Halbmarathon-Weltmeisterin triumphiert in Valencia

Mit der fünftschnellsten Marathonzeit der Geschichte hat Halbmarathon-Weltmeisterin Peres Jepchirchir in ihrem erst zweiten Marathon ein Meisterstück abgeliefert. Etliche Läuferinnen freuten sich über das Olympia-Limit, darunter die Schöneborn-Zwillinge aus Deutschland.

© Valencia Marathon

 

  • 2:17:16 – Peres Jepchirchir springt auf Rang fünf der ewigen Bestenliste
  • Helalia Johannes läuft mit 40 Jahren unter 2:20 Stunden
  • Schöneborn-Zwillinge erbringen Olympia-Limit

 

© Valencia Marathon
 
Peres Jepchirchir hat ihrem Wettkampfjahr 2020 beim Valencia Marathon die Krone aufgesetzt. Rund eineinhalb Monate nach ihrem zweiten WM-Titel im Halbmarathon stürmte sie auf der schnellen Strecke des Valencia Marathon und unter Genuss optimaler Bedingungen mit 9°C Außentemperatur, einer für eine Küstengegend fast erstaunlich niedrigen Luftfeuchtigkeit und nur leichtem Wind bei ihrem zweiten Marathon in die Weltklasse. Um sechs Minuten und 34 Sekunden verbesserte sich die 27-Jährige auf der brettebenen Strecke von Valencia gegenüber ihrem Debüt vor einem Jahr in Saitama und erzielte in einer Zeit von 2:17:16 Stunden die fünftschnellste Marathonzeit der Geschichte, die zweitschnellste außerhalb von World Marathon Majors knapp hinter dem Dubai-Sieg von Ruth Chepngetich. „Es war ein großer Tag für mich und ich danke Gott dafür“, jubelte die Siegerin. „Ich habe mir etwas Sorgen gemacht, weil ich die Distanz noch nicht perfekt verinnerlicht habe, aber ich wollte alles geben für den Sieg. Ich hatte eine unglaubliche Stärke heute und habe am Schluss alles raus geholt.“ Im unheimlich starken Feld hatten die Äthiopierinnen das deutliche Nachsehen im ewigen Prestigeduell gegen das kenianische Duo Peres Jepchirchir und Joyciline Jepkosgei. Kurz nach der Zwischenzeit bei Kilometer 30 fiel mit Zeineba Yimer die letzte Äthiopierin zurück und der erste kenianische Sieg in Valencia seit vier Jahren war praktisch gewiss. Zu konstant spulten die beiden Halbmarathon-Stars ihr Tempo ab, Jepchirchir bis zum Schluss von einem männlichen Tempomacher begleitet. Die amtierende New-York-City-Marathon-Siegerin belegte in ihrem ebenfalls zweiten Marathon in einer Zeit von 2:18:40 Stunden den zweiten Platz – einer Steigerung von fast vier Minuten inklusive. Dafür erhielt sie noch ordentliche 45.000 Euro Preisgeld und damit deutlich weniger als ihre triumphierende Landsfrau, die dank Zeitbonus mit einem Plus von 105.000 Euro brutto Spanien wieder verließ. Die hohen Preisgelder richten sich auch an der unheimlichen Qualität im Rennen, die die Stellung des Valencia Marathon nicht nur im Pandemie-Jahr beschreibt: Sechs Läuferinnen blieben unter 2:20, 20 unter 2:30 Stunden. Ein neuer Streckenrekord, zahlreiche zum Teil deutliche persönliche Bestleistungen und neue Landesrekorde für Namibia, Ekuador und Kolumbien bildeten die statistischen Höhepunkte.
 
