„Außergewöhnliche Bedingungen, außergewöhnlich gut gemeistert!“

© Virgin Money London Marathon / Joe Toth

2:10:06 Stunden – so lautet seit gestern der neue österreichische Marathonrekord. Aufgestellt von Peter Herzog (Union Salzburg LA) mit einer beispielgebenden Leistung beim Eliterennen des London Marathon. 38 Sekunden lief der Salzburger auf dem Rundkurs im St. James Park bei alles andere als optimalen Laufbedingungen schneller als Lemawork Ketema (SVS Leichtathletik) beim Vienna City Marathon 2019. „Dieser Rekord ist eine ganz spezielle Leistung und eine außergewöhnliche Erfahrung für mich. Der 5km-Straßenlaufrekord hat mir bereits viel bedeutet, aber dieser hat einen noch höheren Stellenwert in meiner sportlichen Laufbahn. Man braucht sich ja nur ansehen, welche Laufgrößen nun hinter mir liegen“, schwärmte der 33-Jährige, der 2019 beim Berlin Marathon als bester Europäer und beim London Marathon 2020 als drittbester Europäer und bei beiden Gelegenheiten als Gesamt-Zwölfter über die Ziellinie lief. Dass der Salzburger damit nicht nur die nationale Spitze umgestaltet, sondern sich auch der kontinentalen Spitze zugehörig fühlen darf, ist ihm spätestens seit gestern bewusst: „Alleine die Tatsache, im Elitefeld des London Marathon starten zu dürfen, ist schon eine große Ehre. Das ist die Champions League des Marathonlaufs!“
 
Peter Herzogs: Halbmarathon-Splits (Position): 1:05:19 (23.) – 1:04:47 Stunden (12.)
Peter Herzogs: 5km-Splits (Position): 15:42 (25.) – 15:19 (24.) – 15:31 (22.) – 15:24 (25.) – 15:20 (22.)– 15:12 (19.) – 15:29 (14.) – 15:28 (12.) – 6:41 (2,195 km) (12.)
 
Sensation war der österreichische Rekord angesichts der auch im Vergleich zur Vorbereitung auf den Berlin Marathon im letzten Jahr hervorragenden Trainingsleistungen im in zwei Teilen absolvierten, siebenwöchigen Trainingslager in St. Moritz per se keine – die Leistung ist aber deswegen so bemerkenswert, weil Dauernieselregen und beträchtlicher Wind einen alles andere als optimalen Rahmen für eine Rekordleistung boten. Trotzdem geriet der neue österreichische Marathonrekord sogar in die Nähe einer Zeit unter 2:10 Stunden. „Dass diese Mauer heute nicht gefallen ist, tut mir überhaupt nicht weh“, stellt er klar.
 
Der RunAustria-Bericht über den London Marathon der Männer: Niederlage für Kipchoge im Regen von London
Der RunAustria-Bericht über den London Marathon der Frauen: Triumph für Kosgei – Hall mit Marathon ihres Lebens
 

In diesem Moment gehörte die Londoner Prachtstraße „The Mall“ einzig allein Peter Herzog und seinen Emotionen. © Virgin Money London Marathon / Joe Toth
 

Kurz vor dem Verzweifeln

Die unglaubliche Geschichte des Rekordlaufs von London begann bereits am Donnerstag, als der Pinzgauer in der britischen Hauptstadt landete. Es schüttete und es schüttete durch, am Freitag und am Samstag. Orkanböeige Windstöße verleihen ihm am Freitag auf seiner Laufrunde im Anwesen der großzügigen Hotelanlage außerhalb Londons das Gefühl, mehrmals fast zum Stillstand hergebremst zu werden. Der Wetterbericht für den Renntag war kaum besser. Herzog schildert, was ihm durch den Kopf gegangen ist: „Ich habe gewusst, dass ich megagut drauf bin. Einen Schritt weiter als im letzten Jahr. Für mich war es in den Tagen vor dem Rennen mental unheimlich schwierig, die Motivation aufrecht zu erhalten, weil ich mich durch die schlechte Wetterprognose entmutigen ließ. Man hat so hart trainiert, unglaublich viel investiert und will unbedingt zeigen, was man drauf hat und da müssen die Bedingungen halt im Marathon mitspielen. Und ich wusste, die Bedingungen würden so sein, wie man es keinem Marathonläufer wünscht. Ich war einige Male kurz vor dem Verzweifeln, weil ich in Topform bin und nun sollte ich das nicht zeigen können, weil das Wetter beschissen ist.“

