Ein historisches Starterfeld – auch ohne Sifan Hassan

© Veranstalter Halbmarathon-WM 2020 in Gdynia

© Veranstalter Halbmarathon-WM 2020 in Gdynia
Es ist nicht so, dass Halbmarathon-Weltmeisterschaften der Vergangenheit keine Stars angezogen hätten. Tegla Loroupe, Paula Radcliffe und Lornah Kiplagat triumphierten gleich dreimal und mussten sich jeweils hochkarätiger Konkurrenz wie die Marathon-Olympiasiegerinnen Mizuki Noguchi und Constantina Tomescu oder „Women’s Only“-Marathon-Weltrekordhalterin Mary Keitany erfolgreich erwehren. Selbst bei diesem Erbe ist das Starterfeld bei der Halbmarathon-WM 2020 in Gdynia am Samstag herausragend. Auch, weil im direkten Umfeld der Herbstsaison nur wenige konkurrierende Events wie die üblichen World Marathon Majors über die Bühne gehen. Mit der neuen Weltrekordhalterin Ababel Yeshaneh (1:04:31 Stunden beim RAK Halbmarathon 2020), ihrem frisch gekürten Pendant für reine Frauen-Rennen Peres Jepchirchir (1:05:34 Stunden beim Prag Halbmarathon 2020), Yeshanehs Vorgängerin Joyciline Jepkosgei, Titelverteidigerin Netsanet Gudeta und weiteren absoluten Topläuferinnen bildet sich vielleicht sogar das stärkste Halbmarathon-Feld der Geschichte, kurioserweise ist das an der seit Ende März ausgesetzten und daher wenig repräsentativen Weltrangliste gar nicht ablesbar: die Top-Fünf fehlen, die Platzierten von 6 bis 9 sind dabei. Die Klasse des Feldes demonstrieren andere Zahlen: Zwei Läuferinnen im Teilnehmerinnenfeld haben eine persönliche Bestleistung unter 1:05, sieben eine unter 1:06, zehn eine unter 1:07, 26 eine unter 1:10 Stunden. Nicht in dieser Auflistung enthalten sind die Britin Charlotte Purdue, die aufgrund einer Verletzung absagen musste, und Europarekordhalterin Sifan Hassan, deren Absage sehr überraschend kam.
 
 
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Kurzfristige Absage von Hassan

Erst am vergangenen Wochenende pulverisierte Sifan Hassan im strömenden Regen von Hengelo den Europarekord im 10.000m-Lauf (siehe RunAustria-Bericht). Anfang September in Brüssel den Weltrekord im Ein-Stunden-Lauf, kurz darauf siegte sie bei einem 5.000m-Lauf in Ostrava. Eine ordentliche Ausbeute für vier Wettkampfstarts. Die Halbmarathon-WM schien eines der wichtigen Saisonziele und angesichts des Auftritts in Hengelo schien die Formkurve ideal, um in Gdynia medaillenfähig zu sein – oder gar um den Titel mitlaufen zu können. Am Dienstag, drei Tage nach Hengelo, sagte die aus Äthiopien stammende Holländerin ihren Start in Polen ab. Die gelieferten Erklärungen muten seltsam an. „Es war ein hartes Jahr. Die Unsicherheit der bevorstehenden Wettkämpfe war immer Teil meines Trainings. Die Saison war kurz, aber der Weg dorthin lang. Sich jeden Tag zu puschen ist schwierig, überhaupt, wenn man die Wettkampfplanung nicht kennt. Deshalb habe ich beschlossen, mir für das nächste Jahr Ruhe und Konzentration zu gönnen. Ich möchte sicherstellen, dass ich bei den Olympischen Spielen im nächsten Jahr körperlich und geistig in Topform sein werde“, verlautbarte sie. Es klingt wie eine lange gereifte Erklärung nach einer misslungenen Vorbereitung oder der Befürchtung, nicht wettbewerbsfähig zu sein. Die Form zuletzt stimmte aber definitiv. Im Gegensatz zum Saisoneinstieg im Juli übrigens, weswegen die Theorie der kräftezehrenden Vorbereitung auf die kurze Saison zweifelhaft klingt, zumindest was das Physische betrifft. Außerdem war die Organisation der Halbmarathon-WM weit weniger fraglich oder improvisiert wie der Weltrekordversuch im 10.000m-Lauf von Hengelo, der womöglich zu viel Kraft gekostet hat, um sieben Tage später noch einmal das absolute Topniveau abrufen zu können. Das hätte man aber genau so argumentieren können. Das würde aber bedeuten, die Halbmarathon-WM hätte nie die große Priorität gehabt.
 

