrichtungen größtenteils bis 24. Jänner geschlossen, Sporteinrichtungen im Freien aber grundsätzlich geöffnet bleiben. In beiden Fällen beruft sich die schwedische Regierung auf die schwedische Gesundheitsbehörde. In den Empfehlungen heißt es weiter, Sportler sollten auf Sport verzichten, falls sie sich krank fühlen, engen zwischenmenschlichen Kontakt meiden, sich zu Hause umkleiden und Trinkflaschen nicht teilen.
 

Geringe Einschränkungen auch bei Nachbarn

Nicht nur in Schweden, sondern in allen skandinavischen Ländern spielt Public Health eine wichtigere Rolle als in Mitteleuropa. In den Mitte der Woche neu formulierten Verhaltensregeln empfiehlt die norwegische Regierung, die Sport im Kulturministerium führt, bis 19. Jänner auf Sport- und Freizeitaktivitäten im Inneren zu verzichten. Für Indoor-Veranstaltungen gilt diese Empfehlung nicht, sofern keine Zuschauer anwesend sind. Alle Sport- und Freizeitaktivitäten im Freien sind unter Einhaltung von Abstandsregeln möglich. Im Stufenplan der finnischen Regierung sind bei einer pandemischen Situation auf stabilem Niveau Sport- und Freizeitveranstaltungen unter Abstandshaltung erlaubt, die erlaubte Höchstteilnehmerzahl ist regional unterschiedlich. Beim höchster epidemischer Übertragung, also auf der drastischen Stufe, wären Limitierungen von Sport- und Freizeitaktivitäten auf maximal zehn Personen bis hin zum Verbot möglich. Wieder auf regionaler Entscheidungsebene. Auf Sport in der Gruppe soll dann möglichst verzichtet werden. Bei Kindern und Jugendlichen erwünscht sich die finnische Regierung „besondere Diskretion, sollte über eine Untersagung der Freizeitausübung von Kindern und Jugendlichen entschieden werden“. Nur in südskandinavischen Dänemark ist die Sportausübung ähnlich stark eingeschränkt wie in Mitteleuropa, die Ausnahme für den Spitzensport gilt ähnlich zu Österreich.