Andreas Vojta im Interview: „Gefühl wie in meinen besten Zeiten“

Einen, wenn nicht sogar zwei Schritte näher an Tokio hat ihn die starke Saison 2020 gebracht, schätzt Andreas Vojta im RunAustria-Interview. Warum es plötzlich wieder so gut lief, kann er nicht festmachen. Dafür gibt er Einblick in sein sportliches Schaffen und in wichtigen Themen seines Lebens als Spitzensportler.

© ÖLV / Alfred Nevsimal

 

  • Die erfolgreiche Saison 2020: „Ich bin definitiv einen, wenn nicht sogar zwei Schritte näher an Olympia dran.“
  • Die Höhen und Tiefen seiner Karriere: „Ich bin selbstbewusst genug zu sagen, dass eine EM-Medaille in Helsinki sehr realistisch gewesen wäre.“
  • Entwicklungen in der Leichtathletik: „Man darf unsere Sportart nicht mit dem Wir-haben-das-Immer-so-gemacht-Gedanken in den Untergang reiten.“

 
Das Wettkampfjahr 2020 war für Andreas Vojta (team2012.at) ein Erfolg. Dank einer wesentlichen Leistungssteigerung im Vergleich zu den letzten Jahren konnte er auch international Akzente setzen, am stärksten beim 5.000m-Lauf im Rahmen des Meetings in Ostrava, als der 31-Jährige seine persönliche Bestleistung um fast 13 Sekunden auf eine Zeit von 13:24,03 Minuten verbesserte. Dank dieser erfreulichen Entwicklung hat der Niederösterreicher seine erste Olympia-Teilnahme seit neun Jahren wieder fest im Blick.
 

Andreas Vojta nach seinem starken Auftritt in Ostrava. © Olaf Brockmann
 
Im großen RunAustria-Interview, für das sich Vojta dankenswerterweise sehr viel Zeit nahm, blickt Österreichs seit rund einem Jahrzehnt dominierender Mittel- und Langstreckenläufer auf der Bahn zurück auf die Trendwende, die die guten Leistungen im vergangenen Jahr vorbereitete. Im zweiten Teil des Gesprächs versucht er Höhen und Tiefen seiner Karriere zu analysieren – vom Sturz im EM-Finale von Helsinki 2012 bis zu jenen Jahren, in denen er international nicht konkurrenzfähig war. Und im letzten Abschnitt nimmt der stets kritische und offene Athlet Stellung zu einigen wichtigen Themen, die seinen Alltag als Spitzensportler begleiten.
 
 
RunAustria: Simple Frage, vermutlich schwierige Antwort: Was war 2020 anders als die Jahre davor?
Andreas Vojta: „Wenn ich das einfach so definieren könnte… Ich habe in meiner Laufbahn gelernt, dass es diese unberechenbare Komponente gibt. In einigen Jahren hat es gut funktioniert, in anderen nicht, ohne jeweils zu wissen, woran es genau lag. Das kann für einen Sportler frustrierend sein, andererseits ist diese Unberechenbarkeit etwas Schönes am Sport. Ich habe mich mit meinem Trainer Willy Lilge sehr fokussiert auf 2020 vorbereitet, mit dem ursprünglichen Ziel Olympische Spiele. Training, Erholung und das Drumherum haben sehr gut gepasst und mein Körper war anscheinend wieder bereit. Ich freue mich einfach, dass das Pendel wieder Richtung positiv ausgeschlagen hat.“
 
Fühlst du dich so stark in deinen besten 1.500m-Zeiten, in den Jahren 2012-2014?
„Vom subjektiven Gefühl her würde ich das schon vergleichen. Spezifische, vergleichbare Trainingseinheiten zeigen mir, dass ich dieselben Zeiten von damals jetzt auch laufen könnte, würde ich dasselbe trainieren. Ich kann mich natürlich gut an das Gefühl von früher im Training und in Wettkämpfen erinnern. Ich habe es bereits in der Hallensaison gemerkt, aber definitiv in Ostrava. Wenn du gut drauf bist, hast du im Rennen einfach ein Gefühl, dass es geil wird, dass es Spaß macht, obwohl der Wettkampf natürlich hart wird. “
 
