Olympia im Sommer 2021 – ein Status quo

© Adobe Stock / S_E

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In gut einem Dreiviertel Jahr sollen die Olympischen Spiele 2020 von Tokio an ihrem Alternativtermin mit der Eröffnung am 23. Juli 2021 über die Bühne gehen. So will es das Internationale Olympische Komitee (IOC), so will es der lokale Veranstalter in Tokio und so will es die Sportwelt. Die lauten und vehementen Forderungen der Verschiebung der Olympischen Spiele, die tatsächlich dann auch erfolgt ist, sind ein halbes Jahr nach dem ersten großen Aufflammen der Pandemie im Sport weitgehend verstummt. Der Sport hat gelernt, was ein temporäres Sport-Aus, de facto ein Berufsverbot bedeutet – auf diversen Ebenen. Außerhalb des Sports ist das anders. Die Pandemie und die daraus abgeleitete politische Vorgehensweise hat nach wie vor das Weltgeschehen fest im Griff. In Japan fehlt aktuell die Unterstützung für das große Sportereignis, aus kontextuellen Gründen. RunAustria gibt einen Überblick über wichtige Fragen und Entwicklungen der letzten Woche.
 
 
Wie wahrscheinlich ist es, dass die Olympischen und Paralympischen Spiele im Sommer 2021 tatsächlich stattfinden?
Ungeachtet dessen, dass die Entwicklung der Pandemie nicht vorhergesehen werden kann und auch die Entwicklungen in der medizinischen Forschung noch unsicher sind, scheint die Wahrscheinlichkeit recht hoch. Ein nicht zu verachtendes Indiz ist die Tatsache, dass der Sport seinen Restart nach den massiven Restriktionen im Frühjahr und Frühsommer geschafft hat und nach den letzten Wochen und Monaten festgestellt werden muss, dass Sportereignisse unter den aktuellen Rahmenbedingungen gesundheitsgesellschaftlich kein Problem darstellen. Auch erste Versuche der geordneten Rückkehr von Zuschauern an Sportstätten haben positive Erkenntnisse gebracht, darunter auch bei den French Open in Paris, einer jener Metropolen, in der aktuell außergewöhnlich viele COVID-19-Infektionsfälle registriert werden.
Ein noch wichtigeres Indiz ist die Tatsache, dass die Olympischen Spiele aus sportökonomischen Gründen stattfinden müssen. In diese Richtung gehen in den letzten Wochen entschlossene Statements der Verantwortlichen. IOC-Vize-Präsident John Coates, der auch die zuständige Kommission innerhalb des IOC leitet, sagte Anfang September: „Die Olympischen Spiele werden stattfinden, egal ob mit oder ohne COVID-19. Sie werden plangemäß am 23. Juli 2021 eröffnet und ihre thematische Überschrift wird sein: Das Licht am Ende des Tunnels, das die Pandemie besiegt.“ In dieselbe Kerbe schlägt die japanische Sportministerin Seiko Hashimoto. Die Spiele müssten stattfinden, egal unter welchen Umständen. Daher forderte sie höchste Konzentration in der Bekämpfung des Virus. Yoshiro Mori, Präsident des lokalen Organisationskomitees, synonymierte bei einem öffentlichen Auftritt Ende September: „Egal was passiert, wir halten die Olympischen Spiele ab!“ IOC-Präsident Thomas Bach sprach den japanischen Verantwortlichen aus der Ferne „höchstes Vertrauen“ aus, die Olympischen Spiele „in einem sicheren Umfeld“ organisieren zu können, selbst wenn es bis dahin keine Impfung gäbe. Der neue japanische Premierminister Yoshihide Suga versprach, keine Mühen einzusparen, ein sicheres Sportfest für alle zu gewährleisten.
 

„Die Olympischen Spiele werden stattfinden, egal ob mit oder ohne COVID-19.“ (John Coates)

