Zwölf-Jahres-Plan: Neun Mio. Läufer und internationale Erfolge

Neun Millionen aktive Leichtathleten, der Großteil davon Läufer, und große internationale Erfolge plant der Britische Leichtathletik-Verband in einem Strategiepapier bis 2032. Gezielte Investitionen in die Infrastruktur der Vereine sollen für mehr Breite im Spitzensport sorgen.

© Amber Avalona / Pixabay

 

  • Große Ziele der britischen Leichtathletik: Neun Millionen Freizeitläufer und Weltklasse in allen Disziplinen der Leichtathletik
  • Der Weg dorthin: Gezielte Investitionen in die Infrastruktur der Vereine und Kompetenz der Coaches
  • Leichathletik-Saison 2020: Britische Dominanz auf den Mittelstrecken

 
Mit der neuen Initiative „Athletics unified“ nimmt der Britische Leichtathletik-Verband (UK Athletics) hohe Ziele ins Visier. Bis ins Jahr 2032 will die Leichtathletik aus dem Vereinigten Königreich in allen leichtathletischen Disziplinen zur Weltklasse gehören und gleichzeitig die Leichtathletik im Freizeitbereich zur Nummer eins im Land machen. Ein ambitionierter Plan, der auf die Erfahrungen ambitionierter Pläne der Vergangenheit aufbaut und aus deren Erfolgen Rückwind entnimmt. Neun Millionen Menschen sollen in zwölf Jahren im Königreich regelmäßig einer leichtathletischen Sportart nachgehen – davon der überwiegende Großteil dem Laufsport – und ihre Idole sollen für Medaillenregen bei kontinentalen und globalen Meisterschaften sorgen. Erreicht soll diese erfolgreiche Entwicklung durch eine verstärkte Zusammenarbeit der Verbände England Athletics, Scottish Athletics, Welsh Athletics und Athletics Northern Ireland werden. Die neue Geschäftsführerin von UK Athletics, Joanna Coates weiß genau, dass es hier nach den Streitereien der letzten Jahre Potenzial zum Ausschöpfen gibt. Bei der Zusammenstellung des Strategiepapiers funktionierten die Zusammenarbeit und die Synergie der gegenseitigen Einbringung von Ideen, Arbeitsgruppen mit konkreten Aufträgen wurden gebildet.
 

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Drei Hauptpunkte

Drei Hauptziele definierte UK Athletics: Erstens soll spätestens 2032 in jeder leichtathletischen Disziplin bei globalen Meisterschaften eine britische Sportlerin oder ein britischer Sportler teilnehmen. Bei den Paralympics gilt die Ambition, in 95% aller Disziplinen Finalteilnahmen zu erzielen. Zweitens: Die Infrastruktur in der Leichtathletik – Vereine, Wettkämpfe, Trainer und Personal – soll zugunsten der rund 250.000 Vereinsmitglieder verstärkt werden. Drittens: Neun Millionen Menschen sollen regelmäßig laufen (inklusive die Rollies für Behindertensportler) und damit nicht zur Nummer eins der aktiven Sportarten der britischen Bevölkerung aufsteigen, sondern Treiber für gesellschaftliche Gesundheit sein. Die Idee ist nicht neu, sie stand bereits im Konzept des britischen Verbandes unter dem Titel „An Athletic Nation Strategy“ aus dem Jahr 2016. Doch nach internen Querelen und Streitereien unter der alten Verbandsführung ist nun die Zeit gekommen, neue Titel über ähnliche Zielen zu setzen. Der neue Weg dorthin ist definiert: Die Basis für sportliche Spitzenleistungen in der Weltklasse legen die optimierte Infrastruktur in den Vereinen und bei den Trainern sowie die breite Bevölkerung, die den Sport lebt und unterstützt. Dann wiederum inspirieren die Sporthelden eine neue Generation und ziehen junge Menschen an die Leichtathletik heran.
 

