Caster Semenya und der Gang vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte

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Caster Semenya und Margaret Wambui auf dem Olympischen Stockerl in Rio. © Getty Images
Der lange Kampf Caster Semenyas, stellvertretend für alle hyperandrogenämischen Mittelstreckenläuferinnen, also Sportlerinnen mit höherem Testosteronwert als bei Frauen üblich, ist um ein weiteres Kapitel reicher. Die Südafrikanerin hat vor einigen Wochen Beschwerde beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte eingelegt. Der Grund dafür: Der Leichtathletik-Weltverband (World Athletics) hat im Frühling 2019 eine neue Regel eingeführt, nach der es eine Testosteron-Obergrenze für Teilnehmerinnen in spezifisch analysierten Disziplinen, nämlich auf den Distanzen zwischen 400 Metern und einer Meile, gibt. Semenya und andere DSD-Athletinnen (Differences of Sexual Development), darunter die Kenianerin Margaret Wambui oder Francine Niyonsaba, die die letzten Jahre den 800m-Lauf international dominiert hatten, müssten sich seither, um startberechtigt zu sein, einer medikamentösen Therapie unterziehen, um ihren natürlichen Testosteronwert zu senken. Was sie verweigern. Diese Wettkampfregel und die damit verbundene Argumentation von World Athletics der Chancengleichheit und des Bedarfs eigener Regeln für den Sport wurden sowohl vom Obersten Internationalen Sportgerichtshof (CAS) als auch vom Schweizer Bundesgericht gerichtlich akzeptiert. Die Athletinnen mit Semenya als Wort- und Aktionsführerin plädieren auf Missachtung der menschlichen Freiheitsrechte, weswegen die Südamerikanerin nun die nächste Instanz bemüht. Mit dem Rückenwind der Unterstützung des südafrikanischen Parlaments, der südafrikanischen Menschenrechtskommission und der südafrikanischen Kommission für Geschlechtergleichheit.
 

NGO ortet Diskriminierung

Rückenwind erhält die 29-Jährige auch von einem kürzlich veröffentlichten, 120 Seiten umfassenden Bericht der international tätigen Organisation Human Rights Watch (HRW), die World Athletics vorwirft, Athletinnen zu „missbräuchliche Geschlechtertests“ zu zwingen, die auf willkürliche Definitionen von Weiblichkeit und rassistischen Stereotypen basieren, wie u.a. die englische Tageszeitung „The Guardian“ sowie die US-amerikanische Tageszeitung New York Times ausführlich berichteten. Die Menschenrechte verteidigende NGO hält das Vorgehen von World Athletics wie Semenya als Diskriminierung und daher im Sinne der Menschenrechte illegal. Außerdem beklagen sich die DSD-Athletinnen, dass gegen sie respektlos vorgegangen wird, als wären sie Betrügerinnen. Semenyas Anwalt Gregory Nott hofft mit dem Gang vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, dass „World Athletics seinen Fehler einsieht und den Schritt zurück macht, der Caster Semenya die Teilnahme an Wettkämpfen untersagt“. Noch ist unklar, ob ein Urteilsspruch vor den Olympischen Spielen von Tokio zeitlich möglich ist.
Die Südafrikanerin, die zwei Olympische und drei WM-Goldmedaillen über 800m gewonnen hat, kämpft um ihre Karriere. Nach den aktuellen Regularien könnte sie lediglich im 200m-Sprint oder im 5.000m-Lauf bei den Olympischen Spielen in Tokio starten, in beiden Disziplinen hat sie ihre Weltklasse noch nicht nachgewiesen. Niyonsaba strebt einen Start über 5.000m an, hat jedoch noch nie an einem Wettkampf über eine derartig lange Distanz teilgenommen.
 

