Kosgei Staatsmeister bei holländischem Triumph

Björn Koreman nützte die Gunst der Stunde und erfüllte auf dem schnellen Kurs im Wiener Prater das Olympia-Limit. Genau das, was Valentin Pfeil und Timon Theuer eine Woche nach dem dramatischen Wochenende von Valencia misslang. So kürte sich Isaac Kosgei zum Staatsmeister.

© SIP / Thomas Kofler

 

  • Björn Koreman stürmt bei guten Bedingungen zum Olympia-Limit
  • Timon Theuer und Valentin Pfeil steigen frühzeitig aus
  • Isaac Kosgei mit zweitem Staatsmeistertitel nach 2018

 
Es fühlte sich nicht schlecht an, als Timon Theuer (DSG Wien) und Valentin Pfeil (LAC Amateure Steyr) eine Woche nach dem verpatzten Ausflug zum Valencia Marathon mit Isolation im Hotelzimmer (siehe RunAustria-Bericht) im Wiener Prater an den Start gingen. 4°C Lufttemperatur, während der ersten Rennhälfte praktisch absolute Windstille und auch danach ergab sich nur ein Lüftchen, und leicht bedeckter Himmel bildeten beinahe Idealbedingungen, wenn man in Erinnerung ruft, welches Wetter an einem 13. Dezember in Wien auch herrschen hätte können. Die vom VCM-Team im Auftrag des ÖLV durchgeführten Staatsmeisterschaften im Marathonlauf fanden spät wie nie in einem Jahr statt, das Coronavirus und die Ankündigung von World Athletics, den Qualifikationszeitraum für die verlegten Olympischen Spiele bis Ende November auszusetzen, brachten es so auf den Weg. Dass beide heimischen Olympia-Hoffnungen ihren Olympia-Traum in Wien nicht realisieren konnte, lag sicherlich zu einem Gutteil an den Strapazen rund um Valencia. Der Kopf war noch nicht bereit für eine Last-Minute-Marathon-Vorbereitung und einen neuerlichen Spannungsaufbau.
 
 
Der RunAustria-Bericht des Frauenrennens: Österreichischen Rekord eingestellt – Wutti erstmals Staatsmeisterin
 
 

Eine homogene Spitzengruppe lag bis kurz nach Halbzeit gut auf Kurs. © SIP / Thomas Kofler
Vojtas imaginäre Halbmarathon-Bestleistung

Und noch ein Aspekt passte hervorragend: Zwei Landsleute und Laufkollegen stellten sich in den Dienst der beiden und sorgten für das richtige Tempo und mentale Unterstützung, länger als geplant. Österreichs Marathon-Rekordhalter Peter Herzog (Union Salzburg LA), gut zwei Monate nach seinem Coup im Regen von London wieder gut im Training, pacte die Gruppe 25 Kilometer lang, Andreas Vojta (team2012.at), aktuell im Aufbautraining der Hallen-Saison, hielt sogar 28 Kilometer lang durch und leistete einen Großteil davon wie der Salzburger wertvolle Arbeit für die Spitzengruppe, in der sich erwartungsgemäß auch der Holländer Björn Koreman befand. Hätte es eine Halbmarathon-Zwischenzeit gegeben, Vojta hätte seine Halbmarathon-Bestleistung gebrochen, was ein Indiz für seine gute Form im Wintertraining ist. Und Lust hat er aufs Marathonlaufen auch bekommen, erzählt er nachher mit leicht strahlendem Gesicht. „Irgendwann einmal“ werde er auch Kilometer 40 erleben und wie es sich dann anfühlt. Theuer und Pfeil bedankten sich nach dem Rennen ausdrücklich für die Unterstützung und das „perfekte Tempo, auf den Punkt genau wie gewünscht“, wie Theuer bezeichnete.
 

Kein idealer Spannungsaufbau

Unmittelbar nach der Halbmarathon-Durchgangszeit bekundete Valentin Pfeil erste Probleme, das Tempo zu halten und stieg relativ bald danach aus. Nach dem Rennen war die Enttäuschung in seinem Gesicht weithin erkennbar, ein Großteil davon vermutlich nicht aufgrund des heutigen Tages, sondern aufgrund der vom Startverbot in Valencia bestimmten Vorgeschichte. „Ich habe früh gemerkt, dass ich heute nicht in der Lage bin, eine Leistung abzuliefern, die mich Richtung Olympia-Limit gebracht hätte. Daher habe ich auch verhältnismäßig früh den Ausstieg gewählt. Mir ist es nicht gelungen, die Vor-Wettkampf-Spannung aufzubauen wie vor Valencia. Ich war muskulär nicht 100%ig frisch und habe auch die Kälte gespürt“, resümierte er niedergeschlagen.
 

