Ugandas Kampfansage an die Platzhirsche

© Dan Vernon for World Athletics

In Europa würde Uganda mit seinen 44 Millionen Einwohnern, die sich auf einer Fläche, die der dreifachen Österreichs entspricht, zu den größeren Staaten gehören. Auf dem weitläufigen afrikanischen Kontinenten ist es ein Kleinstaat, der natürliche Grenzen im Victoriasee und im Albertsee findet. Irgendwie liegt Uganda im Schatten des großen östlichen Nachbarn Kenia, das galt bis jetzt auch im sportlichen Sinne. Denn auf der internationalen Sportlandkarte ist Uganda gar ein Zwergstaat. Im Ewigen Medaillenspiegel der Olympischen Spiele liegt die ehemalige britische Kolonie auf Rang 78. Gleich viele Olympische Goldmedaillen wie Uganda können Liechtenstein und die Mongolei für sich verbuchen. Simbadwe, Trinidad & Tobago oder die Dominikanische Republik stehen besser dar. Kein Vergleich zu den regionalen Laufsport-Hochburgen Kenia und Äthiopien, die in der Gesamtwertung in den globalen Top-40 liegen und etliche Olympische Erfolge mehr aufweisen können – in der spezifischen Leichtathletik-Wertung gehören die beiden ostafrikanischen Länder zum absoluten Spitzenfeld. Dabei hätte Uganda geographisch ähnlich optimale Voraussetzungen wie Nachbar Kenia. Denn größtenteils liegt die bewohnte Fläche des Landes auf einem Plateau in rund 1.000 Metern Meereshöhe, was zur Lage am Äquator konstante Temperaturen im erträglichen Bereich über das ganze Jahr ermöglicht. Im Westen und Osten des Landes gibt es Höhenluft ähnlich, aber in geringerer Ausbreitung als in Kenia. Die besten Athleten des Landes gehören der Volksgruppe der Sebei im östlichen Uganda an und leben im von der Landwirtschaft geprägten, vulkanischen Gebirge rund um den Mount Elgon an der kenianisch-ugandischen Grenze – in einer Höhe zwischen 1.500 und 2.200m. Kenianische Medienberichte vergleichen die physischen Voraussetzungen dieses Stamms für Laufsport mit jenen der kenianischen Volksgruppe der Kalenjins, die bereits zahlreiche Laufstars herausgebracht hat. Vielleicht wird sich das in Zukunft auch bei den leichtathletischen Erfolgen niederschlagen.
 

Joshua Cheptegei wurde 2019 in Aarhus der erste Crosslauf-Weltmeister seines Landes. Uganda gewann damals auch die Nationenwertung – zum ersten Mal seit 1980 ging dieser Titel nicht an Kenia oder Äthiopien. © IAAF / Jiro Mochizuki

 

London 2012: Die Sternstunde eines Nationalhelden

Der erste große Sporthöhepunkt Ugandas reicht in das Jahr 1972 zurück. John Akii-Bua gewann bei den Olympischen Spielen von München Gold im 400m-Sprint und stellte dabei einen historischen Weltrekord auf – als erster Läufer unter 48 Sekunden. Der 1997 an einer Krebserkrankung verstorbene, elffache Vater erhielt Zeit seines Lebens in seiner Heimat aber nie die Anerkennung, die er verdiente. Als Christ war er im diktatorischen Regime von Idi Amin aus religiösen Motiven ein Feindbild und verbrachte sogar eine Zeit in Arrest. Der emotionale Sportheld der Bevölkerung Ugandas musste daher 40 weitere Jahre auf sich warten lassen. Stephen Kiprotich stürmte beim Olympischen Marathonlauf von London zur Goldmedaille, nachdem der kenianische Favorit Wilson Kipsang sich beim Griff in die Taktikkiste vertan hatte und er den amtierenden Weltmeister Abel Kirui im Finale distanzierte. Ein Jahr später wurde der Ugander in Moskau auch noch Marathon-Weltmeister, doch spätestens seit seinem Triumph in London flogen ihm die Herzen aller Landsleute zu.
Kiprotich war ein Einzelphänomen seines Landes, das außerdem Zeit seiner Karriere im Nachbarland Kenia trainierte. Acht Jahre später können Ugandas Erben aus einer erstmaligen, starken Breite im Spitzensport schöpfen. Aus dieser Gruppe stechen zwei Läufer heraus, die zur Weltklasse gehörten – so wie es Kiprotich trotz Olympiasieg und WM-Titel nie absolut getan hat: Joshua Cheptegei und Jacob Kiplimo sind längst die neuen Sporthelden Ugandas, denen es erstmals gelingen mag, die Konkurrenz aus den ostafrikanischen Hochburgen nachhaltig zu besiegen. Auch wenn Cheptegei laut offiziellen Angaben vier Jahre älter ist und jeder der beiden seine individuellen Spuren in der internationalen Leichtathletik hinterließ, haben sie irgendwie eine gemeinsame Geschichte.
 

