Noch eine WM!?

© World Athletics

World Athletics hat die Einführung von Weltmeisterschaften im 5km-Straßenlauf beschlossen und trägt sie im Rahmen einer Straßenlauf-WM ab 2023 gemeinsam mit den Weltmeisterschaften im Halbmarathon aus – weitere Disziplinen könnten in näherer Zukunft folgen. Gerade das heurige Pandemie-Jahr und die notwendigen Verlegungen mit Verschiebungseffekten über mehrere Jahre haben eine klare Perspektive eröffnet, wie überladen der internationale Sportkalender ist. Automatisch stellt sich daher die Frage, ob der internationale Sport und insbesondere die Leichtathletik mit ihrem sehr engen Wettkampfkalender weitere Titelkämpfe braucht? Bei solchen Entscheidungen ist selten ein klares „Ja!“ oder „Nein!“ möglich. Pro und Contras haben oft unterschiedliches Gewicht, in diesem Falle ist ein tendenzielles „Ja!“ berechtigt.

Wir sprechen hier vom Laufen – jener natürliche Bewegungsform der Menschheit, die Zig-Millionen-Menschen weltweit in aller Regelmäßigkeit selbst aktiv ausüben und die ihre Leidenschaft in einer WM repräsentiert sehen.

Denn: Aktuelle Befunde über den Laufsport zeigen, dass das gesellschaftliche Bedürfnis nach kürzeren Laufdistanzen immer größer wird. Für viele, die dem Trend der regelmäßigen körperlichen Aktivität als wichtigen Bestandteil eines gesunden Lebensstils folgen – diese Plattform propagiert auch dafür, steht der Vorzug des Laufens als Entlastung im Alltag, als effektive Maßnahme der Energierückgewinnung und Stimmungshebung und als sozial stärkende Gemeinschaftsaktivität mit Freunden oder der Familie im Vordergrund. Ein Gutteil dieser Zielgruppe ist auch bereit, diese Lauferfahrungen auf organisierte Events zu transferieren, um den Erlebniswert zu erhöhen. Laufevents von Businessläufen, über Straßenläufe bis hin zu Marathon-Veranstaltungen abseits der internationalen Big Player spüren dieses Bedürfnis nach vielschichtigen Lauf- und Wettkampfangeboten. Auf der anderen Seite nimmt der Mythos Marathon, der als großes Ziel verbunden ist mit langfristigen Opfern, auch zeitlicher Natur, massiver Disziplin und großen Ambitionen, insofern etwas ab, als dass der Marathonlauf zwar weiterhin ein großer Sehnsuchtsort der Laufszene bleibt, aber die Distanz im Schnitt nicht mehr so schnell belaufen wird wie früher. Unter dem Strich gewinnt die Laufszene, und damit auch die gesellschaftliche Gesundheit, wenn die eine Ebene konstant attraktiv bleibt (Marathon, Halbmarathon) und die zweite Ebene (kürzere Distanzen bis 10km) eine teils neue Zielgruppe mit Erfolg ansprechen kann. Ein idolisiertes Angebot wie ein Premium-Event (WM) mit den besten Kurzstrecken-Straßenläufern am Start kann positiv ausstrahlen und enorme Werbebotschaften für einen gesunden Lebensstil aussenden. Großeventsskeptikern sei gesagt, wir sprechen hier vom Laufen – jener natürliche Bewegungsform der Menschheit, die Zig-Millionen-Menschen weltweit in aller Regelmäßigkeit selbst aktiv ausüben und die ihre Leidenschaft in einer Weltmeisterschaft repräsentiert sehen könnten.

Auf der anderen Seite steht der Wunsch von World Athletics, die Attraktivität seiner Produkte und Pakete zu erhöhen. Ein Lieblingsthema von Sebastian Coe. Wenn die Halbmarathon-WM nicht pandemiebedingt einer der Jahreshöhepunkte ist, ausnahmsweise, hat sie einen schweren Stand, insbesondere in Europa und Nordamerika. Es ist sinnvoll, dieses Produkt aufzuwerten, ansonsten ist die Strahlkraft dieser Weltmeisterschaften zu bescheiden. „Der Straßenlauf ist in den letzten 20 Jahren immer mehr zu einem bedeutenden Teil unseres Sports geworden. Deswegen verdient er mehr Beachtung in unseren Veranstaltungen der World Athletics Serie“, findet Jon Ridgeon, Geschäftsführer von World Athletics. Eine Vergrößerung des Angebots kann wirken: Die deutsche Idee, nationale Meisterschaften diverser Sportarten an einem Wochenende unter dem Titel „Die Finals“ parallel auszutragen und damit ein hoch attraktives Paket für die Öffentlichkeit zu schnüren, war eine erfolgreiche und schreit nach Wiederholung. Auch die erste Multisport-EM 2018 war viel versprechend. Es geht auch innerhalb einer Sportart, das zeigt die Radsport-WM. 2018 sorgte sie für international geprägte Volksfeststimmung auf den Straßen Tirols. An acht Wettkampftagen mit unterschiedlichen Bewerben, unterschiedlichen Altersklassen beider Geschlechter, konzentriert an einem Ort (das Ziel in Innsbruck) katapultierte sich der Radsport eine Woche lang ins Zentrum der Aufmerksamkeit, die er sonst über diesen langen Zeitraum höchstens bei den großen Landesrundfahrten genießt. 220.000 Menschen, darunter gut die Hälfte Gäste aus anderen Bundesländern oder dem Ausland, verfolgten die Rad-WM 2018 am Streckenrand (durch Verdopplungen insgesamt 586.000 Zuschauer) und gaben rund 35,7 Millionen Euro aus. Der Event steuerte 39,8 Millionen Euro dem BIP von Stadt und Region bei. Über 250.000 Millionen waren via Fernsehübertragungen in über 100 Ländern weltweit dabei, ein optimaler Werbewert. Kein Wunder, dass sich die UCI die Austragung der Rad-WM vom Gastgeber über acht Millionen Euro kosten lässt. *

