100 Jahre – Zwei große Verbandsjubiläen

Vor 100 Jahren wurden die nationalen Leichtathletik-Verbände in Frankreich (FFA) und Spanien (RFEA) gegründet. Beide Leichtathletik-Nationen feierten große Erfolge im Laufsport. Von Jean Bouin über Alain Mimoun bis hin zu den spanischen WM-Helden im Marathon.

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Frankreichs und Spaniens Leichtathletik-Verband wurden in diesem Jahr 100 Jahre alt. Pompöse Feierlichkeiten blieben aufgrund der Pandemie aus. Beide Verbände blicken auf große Erfolge zurück, auch und im Besonderen im Laufsport.
 
 
Der Staub des Ersten Weltkriegs war noch nicht beseitigt, die tiefe Trauer und der Schock des Erlebten auch nicht. Die ehemals so „Grande Nation“ lag am Boden, als sich 1920 der französische Sport in Richtung Zukunft bewegte. Jede Sportart sollte seinen eigenen, autonomen Verband bekommen, lautete die Entscheidung der USFSA, die bis dahin alle Sportarten unter einem Hut versammelte. Am 20. November 2020, 34 Jahre, nachdem in Paris das erste internationale Leichtathletik-Meeting der französischen Geschichte ausgetragen worden war und 32 Jahre nach den ersten französischen Meisterschaften, war es soweit: die Federation Francaise d’Athlétisme (FFA) wurde aus der Taufe gehoben. Das war vergangenen Freitag vor exakt 100 Jahren. Da Frankreich momentan unter der Last der Gesundheitskrise stöhnt und ächzt, fielen die Feierlichkeiten sehr leise aus.
 

Triumph des „falschen“ Franzosen
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Als eine von nur 14 Nationen war Frankreich an den ersten Olympischen Spielen der Moderne in Athen 1896 beteiligt – kein Wunder, Baron Pierre de Coubertin, Gründer der modernen Olympischen Idee, war Franzose. 1900 durfte Paris die zweiten Olympischen Spiele der Moderne austragen. Als erster Laufheld der französischen Geschichte holte Michel Théato die Goldmedaille im Marathonlauf. Bis heute ranken sich Mythen um seine Person. Zwar führt die FFA Théato als Franzosen und tatsächlich lebte er um die Jahrhundertwende in Paris, gehörte auch einem in der französischen Hauptstadt ansässigen Verein an. Nach seinem Sieg in einer Zeit von 2:59:45 Stunden wurde der 22-Jährige als Volksheld gefeiert, wobei die Geschichte seiner Herkunft nicht hinterfragt wurde. Tatsächlich stammte Théato aus Luxemburg und verhinderte überraschend einen „echten“ französischen Sieg durch Émile Champion, der den perfekten Nachnamen für einen Olympiasieg mitgebracht hätte. So sind Boughera El-Ouafi (1928) und Alain Mimoun (1956), der große Gegenspieler von Emil Zatopek und Frankreichs Leichtathlet des 20. Jahrhunderts, die beiden französischen Marathon-Olympiasieger der Geschichte. Seit Melbourne 1956 gelang weder bei Olympischen Spielen noch bei Weltmeisterschaften je wieder ein Medaillengewinn im Marathonlauf. Bei den Frauen holte Jocelyne Villeton 1987 WM-Bronze, Christelle Daunay gewann 2014 EM-Gold in Zürich, zuletzt holte Clémence Calvin, ein Jahr später gedopt, EM-Silber in Berlin unter daher zweifelhaften Umständen. 1990 hatte zudem Maria Lelut Rebello Bronze gewonnen, bei der gleichen Auflage gab es mit der Bronzenen von Dominique Chauvelier die einzige EM-Marathon-Medaille bei den Männern.
 