 
Teilt die japanische Bevölkerung diesen Optimismus?
Nein, ganz im Gegenteil. Laut einer Studie, die Anfang Juli veröffentlicht wurde, glaubten 77% aller Japaner zum damaligen Zeitpunkt nicht daran, dass die Olympischen Spiele im Sommer 2021 stattfinden könnten und sprachen sich entweder für eine Totalaussage oder eine neuerliche Verschiebung aus. Dieser verlorene Rückhalt der Bevölkerung könnte durchaus ein Problem für die lokalen Veranstalter werden, allerdings könnte er sich bei einer Verbesserung der gesundheitlichen Gesamtsituation verändern. Ein Indiz dafür liefert eine aktuelle Umfrage in Japan, in der nur noch 15,6% der Befragten angaben, die Olympischen Spiele sollten nicht stattfinden, dagegen 62,4% sich bis zu einem bestimmten Grad auf die Olympischen Spiele freuen.
Der fernöstliche Inselstaat zeichnete sich im Frühjahr durch sehr geringe Restriktionen in der Gesellschaft aus, insbesondere im direkten Vergleich ostasiatischer „Nachbarstaaten“, außerdem wurden verhältnismäßig sehr wenige Tests durchgeführt. Auch wenn die registrierten Infektionsfälle im Spätsommer anstiegen und härtere Restriktionen etabliert wurden, hat die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt im Vergleich mit anderen großen Nationen wenig Infektions- und Todesfälle zu beklagen. Im fast 4.000 Menschen umfassenden Team des lokalen Organisationskomitees wurden bisher fünf registrierte Infektionsfälle gezählt. Noch im Spätsommer herrschten für Einreisende aus 159 Ländern und Regionen strenge Quarantäneregeln. Diese Einschränkungen sollen ab sofort schrittweise gelockert werden.
 
Wie schätzt die japanische Regierung das Gesundheitsrisiko im Sommer 2021 ein?
Anfang der Woche hat Nobukiko Okabe, Experte für Public Health an der Universität in Kawasaki, ehemaliger Leiter des nationalen Instituts für Infektionskrankheiten und aktuell Berater der japanischen Regierung sowie der regionalen Regierung in der Metropolregion Tokio, ein viel beachtetes Interview mit der führenden japanischen Nachrichtenagentur „Kyodo News“ gegeben. Trotz aller gezielter Vorkehrungen sei mit einem Anstieg der Infektionsfälle im Rahmen der Olympischen Spiele zu rechnen. Daher gelte es, mutige Entscheidungen zu treffen, um das Gesundheitssystem vor Überlastung zu schützen. „In der jetzigen Situation schätze ich, wir sind in der Lage die notwendigen Vorkehrungen zu treffen, dass wir mit diesem Risiko gut umgehen können.“ Außerdem stellte er klar: „Die Diskussion, ob es besser wäre, die Olympischen Spiele abzusagen, bringt uns nicht weiter – wir können sie ewig führen. Wir sollten die Debatte in jene Richtung lenken, dass wir zusehen, die Infektionen so gering wie möglich zu halten und erörtern, was wir dafür brauchen.“
 

„In der jetzigen Situation schätze ich, wir sind in der Lage die notwendigen Vorkehrungen zu treffen, dass wir mit diesem Risiko gut umgehen können.“ (Nobukiko Okabe)

 
Was bedeutet eine Durchführung der Olympischen Spiele für das Budget?
Rein wirtschaftlich betrachtet ist eine Totalabsage der Olympischen Spiele für den japanischen Veranstalter unleistbar und eine Option einer neuerlichen Verlegung ist aktuell aus terminlichen Gründen undenkbar. Rund 5,5 Milliarden Euro soll die Verschiebung schätzungsweise zusätzlich zu den Organisationskosten betragen. Der Verlust einer Absage wird auf bis zu 65 Milliarden geschätzt. Laut einer aktuellen Studie der University of Oxford sind die Olympischen Spiele 2020 bereits jetzt die teuersten der Geschichte. Die Studie schätzt die Gesamtkosten auf eine Summe von rund 13,5 Milliarden Euro und damit höher als die Ausgaben der Olympischen Spiele 2012 in London – ohne die zusätzlichen Kosten für die Verschiebung.
Zu diesen skizzierten Belastungen kommen allerdings die negativen Auswirkungen der Pandemie auf die japanische Wirtschaft erschwerend hinzu und die Befürchtung, bei eingeschränkten Olympischen Spielen nicht den vollen Genuss der Einnahmequellen auskosten zu können. In einem Interview mit der japanischen Zeitung „Nikkei Sports“ im Juni bezweifelten die japanischen Wirtschaftsexperten Hiroko Ogiwara und Takuro Morinaga eine vernünftige Durchführbarkeit ohne flächendeckende Impfung. Denn würden Gäste aus aller Welt nicht nach Japan reisen, könnten allein diese fehlenden Einnahmen die gesamtjapanische Wirtschaft drei Jahre lang belasten. Sie glauben, eine Verschiebung der Olympischen Spiele um ein weiteres Jahr wäre durch den Zeitgewinn ein wirtschaftlich gutes Geschäft für das Gastgeberland und selbst eine Absage könnte im großen Gesamtkontext den Verlust kleiner ausfallen lassen.
Dieser Prognose entgegnete Mori in Medienberichten im Juli, eine Absage würde doppelt so hohe Kosten verursachen wie die Kosten, die aktuell für eine Durchführung im jahr 2021 geplant wären. Während die japanischen Verantwortlichen stets den wirtschaftlichen Verlust einer Absage als Hauptargument für eine Durchführung in die Waagschale warfen, sprach Thomas Bach im Juli in einem Interview mit der französischen Sportzeitung L’Équipe den bemerkenswerten Satz: „Eine Absage der Olympischen Spiele wäre für das IOC einfacher gewesen und wir hätten die Einnahmen einer Versicherung gehabt. Aber wir sind da, um Olympische Spiele zu organisieren, nicht sie zu canceln.“ Er versprach einen Masterplan und forderte Solidarität aus dem globalen Sport.
 
