Isolation und Aufgabe – ein Marathon zum Vergessen

Ein COVID-19-Test mit nicht negativem Ergebnis von Valentin Pfeil brachte am Abend vor dem Valencia Marathon den Plan der drei Österreicher in Valencia durcheinander. Nur Eva Wutti durfte starten und stieg kurz nach dem Halbmarathon aus.

© papagnoc / Pixabay

 

  • Keine positiven Olympia-News in rot-weiß-rot aus Valencia
  • Positiver PCR-Test zwingt Pfeil und Theuer in Isolation
  • Wutti nach guter Halbmaratbon-Zwischenzeit ausgestiegen

 
Außer Spesen, nichts gewesen. Nie hat dieses Sprichwort besser auf eine Marathon-Erfahrung gepasst als dieses Mal. Statt Laufschuhen unter den Füßen verbrachten Valentin Pfeil und Timon Theuer den Marathon-Sonntag von Valencia vom Veranstalter strikt ausselektiert in ihrem Hotelzimmer. Der für die Teilnahme am Rennen aufgrund des strengen Hygiene- und Sicherheitskonzeptes obligatorische PCR-Test erkannte beim Oberösterreicher kein eindeutig negatives Ergebnis. Dies beförderte den Wiener in die Position der K1 Person, äquivalent zum unschuldigen zum Zuschauen Verdammten. Als einzige der rot-weiß-roten Athletendelegation für Valencia schaffte Eva Wutti den Sprung an die Startlinie. Nach guter Halbmarathon-Durchgangszeit, aber ohne realistische Chance auf das Olympia-Limit stieg sie frühzeitig mit Symptomen der muskulären Ermüdung aus.
 
 
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Trotz aller Schönheiten war Valencia für das ÖLV-Team dieses Mal keine Reise wert. © papagnoc / Pixabay
 

„Ein katastrophaler Tag“

Von Beginn an stand der Ausflug nach Spanien unter keinem guten Stern. Die Athleten landeten plangemäß in Valencia, ihr Gepäck strandete in Paris und erste Unsicherheiten störten die unmittelbare Rennvorbereitung. Denn im Gepäck befanden sich Laufshirts und Eigenverpflegung, die beide rechtzeitig vom Veranstalter abgenommen bzw. angenommen werden mussten. Die Koffer trafen Samstagabend im Hotel der Athleten ein, als kurze Zeit später, gegen 7 abends die Hiobsbotschaft eintraf, die den Stress durch die Decke fliegen ließ. Sofort war allen klar, was das bedeuten würde. Startverbot und Isolation im Hotelzimmer für Valentin Pfeil, Timon Theuer und Eva Wuttis Trainer Herwig Reupichler. „Das ist nicht leicht zu verdauen“, klagte ein sichtlich niedergeschlagener Valentin Pfeil im Telefonat mit RunAustria. „Gerade mit meiner Vorgeschichte: die Operation im Frühjahr, die lange Reha, das monatelange Herankämpfen im Training. Und nun bin ich guter Dinge hierher gereist und muss diesen Rückschlag erleiden. Aktuell fühle ich nichts als eine große Leere in mir.“ Der einzige Wunsch des 32-Jährigen blieb an diesem vermasselten Wochenende eine baldige Heimreise – dafür braucht er womöglich ein negatives Testergebnis.
 

Ein Seitensprung in den aktuellen Wissenstand als Erklärungsansatz

Automatisch stellen sich einige wichtige Fragen. Denn mit Valentin Pfeil (LAC Amateure Steyr) lieferte ausgerechnet jener Athlet die Probe mit dem nicht gewünschten Resultat ab, bei dem es angesichts seiner überstandenen COVID-19-Infektion Anfang November medizinisch am absurdesten ist. Die mutmaßliche Erklärung ist die Tücke der PCR-Tests, der einem Verfahren entspricht, der durch das Durchlaufen diverser Zyklen die Viren vermehrt und damit besser erkennbar macht. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt 25 Zyklen, das Robert-Koch-Institut, wichtiger Ratgeber der deutschen Regierung, hält in seinen Empfehlungen fest, dass ab 30 Zyklen kein Virus mehr auffindbar wäre, der vermehrungsfähig und daher für andere gefährlich wäre. Dennoch testen die meisten Labore in Nordamerika und Europa, wie die New York Times in einem viel beachteten Artikel Mitte September berichtete, die Proben in 37 bis 41 Zyklen – darunter die USA, die Schweiz oder Italien, andere Länder geben die Daten offenbar nicht bekannt. Ähnliches war in einer Publikation des Oxford Academic Journal wenige Tage später zu lesen. Daher wäre wichtig, den entscheidenden CT-Wert bei einer Analyse mitzubestimmen, was in Spanien anscheinend nicht getan wird.
Diese kleine Ausflucht in die medizinisch-wissenschaftlichen Erkenntnis liefert die augenscheinliche Erklärung. Die Analyse des PCR-Tests von Pfeil in Valencia mag molekulare Virusreste seiner ein paar Wochen alten Infektion gefunden haben, die nach der Genesung noch im Körper verbleiben mögen und damit ein negatives Ergebnis verhindert hat (Jedes positive Ergebnis im PCR-Verfahren ist technisch ein nicht negatives, Anm. d. Red.). Stimmt dieser Verdacht, würde das im Übrigen höchstwahrscheinlich auch bedeuten, dass Pfeil bei einem Antigentest ein negatives Ergebnis bekommen hätte. Während der Veranstalter des Valencia Marathon im Rahmen eines sehr strikten Hygiene- und Sicherheitskonzepts auf PCR-Tests setzte, um die Durchführung des Events zu sichern, werden bei den Österreichischen Staatsmeisterschaften Antigentests, oft auch Schnelltests genannt, eingesetzt. Die Veranstaltungsregeln waren felsenfest, eine fachliche Diskussion war laut Valentin Pfeil, der sich mit dem Thema intensiv beschäftigt hatte und auf den CT-Wert bestehen wollte, weder aufgrund der Bereitschaft des Veranstalters noch aus zeitlichen Gründen wenige Stunden vor dem Start möglich.
 