Die lange Vorgeschichte

Als 18-jährige Senkrechtstarterin kam Semenya 2009 nach Berlin und dominierte die WM-Entscheidung im 800m-Lauf. Sofort wurden Stimmen aus verschiedenen Richtungen laut, die Zweifel anmelden, ob Semenya überhaupt eine Frau wäre. In einer extrem ungeschickten Kommunikationsstrategie von Seiten der IAAF inklusive der geleakten Information eines angeordneten Geschlechtertests zeigte die Leichtathletik-Welt die Überforderung der Situation, die Konkurrenz fühlte sich unfair behandelt und im sportlichen Wettkampf ungerechterweise benachteiligt. Die Südafrikanerin holte WM-Silber 2011 und Olympisches Silber 2012, jeweils geschlagen von der gedopten Mariya Savinova. Mittlerweile sind beide Titelgewinne Semenyas anerkannt. Dann wurde eine erste Regel der IAAF schlagend, die Semenya zu einer medikamentösen Hormonreduktion zwang und die Südafrikanerin verschwand von der spitzensportlichen Bildfläche, bis das CAS 2015 auf Anklage der indischen Sprinterin Dutee Chand die Regelung kippte. Semenya kehrte zurück und gewann alle 800m-Rennen, bei denen sie seither angetreten ist – inklusive Olympia-Gold 2016 und WM-Gold 2017. In einem jahrelangen Prozess bereitete World Athletics eine neue Regelung vor, die 2019 in Kraft trat und Semenyas Karriere de facto unterbrach. World Athletics stützte sich auf eine eigens in Auftrag gegebene Studie prominenter internationaler Wissenschaftler, die zwar aussagestarke Resultate lieferte, aber dennoch trotz der rechtlichen Stütze durch nachfolgende Gerichtsurteile nicht unumstritten ist.
Die richtige Einordnung von DSD-Athletinnen in den Frauensport ist eine heikle und extrem polarisierende Angelegenheit, die im modernen Frauensport wichtig und dringlich ist. Die Leichtathletik gehört zu den ersten internationalen Sportverbänden, die versucht, die Teilnahme von DSD-Athletinnen zu regulieren – das Internationale Olympische Komitee (IOC) will wohl erst nach Tokio über mögliche Adaptionen diskutieren, die als Empfehlung für den Olympischen Sport insgesamt fungieren könnten. Die Argumentation von World Athletics nach dem Urteil des Schweizer Bundesgerichts vor eineinhalb Jahren: „Wir begrüßen dieses Urteil, das unsere DSD-Regularien als legitimes und zielgerichtetes Mittel aufrecht erhält, die Rechte aller Frauen, die an der Leichtathletik teilnehmen, zu schützen und unseren Sport in einem fairen Rahmen durchzuführen.“
 

„Es ist nichts Persönliches“

Oft spielte Semenya über diverse Kommunikationskanäle die emotionale Darstellung aus, die Vorgangsweise wäre eine zielgerichtete Diskriminierung ihrer Person. Dem widersprach WA-Präsident Sebastian Coe unlängst in einem Videogespräch mit afrikanischen Journalisten: „Es ging nie um Persönlichkeiten, bestimmte Länder oder gar einen Kontinent. Ich denke, der Sport hat den bestmöglichen Deal mit dieser Regel gemacht. Die höchste Priorität im Sport hat die Fairness, sie ist das zentrale Element von sportlichem Wettkampf. Das gilt beim gesamten Regulativ, hier ging es im Spezifischen auch darum, die Chancengleichheit und Gleichheitsrechte aller teilnehmenden Frauen und Mädchen zu wahren.“
 

Leistungsvorteil trotz Hormontherapie

Pikante Ergebnisse liefert eine neue Studie an US-Soldatinnen und Soldaten, die im British Journal of Sports Medicine erschienen ist – der „Guardian“ berichtete am 7. Dezember darüber. Demnach hätten Transgender-Athletinnen nach einer zweijährigen Hormontherapie immer noch einen Leistungsvorteil von etwa 12%, was das Laufen betrifft – vor Beginn der Hormontherapie lag der Unterschied bei 21% im Vergleich zu „biologischen Frauen“, wie das Medium formuliert. In ihrer Conclusio schrieben die Forscher, dass eine Hormonreduktionstherapie von mindestens zwölf Monaten notwendig sei, um einen unfairen Vorteil im sportlichen Wettkampf im Spitzensport zu verhindern.
Weder Semenya, noch Niyonsaba oder Wambui haben sich bisher einer Hormontherapie unterzogen und sind deshalb auch keinen Wettkampf auf einer Distanz gelaufen, die Vergleichswerte zu früher liefern könnten. Sportwissenschaftlicher Fakt ist, dass ein Vorteil von 12% in einem 800m-Lauf immer noch immens wäre, geschweige denn ein Vorteil von 21%. Die Bedeutung, die das männliche Sexualhormon Testosteron hat, lässt sich mit den Zahlen einer ebenfalls kürzlich erschienen Studie abschätzen, in der die Forscher versuchten, den biologisch bedingten Geschlechterunterschied im Sport generell aufzuzeigen. Rund 10.000 Männer weltweit haben eine bessere persönliche Bestleistung im 100m-Sprint als die aktuelle Olympiasiegerin.