Drama und Triumph in Kampala

Alles begann bei den Crosslauf-Weltmeisterschaften 2017, dem ersten großen internationalen Sportevent auf ugandischem Boden. Zehntausende begeisterte Lauffans drängten sich in den Kololo Independence Ground in Kampala und wähnten sich zu Zeitzeugen einer Sportsensation. Unerschrocken und mutig hatte der damals 20-jährige Joshua Cheptegei den haushohen Favoriten Geoffrey Kamworor attackiert und zog mit einer Führung von einigen Sekunden in die Schlussrunde. Beobachter berichteten nachher von der Intensität der Spannung, die in der Luft lag. Und von der Dramatik, als dem Youngster urplötzlich die Kräfte verließen und er völlig einbrach. Der Lärmpegel an der Strecke krachte nach unten. Nationalheld war ein anderer: Jacob Kiplimo hatte nur wenige Stunden zuvor im Rennen der Junioren triumphiert.
Das Talent der beiden war unbestritten und in weiterer Folge unübersehbar. Cheptegei musste sich bei den Weltmeisterschaften 2017 in London im 10.000m-Lauf lediglich Superstar Mo Farah geschlagen geben, zwei Jahre später in Doha holte er aus der Favoritenrolle heraus die Goldmedaille. Bei den Commonwealth Games 2018 triumphierte er auf beiden Langdistanzen, mit dem Triumph von Stellah Chesang (10.000m) gelang auch ein seltener bei den Frauen. Der kenianische Sportjournalist Bernabas Korir formulierte in der Tageszeitung „Daily Nation“ nach dem Ende der Commonwealth Games von Gold Coast in seiner Kolumne: „Wir kehren zurück nach Hause mit dem Wissen, dass wir einen großen Kontrahenten vor der Haustür haben.“ Und es sei nicht länger „business as usual“, angespielt auf die Dauerrivalität zwischen Kenia und Äthiopien. „Ich meine Uganda!“ Den größten Sporttag seit dem Olympischen Marathon 2012 für Uganda stellte jedoch die Crosslauf-WM in Aarhus 2019 dar. Cheptegei triumphierte vor Kiplimo, der im Alter von 18 Jahren in der Allgemeinen Klasse angetreten war. Favorit Kamworor musste sich mit Bronze begnügen.
 

Jacob Kiplimo, Ugandas Rekordhalter im Halbmarathon und erster ugandischer Weltmeister im Halbmarathon. © Dan Vernon for World Athletics

 

Zwei Weltrekorde für Cheptegei

In der kurzen Wettkampfsaison 2020 war es das Duo aus Uganda, das die Schlagzeilen im Laufsport schrieb. Joshua Cheptegei verbesserte in Monaco den Weltrekord im 5.000m-Lauf auf eine Zeit von 12:35,36 Minuten, in Valencia jenen im 10.000m-Lauf auf eine Zeit von 26:11,00 Minuten – beide Bestmarken hatten lange Jahre Kenenisa Bekele gehört. Und bei der Halbmarathon-WM in Gdynia lieferte Jacob Kiplimo sein Meisterstück ab, als er den Kenianer Kibiwott Kandie, der später in Valencia Weltrekord laufen sollte, besiegte und historisches Gold für Uganda gewann.