2020 war ein außergewöhnliches Jahr: Kannst du zwei besonders emotionale Momente herauspicken, die dir in Erinnerung geblieben sind: einen innerhalb, einen außerhalb des Sports?
„Sportlich war für mich natürlich der 5.000er in Ostrava das Highlight. Die Wettkampfmöglichkeiten waren eingeschränkt und ich habe gespürt, dass sportlich einiges möglich ist. Alles hat geklappt – das Training davor, die Umstände vor Ort, die Zusammensetzung des Feldes, die Tagesform. Es ist einfach ein super Gefühl, wenn man die eigenen Erwartungen und die Erwartungen des Umfelds erreicht oder sogar übertrifft. Abseits vom Sport bleibt mir in Verbindung zu 2020 jener Tag im März in Erinnerung, bevor der Lockdown begonnen hat, aber die Maßnahmen bereits beschlossen waren. Ich habe meine Schwester in Wien abgeholt, damit sie bei uns im Haus sein kann und nicht in der kleinen Stadtwohnung bleiben muss. Es herrschte eine seltsame Stimmung, schließlich haben nicht einmal meine Eltern jemals erlebt, dass man normale Sachen wie Einkaufen plötzlich nicht mehr machen darf. Gespenstisch! Irgendwie war auch ein bisschen Neugierde dabei.“
 

„Wenn du das richtige Rennen hast – eine Verbesserung von fünf bis zehn Sekunden am Tag deines Lebens, wieso nicht?“

 
Vieles aus dem Sportjahr 2020 konnte leider nicht stattfinden. Ich bin so frech und sage, die Verschiebung der Olympischen Spiele kommt dir entgegen. Wie nahe fühlst du dich einer Qualifikation?
„Ich bin definitiv einen, wenn nicht sogar zwei Schritte näher dran, als wenn die Olympischen Spiele an ihrem ursprünglichen Termin stattgefunden hätten. Das sieht man nicht nur an der deutlichen Steigerung der Bestleistung, sondern auch an meinen sehr guten Trainingsleistungen. Wenn man mit einer Leistung aus dem vorolympischen Jahr herausgeht, die als direkte Qualifikation für die letzten Spiele gereicht hätte, geht man auch vom Kopf her ganz anders an die Aufgabe heran. Mehr Spaß, mehr Selbstvertrauen. Mein Ziel und meine Hoffnung sind, dass ich dieses höhere Niveau nun halten und auf diesem Level in die neue Saison starten kann. Seit Ostrava weiß ich, dass ich sub-13:20 attackieren kann und dann wird’s interessant Richtung Olympia-Qualifikation.“
 
