Hochklassiger Valencia Halbmarathon mit spannenden Debüts

Beim Valencia Halbmarathon bietet sich Kibiwott Kandie die Chance auf eine WM-Revanche gegen Jungstar Jacob Kiplimo. Dessen potenziell zukünftiger Dauerrivale Rhonex Kipruto feiert sein Halbmarathon-Debüt und kommt mit vielen Vorschusslorbeeren nach Valencia. Auch bei den Frauen stehen Debüts im Vordergrund.

© Dan Vernon for World Athletics

 

  • WM-Revanche zwischen Jacob Kiplimo und Kibiwott Kandie
  • Halbmarathon-Debüt durch 10km-Weltrekordhalter Rhonex Kipruto
  • Halbmarathon-Debüts von Letesenbet Gidey und Genzebe Dibaba

 
Fast ein bisschen im Schatten der großen Erwartungen und Schlagzeilen rund um den Valencia Marathon findet mit Start um 8 Uhr, also eine halbe Stunde vor dem Marathon-Start, ein nicht minder hochkarätiger Halbmarathonlauf statt, der eigentlich am 25. Oktober geplant gewesen wäre, aber aufgrund der Pandemie neu angesetzt wurde. Insbesondere das Männerrennen lässt aufgrund seiner Besetzung keine Wünsche offen und nach den bisherigen Halbmarathon-Erfahrungen im Corona-Jahr 2020 sind den Erwartungen an dieses Rennen keine Grenzen gesetzt. Zur WM-Revanche zwischen Kibiwott Kandie und Jacob Kiplimo gesellt sich das Debüt von Rhonex Kipruto, der mit grandiosen Erinnerungen in die südostspanische Hafenstadt zurückkehrt.
 
 
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Szene aus dem Halbmarathon-WM-Rennen 2020. Kibiwott Kandie führt, Jacob Kiplimo befindet sich in der Verfolgung, wird das Blatt aber noch wenden. © Dan Vernon for World Athletics
 

Chance zum Konter für Kandie

Kandie, der im laufenden Kalenderjahr die Halbmarathons in Ras Al Khaimah und Prag in einer Siegerzeit von jeweils unter 59 Minuten gewonnen hat, hat in Gdynia alles unternommen, um Weltmeister in dieser Disziplin zu werden. Mehrere Tempoverschärfungen und taktische Initiativen haben allerdings nicht gereicht, um Kiplimo abzuschütteln, der in der Schlussphase dann seine vor den kürzeren Distanzen stammende Schnelligkeit ausspielen konnte. Auch bei der WM blieb der 24-Jährige unter 59 Minuten und wer dies dreimal in Folge schafft, ist beim vierten Rennen ein klarer Siegeskandidat. Und womöglich haben die Erfahrungen aus Gdynia dazu geführt, dass eine präzisierte taktische Innovation das Pendel in einem etwaigen neuen Zweikampf mit Kiplimo dieses Mal in Richtung des Kenianers ausschlägt.
 
 
RunAustria-Tipp: Der Valencia Halbmarathon kann auf der Website des Valencia Marathon und auf dessen Youtube-Kanal ab 8 Uhr im Livestream verfolgt werden. Ebenfalls überträgt der Eurosport Player.
 
 

Kiplimo vs. Kipruto: Potenzial für große Rivalität

Dass mit Kipruto ein zweiter Kenianer in den Kampf um den prestigeträchtigen Sieg, für den je nach Siegerzeit zwischen 25.000 und 35.000 Euro Siegerprämie auf dem Tisch liegen, eingreifen könnte, ist trotz fehlender Halbmarathon-Erfahrung plausibel. Am 12. Jänner diesen Jahres brach Kipruto just in Valencia in einer Zeit von 26:24 Minuten den Weltrekord im 10km-Straßenlauf von Kiplimos Landsmann Joshua Cheptegei. Auch mit seiner Bestleistung im 15km-Lauf, aufgestellt im Jahr 2019, liegt der 21-jährige Kenianer in den Top-Ten der ewigen Bestenliste von World Athletics. Und der Erfahrungsnachteil gegenüber Kiplimo, dessen natürlicher Dauerrivale Kipruto in den kommenden Jahren auf diversen Distanzen im Stadion und auf der Straße werden könnte, ist gering: Kiplimo hat auch erst zwei Halbmarathons bestritten, sein Naturtalent führte das Debüt auf internationalem Terrain gleich zu WM-Gold. Oft sind Kiplimo und Kipruto noch nicht gegeneinander gelaufen, obwohl sie nur ein Jahr trennt. Es steht Unentschieden: Bei den Junioren-Weltmeisterschaften 2018 siegte der Kenianer im 10.000m-Lauf mit großem Abstand vor dem Ugander, bei den Crosslauf-Weltmeisterschaften 2019 gewann Kiplimo ebenfalls Silber, Kipruto ging als Sechster leer aus – beide liefen damals trotz Juniorenalter in der Allgemeinen Klasse.
 