Gibt es Sparmaßnahmen von Seiten des Organisationskomitees?
Rund 200 Szenarien, wie die Olympischen Spiele simpifiziert und kostensparend über die Bühne gehen sollen, hat das Team um Mori und seinem Geschäftsführer Toshiro Muto erarbeitet und im Sommer dem IOC präsentiert, ohne dass Nachteile für die Athleten entstehen. Bach hat ein Entgegenkommen bereits signalisiert und lobte die Überlegungen des OK. Am vergangenen Mittwoch schätzte das IOC, dass durch gezielte Maßnahmen der Vereinfachung rund 240 Millionen Euro eingespart werden könnten. Hauptsächlich durch eine reduzierte Anwesenheit von Offiziellen und Stakeholdern (minus 10-15%), Ressourcenschonung und Einsparungen in der Dekoration der Wettkampfstätten, den Verzichts von Siegerehrungen im Athletendorf sowie ein reduziertes Rahmen- und Showprogramm.
 

„Aber wir sind da, um Olympische Spiele zu organisieren, nicht sie zu canceln.“ (Thomas Bach)

 
Wird die Anreise aller Athleten garantiert sein?
Sofern der individuelle Gesundheitszustand stimmt, ist das die Grundvoraussetzung dafür, dass die Olympischen Spiele stattfinden werden. Das werden COVID-19-Tests im Vorfeld klären. Die japanische Politik hat bereits angekündgt, im Notfall strenge Auflagen bei der Einreise von Ausländern für Olympioniken aufzuheben. Sollte eine Quarantäne notwendig sein, soll es keine Einschränkung im Trainingsalltag geben. Das OK hat eine Arbeitsgruppe erstellt, die spezielle Corona-Bedingungen erarbeiten, welche im Dezember präsentiert werden sollen. Dann soll auch ein neues Budget veröffentlicht werden, bereits das fünfte im Gesamtentwicklungszeitraum der Organisation der Olympischen Spiele 2020.
 
Sind „Geisterspiele“ eine realistische Option?
Der Geist der Olympischen Spiele lebte in der Vergangenheit nicht nur aufgrund des internationalen Treffens von Sportlern aus aller Welt, sondern auch von Sportfans und reisefreudigen Zuschauern. Nun sind sogar Olympische Wettkämpfe vor leeren Tribünen eine denkbare Option. Das japanische OK stellt klar, man hoffe, dieses Szenario verhindern zu können. Wesentlich wahrscheinlicher als ein dermaßen drastischer Einschnitt sind eine erheblich reduzierte Zuschauerkapazität und/oder ein Einreiseverbot für Sportfans aus dem Ausland. Über Letzteres wird in Japan aktuell diskutiert, möglicherweise auch um die Bevölkerung zu beruhigen. IOC-Präsident Bach sagte letzte Woche in Lausanne, dass man aktuell davon ausgehe, dass auch internationale Zuschauer den Olympischen Spielen in Tokio beiwohnen können. Offener sei die Frage der Auslastung. Bach verwies auf die japanischen Sportligen, die im internationalen Vergleich seit einigen Wochen verhältnismäßig zu anderen Ländern weltweit viele Zuschauer tolerieren. „Sehr ermunternd!“, so der Deutsche.
Laut den Anfang Oktober veröffentlichten Ergebnissen einer Umfrage sprechen sich 58,5% der Japaner für eine limitierte Anzahl von Zuschauern bei den Olympischen Spielen aus. 15,6% wollen, dass die Olympischen Spiele gar nicht stattfinden, 11% bevorzugen ein Zuschauerverbot und 7,2% sehen keine Einschränkung des Publikums als notwendig an. Das Thema Olympia-Touristen war vergangene Woche ein wichtiges innerhalb der japanischen Regierung. Wie die „Japan Times“ berichtete, könnten spezielle Verpflichtungen an das Visum gebunden werden, darunter ein Gesundheitscheck vor dem Abflug in der Heimat, ein negativer COVID-19-Test und eine App-Registrierung zum besseren Contact Tracing in Japan. Toshiro Muto, Geschäftsführer des OK in Tokio, sprach sich bereits im Juli in einem BBC-Interview für eine reduzierte Zuschauerzahl aus. Das würde die Einhaltung der Abstandsempfehlungen erheblich erleichtern.
 