Welcher Weg ist für dich wahrscheinlicher: direktes Limit (13:13,50 Minuten, Anm. d. Red.) oder über die Weltrangliste? Falls Zweiteres, welche Wettkämpfe werden für dich besonders wichtig sein?
„Natürlich würde ich mir das Limit wünschen. Das heißt de facto, ich müsste österreichischen Rekord laufen (Günther Weidlinger, 13:13,44, Anm. d. Red.). Ich würde sagen, dieses Ziel für die nächste Saison wäre für mich gleich schwierig zu erreichen wie die Olympia-Qualifikation in der abgelaufenen. Also sehr ambitioniert, vielleicht ein nicht ganz greifbarer Wunsch, aber utopisch auch wieder nicht. Wenn du das richtige Rennen hast – eine Verbesserung von fünf bis zehn Sekunden am Tag deines Lebens, wieso nicht?
Realistischerweise werde ich aber die Variante mit der Weltranglistenposition in den Fokus rücken. Die Kombination aus drei Wettkämpfen wären meine Bausteine für die Olympia-Quali, wenn man so will. Erstens: Ich will in der Hallensaison eine neue Bestzeit über 3.000m laufen, im Optimalfall Richtung 7:45 Minuten. Idealerweise bei einem guten Meeting, wo ich ein paar Bonuspunkte bekomme. Es wird ein reduziertes Angebot in der Hallensaison geben, in Karlsruhe stünde ein 3.000m-Lauf in der höchsten Meetingkategorie auf dem Programm, wo man als Siebter oder Achter auch noch Bonuspunkte abstauben könnte. Der zweite Schritt, und das ist der wichtigste, sind die österreichischen Meisterschaften im 5.000m-Lauf, weil es einfach extrem viele Bonuspunkte gibt. Es wird essentiell sein, eine Konstellation für ein schnelles Rennen zu schaffen. Staatsmeister in 14:30 Minuten zu werden, ist zwar nett, bringt mir aber für die Olympia-Quali wenig. Wertvolle Bonuspunkte gibt es nur bei einer entsprechenden Siegerzeit und der ÖLV ist dankenswerterweise sehr engagiert, Voraussetzungen zu schaffen, dass ich die Ziele, Staatsmeister zu werden und eine schnelle Zeit zu laufen, vereinen kann. Als letzten Baustein muss ich ein gutes Rennen wie in Ostrava raushauen, in dem ich die 13:20 attackiere, was ebenfalls viele Bonuspunkte liefert. Mit dem neuen System der Weltrangliste kommst du dir als Athlet manchmal wie ein Mathematiker vor und musst ständig Rechnungen anstellen.“
 

In der Rolle des Tempomachers bei den Marathon-Meisterschaften vor eineinhalb Wochen. © SIP / Thomas Kofler
 
Dein Auftritt bei den Marathon-Meisterschaften, wo du 28 Kilometer im Olympia-Limit-Tempo gelaufen bist, zeigt mir, die Fitness in der Vorbereitung auf 2021 stimmt. Was steht über die Weihnachtsfeiertage auf deinem Trainingsplan?
„Die gute Grundlage ist da, jetzt kommt die Phase, wo es gilt, das Training zu schärfen. Ich will mich in kleinen Schritten von Woche zu Woche an das wettkampfspezifische Tempo herantasten. Ich kann mich voll auf das Training konzentrieren, weil im nächsten Monat keine Wettkämpfe anstehen. Aufgrund der Unplanbarkeit von Reisen gehe ich davon aus, dass ich kein Trainingslager absolviere, sondern in Österreich bleibe. Ich finde hier gute Voraussetzungen vor, sofern man uns nicht wieder aus den Stadien aussperrt.“
 
 
Machen wir einen thematischen Sprung von der Gegenwart in die Vergangenheit. Erlaube mir bitte ausnahmsweise eine hypothetische Frage: Was wäre anders verlaufen, hättest du in Helsinki 2012 eine EM-Medaille gewonnen?
„Ich traue mich da keine Hypothesen aufzustellen. Einerseits hätte das sicher einen enormen Druck bedeutet. Ich kenne viele Medaillengewinner, die nachher in der Versenkung verschwunden sind. Andererseits wäre es eine große Freude gewesen und hätte eine Riesen Portion Selbstvertrauen gegeben. Ich glaube, es hätte mich stärker gemacht. Ich bin jedenfalls selbstbewusst genug zu sagen, dass es in diesem Rennen sehr realistisch gewesen wäre. Ich weiß, wie das Gefühl war, meine Form, der Vorlauf. Ich hätte damals sicher einiges mehr an medialer Aufmerksamkeit bekommen, denn in dem Moment wäre ich als EM-Medaillengewinner eine der größten Hoffnungen der österreichischen Leichtathletik gewesen. Wenn ich darüber nachdenke, wie es in einem Wettkampf sein soll, dann kommt mir immer Helsinki ins Gedächtnis. Es ist mein Ziel, wieder in der Verfassung von damals zu sein, weil dieses Erlebnis mir gezeigt hat, dass im Optimalfall auch eine EM-Medaille herausschauen kann.“
 