Eine Kopfsache

Die Wende erfolge am Samstagabend unterstützt durch ein langes Telefonat mit seinem Trainer Johannes Langer, der als Veranstalter des Jedermannlauf in Salzburg (siehe RunAustria-Bericht) aus der Heimat mitfieberte. „Vor dem Start habe ich nicht gewusst, wie ich das heute hinbekommen soll, eine Leistung abzuliefern, die mich zufriedenstellt. Aber ich habe mir gestern Abend in den Kopf gesetzt, dass ich allen zeigen will, dass ich es trotz allem kann. Jetzt erst recht! Es sind heute so viele weit weg von ihren Bestleistungen gelaufen, ich habe mich auf hohem Niveau deutlich steigern können. Das ist genial und macht mich stolz!“
 

Nass und windig

Es mag definitiv geholfen haben, dass die Realbedingungen geschützt durch das riesige urbane Gebiet nicht so schlimm waren, wie befürchtet. Es regnete am Sonntagvormittag zwar durch, aber bei weitem nicht so stark wie noch in den Tagen davor. Der Rundkurs im St. James Park war aber bis auf einzelne Stellen durch die vielen, hohen Bäume windgeschützt und dämpfte so die bremsende Wirkung des Windes auf den Gegenwindpassagen. Freude war es aber dennoch keine und einfach erst recht nicht, das beweist die Ergebnisliste. „Es hat sich langsam und zäh angefühlt auf dem nassen Asphalt. Insbesondere weil die Schuhe vollsaugen. Es fühlt sich einfach nicht so an, wie es sich anfühlen sollte. Außerdem spritzt bei jedem Schritt das kalte Wasser auf die hochempfindliche, hintere Gesäßmuskulatur. Da muss man sehr aufpassen, dass man keine Krämpfe bekommt“, berichtet Herzog. Mit folgendem Fazit: „Es waren außergewöhnliche Bedingungen, ich habe es außergewöhnlich gut gemeistert!“
 

Mo Farah als Tempomacher – genial!

Als „genial“ bezeichnete Peter Herzog, dass er in den Genuss der Tempoarbeit eines mehrfachen Olympiasiegers gekommen ist. Mo Farah war als Unterstützer für die britischen Läufer auf der Jagd nach dem Olympia-Limit eingesetzt worden, wie man hört, ohne fürstliches Salär. Als genial bezeichnete Herzog auch die Leistung des Briten, der 30 Kilometer lang die Gruppe führte. Das war eine wichtige Ausgangsposition für die Rekordleistung, denn in der Idealvorstellung hätte sich der Salzburger bei guten Bedingungen ein Angangstempo von ca. 1:04:45 Stunden gewünscht – in einer Gruppe. „Diese Gruppe gab es nicht!“, stellten Herzog und Langer bereits im Vorfeld ernüchtert fest. Der neuen Plan war, etwas langsamer loszulaufen, denn „auf 2:08 loslaufen wollte ich auf keinen Fall. Das wäre heute in die Hosen gegangen!“ Farah hatte die Instruktionen, auf 2:11 Stunden anzulaufen. „Ich habe gehofft, einen Megatag zu erwischen und im letzten Renndrittel etwas aufzuholen. Das ist geglückt. Im Laufe des Rennens ist es immer besser gelaufen, in jenen Momenten, wo ein Marathon normalerweise schwieriger wird. Genial!“, strahlte Österreichs neuer Marathonrekordläufer.
 

