„Sport ist eine offensichtliche Lösung“

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Keine europäische Regierung hat sich im Herbsthoch der COVID-19-Pandemie bisher erlaubt, das Laufen bzw. Sport alleine an der frischen Luft zu verbieten oder erheblich einzuschränken, so wie es etwa die italienische, spanische und teilweise die französische im Frühling getan haben. Zu schwer wiegt das Argument des gesundheitlichen Benefits durch Bewegung – sowohl körperlich als mental. Dennoch werden den europäischen Gesellschaften aktuell große Opfer abverlangt, die unter anderem auch Freizeit und Sport stark eingrenzen. Sebastian Coe, Präsident von World Athletics, hat in seiner Kolumne in der britischen Tageszeitung „The Daily Mail“ am Samstag mit deutlichen Worten die Gelegenheit genutzt, um als oberster Repräsentant einer weltumspannenden Sportart den Finger als Symbol der Warnung in Richtung politische Entscheidungsträger zu erheben. Die Adresse der Botschaft war Downing Street Ten in London, die einen Lockdown für England angeordnet hat.
 

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Coe für Öffnung von Sportvereinen

Coe ergriff entschlossen Partei für Kinder und Jugendliche und stellte die Frage in den Raum, warum Sportvereine zur Schließung verdonnert wurden, wenn Schulen offen bleiben können. Wenn das eine sicher sei, sei es das andere auch. Sport stärke die Psyche und spiele eine Schlüsselrolle dabei, Kindern in der schwierigen Phase eines Lockdowns zu unterstützen, argumentierte der Brite. Des Weiteren prangerte er an, dass organisierter Sport zahlreiche nachhaltige Charity-Projekte für bedürftige Familien umsetzt, die nun de facto verboten wurden. Die soziale Ungerechtigkeit besonders unter Kindern würde sich vergrößern. „Sport ist eine offensichtliche Lösung. Wenn Kinder regelmäßige physische Erziehung erhalten und Strukturen finden, in denen sie herumlaufen und spielen können oder gezielt trainieren, führt das zweifelsohne zu einer stärkeren Psyche auch im Lockdown: größeres Selbstvertrauen, ein stärkendes soziales Umfeld, bessere Laune und natürlich Fitness und Gesundheit. Besonders in Armenvierteln ist Sport der versteckte Sozialarbeiter in der Nachbarschaft“, schreibt der ehemalige Weltklasseläufer und Kurzzeit-Politiker. Er vermisse die Sensibilität bei der Entscheidung, einen temporären Riegel vor die Sportvereine zu schieben. Bewegung und bessere Gesundheit sei das, was Kinder aktuell am dringendsten bräuchten. „Es gibt wissenschaftliche Evidenz, dass Kindersport in sicherem Rahmen umsetzbar ist, ohne gleichzeitig das nationale Gesundheitssystem zu belasten“, so Coe, der die britische Regierung zum Umdenken bewegen möchte: „Wir müssen jetzt und schnell handeln, ansonsten riskieren wir die psychische Gesundheit einer ganzen Generation.“ Für eine ähnliche Forderung zugunsten der Kinder und Jugendlichen steht auch Sport Austria in einem aktuellen Pressestatement ein.
Quelle: Kommentar von Sebastian Coe in „The Daily Mail“
 

Negative Auswirkungen auf die psychische Gesundheit

Gerade im aktuellen Diskurs mag die entschiedene Wortwahl und die Deutlichkeit der Botschaft von Seiten Sebastian Coes, der auch als Interessenvertreter des organisierten Sports aufzutreten hat, überraschen. Über die Folgen auf die psychische Gesundheit wird generell wenig gesprochen. Eine Gesellschaftsstudie in Großbritannien erkannte in einer repräsentativen Umfrage mit über 12.000 Erwachsenen einen signifikanten Anstieg psychischer Probleme. War es im Zeitraum von 2017 bis 2019 noch knapp jeder Vierte, der sich als Person mit psychischem Gesundheitsproblem definierte, war es im Lockdown im Frühjahr mehr als jeder Dritte – eine Steigerung um 13,5%. Auch eine im Fachmagazin „The Lancet“ publizierte Studie aus Großbritannien kam zur Erkenntnis, dass sich die psychische Gesundheit der Briten erheblich verschlechtert hat. Jeder zweite Brite stellte laut einer Studie des King’s College London während des Frühjahrs-Lockdown vermehrt Schlafstörungen fest, rund 40% der Briten schliefen weniger als davor. Selten spielen Kinder und Jugendliche bisher in Studien über psychische Auswirkungen eines Lockdowns eine Rolle. Aber immer mehr Wissenschafter, Experten und Mediziner deuten an, dass diese bei Kindern und Jugendlichen besonders dramatisch ausfallen könnten. Darauf bezieht sich Coe in seinem Statement.