Bouins knappe Niederlage gegen Kohlemainen

Auch auf der Bahn feierte der französische Laufsport früh Erfolge. 1911 lief Jean Bouin einen Weltrekord im 10.000m-Lauf (30:58,8), holte 1912 bei den Olympischen Spielen in Stockholm Silber im 5.000m-Lauf und stellte ein Jahr später in der schwedischen Hauptstadt einen Weltrekord im Ein-Stunden-Lauf (19.021 Meter) auf. Nur eine Haaresbreite fehlte Bouin auf den Olympiasieg 1912, als ihn sein großer Rivale Hannes Kolehmainen aus Finnland im letzten Atemzug noch überholte und einen neuen Weltrekord aufstellte. Weitere Erfolge blieben ihm verwehrt, Bouin fiel 1914 in den Gefechten des Ersten Weltkriegs als Frontreporter.
Der erste große internationale Läufer der Franzosen nach dem Zweiten Weltkrieg war Michel Jazy, der in den 60er Jahren nicht weniger als 49 französische Rekorde und neun Weltrekorde aufstellte. Bei den Olympischen Spielen von Rom 1960 musste er sich über 1.500m lediglich dem Australier Herb Elliott geschlagen geben. Zwei EM-Titel zieren seine sportliche Vita. In der Folge produzierte Frankreich viele international sehr erfolgreiche Sprinter, im Laufsport konnte in den letzten Jahren lediglich Hindernisläufer Mahiedine Mekhissi-Benabbad mit mehreren WM- und Olympia-Medaillen in der absoluten Weltklasse mitmischen.
 

Über 300.000 Mitglieder

Aktuell bereitet sich Frankreichs Leichtathletik auf einen Sport-Höhepunkt vor: Wie schon 1900 und 1924 finden im Sommer 2024, also exakt 100 Jahre nach den letzten, die Olympischen Spiele in Paris statt. Die Leichtathletik-EM 2020 musste aufgrund der COVID-19-Pandemie abgesagt werden. Sie wäre der perfekte Feieranlass für den 100er gewesen. Die Geschichte der FFA war eine erfolgreiche. Bereits im ersten Jahr reicherte sie über 15.000 Mitglieder an, 1962 waren es bereits über 50.000, 1980 erstmals über 100.000, 2010 über 200.000 und 2016 erstmals über 300.000. Interessant an der Geschichte des französischen Leichtathletik-Verbandes ist, dass es ab 1936 vier Jahre lang einen eigenen Verband für die Frauen-Leichtathletik gegeben hat, ehe dieser in die FFA eingegliedert wurde.
 
 

Ein Jubiläum im Trübsinn
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Der französische Verband ist nicht der einzige Leichtathletik-Verband einer großen europäischen Sportnation, der im Jahr 2020 sein 100-jähriges Bestehen feiert und demnach ebenfalls in den Nachwehen der dramatischen Zeit mit dem Ersten Weltkrieg und der Spanischen Grippe entstand. Mitten in der dramatischen Zeit der ersten COVID-19-Welle, die das iberische Land hart traf, jährte sich die Gründung des Spanischen Leichtathletik-Verbandes (RFEA) zum 100. Mal. Am 27. März 1920, sechs Jahrzehnte, nachdem die Leichtathletik in Spanien erste Spuren zog, versammelten sich im Rahmen der spanischen Crosslauf-Meisterschaften im Bilbao Vertreter aller regionalen Verbände und bestimmten einstimmig die Gründung eines nationalen Verbandes mit Sitz in San Sebastian im Baskenland und unter dem Vorsitz von Gabriel Maria de Laffitte zur strukturierten Vorbereitung der Olympischen Spiele von Antwerpen: die Real Federación Española de Atletismo (RFEA). Ein Jahr später wurde König Alfonso XIII. als Ehrenpräsident aufgenommen, wodurch der Verband das Attribut „königlich“ sich nun endgültig verdiente. Kontextbedingt fielen die Feierlichkeiten zum großen Jubiläum aus.
 

Lauf-Erfolge in den 70ern

Lange Zeit spielte die Leichtathletik im spanischen Sport eine sehr untergeordnete Rolle. Das änderte sich mit den ersten Erfolgen im Mittel- und Langstreckenlauf in den 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts. Mariano Haro, zwischen 1962 und 1977 elfmal spanischer Crosslauf-Meister und vielfacher nationaler Meister auf anderen Strecken, verpasste sowohl bei den Europameisterschaften von Helsinki 1971 als auch bei den Olympischen Spielen von München 1972 nur knapp Edelmetall über 10.000m – es wäre das erste Olympische für Spaniens Leichtathletik überhaupt gewesen. 1972 markierte er auf allen längeren Distanzen spanische Rekorde, die allesamt über ein Jahrzehnt lang hielten. Die größten internationalen Erfolge wurden drei Crosslauf-WM-Silbermedaillengewinne in den Jahren 1973 bis 1975. Carmen Valero war 1976 die erste spanische Leichtathletin überhaupt, die für Olympische Spiele nominiert wurde. Die damals 21-Jährige hatte bereits in den Jahren davor den spanischen Lauf auf den Stadion-Distanzen nach Belieben dominiert. 1976 und 1977 holte sie als einzige Spanierin überhaupt WM-Gold im Crosslauf.
 