 
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Der RunAustria-Bericht über den Marathon der Männer: 30 Läufer sub-2:10 beim Valencia Marathon
Der RunAustria-Bericht über die Halbmarathonläufe: Meilenstein in Valencia – Weltrekord im Halbmarathon
 
 

Beeindruckende zweite Rennhälfte

Vielleicht wäre sich für die rundum glückliche Peres Jepchirchir sogar eine Zeit von unter 2:17 Stunden ausgegangen und damit der Sprung auf Platz drei der ewigen Bestenliste des Leichtathletik-Weltverbandes, hätte das Feld nicht gleich zu Beginn die beiden „langsamsten“ 5km-Teilzeiten produziert. Doch die Durchgangszeit von 32:59 Minuten nach zehn Kilometern war erstens homogen für die Herausragenden im Elitefeld und zweitens die Leistung der Siegerin ohnehin schon beeindruckend genug. Zwölf Läuferinnen erreichten gemeinsam die Zwischenzeit beim Halbmarathon in einer Zeit von 1:09:04 Stunden. Die Ausgangsposition für eine spannende zweite Hälfte war damit gegeben. Und das Rennen entwickelte klassisch: Die ersten fielen im Laufe der kommenden Kilometer zurück und just bei Kilometer 30 gab es an der Spitze eine leichte Tempoverschärfung, die die Gruppe auseinander brechen ließ. Jepchirchir und Jepkosgei verblieben im Duell um den Sieg, während die Äthiopierinnen leicht zurückfielen.
 
Peres Jepchirchirs Halbmarathon-Splits: 1:09:04 / 1:08:12 Stunden
Peres Jepchirchirs 5km-Teilzeiten: 16:34 / 16:25 / 16:13 / 16:20 / 16:15 / 16:20 / 16:12 / 15:53 / 7:04 (2,195 km) Minuten
 
Sieben Kilometer vor dem Ziel entstand die erste Lücke zwischen den beiden Kenianerinnen, die sich nicht mehr schließen ließ. Zu diesem Zeitpunkt waren auch noch mit Tigist Girma, Ruti Aga, Zeineba Yimer und Birhane Dibaba noch vier Äthiopierinnen innerhalb einer Minute Rückstand zur späteren Siegerin, fünf Kilometer später lagen nur mehr Jepkosgei und Girma innerhalb eines zweiminütigen Rückstands zu Jepchirchir, die das Rennen mit dem schnellsten Akt ihrer Vorstellung vorentschieden hatte. Mit konstantem Finale finishte sie zur beachtlichen Zeit, die sie in die elitäre Gruppe der absolut Größten des Laufsports aufnimmt. Jepkosgei liegt nun immerhin auf Rang 22 der ewigen Bestenliste. Die beiden Kenianerinnen und die drittplatzierte Helalia Johannes sind die Athletinnen 62, 63 und 64 in der Geschichte des Laufsports, die eine Zeit unter 2:20 Stunden schafften.
 

Abseits der Öffentlichkeiten

Angesichts der fabelhaften Leistungen im Marathon der Frauen war es umso erstaunlicher, dass das Rennen trotz des Livestreamings von der Veranstaltung beinahe abseits der Öffentlichkeit stattfand. Erst in der Eröffnung zugunsten des Weltrekordlaufs im Halbmarathon, dann im Hauptteil zugunsten des Marathons der Männer blickten die TV-Kameras nicht einmal sporadisch, sondern nur höchstselten auf das mindestens genauso hochklassige Rennen der Frauen. „Erstaunlich, dass das im Jahr 2020 noch ein Thema ist“, sagt Eva Wutti (SU Tri Styria), die diese Ungleichbehandlung als Athletin im Rennen normalerweise nicht so mitbekommt, im Gespräch mit RunAustria. „Das ist ein klarer Nachteil, wenn man an das Sponsoring und Marketing denkt. Jede Minute, die man medial zur Verfügung hat, ist enorm wichtig und es wäre angebracht, wenn diese Zeit gerecht aufgeteilt wird“, fordert sie weiter. Angesichts wiederholter Vernachlässigung von Frauen-Marathons bei gleichzeitigem Startschuss mit den Männern bei diversen, hochkarätigen internationalen Veranstaltungen seit Jahren, wäre es bei World Athletics an der Zeit, bei der Vergabe der Labels dieses Kriterium einfließen zu lassen oder möglicherweise gleich getrennte Starts der beiden Rennen zu fordern.
 