Gut vorbereitet

Ab Kilometer 30 ging Herzog sein eigenes Tempo. Nach jeder Runde schilderte eine riesige Zeittafel die erwartete Zielzeit aller und damit wusste er alle gut zwei Kilometer exakt über seine Pace Bescheid. Und nun erntete er die Früchte der harten Trainingsarbeit: Er hatte noch Energie zur Verfügung, investierte viel in die Renngestaltung und konnte auf den letzten sieben Kilometern alleinlaufend noch beschleunigen, damit ein toller Negativ-Split zur klaren Verbesserung des Landesrekords führte. „Die Schlussphase macht mich besonders stolz. Ich konnte noch Druck machen. Das demonstriert, wie gut das Training mit Hannes mich vorbereitet hat.“
Und noch eine Tatsache motivierte enorm: Entgegen der Erwartungshaltung wurde Herzog von der Männer-Spitze nicht überrundet. „Ich habe die ganze Zeit darauf gewartet und es war unglaublich motivierend, dass die Jungs einfach nicht gekommen sind. Das hat mir gezeigt, dass ich ein starkes Rennen abliefere!“
 

Der entscheidende Schritt

Eigentlich begann die Geschichte des neuen österreichischen Rekordes nicht in London, sondern vor eineinhalb Jahren im Salzburger Land. Nach dem Vienna City Marathon 2019, als die Kollegen Ketema und Pfeil glänzten, fuhr Herzog enttäuscht zurück in die Heimat. „Ich bin ein bisschen mit dem Rücken zur Wand gestanden“, erinnert er sich. Tage, nachdem er sich von seinem ehemaligen Trainer Peter Bründl getrennt hatte, einigten sich Peter Herzog und Johannes Langer auf eine Zusammenarbeit, der erfahrene Laufveranstalter damit auf ein Comeback als Trainer im Spitzensport. Heute schwärmt Herzog von der Zusammenarbeit mit seinem Trainer und sieht diese Entscheidung als essentiellen Schritt für sein heutiges Niveau: „Hannes hat mir gezeigt, wie es richtig geht. Dass ich in dieser schwierigen Phase so einen großartigen Mentor erwische, war natürlich ein Glücksfall. Mittlerweile ist Hannes mehr als nur ein Coach für mich, wir bewegen uns auf einer sehr hohen persönlichen Ebene und verstehen uns bestens. Das macht alles noch spezieller und emotionaler!“ Johannes Langer lobt insbesondere die mentale Stärke, die unheimliche Disziplin seines Schützlings auch bei harten Trainingssessions und die Fähigkeit, auch in schwierigen Rennsituationen mental stabil zu bleiben, um das Beste aus seinem Körper herauszuholen.
Am Tag seines Erfolges vergaß Peter Herzog auch nicht, sein perfektes Umfeld zu loben. „Meine Familie steht bedingungslos hinter mir. Beispielsweise sind wir gerade beim Hausbauen und ich habe mir den ganzen Sommer die Finger praktisch nie dreckig gemacht. Während ich die ganze Zeit in St. Moritz war, haben sich Freunde und Familie zu Hause die Hände wundgearbeitet. Insbesondere mein Vater leistet eine unglaubliche Arbeit und entlastet mich dadurch. Das hat mich ein bisschen unter Druck gesetzt, ihnen eine Topleistung zurückgeben zu können.“ Mission accomplished!
 

Die Frage nach 2:09

Johannes Langer ist überzeugt davon, dass Herzog unter anderen Voraussetzungen gestern die Marke von 2:10 Stunden unterboten hätte – vielleicht nicht einmal zu knapp. Diese Frage wird sich in Zukunft gewiss noch einmal stellen, auch wenn der 33-Jährige die Erwartungen bremste. Nach der Verlegung der diesjährigen Olympischen Spiele plante das Trainer-Athleten-Gespann um: 2020 wurde das Jahr, um Rekorde zu laufen, 2021 hofft man auf Olympische Spiele und einen entsprechenden Auftritt in Sapporo. Bleibt kurzfristig also die Frage, wie Peter Herzog seine Leistung in den nächsten Tagen selbst honoriert. „Wenn man auf solche Ereignisse nicht mehr anstoßt, wann stoßt man dann an?“, fragt er rhetorisch und fügt lachend hinzu: „Ich werde sicherlich nicht mehr so ausgiebig feiern, wie ich es früher getan hätte.“ Dafür, so merkt er an, verfolge er eine zu professionelle Herangehensweise an den Sport.
 
 
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