Mitgehangen, mitgefangen

„Viel, viel, viel Pech!“ Mit diesen Worten bilanzierte Timon Theuer (DSG Wien) die Vorkommnisse, die auch ihn von einem Start beim Valencia Marathon abhielten. „Bereits das mit den Koffern war eine große mentale Belastung. Und dann das. Heute Vormittag ging es mir wirklich nicht gut“, erzählte der junge Wiener, der mit seiner ersten Marathon-Zielankunft den Sprung zu den Olympischen Spielen schaffen wollte. Seine beiden COVID-19-Tests am Mittwochnachmittag (Nase) in Wien und am Samstagmittag in Valencia (Nase und Rachen) fielen jeweils negativ aus. Dazu kam das unglückliche Timing. Weil die Österreicher am Freitag zu spät für einen Coronatest Valencia erreichten, konnten sie ihn erst am Samstag absolvieren. Hypothetisch, ob eine rechtzeitige Separation Theuers Start retten hätte können. Oder ein Einzelzimmer.
Vorwürfe kamen ihm keine in den Sinn, wie er beteuerte. „Letztendlich sitzen wir alle in einem Boot.“ Und er lobte ausdrücklich die Organisation der Reise, die federführend durch Hannes Gruber, Sportkoordinator beim Österreichischen Leichtathletik-Verband getätigt wurde. „Es ist einfach nur schade für mich. Das war mein Rennen des Jahres…“ Bei der Halbmarathon-WM in Gdynia im Oktober, so erzählte Theuer, führte der Veranstalter vor dem Rennen sicherheitshalber zwei Tests durch, für den Fall das der erste positiv ausgefallen wäre.
 

Fehlende Sicherheit ohne Vorbereitungswettkämpfe bei Wutti

Bereits im Vorfeld bemängelte Eva Wutti (SU Tri Styria), dass sie gerne einen Vorbereitungswettkampf gelaufen wäre für den großen Showdown gegen das Olympia-Limit in Valencia. „Ich kenn das bereits aus meinen Triathlonzeiten, dass ich ein bis zwei Wettkämpfe in der Vorbereitung brauche. Diese hoch intensiven Einheiten, diese Wettkampfhärte haben mir dieses Mal gefehlt. Das war da Manko in diesem Jahr und an dieser Baustelle werde ich weiter arbeiten“, stellt sie fest. Kurz nach der Zwischenzeit beim Halbmarathon in einer Zeit von 1:15:29 Stunden, die zwar eine persönliche Bestleistung über diese Distanz bedeutet, aber dem Erreichen des Olympia-Limit von 2:29:30 Stunden keine realistische Chance mehr ließ, entschied sich die Kärntnerin, auszusteigen. „Die Erkenntnis aus dem Rennen heute lautet, dass ich mir das Limit zutrauen und die notwendige Pace dafür laufen kann. Ich habe mich gut gefühlt, aber eine leichte muskuläre Ermüdung hat mich dazu bewogen, das Rennen nicht zu beenden.“ Möglicherweise hat Wutti einen weiteren Versuch in zeitlicher Nähe im Hinterkopf und wollte daher ihr komplettes Pulver in Valencia nicht verschießen – denn das einzig logische Ziel für die nächsten Monate ist die Erbringung des Olympia-Limits oder die Verbesserung österreichischen Rekord.
Nachdem ihr Coach isoliert wurde, war die Stimmung auch bei der 31-Jährigen nicht im für Topleistung notwendigen Bereich. „Das schlimmste Szenario, das wir besprochen haben, ist eingetreten. Gestern ist alles schief gegangen, was schief gehen konnte. Es waren schwere Stunden für uns alle, ich hätte mir sehr gewünscht, dass die beiden laufen und ums Limit kämpfen hätten dürfen. Es ist ohnehin unter den ganzen COVID-Maßnahmen schwierig, ein richtiges Renngefühl aufzubauen. Unter diesen Umständen war ich weit davon entfernt, dass es sich so anfühlte, wie ich es gewohnt bin und wie es mir gefällt.“
 
 
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