Freundschaft und Rivalität in Kapchorwa

So sehr sie gemeinsam die Spitze des ugandischen Laufsports bilden, so sehr sind sie Konkurrenten. Das liegt in der Natur der Dinge und wird verschärft dadurch, dass die beiden für konkurrierende Trainingsgruppen laufen, auch wenn sie beide hauptsächlich in Kapchorwa trainieren. Joshua Cheptegei repräsentiert die NN Running Group von Global Sports Communication und wird von Manager Jurrie van der Velden vertreten. Jacob Kiplimo, in einem Nachbardistrikt von Cheptegeis Geburtsort auf die Welt gekommen, läuft für die Agentur Rosa Associati von Federico Rosa, die nach etlichen Dopingfällen kenianischer Athleten nicht unbedingt den besten Ruf hat.
Die sportliche Ausbildung hat der Rohdiamant in Italien genossen, wohin er geflüchtet war, nachdem ihm der Verband seines Landes eine Nominierung für die Berglauf-WM 2015 verwehrte. Als 14-Jähriger hatte Kiplimo die nationalen Vorausscheidungen jenes Landes gewonnen, das die Berglauf-Weltmeisterschaften seit Jahren bei den Männern dominieren. Die Begründung: Er wäre zu jung für internationale Auftritte. Erst vor wenigen Jahren kehrte er zurück in seine Heimat und wird vom Rosa-Vertrauten Iacopo Brasi, einem jungen Trainer aus der Nähe von Bergamo mit beeindruckend vielschichtiger universitärer Erfahrung, gecoacht. Ihm, so sind sich die Experten nach den eindrucksvollen Auftritten im Jahr 2020 einig, gehört die Zukunft auf den Laufdistanzen – sowohl auf der Bahn als auch auf der Straße. Vielleicht nicht nur die mittel- und langfristige, sondern auch die sofortig anstehende.
 

Addy Ruiter: der Erfolgstrainer hinter Cheptegei

Die nähere Zukunft und die unmittelbar erweiterte Gegenwart könnte aber noch seinem routinierteren Landsmann gehören, der wohl nicht wie offiziell bei World Athletics registriert im Jahr 1996, sondern als eines von neun Geschwistern bereits vier Jahre früher geboren wurde – das haben er und Athletenmanager Jos Hermens bereits öffentlich bekannt gegeben. Das würde bedeuten, dass er bei seinem Junioren-WM-Titel 2014 in Eugene gar nicht startberechtigt sein hätte dürfen. Cheptegeis Erfolgsgeschichte ist untrennbar mit dem Namen Addy Ruiter verbunden. Der holländische Laufcoach, der bereits in 97 Ländern der Welt zu Gast war, wurde von Hermens einst gefragt, ob er sich vorstellen könnte, sich für einige Jahre beruflich in Uganda niederzulassen. Als Chef der örtlichen Trainingsgruppe des NN Running Teams. Er willigte ein, packte seine Koffer in seiner holländischen Heimat und reiste in ein Trainingsgelände, das laut Schilderungen de facto eine holprige Grasbahn mit einem allmählichen Anstieg war. Flache Stellen gab es keine, nur hügeliges Terrain. Hier konnte man nur bergauf und bergab laufen. Ruiter war in der ostugandischen Kleinstadt Kapchorwa gestrandet, in einer fremden Kultur. Das Haus, in dem er leben sollte, hatte keinen Stromanschluss. Kerzen erhellten das Innere, wenn dem Tageslicht die Zeit ausging. „Ich habe jeden einzelnen Augenblick geliebt, seit ich diese Entscheidung getroffen habe“, sagt der als bescheiden und zurückhaltend bezeichnete Coach.
 

