Der Kronprinz springt in die Bresche

© Dan Vernon for World Athletics

Zum 24. Mal bei 25 Gelegenheiten stammt der Halbmarathon-Weltmeister aus Afrika, zum ersten Mal aus Uganda. Jacob Kiplimo ist nach einem spannenden Zweikampf mit Kibiwott Kandie aus Kenia der strahlende Triumphator bie den Halbmarathon-Weltmeisterschaften 2020 in Gdynia und im Alter von 19 Jahren der mit Abstand Jüngste aller Zeiten noch dazu. „Es ist großartig! Ich war noch nie bei Halbmarathon-Weltmeisterschaften und nun habe ich gewonnen. Es ist schwierig für mich, die richtigen Worte zu finden, weil ich von Emotionen übermannt bin. Unglaublich!“, stammelte der junge Weltmeister nach der Zielankunft. In einer Zeit von 58:49 Minuten – so schnell war noch kein WM-Rennen in dieser Disziplin – verwies er den engagierten Kenianer Kibiwott Kandie und Äthiopiens Besten Amedework Walelegn auf die weiteren Medaillenplätze, während Topfavorit Joshua Cheptegei als Vierter leer ausging. Die erfolgsverwöhnten Kenianer konnten neben Silber im Einzel mit der Goldmedaille in der Nationenwertung knapp vor dem Erzrivalen Äthiopien und Uganda Gdynia auch versöhnt verlassen.
 
 
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Nicht der falsche Sieger

Alles schien vorbereitet, die Texte bereits in Fassung gebracht, doch nicht immer realisieren sportliche Ereignisse die Erwartungen. Der intendierte Sieger, Superstar und Doppel-Weltrekordhalter Joshua Cheptegei verfehlte sein letztes Ziel, auch die Halbmarathon-WM zu gewinnen. Damit bleibt der Marokkaner Khalid Skah, Halbmarathon-Weltmeister 1994 nicht nur der letzte, dem dieser Titelgewinn als Debütant gelang, sondern der einzige, der gleichzeitig den WM-Titel im Crosslauf, im Halbmarathon und einen globalen Titel auf der Bahn (im Falle von Skah der Olympiasieg im 10.000m-Lauf, bei Cheptegei wäre es der WM-Titel gewesen, Anm.) hielt. „Ich habe alles gegeben. Daher bin ich glücklich. Bei meinem Debüt unter einer Stunde zu laufen, ist etwas Besonderes. Ich war auf den 10.000m-Lauf vorbereitet und dafür habe ich trainiert. Heute habe ich eine gewisse Erschöpfung in den Beinen gespürt“, erklärte der Superstar nach dem Rennen. Tatsächlich war er nicht schlecht gelaufen, 59:21 Minuten und damit potenzieller Landesrekord, wäre nicht Landsmann Kiplimo noch schneller gelaufen. Und vielleicht ist es ein positives Zeichen, dass Cheptegei zehn Tage nach seinem Fabel-Weltrekordrennen über 10.000m nicht noch einmal den Rest der Welt in Grund und Boden laufen konnte – ein Stück Normalität. Weil aber sein Landsmann in Gdynia glänzte, hat Cheptegei zukünftig seinen größten Kontrahenten auf globaler Ebene möglicherweise im eigenen Team.
Dass es dennoch zum ugandischen Triumph kam – Uganda hatte noch nie eine Einzelmedaille bei Halbmarathon-Weltmeisterschaften gewonnen – ist definitv keine Sensation. Geboren am 14. November des ersten Jahres im neuen Jahrtausend hat Jacob Kiplimo sein Ausnahmetalent bereits mehrfach nachgewiesen. Als 2017 Cheptegei so spektakulär bei der Crosslauf-WM in Kampala scheiterte, eroberte der damals 16-jährige Kiplimo die Herzen seiner Landsleute mit dem Triumph im Junioren-Rennen. Bei der Junioren-WM 2016 wurde er Dritter, zwei Jahre später musste er sich in Tampere lediglich dem Kenianer Rhonex Kipruto, ein anderes Ausnahmetalent aus dem neuen Jahrtausend, geschlagen geben. In der Diamond League glänzte er in Rom über 3.000m, als er Jakob Ingebrigtsen besiegte, in der Continental Tour in Ostrava, als er Selemon Barega über 5.000m keine Chance ließ. Als 18-Jähriger musste er bei den Crosslauf-Weltmeisterschaften in Aarhus, wohlgemerkt Allgemeine Klasse, nur seinem großen Landsmann Joshua Cheptegei den Vortritt lassen. Nun können sie gemeinsam über Titel feiern und das taten sie, denn Cheptegei feierte im Zielraum ausgiebig mit – ein starkes Zeichen von Sportlichkeit. Zumal das Duo gemeinsam mit Victor Kiplangat (16.) die zweite Teammedaille überhaupt auch noch feiern konnte – Bronze. Und Kiplimo hatte vier Wochen vor seinem 20. Geburtstag, unmittelbar nach dem zweiten Halbmarathon seiner Karriere, eine Warnung an die Halbmarathon- und Marathonszene parat: „Mein bevorzugter Untergrund ist die Straße!“ Bei den Olympischen Spielen in Tokio wird er aber im Stadion zu sehen sein, inklusive im Duell mit Joshua Cheptegei. Das bezeichnet „Let’s Run.com“, vorerst mit einem kleinen Fragezeichen versehen, als das neue „Federer vs. Nadal“.
 