Wird Freizeitsport in Deutschland verboten?

Eine Sorge des Briten ist auch eine nachhaltige Schwächung der Vereinsstrukturen im Sport, von denen Kinder und Jugendliche profitieren. Alarmsignale in die Richtung von Mitgliederschwund und mangelndes Interesse an ehrenamtlichen Tätigkeiten in Vereinen ist auch aus Deutschland hörbar. Die deutsche Regierung diskutierte mit den Landesregierungen bereits Anfang November in Richtung eines Bewegungsverbots. Die Idee, Freizeitsport gänzlich zu verbieten oder zumindest weiterhin einzuschränken, steht bei den kommenden politischen Debatten in Deutschland wohl wieder auf der Tagesordnung, wie aktuellen deutschen Medienberichten zu entnehmen ist.
 

Laufen als Lösung

Laufen ist die Lösung, aus einem gesicherten Wissenstand heraus. Nicht aller Probleme, aber die Lösung, aktuelle Probleme zu mildern und proaktiv wichtige Weichen für die eigene Gesundheit zu stellen – körperliche und mentale Gesundheit. In Italien, einem der am schwersten betroffenen Länder im Frühjahr, hat man erkannt, dass das de facto Verbot von Laufen im Frühling eine Fehleinschätzung war. Bei der Verkündung schärferer gesellschaftlicher Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie im Herbst wurde das Laufen selbst in Dekretfassungen der italienischen Regierung ausdrücklich als erlaubtes und erwünschtes Verhalten selbst in den „roten Zonen“ genannt – alleine, versteht sich. Diverse Städte lenkten die Läufer und Spaziergänger gezielt in Parks oder auf die Strände, die Stadt Mailand definierte sogar zehn Locations, hauptsächlich Parks, zum Ausüben der Laufrunden. Nur in Bari wurden die Parks gesperrt, in Bozen wurde die umstrittene Regel eingeführt, die freies Bewegen in der Freizeit nur im Radius eines Kilometers des Wohnorts erlaubt – diese Regel gilt aktuell auch in Frankreich flächendeckend. Auch von der Maskenpflicht im Freien, die in Italien gilt, wenn Abstände nicht gewahrt werden können, wurde das Laufen ausdrücklich befreit. In Österreich gleicht die Maßnahme jener aus dem Frühjahr: Laufen ist immer und überall möglich, aus dem Gesundheits- und Sportministerium kommen sogar Meldungen, Menschen sollen dies aus gesundheitlichen Dingen alleine oder in Begleitung von Menschen aus dem selben Haushalt auch tun.
Besonders mit jener Jahreszeit vor Augen, in denen der Mensch prinzipiell am meisten von einem gestärkten Immunsystem profitiert, empfehlen Experten sportliche Betätigung im Freien. Laut einer Datenanalyse der Marketingplattform SEMrush hat sich der Online-Handel von Laufschuhen im Frühjahr in Italien fast verdoppelt – was mitunter auch damit zu tun hatte, dass der Fachhandel geschlossen hatte. Aber auch jetzt erkennt die Analyse höhere Onlinehandel-Aktivitäten rund um Laufaccessoires. Der bemerkenswerteste Wert: Zwischen Juli und September wurden online zehnmal häufiger Laufjacken gekauft als in Vergleichszeiträumen der letzten Jahre. Auch der Handel mit Laufstutzen und Laufschuhen zieht wieder an. Es wird ein sportlicher Winter, aber wohl anders, als wir ihn gewohnt sind.