Struktur und Kompetenz

Das Selbstbewusstsein der britischen Leichtathletik fundiert auf guten Erfahrungen der vergangenen Jahre. Im Windschatten sportlicher Höhepunkte als wichtige Zugpferde in der öffentlichen Aufmerksamkeit – angefangen bei den Olympischen Spielen 2012 in London über die Commonwealth Games 2014 in Glasgow bis hin zu den Leichtathletik-Weltmeisterschaften 2017 in London und diverser Leichtathletik-Hallen-Höhepunkte – nutzte die Leichtathletik die großen Budgettöpfe und investierte nicht nur in den Spitzensport. Im Breitensport wurden wichtige Rahmenbedingungen gesetzt, Fördermittel wanderten in die Anschaffung von Ressourcen, Verbesserungen der Infrastruktur und Investitionen in Fachpersonal. Nicht im Spitzensport, sondern in den Vereinen. Auf rund 16.500 lizensierte Leichtathletik-Vereinstrainer, 18.000 lizensierte Leiter von Lauftreffs und rund 50.000 freiwillige Mitarbeiter können britische Leichtathletik-Vereine zählen. 225.000 Mitglieder (davon 80% Läufer) verteilen sich auf rund 2.500 anerkannte Vereine. Jährlich (also in Nicht-Pandemie-Jahren) finden 1.800 offizielle Leichtathletik-Meetings und rund 4.000 Straßenläufe statt, rund 800.000 Menschen beteiligen sich als Fans. Rund sieben Millionen Briten laufen aktuell mindestens zweimal monatlich.
Etliche zielgerichtete Lehrgänge sorgten für die Weiterbildung, die nun bei der Basis ankommt. Vorbildlich wurde das ab 2010 in Schottland umgesetzt, der Rest des Königreichs blickte neidisch gen Norden und will nun von den Erfahrungen der Schotten profitieren. Linear zur Erweiterung des Interesses der Bevölkerung an der Leichtathletik hielten flächendeckende Erfolge der schottischen Leichtathleten Einzug – darunter zahlreiche im Laufbereich rund um Europameisterin Laura Muir (Bahn) oder dem Marathon-WM-Vierten Callum Hawkins. Mit einiger zeitlicher Verzögerung schnellten nicht nur im Norden des Königreichs, sondern auch in allen anderen Landesteilen die Mitgliedszahlen in den Vereinen erheblich in die Höhe.
 
Quelle: Strategiepapier von UK Athletics
 
 

Die Nummer eins auf den Mittelstrecken

Die neue Strategie von UK Athletics widerspricht jener des britischen Sports trotz der Gegenteiligkeit nicht. In Vorbereitung der Olympischen Spiele 2016 richtete Großbritannien seine Förderprogramme so aus, dass Sportarten, in denen britische Sportlerinnen und Sportler gute Chancen auf Finalteilnahmen oder gar Medaillengewinne hatten, überproportional gut gefördert wurden, während Randsportarten auf der Strecke blieben. Die Leichtathletik zählt natürlich zu den Paradesportarten der Briten, was jedoch nicht für alle Teilbereiche der Olympischen Kernsport gilt. Anstatt die Schokoladenseiten wie Sprint und Lauf kanalisiert zu stärken, wählt UK Athletics die gegenteilige Strategie und will seine Stellung in bisher schwachen Leichtathletik-Disziplinen verbessern.
Im Mittelstreckenlauf startet die britische Leichtathletik beim Verfolgen dieser Ziele auf hohem Niveau. Seit einigen Jahren ist keine andere Nation im europäischen Laufsport erfolgreicher. Nicht das größte Wunder, schließlich gehört UK Athletics zu den größten Verbänden des Kontinenten, abgesehen vom aktuell suspendierten Russland und der Türkei, die sich geographisch größtenteils in Asien befindet, ist Großbritannien hinter Deutschland und Frankreich die von der Einwohnerzahl her drittgrößte Nation der europäischen Leichtathletik. Außerdem hat die britische Leichtathletik eine große Tradition auf den Laufstrecken. Nach dem Abgang Mo Farahs in den Straßenlauf ist ein Loch auf den langen Distanzen entstanden, dafür ist die kontinentale Dominanz auf den Mittelstrecken der Erben von Sebastian Coe, Steve Cram, Steve Ovett und Kelly Holmes beachtlich. In der kurzen Wettkampfsaison 2020 markierten drei britische Läufer auf vier Distanzen eine europäische Jahresbestzeit: Laura Weightman (3.000m und 5.000m), Laura Muir (1.500m), die die schnellsten drei Zeiten des Jahres markierte, und Daniel Rowden (800m). In fast allen Disziplinen dominierten die Britinnen und Briten auch in der Breite: Drei Britinnen befinden sich in den Top-5 im 5.000m-Lauf der Frauen, vier in den Top-8 über 3.000m, fünf in den Top-9 im 1.500m-Lauf und vier in den Top-11 über 800m. Bei den Männern liefen die britischen 800m-Läufer neun der Top-13-Zeiten (was nur vom 1.500m-Lauf der Frauen mit neun der Top-11-Zeiten übertroffen wurde), in den Top-11 der Jahresbestenliste Europas befinden sich sechs Briten. Im 1.500m-Lauf vier in den Top-9, über 3.000m vier in den Top-12.
 

