Staatsmeisterschaften als zweite Chance

Sechs Tage ist die intensive mentale Belastung rund um die dramatischen Erlebnisse des Valencia-Wochenendes erst her, da steht die Reservechance vor der Tür. Bei den morgigen Staatsmeisterschaften in Wien wollen Timon Theuer (DSG Wien) und Valentin Pfeil (LAC Amateure Steyr) das nachholen

© Collage: SIP / Johannes Langer © Fotos: VCM/Neubauer / ÖLV/Durand / Jedermannlauf/Schwarz

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Sechs Tage ist die intensive mentale Belastung rund um die dramatischen Erlebnisse des Valencia-Wochenendes (siehe RunAustria-Bericht) erst her, da steht die Reservechance vor der Tür. Bei den morgigen Staatsmeisterschaften in Wien wollen Timon Theuer (DSG Wien) und Valentin Pfeil (LAC Amateure Steyr) das nachholen, was ihnen durch das Startverbot in Spanien entgangen ist. Zumindest, so gut es möglich sein wird, denn natürlich sind die Voraussetzungen im Wiener Prater nicht so überragend wie in Valencia, wo Wetterbedingungen und eine große Gruppe an Mitstreitern Richtung derselben Zielsetzung optimal gepasst haben. Das gilt natürlich auch für Eva Wutti (SU Tri Styria), die ihren Plan B aus der Schublade holt.
 

„Die Chance will ich mir nicht entgehen lassen“

Am Montag absolvierten Pfeil und Theuer in Valencia einen weiteren PCR-Test, der in beiden Fällen ein negatives Ergebnis brachte und somit eine Ausreise in die Heimat am Montagabend erlaubte. Pfeil, dessen für ihn überraschendes, positives Resultat beim PCR-Test am vergangenen Samstag das Chaos ausgelöst hat, hat psychologisch noch mit den Erlebnissen von Valencia zu kämpfen. Schließlich versäumte er vielleicht die Ideal-Gelegenheit, das Olympia-Limit von 2:11:30 Stunden noch zu unterbieten. „Ich fühle mich ungerecht behandelt und daher war es nicht leicht, den ganzen Ärger in den letzten Tagen im Hintergrund zu halten“, erzählt er im Gespräch mit RunAustria. Aber negative Gedanken wären jetzt das Falsche, es gilt den Fokus auf den Marathon am Sonntag zu schärfen, seine Zuversicht klingt aber nach Zweckoptimismus: „Es gibt die theoretische Möglichkeit, das Limit zu laufen und diese Chance will ich mir nicht entgegen lassen.“ Das habe die Argumente für einen Start gegen jene gegen ein Antreten schlussendlich gewinnen lassen. Wie frisch Beine und Kopf morgen sind, wird eine der entscheidenden Fragen.
 

Streckenhälfte in 1:05:30 Stunden

Bei Timon Theuer dringt mehr Optimismus durch. Er sei guter Dinge. Das mit den frischen Beinen stimmt ihn zuversichtlich, direkt nach dem negativen Test absolvierten die beiden in Spanien ihre erste Bewegungseinheit. Nach der Ankunft in Wien konnte Theuer das Training umsetzen, das er sich vorstellte. Ein letzter Test Mitte der Woche, fünf Kilometer im geplanten Wettkampftempo gefolgt von zweimal 1.000m mit schnelleren Schritten hätten sich gut angefühlt. Und auch der Trend Richtung frischer Kopf stimmt: „Langsam verflüchtigt sich der ganze Stress, der sich natürlich in der Psyche angesammelt hat.“
Theuer lenkt den Fokus auf die Chance. Natürlich seien die Voraussetzungen nicht so hervorragend wie in Valencia, aber es könne sich eine gute Gruppe bilden und die prognostizierten Wetterbedingungen mit Plusgraden und wohl maximal schwachem Wind beflügeln die Motivation. „Wir planen, einen 3:06er Schnitt zu laufen und in etwa bei 1:05:30 Stunden beim Halbmarathon durchzugehen. Das ist Plan A für gute Bedingungen. Wenn es nicht so optimal ist, werden wir etwas langsamer anlaufen“, definiert der 26-Jährige die potenzielle Erfolgsstrategie.
 