Fermin Cacho: Olympia-Gold beim Heimspiel

Nachdem Jorge Llopart 1980 in Moskau Olympia-Gold im 50km-Gehen gewann, begann die große Zeit der spanischen Geher. Die Läufer setzten mit José Abascal, der im großen Rennen unter Olympischen Ringen 1984 hinter Sebastian Coe und Steve Cram Bronze gewann, und mit José Luiz Gonzalez, WM-Bronzemedaillengewinner 1987, die nächsten Zeichen – beide im 1.500m-Lauf. Die große Zeit des spanischen Laufsports folgte jedoch in den 90er-Jahren, als Spanien mit den Olympischen Spielen 1992 von Barcelona und der Leichtathletik-WM 1999 von Sevilla auch hochkarätige Gastgeberrollen einnahm. Am 8. August 1992 stürmte Fermin Cacho, trotz Hallen-WM-Silber 1991 in Sevilla Außenseiter, im Olympiastadion von Barcelona zur überraschenden Goldmedaille im 1.500m-Lauf, der haushohe Favorit Nourreddine Morceli aus Algerien wurde nur Siebter. Cacho hielt sich in der Weltklasse: Silber bei den Olympischen Spielen 1996, dieses Mal hinter Morceli, Silber bei den Weltmeisterschaften 1993 und 1997, Gold bei den Europameisterschaften 1994 in Helsinki, Bronze 1998 in Budapest. Sein Europarekord von 3:28,95 Minuten, aufgestellt 1997 in Zürich, hielt 16 Jahre lang.
 

Der WM-Hattrick im Marathon

Spaniens Läufer erlebten in den 90er Jahren ihre Hochblüte. Ab der zweiten Hälfte des Jahrzehnts brillierten die Marathonläufer. Martin Fiz eröffnete 1995 in Göteborg den spanischen Hattrick. 1997 in Athen und 1999 vor heimischem Publikum bei der Hitzeschlacht von Sevilla triumphierte jeweils Abel Anton, Martin Fiz war 1997 Zweiter. Bei den Olympischen Spielen 1996 und 2000 verpasste Fiz, der aus dem Baskenland stammte, nur knapp Edelmetall. Dreimal siegte er beim Lake Biwa Marathon in Japan, 1995 beim Seoul Marathon, 1994 beim EM-Marathon von Helsinki. Anton wurde in der finnischen Hauptstadt Europameister im 10.000m-Lauf vor Vincent Rousseau aus Belgien, ehe der Umstieg auf die Marathon-Distanz erfolgte. Bereits seinen ersten Marathonlauf gewann er, 1996 in Berlin. Siege in Seoul und beim prestigeträchtigen London Marathon im Jahr 1998 (2:07:57) folgten. Als 38-Jähriger lief er den Olympia-Marathon von Sydney.
 

Dopingsumpf

Im neuen Jahrtausend verlor Spanien seine Stellung als europäische Laufnation Nummer eins, feierte aber insbesondere in einigen Teilbereichen wie dem Crosslauf Erfolge. Spaniens Leichtathletik wurde durch die diversen spanischen Dopingskandale schwer getroffen, darunter der Fuentes-Skandal. Prominentester Dopingfall war Marta Dominguez, die 2009 bei den Weltmeisterschaften von Berlin die WM-Goldmedaille im 3.000m-Hindernislauf gewonnen hatte. Diesen Titel ist sie mittlerweile los, Gerichte haben festgestellt, dass sie gedopt war. Auch nach Fuentes war der spanische Laufsport immer wieder in Dopingskandalen verwickelt, zuletzt rund um Ilias Fifa. Die negativen Schlagzeilen wirkten sich auf die Erfolge der spanischen Leichtathletik dramatisch aus: Bei den fünf Weltmeisterschaften im vergangenen Jahrzehnt holte die RFEA lediglich fünf Medaillen und ging in London 2017 sogar gänzlich leer aus.