Kenia gegen Äthiopien um Gold

Die Halbmarathon-Fans verlieren einen interessanten Baustein eines potenziell denkwürdigen Rennens. Und so ist alles andere als der prestigeträchtige Zweikampf zwischen dem kenianischen und den äthiopischen Team im Kampf um Edelmetall surreal. Dieses Prestigeduell ist aber hochklassiger denn je, sowohl in der Einzel- als auch Teamwertung. Äthiopien schickt mit Titelverteidigerin Netsanet Gudeta, die sich vor zweieinhalb Jahren in Valencia im erst kürzlich verbesserten, ehemaligen „Women’s Only“-Weltrekord von 1:06:11 Stunden gegen starke Konkurrenz durchsetzte, und Weltrekordhalterin Ababel Yeshaneh zwei brandheiße Eisen ins Feuer. Doch auch zwei weitere Läuferinnen sind der absoluten Weltrekord zugehörig: Zeineba Yimer (PB: 1:05:46) und die 21-jährige Yalemzerf Yehualaw (1:06:01). 2018 gewann Äthiopien mit einem weit weniger prominenten Team sensationell Mannschaftsgold vor den klar favorisierten Kenianerinnen. Für die erfolgreiche Revanche in der Teamwertung betraut Athletics Kenya Peres Jepchirchir, Joyciline Jepkosgei, die aufgrund ihrer Baby- und der Coronapause ihren ersten Halbmarathon seit drei Jahren bestreitet, die in Japan lebende Rosemary Wanjiru, Dorcas Kimeli und Brillian Kipkoech mit dieser herausfordernden Aufgabe. Das Team-Gold sei die oberste Priorität, meinte Jepchirchir in kenianischen Medien. Die Weltmeisterin beim kenianischen Dreifachsieg von Cardiff 2016 glänzte vor sechs Wochen in Prag, Jepkosgei, Silbermedaillengewinnerin vor zwei Jahren, als Siegerin des New York City Marathon 2019 und Wanjiru ist die dritte im Bunde, die bereits unter 1:06 Stunden gelaufen ist. Sie alle gehören zu den Medaillenkandidatinnen, eine Einschätzung ist auch aufgrund der langen Wettkampfpause im Frühjahr und Sommer schwierig.
 
RunAustria-Tipp: Die Halbmarathon-WM wird am Samstag, 17. Oktober im offiziellen Livestream von World Athletics (Youtube und Facebook) übertragen. Der Startschuss für das Frauen-Rennen mit Victoria Schenk fällt um 11 Uhr.
 

Chemtai-Salpeter, Can und Kejeta Top-Europäerinnen

Wie 2018, als Eunice Chumba, Desi Mokonin und Dalila Abdulkadir jeweils in die Top-Ten der Einzelwertung liefen, ist Bahrain mit seinem Importteam der erste Anwärter auf die dritte Medaille in der Teamwertung. In der Einzelwertung wird es für Marathon-Weltmeisterin Rose Chelimo, Bahrains-Topläuferin Chumba, die 2018 Vierte war, Mokonin, Mimi Belete und Tejitu Daba (alle mit Bestleistungen unter 1:09 Stunden) aber schwierig, im Kampf mit den Äthiopierinnen und Kenianerinnen zu bestehen. Eine Alternative als Team-Medaillengewinnerinnen könnte das Team aus Uganda darstellen.
In Abwesenheit von Sifan Hassan ist Lonah Chemtai Salpeter, die bereits an der 1:06er-Marke kratzte, die einzige Starterin eines europäischen Verbandes, die für eine Top-Ten-Platzierung direkt in Frage kommt. Da die Europäerinnen für Medaillenränge nicht in Frage kommen, das gelang zuletzt Lornah Kiplagat vor zwölf Jahren, ist die inoffizielle Europawertung für einige Teilnehmerinnen möglicherweise aus individueller Perspektive interessant. Die Top-Drei einer Kontinentalwertung könnten die Türkin Yasemin Can und die Deutsche Melat Kejeta, die seit Jahren reihenweise Laufleistungen unter 1:10 Stunden produziert und im Herbst in Frankfurt eine Zeit von 1:08:41 Stunden gelaufen ist, ergänzen. Kejeta, die aus Äthiopien stammt, von Winfried Aufenanger trainiert wird und im Sommer die Höhenluft von St. Moritz als gute Trainingsbasis nutzte, wird ein großes Potenzial nachgesagt. Patrick Sang, Starcoach von Eliud Kipchoge, bei dem die Deutsche im Sommer 2019 trainierte, kündigte an, sie könne im Marathon unter 2:20 Stunden laufen. Das würde auch eine potenzielle Verbesserung ihrer Halbmarathon-Bestleistung beinhalten.
 