Lauf-Österreich hält zusammen

Um Valentin Pfeil und Timon Theuer bestmögliche Unterstützung bei der Jagd ihres Olympia-Traums zu bieten, stellen sich zwei aus der heimischen Laufelite am Sonntag in den Dienst der beiden. Andreas Vojta (team2012.at), in der Vorbereitung auf Valencia Theuers treuester Trainingspartner auf den Laufstrecken im Prater, setzt einen ersten Leistungstest Richtung Hallensaison und wird die Männerspitze rund zehn Kilometer pacen. Dann übernimmt Österreichs Marathon-Rekordhalter Peter Herzog (Union Salzburg LA), der die Gelegenheit seine im tiefen Winter angekommene Heimat für Wettkampf-Atmosphäre zu verlassen nutzt, und soll die Gruppe bis zur Halbmarathon-Zwischenzeit anführen. Dann hoffen beide heimischen Olympia-Aspiranten, dass eine Gruppe noch eine Zeitlang beisammen bleibt.
Dafür könnte einerseits Marathon-Debütant Manuel Innerhofer (LC Oberpinzgau) sorgen, der durch seinen Titelgewinn bei den Halbmarathon-Staatsmeisterschaften in Salzburg Anfang Oktober nachgewiesen hat, zumindest einen Halbmarathon im angeschlagenen Tempo gehen zu können, und zweitens einige Gaststarter, die das Spitzenfeld des Rennens aufbessern: die Deutschen Johannes Motschmann (PB 10km, 28:51), Frank Schauer (PB Halbmarathon: 1:05:59) und vor allem der Holländer Björn Koreman, der vor fünf Wochen bei einem Einladungsrennen in Dresden eine Halbmarathon-Bestleistung von 1:02:45 Stunden markiert hat. Motschmann ist noch nie einen Marathon gelaufen, Koreman den letzten vor 14 Monaten in Eindhoven.
Nicht aktiv am Start steht am Sonntag übrigens Christian Steinhammer (ULC Riverside Mödling), der sich nach seiner COVID-19-Erkrankung noch nicht bereit fühlt. „Körperlich ist alles wieder in bester Ordnung, aber mental bin ich noch nicht bereit. Außerdem habe ich die ärztliche Empfehlung erhalten, nicht zu starten. Ich brauche noch etwas Zeit, aktuell ist für mich das Richtige, ohne Druck zu laufen“, sagt der Niederösterreicher. Gegen einen kurzfristigen Start habe auch gesprochen, dass durch die unerwarteten Entwicklungen in den letzten Tagen der Reiz des Staatsmeistertitels abhanden gekommen ist. Mit den anderen könne er aktuell bei weitem nicht mithalten. Dennoch wird Steinhammer am Sonntag am Streckenrand mitfiebern, anfeuern und unterstützen – ein Signal, wie gut die Stimmung und der Zusammenhalt im rot-weiß-roten Marathonteam ist.
 

Eine Minute schneller und doppelt so weit

Sieben Tage nach dem abgebrochenen Versuch beim Valencia Marathon startet Eva Wutti einen weiteren auf das Olympia-Limit. Und zeigt sich zuversichtlich, denn der mentale Stress rund um die Situation der österreichischen Delegation in Valencia (nicht nur ihre Marathon-Kollegen, sondern auch ihr Coach wurde als K1-Person isoliert), der sie in Valencia gehemmt hat, ist abgefallen und der Staatsmeisterschaftsmarathon lässt sich daher mental besser vorbereiten.
Einen Vorteil gegenüber Valencia hat Wutti: Sie kommt in Wien in den Genuss der Präsenz ihres persönlichen Tempomachers, der sie dabei unterstützen soll, exakt eine Minute schneller anzulaufen als in Valencia: 1:14:30 Stunden für den ersten Halbmarathon. „Ich hoffe, dass sich eine gut organisierte Laufgruppe bildet, die das Tempo hochhalten kann“, so die 31-Jährige. Sie könnte vom Männerrennen profitieren und von der Teilnahme der Argentinierin Daiana Ocampo, die kurioserweise auf die Sekunde genau über dieselbe Marathon-Bestleistung wie Wutti verfügt (2:34:12) und ebenfalls das Olympia-Limit knacken möchte. Die Halbmarathon-Bestleistung der Argentinierin ist wesentlich stärker als jene der Österreicherin. In Gdynia lief sie bei den Halbmarathon-Weltmeisterschaften eine Zeit von 1:11:50 Stunden, was argentinischer Rekord gewesen wäre, wäre nicht Florencia Borelli noch 80 Sekunden schneller gelaufen.
Die Kärntnerin sieht das Olympia-Limit als kein Muss für sich an. „Wir haben einen mehrstufigen Plan. Plan A ist natürlich das Olympia-Limit. Darunter gibt es mehrere größere und kleinere Ziele, die ich verfolge, bis hin zu einem Erfahrungsgewinn, einen weiteren Marathon in den Beinen haben.“ Demnach würde Plan B eine Verbesserung des österreichischen Marathonrekords von Andrea Mayr (2:30:43) bedeuten, Plan C eine Verbesserung der persönlichen Bestleistung. „Um österreichischen Rekord zu laufen, brauche ich schon einen sehr guten Tag, denn das ist eine hohe Hürde. Genauso wie das Limit“, findet sie und hofft auf eben diese außergewöhnliche Tagesverfassung. Gelingt die Realisierung des Olympia-Traums, ist der österreichische Rekord automatisch mit im Paket.
 

Marathon-Staatsmeisterschaften so spät wie noch nie

Die Österreichischen Marathon-Staatsmeisterschaften hätten eigentlich im Rahmen des Vienna City Marathon im April über die Bühne gehen sollen. Die Pandemie machte diesem Plan einen Strich durch die Rechnung. Da der Leichtathletik-Weltverband (World Athletics) früh entschied, den Qualifikationszeitraum für Olympia bis 1. Dezember auszusetzen (für den Marathon wurde der Entschluss später auf 1. Oktober verändert), plante der Österreichische Leichtathletik-Verband (ÖLV) den Meisterschaftstermin auf 13. Dezember ein und definierte gemeinsam mit dem VCM-Team, das als Organisator auftritt, einen Rundkurs im Wiener Prater als Austragungsort.
Die Durchführung ist an ein striktes Hygiene- und Sicherheitskonzept gebunden. Alle Läuferinnen und Läufer sowie die engsten Beteiligten müssen sich am Sonntagfrüh einem Antigentest unterziehen und dürfen nur bei negativem Ergebnis an den Start gehen. Am Veranstaltungsgelände gilt generelle Mund-Nasen-Schutz-Pflicht und verpflichtende Einhaltung der gängigen COVID-Regeln. Die Marathon-Staatsmeisterschaften finden unter Ausschluss von Zuschauern statt.
 
 
Österreichischer Leichtathletik-Verband