Silber als schwacher Trost

Im Jubel über den Triumph von Kiplimo empfand Kibiwott Kandie wenige Meter räumlich getrennt die Silbermedaille als schwachen Trost. „Ehrlich gesagt, bin ich nicht glücklich. Ich habe viel investiert, um Gold zu gewinnen“, sagte der 24-Jährige. Dagegen zählte sich Amedework Walelegn, der mit dieser Bronzemedaille seinen Karriere-Höhepunkt feierte und Äthiopien nach sechs Jahren auf das Halbmarathon-WM-Podest zurückbrachte, zu den Glücklichen. Kandies Enttäuschung nach der ersten Niederlage im dritten hochkarätigen Halbmarathon des Jahres begründete sich auch in seiner Initiative. Immer wieder hatte er das Tempo forciert, immer wieder hatte er attackiert und dafür gesorgt, dass das Rennen für seine Rivalen unangenehm wurde. Erst in der zweiten Rennhälfte unterstützen ihn einige Äthiopier etwas, doch den endschnellen 5.000m-Spezialisten Jacob Kiplimo wurde er nie los, ehe dieser das Blatt umdrehte. Bereits zum dritten Mal unterbot Kandie in diesem Jahr im Halbmarathon eine Zeit von 59 Minuten – ein klares Signal, dass er der richtige Medaillengewinner ist.
 

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Kein rasanter Rennbeginn

Sieben Kilometer lang schien das WM-Rennen ganz nach dem Geschmack von Cheptegei abzulaufen – nämlich nicht mit Vollgas. Die Zwischenzeit der zu diesem Zeitpunkt 60 Läufer umfassenden Spitzengruppe bei Kilometer fünf von 14:19 Minuten skizzierte ein Tempo, das hochgerechnet einer Siegerzeit über einer Stunde entsprach. Das Schweizer Duo Tadesse Abraham und Julien Wanders, die unter dem Strich keine guten Ergebnisse erzielen sollten, gestaltete das Rennen an der Spitze mit. Bei Kilometer sieben beschleunigte Kandie ein erstes Mal und plötzlich war Schwung drin. Bei Kilometer zehn gehörten noch 23 Läufer zur Spitzengruppe, wenig später waren es noch 14. Es war ein offensichtliches Ziel des Kenianers, nicht nur die Gruppe zu verkleinern, sondern auch die Konkurrenz aus Äthiopien und Uganda mit unrhythmischen Einlagen zu fordern. Denn immer wieder streute er langsamere Abschnitte ein. Kurz nach der Zwischenzeit bei Kilometer 15, die Kandie in einer Zeit von 42:17 Minuten als Führender überquerte, zog er noch einmal kräftig an. Die Glocke zur letzten Runde ertönte und der 24-Jährige intensivierte seine Bemühungen. Kurze Zeit hatte er einige Meter Vorsprung. Während Cheptegei in diesen Minuten Probleme bekam und das Tempo schlussendlich nicht mitgehen konnte, setzte sich Kiplimo in den Windschatten Kandies und wenig später an die Spitze, indem er seinen hervorragenden Lauf zelebrierte und taktisch alles richtig machte. Nun verteidigte sich der Kenianer und versuchte krampfhaft sich im Windschatten festzusetzen. Was nicht gelang, weil das Rennen immer schneller wurde. Gegen den neuen Weltrekord der Altersklasse U20 hatte selbst der beste Kenianer keine Chance.
 
