„2:10:57 ist definitiv keine Selbstverständlichkeit für mich!“

Peter Herzog beim Trainingslager im Engadin.

Peter Herzog (Union Salzburg LA) hat einen der begehrten Startplätze im exklusiven Eliterennen des London Marathon, das am kommenden Sonntag auf einem 2,15 Kilometer langen Rundkurs im St. James Park der britischen Hauptstadt über die Bühne geht. Der Pinzgauer findet sich beim ersten der wenigen Marathon-Höhepunkte dieses Herbsts an der Startlinie inmitten der Weltklasse rund um Eliud Kipchoge und Kenenisa Bekele ein und jagt in einem Rennen mit solider europäischer Beteiligung persönliche Ziele. Die Devise lautet: Leistungsbestätigung, ein Jahr nach seiner persönlichen Bestleistung beim Berlin Marathon. 2:10:57 Stunden. Sollten die Bedingungen vor Ort harmonisch passen, stehen die Chancen auf eine neuerlich tolle Leistung gut. Die Anzeichen sind da, wie der 32-Jährige im RunAustria-Interview verrät.
 
 
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Peter Herzog beim Trainingslager im Engadin.
 
RunAustria: Welche Bilanz ziehst du nach dem Trainingslager in der Höhe von St. Moritz?
Peter Herzog: „Hart, aber gut. Im Großen und Ganzen war das Trainingslager sicher wieder an der Belastungsgrenze, aber meine Trainingsleistungen waren sehr zufriedenstellend. Wenn ich die Vergleiche zu früheren Trainingslagern ziehe, kann ich guten Gewissens sagen, meine Trainingsleistungen waren auf einem sehr hohen Niveau.“
 
Du hast in diesen Wochen öfters gemeinsam mit Tadesse Abraham trainiert. Wie konntest du von dessen großen Erfahrungsschatz profitieren?
„Das werden wir am Sonntag sehen. Ich hab zu meinem Trainer Hannes Langer in St. Moritz gesagt: Entweder er bringt mich um oder er macht mich stärker. Ich habe natürlich auch lockere Läufe mit ihm gemacht, aber die Sonntags-Longruns mit ihm waren immer grenzwertig. Nicht weil der Lauf selbst so schnell war, sondern weil die harten Belastungen des Vortags nachgewirkt haben. Das hat mich einige Male ans Limit gebracht. Wie gesagt: anspruchsvoll, aber ich fühle mich sehr stark, sehr fit und für Sonntag gut vorbereitet.“
 
In welchem Verhältnis stehen deine Trainingsleistungen zu jenen vor einem Jahr vor dem Berlin Marathon und welche Erwartungshaltung liest du daraus selbst ab?
„Das war Training, Wettkampf ist ein anderes Paar Schuhe. Ich weiß, dass ich fit bin und gut trainiert habe. Ich weiß aber auch, dass der Berlin Marathon im letzten Jahr eine für mich außergewöhnliche Leistung war, ein außergewöhnlicher Tag, wo vieles sehr gut gepasst hat. Leistung, Rahmbedingungen, Gruppe, Tagesverfassung. Will ich an diese Leistung anknüpfen, muss auch in London ein außergewöhnlicher Tag her. Wenn all diese Kriterien stimmen, kann am Sonntag wieder so eine Leistung herauskommen, denn gut vorbereitet bin ich. Meine Erwartungshaltung ist natürlich hoch, der Maßstab durch den Berlin Marathon 2019 ist einfach ein anderer. Aber es ist definitiv keine Selbstverständlichkeit für mich, locker-lässig Leistungen in diesem Bereich abzuliefern. Es ist möglich, aber es muss vieles stimmen.“
 
Beim Berlin Marathon war die Gruppe, in der du gelaufen bist, ideal für dich. Bist du optimistisch, dass du in London auch so eine harmonische findest?
„Das ist ein großes Fragezeichen für mich zum jetzigen Zeitpunkt. Ich habe noch wenig in Erfahrung gebracht, wie sich die Gruppen formieren könnten. Ich habe mit einigen Briten gesprochen, die ich im Trainingslager getroffen habe, aber die wollen wohl konservativer anlaufen als ursprünglich geplant und das ist keine gute Nachricht für mich. Zwei Dinge sind klar: Ich kann nicht auf 2:06 loslaufen und ich kann auch nicht alleine einen Marathon in der Qualität des Berlin Marathon bestreiten. Man braucht Mitstreiter für eine optimale Leistung. Vor Ort werde ich wissen, welche Gruppen und Ideen es gibt.“
 
Lieber eine aggressive Herangehensweise oder eine konservative?
„Im Idealfall zwei gleichmäßige Marathonhälften. Dadurch ist der erste automatisch vom Gefühl her lockerer und auf der zweiten Hälfte muss man ohnehin mehr investieren, weil die Kräfte naturgemäß schwinden. Wenn man die erste Hälfte eine Spur zu schnell anläuft, verliert man meistens auf der zweiten mehr, als man zuvor gewonnen hat. In Berlin ist es mir letztes Jahr perfekt gelungen, dass ich im Finish noch ein paar Sekunden zulegen konnte.“
 
Müssen die österreichischen Lauffans während des Wettkampfs den österreichischen Rekord im Hinterkopf haben?
„Nein!“ (Pause)
 
13 Sekunden fehlen zum Bestwert von Lemawork Ketema…
„Ich beschäftige mich gar nicht damit. Ich konzentriere mich voll auf mich und mein Rennen. Und darauf, das Maximum herauszuholen. Die Form ist gut. Wenn ein Wunschrennen gelingt, werden wir das im Ziel einordnen können.“
 
Gelaufen wird auf einem Rundkurs. Eine gute Strecke? Und was bedeutet für dich, 19mal dieselbe Strecke laufen zu müssen?
„Ich weiß es nicht, das ist eine neue Erfahrung. An einem guten Tag, wenn man im Tunnel ist, ist es, glaub ich, völlig egal. Schlecht wäre, wenn man beginnt, die Runden zu zählen. Dann wird’s zäh. Insgesamt weist das Streckenprofil mehr Höhenmeter auf als in Berlin. Aber nachdem der St. James Park ein ursprünglicher Kandidat für die INEOS 1:59 Challenge war, kann der Kurs nicht ganz langsam sein…
 
Im Laufe des Rennens wird es unweigerlich zu Überrundungen kommen. Sowohl passiv als auch aktiv. Sind das Störmomente?
„Ich denke, dass es motivierend sein wird, wenn die Kipchoges und die Bekeles und alle weiteren Topläufer vorbeirauschen. Mir ist es bewusst, dass sie mich überrunden werden und man kann sogar errechnen, zu welchem Zeitpunkt ungefähr. Darauf bin ich eingestellt.“
 
Je später, desto besser…
„Klar. Zweimal überrunden wäre nicht so gut, einmal ist ok. Es wird mich nicht stören.“
 
Alles Gute und einen bestmöglichen Wettkampf am Sonntag!
 
 
Laut Liste der persönlichen Bestleistungen ist Peter Herzog die Nummer 20 im erlesenen Feld, das 40 Athleten plus acht Pacemaker zählt. In seinem Leistungsumfeld finden sich einige britische Läufer, die Marathon-Routiniers Arne Gabius aus Deutschland und Daniele Meucci aus Italien sowie einige Läufer aus Übersee.