Der unwichtige Laufsport

© Virgin Money London Marathon / Joe Toth

Wir sind die unwichtigste Sportart! Gewiss etwas dramatisiert, aber es bleibt Ernüchterung, wenn man die mediale Öffentlichkeit in Österreich zu Rate nimmt. Paradoxerweise wird das am deutlichsten sichtbar an jenem Tag, an dem Peter Herzog einen neuen österreichischen Marathonrekord gelaufen ist (siehe RunAustria-Bericht). So ein Ereignis passierte in den letzten elf Jahren genau zweimal. Und das beim London Marathon, internationaler Sporthöhepunkt und wichtigster Marathonlauf in Europa. Der sollte in jedem Kalender jeder Sportredaktion mit fetten Lettern eingetragen sein. Doch das Ereignis rief nicht die sportjournalistische Präzision und Sorgfalt bei allen großen österreichischen Medien hervor, die es sich verdient hätte. Leider. Laufen? Anscheinend gibt es wichtigeres.

Um 14:05 Uhr, also ca. 40 Minuten nach Herzogs Zielankunft in London, platzierte der ORF eine erste Meldung über den London Marathon auf seiner Website. Offensichtlich mehr oder weniger die Übersetzung der internationalen Agenturmeldung, die auf die Niederlage Kipchoges Bezug nahm, aber nicht auf die Resultate außerhalb der Spitzengruppe. Gekennzeichnet war der Bericht durch die Redaktion. Der zuständige Redakteur oder Redakteurin erwähnte Österreichs neuen Rekordhalter nicht einmal mit einem Wort – ihm oder ihr war es anscheinend nicht bewusst, er oder sie hat wohl nicht mitbekommen, dass einer aus der heimischen Marathon-Elite beim Marathon-Höhepunkt des Jahres startete. Knapp eine Stunde später war dann doch eine größere Story über den London Marathon online, mit dem Aufhänger: „Herzog pulverisiert in London ÖLV-Rekord“. Die Peinlichkeit der ersten Fehlleistung wischte das nicht weg, der Link der ursprünglichen Meldung ist immer noch verfügbar (der Screenshot liegt der RunAustria-Redaktion vor). Der ORF blieb seiner Linie treu, im abendlichen Kurzsport auf ORF2 fanden Herzog und der Laufsport keinen Platz – selbst mit dem Laufhöhepunkt des bisherigen Kalenderjahres. Den extrem engen Sendezeitraum, gerade einmal vier Minuten an einem Sonntag (!), besetzten Dominic Thiem, die Fußball-Bundesliga und die Segel-EM am Attersee, Nachrichtenwert jeweils vertretbar. Erst in der Nachfolgesendung auf ORF Sport+ bekam der Laufsport einen 58-sekündigen Beitrag.

Peter Herzogs Marathonrekord beim London Marathon rief nicht die sportjournalistische Präzision und Sorgfalt bei allen großen österreichischen Medien hervor, die er sich verdient hätte.

Hoppala Nummer zwei passierte der Qualitätszeitung „Die Presse“, die um 16:03 Uhr titelte: „Peter Herzog läuft Marathon-Rekord“. Im Vorspann war zu lesen „…der Österreicher Peter Herzog „flog“ in 2:10:57 Stunden zum neuen ÖLV-Rekord und dem Tokio-Ticket.“ Die zitierte Zeit lief Peter Herzog natürlich vor einem Jahr beim Berlin Marathon, wo er die Olympia-Qualifikation fixierte. Sie ist nicht neuer österreichischer Rekord, sondern Herzogs alte Bestleistung. Die aktuelle lautet 2:10:06 Stunden und ist gleichbedeutend mit dem neuen österreichischen Rekord. Der Fehler wurde von der Redaktion noch immer nicht behoben (auch hier liegt der Screenshot der RunAustria-Redaktion vor). Übrigens: Die Angaben im Fließtext zur Leistung von Peter Herzog sind genauso korrekt wie die Bezugnahme auf die Berlin-Zeit. Dass es auch besser geht, demonstrierten fast zeitgleich u.a. die Krone, der Standard, der Kurier, die Tiroler Tageszeitung, die Kleine Zeitung und die Salzburger Nachrichten. Und natürlich zahlreiche Online-Medien und auf Laufsport spezialisierte Plattformen.

Laufen? Anscheinend gibt es wichtigeres.

Bleibt die Frage nach den Gründen für diese beiden bemerkenswerten medialen Fauxpas, die letztendlich wahrscheinlich in einem Desinteresse des heimischen Sportjournalismus (in Teilen) am Laufsport begründet ist. 195 Spiele umfasst die österreichische Bundesliga pro Saison, es ist anzunehmen, dass Die Presse nicht einmal ein falsches Resultat abdruckt. Etliche Wintersport-Weltcupbewerbe finden jeden Winter pro Wochenende statt, es ist anzunehmen, dass der ORF nicht einmal einen Österreicher oder eine Österreicherin auf einem zwölften Platz übersieht. In Sportarten, in denen sich die Weltspitze aus einer einstelligen Nationenanzahl bildet. Nicht wie der Laufsport, der auf der ganzen Welt betrieben wird. Als Teildisziplin der Leichtathletik als Olympische Kernsportart, die mehr Mitgliedsverbände als die FIFA und mehr Mitglieder als die Vereinten Nationen hat. Diese Wertigkeit gilt es in der Analyse der Leistung von Peter Herzog in London auf jeden Fall zu berücksichtigen. Der Laufsport hätte es sich verdient, wenn diese Dimension in der heimischen medialen Berichterstattung ein stärkeres Bewusstsein kreieren könnte.