Jacob Kiplimos 5km-Teilzeiten: 14:20 / 14:03 / 13:55 / 13:37 / 2:54 Minuten (1,0975 km)
 

Amdouni bester Europäer

Eine beachtliche Leistung außerhalb der Medaillenplätze realisierte Stephen Mokoka, der wie schon bei den Weltmeisterschaften im Marathon in Doha in der Weltelite mitmischte. Bei seiner siebten Halbmarathon-WM-Teilnahme verbesserte er seinen eigenen, ein Jahr alten südafrikanischen Landesrekord um 15 Sekunden auf eine Zeit von 59:36 Minuten. Für die Sensation des Rennens sorgte Morhad Amdouni, ein Korse tunesischer Herkunft. 2019, im Vorfeld der WM in Doha, wurde er von einer ARD-Dokumentation offen des Dopings beschuldigt. In Doha fehlte er, gesperrt wurde er nie, was in der Szene einigen ein Dorn im Auge ist. Dass ausgerechnet der 32-Jährige in Gdynia der mit Abstand beste Europäer war – der einzige, der ganz vorne mithalten konnte – hat damit mindestens einen faden Beigeschmack. In seinem ersten Halbmarathon überhaupt (Amdouni ist aber schon Marathon gelaufen) unterbot er als sechster Europäer überhaupt die Marke einer Stunde und setzte sich als Gesamt-Achter mit einer Leistung von 59:40 Minuten auf Rang drei der ewigen europäischen Bestenliste hinter Julien Wanders und Mo Farah. Der Schweizer agierte in Gdynia aufgrund der Vorleistungen wenig überraschend fern seiner Topform und war als 21. hinter Amdouni, dem Briten Jake Smith und dem Ukrainer Bogdan-Ivan Horodyskyy, der in 1:00:40 Stunden einen Landesrekord markierte, nur der viertbeste Europäer.
 

Großer Leistungssprung für Simon Boch

Eine außergewöhnliche Leistung gelang Simon Boch, der seine persönliche Bestleistung aus Barcelona um knapp eine Minute steigerte und sich mit einer Zeit von 1:10:36 Stunden auf Rang sechs der von Carsten Eich angeführten, ewigen deutschen Bestenliste schob. „Eigentlich war ich davon überzeugt, dass man auf dieser Strecke nicht schnell laufen kann. Daher bin ich mit meiner Zeit natürlich mehr als zufrieden“, so der 26-Jährige, der sich ein Sonderlob von Bundestrainerin Katrin Dörre-Heinig verdiente, auf der Website des Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV). Bochs Leistung war konträr zu jenen seiner Landsleute, selbst Amanal Petros blieb von einem Sturz in der Anfangsphase gehandicapt weit unter seinen Möglichkeiten und erreichte lediglich Rang 100. Damit war eine anvisierte Platzierung unter den Top Ten der Nationen unerreichbar. Petros landete damit auch hinter beiden Österreichern Timon Theuer (DSG Wien, 80.) und Christian Steinhammer (ULC Riverside Mödling, 88.) – siehe eigenen RunAustria-Bericht.
 

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69 persönliche Bestleistungen, 14 Landesrekorde

Die Einschätzung, dass die tatsächlich nicht flache Strecke in der nordpolnischen Kleinstadt nicht schnell wäre, wird von den Resultatslisten komplett widerlegt. Zehn Läufer, die bei einem Halbmarathon unter einer Stunde blieben, hat es erst einmal gegeben – und das ohne Pacemaker im Rennen. Alleine das Männer-Rennen verzeichnete unter 117 Finisher 69 (!!!) persönliche Bestleistungen, darunter neue Landesrekorde für Uganda, Südafrika, Frankreich, Ukraine, Israel (Tadesse Getahon, 1:00:52), Chile (Carlos Diaz del Rio, 1:01:32), Gastgeber Polen (Krystian Zalewski, 1:00:32), Estland (Tiidrek Nurme, 1:02:20), Island (Hlynur Andresson, 1:02:47), die Dominikanische Republik (Alvaro Abreu Martin, 1:03:58), Litauen (Remigijus Kancys, 1:04:00), Honduras (Ivan Zarco, 1:04:09) und El Salvador (Oscar Antonio Aldana, 1:08:31) sowie das Flüchtlingsteam (Otmane Nait-Hammou, 1:03:28). Zahlreiche dieser aufgelisteten Athleten stehen nicht im Rampenlicht, dennoch sind diese Leistungen im Besonderen anerkennenswert.
 