Kurioser Kampf um Rang drei

Hinter den beiden Kenianerinnen spielte sich auf den letzten Kilometern teilweise Dramatisches ab, weil der Erschöpfungsgrad eine unabsichtlich deutliche Verlangsamung einiger Läuferinnen brachte, die konträr zur Aufholjagd von Helalia Johannes stand. Frisch und munter machte die 40 Jahre alte WM-Bronzemedaillengewinnerin von Doha auf den letzten sieben Kilometern vier und alleine auf den letzten beiden Kilometern drei Plätze gut. Bei Kilometer 35 bereits eineinhalb Minuten hinter Jepchirchir liegend schnappte sich die Namibierin gemeinsam mit Degitu Azimeraw laufend zuerst Dibaba, dann Yimer, Aga und Girma. Damit kletterte sie noch auf das Siegespodest, mit einer Zeit von 2:19:52 Stunden, die einer Verbesserung ihres Landesrekordes um rund zweieinhalb Minuten und einem neuen Masters-Weltrekord entsprach. Es war ein echter Vierkampf um den dritten Platz, auch Yimer, Girma und Azimeraw blieben noch unter 2:20 Stunden.
 
Helalia Johannes’ Halbmarathon-Splits: 1:09:05 / 1:10:47 Stunden
Helalia Johannes’ 5km-Teilzeiten: 16:36 / 16:25 / 16:13 / 16:20 / 16:14 / 16:43 17:19 / 17:03 / 6:59 (2,195 km) Minuten
 

Nach Schöneborn-Doppelschlag: Nominierungshürde für den DLV?

Bei all den massiven Verbesserungen in Valencia, eine toppte den Quantensprung Jepchirchirs. Carolina Wikström, in diesem Jahr bereits mit zwei guten Halbmarathons in 1:11 Stunden, darunter der 37. Platz bei den Weltmeisterschaften, verbesserte sich um über sieben Minuten auf eine Zeit von 2:26:42 Stunden und belegte damit den hervorragenden elften Platz. Die 27-jährige schwedische Meisterin – diesen Titel gewann sie vor drei Monaten in Stockholm – katapultierte sich auf Platz zwei der ewigen schwedischen Bestenliste hinter Isabellah Andersson – und zu den Olympischen Spielen.
 
Deborah Schöneborns Halbmarathon-Splits
Deborah Schöneborns 5km-Teilzeiten: 17:28 / 17:27 / 17:08 / 17:18* / 17:18 * / 17:32 / 17:41 / 17:36 / 7:27 (2,195 km) Minuten
* durch die fehlende Zwischenzeit bei Kilometer 20 Durchschnitt des Zeitabstandes zwischen KM 15 und KM 25

 
Den Kampf gegen das Olympia-Limit von 2:29:30 Stunden gewannen auch die beiden deutschen Zwillinge Deborah und Rabea Schönebörn – und das eindrucksvoll. Deborah, die die Erfahrung von einem Marathon mit nach Valencia gebracht hat, verblüffte mit einer Zeit von 2:26:55 Stunden auf Rang zwölf und schaffte das Limit damit mehr als souverän. Rabea feierte ihre Premiere im Marathon und ging das Tempo ihrer 26-jährigen Zwillingsschwester nicht mit, hielt aber ebenfalls Abstand zum Olympia-Limit und finishte in einer Zeit von 2:28:42 Stunden. Dies bringt den Deutschen Leichtathletik-Verband nun in die Position der Qual der Wahl. Melat Kejeta (2:23:57), Katharina Steinruck (2:27:26) und Anja Scherl (2:28:25) hatten das Olympia-Limit bereits geknackt, nun folgen die beiden Schöneborns. An Halbmarathon-WM-Medaillengewinnerin und auch an Deborah Schöneborn, die nun auf Rang zehn der ewigen Bestenliste des DLV liegt, scheint kein oder kaum ein Weg vorbei zu führen. Steinruck hat eine zweite Qualifikationsleistung im Qualifikationszeitraum auf der Habenseite, also könnten Rio-Olympionikin Scherl und Debütantin Rabea Schöneborn nur auf der Reservebank Platz nehmen müssen.
 