Das Top-Duo von Andy Young

Seit Jahren ist Laura Muir das Aushängeschild des britischen Laufsports auf der Bahn, nachdem Mo Farah nach der WM 2017 Richtung Marathon zielte und 2020 für die Olympischen Spiele auf die 10.000m zurückkehren wird. Muirs Aufstieg zur britischen Rekordhalterin im 1.500m-Lauf, zur Europameisterin, mehrfachen Hallen-Europameisterin und Hallen-WM-Medaillengewinnerin verlief dezidiert geplant. Die heute 27-Jährige schloss ihr Studium der Veterinärmedizin ohne Verzögerungen ab, neben ihrer spitzensportlichen Karriere. Als sie sich immatrikulierte, traf sie an der Glasgow University Andy Young. Die Zusammenarbeit trug süße Früchte, mittlerweile ist der Schotte einer der bekanntesten Lauftrainer in Europa. Und er hat eine der spannendsten Trainingsgruppen, denn Jemma Reekie machte in den vergangenen Jahren große Fortschritte und ist heuer in die Weltklasse aufgestiegen. Dagegen ist die Kanadierin Gabriela Stafford-Debues nach einem sehr erfolgreichen Intermezzo in Glasgow wieder aus der Trainingsgruppe ausgestiegen.
Die beiden Schottinnen sind nicht nur Trainingspartnerinnen, sondern enge Freundinnen mit individuell unterschiedlichem Charakter. Inklusive der Haustiere bezogen die beiden während des Lockdowns im Frühling eine gemeinsame Wohnung und verbrachten wochenlang praktisch jede Minute miteinander. Das stabilisierte eine ideale Symbiose weiter: Reekie profitiert von der großen Erfahrung Muirs. „Laura hat mir alles beigebracht, was ich weiß. Ich kam als junge Athletin hierher und sie hat mich sofort unter ihre Fittiche genommen. Das hat mir sehr geholfen. Ich schätze sie als große Athletin. Sowohl auf als auch neben der Bahn könnte ich mir keine idealere Freundin und Trainingspartnerin vorstellen“, schwärmt Reekie. Muir profitiert aber auch von charakterlichen Einflüssen ihrer jungen Landsfrau und von der gestiegenen Qualität im Training, insbesondere dank Reekies Grundschnelligkeit. „Wir trainieren gemeinsam auf hohem Niveau und motivieren uns gegenseitig“, so Muir. „Jemma ist unheimlich fokussiert und motiviert. Sie ist sehr stark, das hilft mir sehr.“ Beide wurden gemeinsam mit Jake Wightman zu Schottlands Leichtathleten des Jahres ausgezeichnet – Muir bereits zum vierten Mal, Andy Young zu Schottlands Leichtathletik-Trainer. „Andy erledigt einen phänomenalen Job sowohl im täglichen Training als auch in der Planung“, lobt die 27-Jährige. „Coaching übernimmt eine Schlüsselrolle. Aber ohne den richtigen Input der Athletin ist es wertlos“, spielt Young den Ball zurück. Der gemeinsame Auftrag: Bei den Olympischen Spielen von Tokio will Laura Muir mit seiner Unterstützung erstmals auf globaler Ebene Edelmetall gewinnen, am besten Gold. „Die guten Ergebnisse und die vielen Siege in dieser Saison geben mir sehr viel Selbstvertrauen auf diesem Weg“, erklärt sie. Young bezeichnet Muir als beinharte Arbeiterin, die nicht über „das Supertalent“ verfügt. Der 22-jährigen Reekie komme die Verlegung der Olympischen Spiele um ein Jahr sehr gelegen – ein Jahr mehr Erfahrung, ein Jahr mehr Klasse.
 

Senkrechtstarter Daniel Rowden

Die Stärke der britischen Mittelstreckenläufer war in den vergangenen Jahren nicht so ausgeprägt wie heuer. Die erste Sensationsleistung des Jahres gelang Jake Wightman in Monaco. Mit einer Zeit von 3:29,47 Minuten setzte er sich hinter Mo Farah auf Rang zwei der ewigen britischen Bestenliste noch vor den klingenden Namen Cram und Coe. Später konzentrierte er sich auf den 800m-Lauf, wo ihm ebenfalls kräftige Leistungssprünge gelangen, die ihn auf Platz zwei der europäischen Jahresliste hievten. Einreihen musste er sich lediglich hinter seinem Landsmann Daniel Rowden, dem großen Newcomer der Saison. Der 23-Jährige siegte in Zagreb mit einer Zeit von 1:44,09 Minuten und ist nun der neuntschnellste Brite aller Zeiten über die zweifache Stadionrunde. Vor der Saison war Rowden international de facto unbekannt, die Wettkampfsaison 2019 hatte er aufgrund einer Operation im Bauchbereich verpasst. Seine Klasse hatte er erstmals 2018 in London angedeutet, als er unter 1:45 Minuten lief. Dennoch entdeckte er wie Phönix aus der Asche das neue Leistungsniveau in der Saison 2020, in der er vier von fünf Rennen, darunter den Vorlauf bei den britischen Meisterschaften, gewann – nationaler Titel inklusive.