Wanders erstmals unter Hauptverantwortung von Canova

Neben den drei genannten Stars sieht das Feld noch drei weitere pfeilschnelle kenianische Athleten vor: Stephen Kiprop, Bernard Ngeno, Alexander Mutiso. Der einzige europäische Topläufer im Feld ist Europarekordhalter Julien Wanders, der abgesehen von Rang drei beim Valencia 10K im Jänner auf ein sehr bescheidenes Wettkampfjahr zurückblickt und nun die letzte Chance eines zweiten Topergebnisses nutzen möchte. „Ich habe mich zuletzt im Training immer besser gefühlt, aber ich habe ehrlicherweise noch nicht die Form, um den Europarekord angreifen zu können“, dämpft der 24-Jährige in einer Medienmitteilung des Schweizer Leichtathletik-Verbandes (Swiss Athletics) die Erwartungen. Der Westschweizer, der im kenianischen Iten lebt, kommt mit einer Neuerung nach Valencia. Der italienische Trainerroutinier Renato Canova, mit dem er bereits seit einigen Jahren zusammenarbeitet, ist sein neuer Trainer. Marco Jäger, Mentor und Förderer des Ausnahmetalents, hat laut Informationen von Swiss Athletics die Betreuung seines Athleten aufgrund der schwierigen geographischen Distanz an den 75-jährigen Canova weitergeben. „Julien verdient die bestmögliche Betreuung, diese konnte ich ihm nicht mehr bieten“, so Jäger, der von Wanders mit den Worten „Ohne ihn wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin“ gelobt wurde. Gemeinsam mit Canova bereitet Wanders in der neuen Saison seinen Auftritt bei den Olympischen Spielen auf der Bahn vor, ehe er dann sein Marathon-Debüt in den Fokus rücken möchte.
Auf ein Spitzenresultat hofft auch Lokalmatador Javier Guerra, aktuell Spaniens bester Marathonläufer, der sein Olympia-Ticket längst gelöst hat. Vor Corona lief er beim Sevilla Marathon eine Zeit von 2:07:27 Stunden.
 

Scheinwerferlicht auf Debütantinnen

Im Halbmarathon der Frauen, der inklusive Pacemaker, darunter Victor Chumo aus dem Pacemaker-Team der INEOS 1:59 Challenge, nur aus 13 Läuferinnen besteht, stechen zwei hoch interessante Halbmarathon-Debüts hervor. Das erste betrifft Letesenbet Gidey, die vor zwei Monaten in Valencia den Weltrekord im 5.000m-Lauf gebrochen hat. Die 22-Jährige hält seit gut einem Jahr die Weltbestleistung im 15km-Lauf (44:20, Nijmegen) und das nicht knapp – über eine Minute liegt die zweitplatzierte Joyciline Jepkosgei in dieser ewigen Wertung hinter ihr. Diese phänomenale Leistung schraubt die Erwartungshaltung hoch und spült die Debütantin in die Favoritenrolle auf den Sieg.
Das zweite Debüt betrifft eine alte Bekannte: Genzebe Dibaba wagt sich in neue Gefilde. Die 29-Jährige, ehemals in der Halle fast unschlagbar und mehrfache Weltrekordläuferin, darunter im 1.500m-Lauf, hat 2020 noch keinen einzigen Wettkampf bestritten. 2019 gewann sie zwar zwei Diamond-League-Rennen, strauchelte aber beim Diamond-League-Finale von Zürich zu einem vierten Platz. Die Saison 2018 war in der Halle mit zwei WM-Titeln hervorragend, aber in der Freiluft lief es ebenfalls nicht nach Wunsch, insbesondere über 5.000m. Und 2017 wurde die Äthiopierin bei der WM in London mit Rang zwölf im 1.500m-Lauf abgespeist. Daher ist es fraglich, ob die Schwester von Tirunesh Dibaba, deren 5.000m-Weltrekord Gidey verbessert hat, in Siegform ist. Die dritte starke Äthiopierin ist Senbere Teferi, die den Valencia Halbmarathon 2019 in einer beachtlichen Zeit von 1:05:32 Stunden gewonnen hat. Die stärkste Kenianerin im Feld ist Sheila Chepkirui, die den 10km-Lauf von Valencia im Jänner in einer Spitzenzeit von 29:46 Minuten gewinnen konnte und im Vorjahr im Halbmarathon als Fünfte ins Ziel kam.
 

Sisson attackiert US-Rekord

Europäische Topläuferinnen fehlen, dafür will die US-Amerikanerin Emily Sisson mit der ostafrikanischen Elitegruppe mithalten. Mit einer Bestleistung von 1:07:30 Stunden fehlen ihr bereits jetzt lediglich fünf Sekunden auf die nationale Bestleistung von Molly Huddle. Das Feld wird die 29-Jährige zwingen, sehr aggressiv ins Rennen zu starten, um in der zweiten Hälfte zu hoffen, dass die Energiereserven nicht zu schnell zu Ende zu gehen. Die US-amerikanische Läuferplattform „Let’sRun“ berichtet aus dem direkten Umfeld der Athletin, dass diese sich diese Herausforderung zutraut und der US-Rekord das Ziel darstellt. Der Valencia Halbmarathon ist ihr erster Wettkampf seit den Olympia-Trials von Atlanta Ende Februar, bei denen sie überraschend an der Hürde Top-Drei scheiterte und sich damit nicht für Tokio 2020 qualifizieren konnte.
Gelaufen wird in Valencia übrigens auf der Strecke der Halbmarathon-WM 2018, die bekannt dafür ist, schnelle Zeiten zuzulassen.
 
 
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