Wutti: Aufgabe zur Halbzeit

Weniger Glück im Kampf um das Olympia-Limit hatte Eva Wutti, die unmittelbar nach der Durchgangszeit von 1:15:29 Stunden beim Halbmarathon das Handtuch warf (siehe eigenen RunAustria-Bericht). Im letzten Drittel des Rennens gab auch die Deutsche Anja Scherl auf. Mit unterdurchschnittlicher Performance fielen die US-Amerikanerin Jordan Hasay, die in ihrem ersten Marathon unter der Betreuung von Paula Radcliffe mit einer Zeit von 2:33:51 Stunden vollends enttäuschte, und die 44-jährige Italienerin Valeria Straneo, die letztendlich das Limit für Sapporo 2021 um sechseinhalb Minuten verpasste, auf.
Beste Spanierin war übrigens Marta Galimany, die sich auf eine Zeit von 2:27:07 Stunden steigerte und damit das Olympia-Ticket genauso wie ihre Landsfrau Elena Loyo in der Tasche hat. Galimany liegt nun auf Rang vier der ewigen spanischen Bestenliste, blieb aber lediglich 17 Sekunden hinter dem Landesrekord von Ana Isabel Alonso, der bereits seit einem Vierteljahrhundert hält.
 
 
Der RunAustria-Bericht zum Abschneiden der Österreicher: Isolation und Aufgabe – ein Marathon zum Vergessen
Der RunAustria-Bericht über den Marathon der Männer: 30 Läufer sub-2:10 beim Valencia Marathon
Der RunAustria-Bericht über die Halbmarathonläufe: Meilenstein in Valencia – Weltrekord im Halbmarathon
 
 

Ergebnis Maraton Valencia Trinidad Alfonso der Frauen 2020

1. Peres Jepchirchir (KEN) 2:17:16 Stunden * / **
2. Joyciline Jepkosgei (KEN) 2:18:40 Stunden **
3. Helalia Johannes (NAM) 2:19:52 Stunden ***
4. Zeineba Yimer (ETH) 2:19:54 Stunden
5. Tigist Girma (ETH) 2:19:56 Stunden
6. Degitu Azemiraw (ETH) 2:19:56 Stunden
7. Ruti Aga (ETH) 2:20:05 Stunden
8. Joan Chelimo (KEN) 2:20:57 Stunden **
9. Birhane Dibaba (ETH) 2:23:07 Stunden
10. Fancy Chemutai (KEN) 2:24:27 Stunden ****
11. Carolina Wikstöm (SWE) 2:26:42 Stunden **
12. Deborah Schöneborn (GER) 2:26:55 Stunden **
13. Marta Galimany (ESP) 2:27:08 Stunden **
14. Paola Bonilla (ECU) 2:28:24 Stunden *****
15. Elena Loyo (ESP) 2:28:25 Stunden **
16. Andrea Deelstra (NED) 2:28:28 Stunden
17. Rabea Schöneborn 2:28:42 Stunden ****
18. Matea Parlov (CRO) 2:28:52 Stunden **
19. Angie Rocio Orjuela (COL) 2:29:12 Stunden ******
20. Hanne Verbruggen (BEL) 2:29:14 Stunden **

27. Jordan Hasay (USA) 2:33:51 Stunden
29. Nina Lauwaert (BEL) 2:34:45 Stunden
37. Valeria Straneo (ITA) 2:37:04 Stunden
DNF Anja Scherl (GER)
DNF Eva Wutti (AUT)
 
* neuer Streckenrekord
** neue persönliche Bestleistung
*** neuer Landesrekord für Namibia
**** Marathon-Debüt
***** neuer Landesrekord für Ekuador
****** neuer Landesrekord für Kolumbien
 
 
Maraton Valencia Trinidad Alfonso