In deiner Karriere bemerkt man einen deutlichen Bruch rund um die EM 2014 in Zürich. Was ist damals passiert?
„Im Detail weiß ich es nicht. Ich bin kurz davor noch meine 1.500m-Bestzeit gelaufen, die EM in Zürich war dann schlecht, die Halle schlecht und der Saisoneinstieg 2015 in einem richtig guten Rennen mit einer 3:51 ziemlich schlecht. Vielleicht hat mein Körper nach vier, fünf Jahren Höchstleistung sich seine Zeit genommen. Über ein Spezifikum kann ich nur spekulieren. Ich habe Anfang 2019 mit der Teamärztin einen Blutwert, der seit langem hoch war, besprochen und sie hat mich an einen Spezialisten verwiesen. Viele Leute haben unbemerkt Parasiten im Magen, die die Regeneration beeinträchtigen können. Vielleicht war das ein kleiner Punkt, der minimal gekostet hat, aber sich im Höchstleistungsbereich einfach groß auswirkt. Vom Timing her würde es halt passen, weil seit Mitte 2019 habe ich das therapieren lassen und dann habe ich sofort in Peuerbach und in der Halle guten Leistungen gebracht. Aber vielleicht sieht man auch die Lösung, die man sehen will.“
 

„Wenn man von der Mittelstrecke kommt, ist ein ,5er’ auf hohem Niveau sehr schwierig. In Ostrava habe ich mir erstmals gedacht: ,Ja, das fühlt sich richtig an.’“

 
In deiner Karriere hast du dich hauptsächlich auf zwei Olympische Distanzen konzentriert, 1.500m und 5.000m. Nimm uns bitte in deine Wettkampf-Gedankenwelt mit: Was sind die Unterschiede im Detail?
„Der 1.500m-Lauf ist die ultimative Kombination von Ausdauer und Schnelligkeit. Man muss beides gut beherrschen. Ohne Ausdauer kommst du nicht durch. Ohne Schnelligkeit hast schlechte Karten, insbesondere in Meisterschaftsrennen. Vom Renngefühl her läufst du schnell an und auch wenn es sich zu schnell anfühlt, muss es irgendwie gehen. In meinen besten 1.500m-Rennen hatte ich gar keine Zeit, mir irgendwelche Gedanken über das Rennen zu machen. Es geht einfach dahin und schon bist du auf der Schlussrunde. Die tut weh, aber du kannst eh nur mehr Vollgas geben.
Der 5.000m-Lauf ist ausdauerlastig. Im Training sind die harten Einheiten nicht so laktazid. Die Laufökonomie ist viel wichtiger, daher übt man das kontrollierte Wettkampftempo. Das Renngefühl war für mich am Anfang eine große Herausforderung und da muss ich immer noch dazu lernen. Du läufst einmal den ersten Kilometer und dann kommen zwei Kilometer in der Rennmitte, wo das Potenzial da ist, zurückzufallen, wenn’s weh tut. Über diese Phase muss man drüber kommen. Man muss ruhig bleiben, denn im Gegensatz zur Mittelstrecke hat man Spielraum. Wenn du den letzten Kilometer ordentlich draufdrücken kannst, kannst du noch viel aufholen. Unter dem Strich ist es ein massiver Unterschied. Wenn man von der Mittelstrecke kommt, ist ein ,5er’ auf hohem Niveau sehr schwierig. In Ostrava habe ich mir erstmals gedacht: ,Ja, das fühlt sich richtig an.’“
 