Eine mehrtägige Straßenlauf-WM unter aktiver Beteiligung von Freizeitlaufbegeisterten auf dem Kipchoge-Rundkurs im Wiener Prater, mitten in einer europäischen Metropole. Warum nicht?

Zwar ist die Straßen-Rad-WM das Premiumprodukt der UCI, die Straßenlauf-WM wäre das bei World Athletics nicht. Aber diese Zahlen dürften auch bei World Athletics Eindruck schinden, zumal der Weltverband in den letzten Jahren aus diversen Gründen große Verluste produziert hat. Und nicht nur dort, sondern auch bei potenziellen Ausrichtern und nationalen Verbänden. Schließlich wird der Punkt „wirtschaftlicher Wert“ angesichts des durch die Pandemie schwer leidenden Tourismus zukünftig ein größeres Gewicht einnehmen. Mit der Austragung eines Massenbewerbs kann man nicht nur passive, sondern auch aktive Sportenthusiasten ansprechen – dasselbe gilt natürlich auch die Bewohner des Ausrichterortes betreffend. Eine mehrtägige Straßenlauf-WM unter aktiver Beteiligung von Freizeitlaufbegeisterten auf dem Kipchoge-Rundkurs im Wiener Prater, mitten in einer europäischen Metropole. Warum nicht?

Ein vielschichtiges Programm ähnlich der Rad-WM könnte auch die Leichtathletik zustande bringen, vielleicht in Erweiterung mit anderen Distanzen wie dem 10km-Lauf oder der Straßenmeile (bei der Halbmarathon-WM 2022 ist ein Testevent geplant), vielleicht in Kombination mit dem Gehen und dessen unterschiedlichen Distanzen. Auch wenn Marathonlauf und Gehen zwei unterschiedliche Disziplinen sind, besteht die Paarung: Sie sind die Disziplinen, die bei großen Meisterschaften außerhalb des Stadions durchgeführt werden. Sie sind die Disziplinen, die bei den Olympischen Spielen aus klimatischen Gründen von Tokio nach Sapporo verfrachtet wurden. Nur eines darf im Überschwang nicht passieren: Der Marathon, jene Disziplin die extra für die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit erfunden wurde und eine der attraktivsten leichtathletischen Bewerbe in aktivem und passivem Konsum ist, muss Teil der „großen“ Leichtathletik-Weltmeisterschaften bleiben – das Premiumprodukt von World Athletics hinter den Olympischen Spielen, wo man sich dem IOC unterordnet.

Der Straßenlauf ist jener Teil der Leichtathletik, der die Fans und Freizeitsportler direkt einbindet und ihnen am nächsten steht.

Sollte das geschilderte Szenario tatsächlich Realität werden, gibt es Gewinner und Verlierer. Gewinner wäre der Straßenlauf, jener Teil der Leichtathletik, der die engste Verbindung mit den Sportfans und Freizeitsportlern bilden kann. Denn dank der großen Laufevents weltweit und der Publikumsläufe in Rahmen von Welt- und Europameisterschaften bindet er sie direkt ein und steht ihnen damit am nächsten. Verlierer wären die Langstrecken auf der Bahn, die eine große Tradition aufweisen. Rückblickend gesehen war die Streichung des 5.000m-Laufs aus dem Diamond-League-Programm vielleicht der zweite Schritt zur Promotion des 5km-Straßenlaufs, nachdem World Athletics in einem ersten Schritt den offiziellen Weltrekord eingeführt hat. Statistisch hat der 10.000m-Lauf in der Breite enorm an Qualität verloren, insbesondere im europäischen Laufsport, seitdem der Straßenlauf enorm an Popularität gewonnen und damit neue Möglichkeiten der Start- und Preisgelder geöffnet hat, auch über 10 Kilometer. Die gibt es dank Sponsoren, Unterstützung der öffentlichen Hand, die den direkten Mehrwert für die Bevölkerung in Straßenläufen sehen, und Teilnahmegebühren der Freizeitläufer auch bei kleineren Events.

* die genannten Zahlen stammen aus einer Studie der UCI, veröffentlicht Ende 2018