 
Der RunAustria-Bericht über die Leistungen der Österreicher: Magenprobleme bremsen Theuer – Steinhammer und Schenk zufrieden
Der RunAustria-Bericht des Frauen-Rennens: Versilberte Sensation durch Melat Kejeta
 
 

Ergebnis Halbmarathon-WM 2020 der Männer
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Gold: Jacob Kiplimo (Uganda) 58:49 Minuten * / ** / *** / ****
Silber: Kibiwott Kandie (Kenia) 58:54 Minuten
Bronze: Amedework Walelegn (Äthiopien) 59:08 Minuten *
4. Joshua Cheptegei (Uganda) 59:21 Minuten *****
5. Amdamlak Belihu (Äthiopien) 59:32 Minuten
6. Leonard Barsoton (Kenia) 59:34 Minuten
7. Stephen Mokoka (Südafrika) 59:36 Minuten ******
8. Morhad Amdouni (Frankreich) 59:40 Minuten ***** / *******
9. Benard Kimeli (Kenia) 59:42 Minuten
10. Leul Gebresilase (Äthiopien) 59:45 Minuten
11. Hailemaryam Kiros (Äthiopien) 1:00:01 Stunden *
12. Hamza Sahli (Marokko) 1:00:04 Stunden *
13. Mohamed Reda El Aaraby (Marokko) 1:00:17 Stunden *
14. Lesiba Precious Mashele (Südafrika) 1:00:24 Stunden *
15. Mouhcine Outalha (Marokoo) 1:00:26 Stunden *
16. Victor Kiplangat (Uganda) 1:00:29 Stunden
17. Othmane El Goumri (Marokko) 1:00:30 Stunden *
18. Jake Smith (Großbritannien) 1:00:31 Stunden *
19. Stephen Kissa (Uganda) 1:00:34 Stunden
20. Bogdan-Ivan Horodyskyy (Ukraine) 1:00:40 Stunden ********
21. Julien Wanders (Schweiz) 1:00:46 Stunden

26. Eyob Faniel (Italien) 1:00:53 Stunden
34. Krystian Zalewski (Polen) 1:01:32 Stunden *********
35. Simon Boch (Deutschland) 1:01:36 Stunden *
46. Adel Mechaal (Spanien) 1:02:30 Stunden *
51. Tadesse Abraham (Schweiz) 1:02:46 Stunden
73. Koen Naert (Belgien) 1:03:44 Stunden
80. Timon Theuer (Österreich) 1:03:59 Stunden
88. Christian Steinhammer (Österreich) 1:04:11 Stunden
97. Konstantin Wedel (Deutschland) 1:04:45 Stunden
100. Amanal Petros (Deutschland) 1:05:22 Stunden
104. Tobias Blum (Deutschland) 1:05:33 Stunden
 
 

Teamwertung (drei schnellste Zeiten addiert)
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Gold: Kenia 2:58:10 Stunden
Silber: Äthiopien 2:58:25 Stunden
Bronze: Uganda 2:58:39 Stunden
4. Marokko 3:00:47 Stunden
5. Südafrika 3:00:51 Stunden
6. Frankreich 3:02:10 Stunden
7. Israel 3:03:53 Stunden
8. Spanien 3:05:30 Stunden
9. Italien 3:05:49 Stunden
10. Großbritannien 3:06:17 Stunden

15. Polen 3:11:29 Stunden
16. Deutschland 3:11:43 Stunden
 
* neue persönliche Bestleistung
** neuer Meisterschaftsrekord
*** neuer U20-Weltrekord
**** neuer ugandischer Landesrekord
***** Halbmarathon-Debüt
****** neuer südafrikanischer Landesrekord
******* neuer französischer Landesrekord
******** neuer ukrainischer Landesrekord
********* neuer polnischer Landesrekord
 
 
Halbmarathon-Weltmeisterschaften 2020 in Gdynia
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