© ÖLV / Alfred Nevsimal
 
Du dominierst in Österreich die Szene seit einer gefühlten Ewigkeit. Wünscht du dir manchmal stärkere Konkurrenz? Und ist es nicht seltsam, dass du, sozusagen improvisierend, bei vielen deiner Tempoläufe im Training mit Marathonläufern unterwegs bist?
„Der Marathon in Österreich hat sich unheimlich entwickelt, die Marathonläufer sind die ,dominante Spezies’ im heimischen Laufsport. Eine Trainingsgruppe kann dir immer helfen und ich brauche halt Leute, die ein gewisses Leistungsniveau mitbringen. Auch wenn es in der direkten Wettkampfsaison mit spezifischem Training nicht zusammenpasst, im Aufbau und in Grundlageneinheiten harmoniert das ganz gut.
Natürlich wünsche ich mir stärkere Konkurrenten auf meinen Strecken, das wäre auch für die Leichtathletik in Österreich gut. Es wäre positiv für die Motivation, weil ein anderer Druck da wäre. Ich sehe das Potenzial bei Kevin Kamenschak und hoffe, dass er mich spätestens bei den nächstjährigen Staatsmeisterschaften ordentlich fordern kann.“
 
 
Du bist genauso wie dein Trainer Willy Lilge bekannt dafür, kritisch zu sein und dass ihr Fehlentwicklungen mit klaren Worten ansprecht. Bewerte bitte die internationale Leichtathletik: Was läuft gut, was läuft schlecht?
„Ich glaube, dass sich die Leichtathletik unter ihrem Wert verkauft. Es ist für mich unverständlich, dass ich Billard und Darts im Fernsehen sehen kann, aber um früher Usain Bolt bei einem Diamond-League-Meeting sprinten zu sehen, musste ich mir einen russischen Stream suchen. Da passt irgendwas nicht. Außerdem hat man in vielen Fällen daher als Verband keine Präsentationsmöglichkeiten der Sponsoren und als Athlet schon gar nicht. Ich verstehe, dass die Leichtathletik in einer Welt, in der man sich tausend verschiedene Sachen anschauen kann, von Sport über e-sports bis Unterhaltung, manchmal nicht als das Attraktivste angesehen wird. Man muss sich dahingehend konkrete Gedanken machen. Dass die Leichtathletik die Mutter aller Sportarten ist, stimmt zwar und ist schön. Aber irgendwann bringt dir das halt auch nichts mehr, wenn du nicht mit der Zeit gehst.
Und über das Thema Doping muss man auch sprechen. Sicherlich ist in der Leichtathletik vieles besser als in anderen Sportarten, klareres Vorgehen, härtere Sanktionen. Aber das reicht nicht, wenn Episoden wie die Terminverschiebungen rund um verpassten Kontrolltermine von Christian Coleman passieren, der jetzt eh noch drangekommen ist, oder dass Justin Gatlin noch laufen und Weltmeister werden durfte. Da muss man sich klar positionieren, sonst droht man, die Glaubwürdigkeit des Sports zu zerstören. Als fairer Sportler ist es extrem zach, wenn man zum Handkuss kommt, weil gewisse Leute mit Samthandschuhen angefasst werden, wenn Drastischeres längst fällig wäre.“
 
Was hältst du von der Neusortierung des Kalenders mit der Continental Tour? Er enthält zwar kein österreichisches Meeting, aber viele in Nachbarregionen. Sind da gute Startmöglichkeiten für dich dabei?
„Ich bin zweigespalten. Die Einführung der Weltrangliste und der diversen Meetingkategorien kann unfair sein, weil es nicht so objektiv ist wie ein Limit. Aber die Leichtathletik muss sich anpassen und innovativ sein. Man darf unsere Sportart nicht mit dem Wir-haben-das-Immer-so-gemacht-Gedanken in den Untergang reiten. Aus meiner Sicht ist es legitim, Neues auszuprobieren. Ich bin ein Freund davon. Oft übersehen Funktionäre halt, dass die Sportler die Hauptakteure sind und sollten öfters die Innovationen an ihre Wünsche anpassen. Denn ohne Athleten keine Show!“
 

