Bewegung effektivstes Mittel gegen Demenz

Rund 100.000 Österreicherinnen und Österreicher leiden an Demenzerkrankungen, der Großteil an Alzheimer. Laut etlichen wissenschaftlichen Erkenntnissen ist regelmäßige Bewegung sowohl in der Prävention als auch der Therapie im Anfangsstadium der Erkrankungen das effektivste Mittel der Linderung.

© SIP / Johannes Langer

 

  • Regelmäßige sportliche Bewegung senkt das Risiko an Demenz zu erkranken erheblich
  • Physische Aktivität ist die wirksamste Maßnahme, Alzheimer im Anfangsstadium zu bremsen
  • Inaktivität gilt in der westlichen Welt als Hauptrisikofaktor für Demenzerkrankungen

 
Wer auf den ersten Blick das Laufen als zielführenden Weg zu körperlicher Gesundheit anerkannt hat, wird spätestens auf den zweiten feststellen, dass positive Auswirkungen auf die geistige Gesundheit durch regelmäßige Bewegung ein mindestens genauso erfreulicher Effekt sind. Wissenschaftliche Befunde der letzten Jahre kreieren Einigkeit darüber, dass moderate Bewegungsformen, darunter Laufen, ausgeübt in Regelmäßigkeit – und die Betonung liegt auf die Begriffe „moderat“ und regelmäßig“ – die Gehirn- und Gedächtnisfunktion verbessern sowie zu besserer Aufmerksamkeit und höherer Konzentration führen. Zusammenfassend also zu einer höheren mentalen Leistungsfähigkeit und Belastungsfähigkeit auf der einen sowie zu besserer mentaler Gesundheit auf der anderen Seite.
 

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Prävention gegen Demenzerkrankung und Therapiemittel im Frühstadium

Dies führt dazu, dass Sport längst ein anerkanntes, weil einfaches und effektives Therapiemittel gegen Depressionen und andere mentale Erkrankungen ist. In langfristiger Prävention, so zeigen wissenschaftliche Erkenntnisse, ist regelmäßige Bewegung auch in der Lage, das Risiko von Demenzerkrankungen wie Alzheimer, das um die 70% aller Demenzerkrankungen ausmacht, zu reduzieren. Meist empfohlen in Kombination mit Denkaktivitäten und gesunder Ernährung. Warum das gesellschaftlich ausgesprochen wichtig ist? Erstens, weil Alzheimer medikamentös nicht heilbar und auch nicht besonders effektiv therapierbar ist. Zweitens leiden in Europa heute rund zehn Millionen Menschen an Demenzerkrankungen. Rund 100.000 Menschen sind es in Österreich, die Zukunftsprognose liegt am Ende eines bedenklichen Trends: In 30 Jahren sollen es weit über doppelt so viele sein. Inaktivität gilt in Europa und Nordamerika als größter Risikofaktor für die Entwicklung von Demenzerkrankungen.
 

Prävention dank frischer Gehirnzellen

Eine vor gut einem Jahr im „Journal of Alzheimer’s Disease“ veröffentlichte Studie von texanischen Wissenschaftern hält nicht nur fest, dass regelmäßige Bewegung generell das Gedächtnis fit hält und es langsamer altern lässt, d.h. den natürlichen Rückgang der Gedächtnisfunktion bremst, sondern auch bei Alzheimer-Risikogruppen und sogar diagnostizierten Patienten dieser Effekt noch genießbar ist. Mit einem Umfang von einer halben Stunde moderater Bewegung vier- bis fünfmal pro Woche verlangsamt sich laut den Studienerkenntnissen die Ausbreitung des Peptid Beta-Amyolid, welches das Volumen des Hippocampus, des Gedächtniszentrums im Gehirn, sukzessive verkleinert und damit zu Demenz führt. Sprich, die Ausbreitung von Alzheimer kann mit aktiver Betätigung verlangsamt werden.
Studienergebnisse wie diese lassen vermuten, dass ein aktives Leben eine präventiven Schutz gegenüber Demenzerkrankungen aufbaut. Dafür gibt es noch nicht viele konkrete wissenschaftliche Belege, aber sie häufen sich in den letzten Jahren. 2019 erschien im Fachmagazin „Neurology“ eine Studie eines Forscherteams der Universität in Göteborg unter der Leitung von Dr. Jenna Najar. Die Wissenschafter, die 800 Schwedinnen in einem 44-jährigen Untersuchungszeitraum beobachteten, kamen zum Schluss, dass mentale Aktivität das Risiko von Demenz um 34%, sportliche Aktivität um 52% senkt – jeweils natürlich über einen längeren Zeitraum, was bedeutet, den Benefit kann man sich schon in jungen Jahren aufbauen. Eine aktuelle Studie aus dem „Journal of Alzheimer’s Disease schätzt die Risikoverminderung durch einen Laufumfang von rund 25 Kilometern pro Woche auf rund 40%. Eine britische Studie setzt das Risiko um 60% geringer an, wenn fünf Verhaltensweisen komibiniert werden (regelmäßiger Sport, Nicht-Raucher, moderater Alkoholkonsum, gesundes Körpergewicht und gesunde Ernährung), wobei Sport den größten Effekt erzielt (vgl. alzheimers.org.uk)
Der Hippocampus ist der Ort im Gehirn, wo unterschiedliche Informationen zusammentreffen, verarbeitet und sortiert werden. Daher spielt der Hippocampus für die Informationsspeicherung und folglich das Gedächtnis eine wesentliche Rolle. Diverse Studien, anfänglich vor allem in Laboren und bei Tieren durchgeführt, zeigen, dass regelmäßiges Ausüben von moderatem Ausdauersport die Bildung neuer und frischer Gehirnzellen im Hippocampus fördert. Damit liegt der Schluss nahe, dass regelmäßiges Ausdauertraining die Wahrscheinlichkeit eines Gedächtnisverlusts bzw. der Ausbreitung einer Demenzerkrankung senkt.
 