Welche Rolle spielt der Wettlauf um eine Impfung?
Das ist tatsächlich eine sehr offene Frage. Im politischen Diskurs wird der Augenblick einer Verfügbarkeit einer Impfung als Meilenstein in der Bekämpfung einer Pandemie dargestellt. Das mag auf kommunikativer Ebene zutreffen, Gesundheits-Experten und medizinische Fachleute sind gegenteiliger Meinung und sehen eine monatelange Verzögerung des Effekts. Auf der Jagd nach verfügbaren Impfstoffen hat sich die japanische Regierung aggressiv in die Schlacht geworfen und diverse Deals eingefädelt. Sicherlich auch in der Hoffnung, positive Signale an die Olympische Familie auszusenden. Ende August gab der damalige Premierminister Shinzo Abe laut der britischen Nachrichtenagentur (REUTERS) bekannt, 521 Millionen Dosen von fünf verschiedenen Impfstoffproduzenten bestellt zu haben – also knapp 400 Millionen Dosen mehr als Menschen in Japan leben. Damit hoffe man, den erwarteten 11.000 Athleten und 600.000 Zuschauern Sorgen zu nehmen – wenn die Dosen oder ein Großteil davon tatsächlich rechtzeitig geliefert würden. Dies sei ein „sehr, sehr essentieller Faktor“, sagt Yuriko Koike, Gourverneurin der Metropolregion Tokio. Etliche Fachleute in Japan sehen das genauso und bezeichnen Olympische Spiele ohne verfügbaren Impfstoff für die Masse als undurchführbar. „Wenn ein Impfstoff verfügbar ist, wäre das ein enormer Vorteil. Aber ich sage nicht, dass wir ansonsten die Olympischen Spiele nicht ausrichten können. Der Impfstoff ist kein Kriterium“, entgegnet Muto.

„Wenn ein Impfstoff verfügbar ist, wäre das ein enormer Vorteil. Aber ich sage nicht, dass wir ansonsten die Olympischen Spiele nicht ausrichten können.“ (Toshiro Muto)

Mit welcher Stimmungslage blickt World Athletics auf die Olympischen Spiele?
Naturgemäß freut sich jeder Sportfunktionär auf die Ausrichtung von Olympischen Spielen, auch wenn World-Athletics-Präsident Sebastian Coe in einigen Interview im Sommer betont hat, dass man hausintern auch über Szenarien einer Absage und deren Folgen für die internationale Leichtathletik diskutiere. Vergangene Woche reiste der Brite in Begleitung seines Geschäftsführer Jon Ridgeon und Jakob Larsen, der für Events und Wettkämpfe verantwortlich ist, nach Tokio. Nach einem Treffen mit den Verantwortlichen vor Ort und einer Besichtigung des neuen Olympiastadions zeigte sich Coe begeistert. „Das ist ein großartiger Ort für Leichtathletik. Wir sollten so bald wie möglich eine Leichtathletik-WM hier austragen.“ Yoshiro Mori, ein ehemaliger japanischer Regierungschef, kündigte Gesprächsbereitschaft an. „Ich bin überzeugt, dass das fantastische Spiele werden“, sparte Coe weiterhin nicht mit Lob. Das OK unternehme alle Anstrengungen, damit die Leichtathletik der Höhepunkt der Spiele werde. Verbunden mit der Hoffnung, sie finden statt.

„Ich bin überzeugt, dass das fantastische Spiele werden.“ (Sebastian Coe)

Der zweifache Olympiasieger, seit kurzem auch IOC-Mitglied, nützte seinen Auftritt in Japans Hauptstadt auch sportpolitisch. Natürlich seien Proteste, die auf rassische Ungerechtigkeit und Ungleichheit hinweisen, erlaubt, wie zum Beispiel das In-die-Knie-gehen. Auch auf dem Olympischen Podest bei der Siegerehrung. „Ich unterstütze es, wenn Athleten an dem gesellschaftlichen Leben in der Welt teilnehmen und über bedeutende Themen reflektieren, so lange es respektvoll gegenüber allen anderen Sportlern bleibt“, betonte Coe, im Wissen, dass politische Stellungnahmen von Seiten der Sportler laut Regel 50 der Olympischen Charta verboten sind. Keine Demonstrationen sowie politische, religiöse oder rassische Propaganda sind im Rahmen Olympischer Spiele und an Olympischen Austragungsorten erlaubt. Im Jänner will das IOC diesen Paragraphen unter die Lupe nehmen. „Wir können den Sport nicht von sozialen und kulturellen Themen isolieren“, fordert der WA-Präsident.