„Als fairer Sportler ist es extrem zach, wenn man zum Handkuss kommt, weil gewisse Leute mit Samthandschuhen angefasst werden, wenn Drastischeres längst fällig wäre.“

 
Siehst du eine positive Entwicklung bei den finanziellen Anreizen für Athleten, die jetzt nicht in der Weltelite sind? Ist da die Continental Tour eine Hilfe?
„Ich sag es ganz ehrlich: Preisgelder sind bei uns, abgesehen von den wirklich Weltbesten, kaum relevant, besonders auf meinem Leistungslevel. Es geht um es coole Events mit guten Starterfeldern. Wenn du nicht beim Bundesheer bist und weitere Förderungen bekommst, ist eine Leichtathletik-Karriere in Österreich kaum zu stemmen. Denn dann grundelst du im Bereich der Mindestsicherung herum, selbst wenn du potenzieller Olympia-Teilnehmer wärst. Als finanziellen Anreiz würde ich die Serie nicht sehen. Indirekt könnte sie eine bessere Präsentationsmöglichkeit sein und davon könnte man mittel- und langfristig zehren, wenn Sponsoren effektiver angezogen werden könnten.“
 

© ÖLV / Erik van Leeuwen
 
Du ernährst dich seit einigen Jahren aus ethischer Überzeug vegan. Was war oder ist die größte Herausforderung für dich, um die speziellen Ernährungsbedürfnisse, die du als Spitzensportler hast, zu stillen?
„Keine. Wer gut informiert ist, bekommt alle wichtigen Nährstoffe problemlos. Das ist eine organisatorische Frage, die sich durch gezieltes Interesse beinahe automatisch lösen lässt. Am Anfang ist es eine Umgewöhnung, wo sich der Körper binnen einiger Wochen anpasst. Seither ist vegane Ernährung für mich völlige Normalität.“
 
Welchen Ratschlag hast du für Läuferinnen und Läufer, die sich für vegane Ernährung interessieren, parat?
„Man kann sich mit jeder Ernährungsform gut oder schlecht ernähren. Daher möchte ich den Leuten mit auf den Weg geben, sich generell mit Ernährung zu beschäftigen. Was den Veganismus betrifft, haben viele aus Unwissenheit ein falsches Verständnis. Wenn man sich aus gesundheitlicher, ethischer und ökologischer Perspektive richtig informiert, fallen viele Vorurteile und man wird drauf kommen, dass man bis auf wenige Ausnahmen alle Speisen genauso konsumieren kann.“
 

„Man kann sich mit jeder Ernährungsform gut oder schlecht ernähren.“

 
Du bis auf Social Media sehr aktiv und nimmst Sportinteressierte bei der Hand, teilst mit ihnen deine Erfahrungen und sie profitieren von deinem Wissen. Ich würde sagen, damit leistest du einen Beitrag für gesellschaftliche Gesundheit. Hast du das Gefühl, dass dieser Einsatz seit einigen Monaten noch wertvoller ist, weil die Pandemie der Gesellschaft schonungslos aufzeigt, dass wir in Österreich gar keinen so gesunden Lebensstil führen, wie wir geglaubt hätten?
„In diesem Punkt stimme ich dir zu. Im Schnitt würden die Leute ihre Gesundheit besser einschätzen als sie in Wirklichkeit ist, sowohl was Ernährung als auch körperliche Aktivität betrifft. Durch die Pandemie wurde das Bewusstsein dafür geschärft. Ich merke ein verstärktes Interesse, beispielsweise an meinen Online-Workouts. Ich versuche generell offen zu sein und freue mich, dass das Angebot verstärkt angenommen wird. Ich hoffe, dass das Interesse hoch bleibt.“