© NN Running Team

 

„Der neue Standard“

Ruiter blieb, auch und vor allem wegen Cheptegei. Er erkannte das Potenzial zum Weltklasseathlet des Sohns zweier Lehrpersonen, der ein Jahr lang sogar die Universität besuchte. Rutier bezeichnet Cheptegei als „intelligenten Jungen“, der höchstmotiviert sei und mit dem eine Zusammenarbeit leicht sei. Selbst als die Pandemie im Frühling Europa und die restliche Welt plötzlich lahm legte und im Ausland verweilende Europäer fluchtartig von den Regierungen ihrer Heimatländer heimgebracht wurden, entschied sich der Holländer in Uganda zu bleiben. Dort arbeitete das Trainer-Athleten-Gespann akribisch auf die Weltrekordläufe hin. Weit entfernt von den Problemen, mit denen sich die Welt seit Monaten plagt. Nach der Traumsaison wählte der stille Coach ungewöhnlich große Worte. Cheptegei sei fitter als es Bekele jemals war. Und: „Sein Wunsch ist es, der beste Läufer der Geschichte zu werden. Mit seiner Laufökonomie, seine ganz große Stärke, ist ihm vor allem im Straßenlauf alles zuzutrauen. Ich denke, er wird einen sub-2-Marathon laufen. Er ist der neue Standard!“
 

Vorfreude auf das neue nationale Trainingszentrum

Ruiter und Cheptegei beiden haben einen langfristigen Masterplan: 2021 soll Joshua Cheptegei in Tokio Olympiasieger im 10.000m-Lauf werden, 2024 in Paris endgültig in Kiprotichs Fußstapfen treten und Marathon-Olympiasieger werden. Bis dahin, so kalkuliert Ruiter, würde er mindestens in Kapchorwa bleiben. Fehlender Strom dürfte längst keine Sorge mehr sein – in der Nähe von Kapchorwa, in Teryet entsteht gerade das National High Altitude Training Centre in einer Meereshöhe von 2.573 Metern, in erster Linie für Leichtathleten, aber auch für Fußballer und Rugbyspieler. Die höchsten Sportfunktionäre Ugandas reisten kürzlich in die bergige Provinz zum Lokalaugenschein. Nächstes Jahr soll das Trainingszentrum nach einigen Verzögerungen, auch durch SARS-Cov-2, endlich öffnen und damit den ugandischen Laufhoffnungen das infrastrukturelle Trainingsniveau im Alltag bieten, welches Läuferinnen und Läufer in kenianischen und äthiopischen Trainingszentren längst standardmäßig genießen. Dann, so hofft der ugandische Leichtathletik-Verband, könnten Ugandas Läuferinnen und Läufer von einem Leistungsboost profitieren und nachhaltig mit Kenia und Äthiopien im Konzert der Großen in der ersten Reihe stehen.
 

Faszinierendes Duell

Bei den Männern könnte Uganda in den nächsten Jahren nicht nur eine wichtige, sondern die dominante Rolle spielen. Wer jetzt an die Olympischen Spiele denkt, könnte ein rein ugandisches Duell um die Goldmedaillen auf den Langstrecken vor seinen Augen ablaufen sehen. Cheptegei gegen Kiplimo, ein Generationenduell, ein Duell der Nachbarn, ein Duell der Kontrahenten aus verschiedenen Trainingsgruppen, ein Duell, das Uganda und Millionen Lauffans über die Grenzen des Heimatlandes hinaus fesseln könnte.
Interessant übrigens, dass Uganda nur bei den Männern als aufsteigende spitzensportliche Macht im Laufsport gilt. Die Frauen sind weder im Straßenlauf noch auf der Bahn Weltklasse und schon gar nicht konstant. Doch erste Signale gibt es: Halimah Nakaayi, wie Cheptegei Schützling von Addy Ruiter, wurde 2019 in Doha überraschend Weltmeisterin im 800m-Lauf. Bisher eine Art One-Hit-Wonder, aber ihre Leistungssteigerung in den letzten Jahren ist genauso wie jene ihrer Trainingspartnerin Winnie Nanyondo bemerkenswert. Vielleicht gibt es eine zeitliche Verzögerung und dieser Triumph von Doha wird die Grundlage des Aufstiegs. Wie jener von Stephen Kiprotich in London für seine hoch veranlagten Erben Joshua Cheptegei und Jacob Kiplimo. Die sich anschicken, die Laufwelt der Zukunft zu dominieren und den Größen Kenia und Äthiopien eine nachhaltig spannende Herausforderung zu bieten.