© SIP / Thomas Kofler
Mentale Belastung als Bremsschirm

Auch Theuer brachte die kühlen Temperaturen, die im saisonalen Rahmen sehr gut waren, aber einige Grad unter den idealen Marathonbedingungen, als eine der Erklärungen vor, warum die Attacke auf das Olympia-Limit misslang. Der 26-Jährige hatte nach ziemlich genau zwei Drittel der Distanz zu Koreman abreißen lassen, als dieser beschleunigte und die Kilometerzeit auf drei Minuten pro Kilometer drückte. „Alleine war es vom Kopf her dann schwer“, gab Theuer zu. Außerdem fehlte an diesem Tag das optimale körperliche Wohlbefinden, auch wenn sich rund um die Halbmarathon-Zwischenzeit ein besseres Gefühl einstellte. Als dann leichte Krampferscheinungen in der Wade dazu kamen, war das Rennen für Theuer nach 32 Kilometern zu Ende. „Mental war es sehr schwierig nach den letzten Tagen, ohne meinen Trainer Hubert Millonig hätte ich es nicht geschafft, heute einen weiteren Marathon zu versuchen“, gab er zu bedenken.
Am Ende blieben nachtrauernde Worte. „Man sieht aber an Koreman, dass die Bedingungen sehr gut waren“, lobte Pfeil den Sieger, der sich gezielt auf diesen Marathon vorbereitet hatte. Ein bisschen Hätti-Wari-Täti war im Unterton, es wäre tatsächlich interessant gewesen zu erfahren, was Pfeil und Theuer in Valencia zu leisten imstande gewesen wären. Der 29-jährige Holländer nutzte die Gunst der Stunde und münzte eine sehr gute Vorbereitung mit einer deutlichen Halbmarathon-Bestleistung in seinen Marathon-Durchbruch um. In einer Zeit von 2:11:07 Stunden hakte er das Olympia-Limit ab und feierte eine deutliche neue persönliche Bestleistung. Ein Abstecher nach Wien auf die dank Kipchoge schnellste Laufstrecke der Welt hatte sich für ihn mehr als rentiert.
 

Zweiter Staatsmeistertitel für Kosgei

Hinter ihm und dem Deutschen Johannes Motschmann, der sein Debüt in 2:14:38 Stunden und einem leichten Kollaps im Ziel beendete, kam es zur kuriosen Situation, dass ein Überraschungsstaatsmeister als Dritter die Ziellinie erreichte. Denn alle prominenten heimischen Athleten waren bei der wohl theoretisch best besetzten Marathon-Meisterschaft aller Zeiten ausgestiegen. Isaac Kosgei finishte in 2:26:35 Stunden und gewann wie schon vor zwei Jahren in Salzburg den nationalen Titel im Marathon vor Patrick Krammer (DSG Wien, 2:29:11) und Mario Bauernfeind (KUS ÖBV Pro Team, 2:29:43). „Bei so vielen starken Läufern habe ich niemals mit dem Sieg gerechnet. Ich bin einfach nur mein Rennen gelaufen und habe lange nicht gewusst, dass ich in Führung lag. Umso mehr bin ich überrascht und glücklich, heute hier gewonnen zu haben“, kommentierte der in Linz lebende Kenianer.
 

© SIP / Thomas Kofler
Marathon-Meisterschaften als Ausnahme-Edition

„Es war uns ein Anliegen, für die österreichische Leichtathletik und die heimische Marathonszene in diesem schwierigen Jahr einen Beitrag zu leisten. Die Läuferinnen und Läufer haben es mit großartigen Leistungen gedankt. Wir sind sehr glücklich, dass es uns gelungen ist, gemeinsam mit dem ÖLV die Veranstaltung auf verantwortungsvolle Weise durchzuführen“, sagte VCM-Veranstalter Wolfgang Konrad, dessen Team die erst kurzfristig von den Gesundheitsbehörden unter strengen Coronamaßnahmen genehmigte Veranstaltung über die Bühne brachte. 100 Läuferinnen und Läufer waren erst startberechtigt, nachdem sie in der Früh einen Antigentest mit negativem Ergebnis absolviert hatten. Medaillenkandidat Manuel Innerhofer (LC Oberpinzgau) ist offenbar noch vor dem Rennen unverrichteter Dinge wieder abgereist.
 
 
Der RunAustria-Bericht des Frauenrennens: Österreichischen Rekord eingestellt – Wutti erstmals Staatsmeisterin
 
 

Der strahlende Wettkampfsieger des Tages, Björn Koreman. © SIP / Thomas Kofler
 

Ergebnis Österreichische Staatsmeisterschaften im Marathon 2020 der Männer (Medaillengewinner Staatsmeisterschaften fettgedruckt)

1. Björn Koreman (NED) 2:11:07 Stunden *
2. Johannes Motschmann (GER) 2:14:38 Stunden **
3. Isaac Kosgei (KEN) 2:26:35 Stunden
4. Patrick Krammer (AUT) 2:29:11 Stunden
5. Mario Bauernfeind (AUT) 2:29:43 Stunden
6. Mahdi Sareban (AUT) 2:30:43 Stunden *
7. Edwin Kemboi (AUT) 2:31:30 Stunden
8. Lukas Gärtner (AUT) 2:32:12 Stunden *
9. Vinzenz Kumpusch (AUT) 2:33:21 Stunden
10. Stefan Schriebl (AUT) 2:36:40 Stunden
11. René Masser (AUT) 2:36:43 Stunden
12. Lukas Oberhauser (AUT) 2:36:48 Stunden **
 
* neue persönliche Bestleistung
** Marathon-Debüt
 
 
Österreichischer Leichtathletik-Verband
Vienna City Marathon