Viel versprechendes es deutsches Team, Einzelkämpferinnen aus Österreich und der Schweiz

Das Team Deutschland kämpft in Gdynia auch um eine gute Platzierung in der Teamwertung, schließlich stellt der DLV eines der besten europäischen Teams. Deborah und Rabea Schöneborn, Miriam Dattke und Laura Hottenrott sind im Leistungsbereich von 1:11 Stunden anzusiedeln und könnten mit guten Leistungen für einen in der Dichte guten Auftritt des DLV sorgen. Für Österreich geht Victoria Schenk (LCU Euratsfeld) als Einzelstarterin an den Start und hofft auf eine neue persönliche Bestleistung (siehe RunAustria-Bericht über die heimischen WM-Teilnehmer ). Auch die Schweiz schickt eine Einzelkämpferin ins Rennen. Fabienne Schlumpf, vor zwei Jahren starke 16., zeigte sich den gesamten Sommer über in sehr guter Form und geht in ihren ersten Halbmarathon seit 25 Monaten.
 

Oldies but Goldies

Weitere interessante Starterinnen sind die Italienerin Valeria Straneo, die im Alter von 44 Jahren als amtierende italienische Meisterin anreist, und die Finnin Annemari Kiekara. „Desto älter ich werde, je mehr mit Stolz erfüllt es mich, das Dress des Nationalteams überzustreifen. Seit den Olympischen Spielen habe ich das nicht mehr getan – das ist eine lange Zeit und daher ist die Emotion dieses Mal eine besondere“, erklärt Straneo, ehemalige Vize-Weltmeisterin im Marathon. Vor sechs Jahren in Kopenhagen war sie zweitstärkste Europäerin, auch dieses Mal hat sie, als älteste Teilnehmerin im Feld, hohe Ziele: eine Saisonbestleistung (bisher 1:11:34) und eine gute Platzierung mit dem Team. Die von Stefano Baldini trainierte Athletin gab in einer Stellungnahme gegenüber dem Italienischen Leichtathletik-Verband (FIDAL) zu, dass der Restart nach der Corona-Pause für sie schwierig war und sie nicht recht in Schwung kam. „Aber zuletzt war eine klare Steigerung erkennbar“, beruhigt die gemeinsam mit Giovanna Epis beste Italienerin.
Kiekkara ist ein Jahr jünger als Straneo und ebenfalls amtierende Landesmeisterin im Halbmarathon. Unter ihrem Mädchennamen Sandell belegte sie bei den Halbmarathon-Weltmeisterschaften 1998 in Uster in der Schweiz den starken fünften Platz, als drittstärkste Europäerin. 22 Jahre später nimmt die Skandinavierin erstmals seither wieder an diesem Event teil. Mitte der 90er galt die Finnin als eines der größten Talente des europäischen Laufsports, spätestens seit ihren Erfolgen im Crosslauf 1995: Junioren-WM-Titel und EM-Titel in der Allgemeinen Klasse im Alter von 18 Jahren. Doch der Rohdiamant wurde mit dem schnellen Umstieg auf die Straße verheizt, langwierige Probleme mit der Oberschenkelmuskulatur inklusive einer Operation verdrängten sie von der Bildfläche. In den 2000er gönnte sie sich gleich drei Babypausen. Nie wieder konnte sie jene Leistungen abliefern, mit der sie in der Altersklasse U20 verblüffen konnte. Geblieben ist die Liebe zum Laufsport, aus physischen und psychischen Gründen. „Aber ich habe gelernt, immer auf meinen Körper zu hören, speziell auf meine Beine“, sagte sie in einem Feature auf der Website des Leichtathletik-Weltverbandes (World Athletics). 24 Jahre nach ihrem viel beachteten Olympia-Debüt in Atlanta über 10.000m will Kiekara in Gdynia eine Zeit von 1:11 oder 1:12 Stunden erreichen.
 
 
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Halbmarathon-Weltmeisterschaften in Gdynia 2020
World Athletics