Fortschreitende Demenz eindämmen

Sehr erfolgreich erprobten die finnische Wissenschafterin Mira Kivipelto, Leiterin der neuroepidemiologischen Forschung an der Universität in Kuopio, und ihr schwedischer Kollege Krister Hakansson, Forscher in der Neurobiologie-Abteilung des Karolinska Instituts der Universität Stockholm, wo Kivipelto als Professorin arbeitet, gezielte Maßnahmen in der Zusammenarbeit mit Alzheimer-Patienten in Finnland. Diverse Maßnahmen erzielten eine Verbesserung des geistigen Zustandes, am effektivsten schnitt körperliche Betätigung durch altersentsprechende Übungen im Fitnessstudio ab. Die beiden Experten bezeichnen Alzheimer übrigens als Pandemie. (vgl. Online-Fachartikel)
Zu vergleichbaren Erkenntnissen wie die amerikanischen und skandinavischen Kollegen kommt eine Einschätzung einer Forschergruppe der Deutschen Sporthochschule in Köln, die im Frühjahr 2020 im selben Fachmagazin wie die Studie aus Texas veröffentlicht wurde. Wissenschafter der Universität in Saarbrücken haben vor kurzem herausgefunden, dass ein spezieller Nährstoffcocktail, unter anderem aus Säuren und Vitaminen, diesen bremsenden Effekt bei Beta-Amyolid im Frühstadium von Alzheimer ebenfalls hervorruft und damit den Fortschritt der Erkrankung deutlich einbremst. Damit könne die Autonomie der Patientinnen und Patienten deutlich länger gewahrt werden kann (vgl. Deutsches Gesundheitsportal, 5.11.20).
 

Mittlerer Anteil an Hämoglobin risikosenkend

Eine 2019 im Fachmagazin „Neurology“ veröffentlichten Studie holländischer Wissenschafter, die über 12.000 nicht demente Menschen zwölf Jahre lang begleiteten, skizziert einen direkten Zusammenhang mit einem geringeren Anteil an Hämoglobin im Blut und einem höheren Risiko an einer Demenzerkrankung zu leiden. 1.520 Probanden entwickelten im Untersuchungszeitraum Demenzerkrankungen, darunter vier von fünf Alzheimer. Allerdings fand das Forscherteam unter der Leitung von Studienautor Frank Wolters von der Erasmus University in Rotterdam heraus, dass auch ein hoher Hämoglobin-Anteil ein Risikofaktor für Demenzerkrankungen ist, Probanden mit mittleren Werten hatten ein deutlich geringeres Risiko. Um den privilegierten Mittelweg zu erwischen, stellt regelmäßige sportliche Bewegung auch hier eine Lösung dar. Physische Aktivität über einen langen Zeitraum übt nämlich eine regulierende Funktion auf diverse Parameter in Blut, die in eine gesunde Balance gebracht werden – darunter auch die Menge an Hämoglobin, die prinzipiell biologisch individuell vorbestimmt ist.