Auf der Suche nach der perfekten Stunde

Symbolfoto: © Adobe Stock / Stillfx

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Eigentlich hat der Ein-Stunden-Lauf in den letzten Jahrzehnten an Bedeutung in der Leichtathletik-Szene verloren – zu unattraktiv war der Bewerb für Zuschauer vor Ort und den medialen Rezipienten, zu stark war das breite Angebot an Bewerben und Disziplinen im Rahmen von lukrativen Meetings und dichten Wettkampfkalendern. Doch in diesem vermaledeiten Jahr 2020, in dem alles anders ist als normal, hat die Leichtathletik-Weltklasse diese alte Disziplin wiederentdeckt. Der Veranstalter des Memorial van Damme in Brüssel nutzte die durch die Absage der Diamond-League-Gesamtwertung entstandene Freiheit, um zwei Weltrekordläufe zu organisieren. Für die Jagd nach der perfekten Stunde bastelte er an zwei hochkarätigen Duellen als Höhepunkt des Meetings in der belgische Hauptstadt.
 
 
RunAustria-Tipp: Das AG Memorial van Damme kann in Österreich und Deutschland via Livestream auf dem Youtube-Kanal oder der Facebook-Seite der Wanda Diamond League verfolgt werden. In der Schweiz überträgt das öffentlich-rechtliche Fernsehen live.
 
 

Ein Comeback der besonderen Art

Im Zentrum des Interesses steht natürlich das Bahn-Comeback von Mo Farah. Der vierfache Olympiasieger und sechsfache Weltmeister ist seit den Weltmeisterschaften von London vor gut zwei Jahren keinen Wettkampf mehr im Stadion gelaufen. Nach dem Wunsch, für die Olympischen Spiele von Tokio auf den 10.000m-Lauf zurückzukehren, weil die Konkurrenz im Marathon um Olympisches Edelmetall eine wahnsinnig starke ist, bot sich die Schnittstelle zwischen Marathon und 10.000m-Lauf auf der Bahn, der Ein-Stunden-Lauf förmlich für den Briten an. Das Wunschziel ist der Weltrekord, den Haile Gebrselassie seit dem Jahr 2007 mit einer Distanz von 21.285 Meter hält. Um diese Marke zu toppen, muss der Sieger am heutigen Abend schneller laufen als 2:49 Minuten pro Kilometer. „Sollte ich es schaffen, wird es mir eine Menge bedeuten. Ein Weltrekord ist etwas, nachdem ich mich bereits meine ganze Karriere sehne. Es ist immer schön, Geschichte zu schreiben“, sagte der Brite gegenüber World Athletics.
 

Wohlfühlatmosphäre in Brüssel

Der Veranstalter hat im Vorfeld alles für das Wohlgefühl Farahs getan. Vier Pacemaker sollen für das richtige Tempo sorgen, außerdem vertraut man in Brüssel auf die Wavelight-Technologie, die schon beim Diamond-League-Meeting in Monaco den Athleten eine große Hilfe war, weil sie mittels grünem Licht den direkten visuellen und virtuellen Vergleich zur Weltrekordmarke anbietet. Mit Marathon-Europarekordhalter Bashir Abdi, der wie Farah seine Wurzeln in Somalia hat, hat der 37-Jährige allerdings einen Kontrahenten, der ebenfalls das Leistungsniveau haben müsste, um den Weltrekord mitzulaufen. „Ich freue mich sehr auf dieses Heimrennen“, kündigte der 31-Jährige an, der seine Vorbereitung in der Höhe von St. Moritz absolviert hat. Farah, der seinen ersten Wettkampf seit dem enttäuschenden Chicago Marathon vor einem Jahr bestreitet, trainierte dagegen wie in den letzten Sommern auch in Font Romeu in der Höhenlage der Pyrenäen. Die beiden durften jeweils fünf Songs auswählen, somit stimmt auch die Kulisse im leeren Koning Boundewijn Stadion von Brüssel. Denn die Tribünen bleiben leer, das Konzept des Veranstalters mit 9.000 Zuschauern wurde abgewiesen.
Neben dem Weltrekord steht auch der 44 Jahre alte Europarekord von Jos Hermens (20.944 Meter) zur Disposition, nachdem World Athletics dessen Verbesserung durch Sondre Nordstad Moen nicht anerkennt. Für den Holländer, heute berühmter Athletenmanager, wäre es eine besondere Freude, würde ausgerechnet sein Schützling Bashir Abdi seinen Europarekord verbessern.
 

Moen und das Schuhproblem

Sondre Nordstad Moen ist übrigens trotz Einladung nicht dabei, er will sich nicht an die neuen Schuhregeln von World Athletics halten. Aus diesem Grund hat er seinen jüngst aufgestellten Europarekord verloren. Sein Coach Renato Canova äußerste sich postwendend öffentlich und meinte, ein rascher Schuhwechsel würde unweigerlich zu einer Verletzung bei seinem Athleten führen. Zuletzt sagte auch der Norweger, dass er bei einem Testlauf mit einem Schuh, den er nicht gewohnt ist, der aber für Bahnläufe zugelassen ist, bereits nach wenigen Kilometern Schmerzen verspürt habe. Er konzentriert sich nun auf die Vorbereitung auf den London Marathon, wo er seinen Nike Vaporfly Next % mit der Sohlendicke von 40 Millimetern tragen darf.
 
 
Die Laufentscheidungen beim Memorial van Damme 2020
19:11 Uhr – Ein-Stunden-Lauf der Frauen
20:23 Uhr – 1.500m-Lauf der Männer
20:47 Uhr: 1.000m-Lauf der Frauen
20:55 Uhr – Ein-Stunden-Lauf der Männer
 
 

Hassan und Kosgei im Weltrekordfieber

Bei den Frauen, die knapp zwei Stunden früher starten und damit möglicherweise supoptimalere Bedingungen haben könnten wie die Männer, lautet das hochkarätige Duell um den Sieg bei der Weltrekordjagd Sifan Hassan gegen Brigid Kosgei. Zu schlagen gilt es den zwölf Jahre alten Weltrekord der Äthiopierin Dire Tune (18.517 Meter) sowie den 39 Jahre alten Europarekord der Italienerin Silvana Cruciata (18.084 Meter). Dass die Rekordmarken fallen, gilt beinahe als gesichert, weil sowohl Hassan als auch Kosgei bei ihren Durchgangszeiten bei ihren schnellsten Halbmarathon trotz des Nachteils des Untergrunds klar bessere Werte erzielt haben. „Ich habe so etwas noch nie gemacht. Das wird eine neue Erfahrung, aber ich freue mich drauf und bin gut in Schuss“, erklärte Kosgei, deren großes Saisonziel der Sieg beim London Marathon ist. Sie kann allerdings, wie bei Moen skizziert, nicht jene Laufschuhe tragen, die sie im Straßenlauf gewohnt ist.
Für Hassan ist es der zweite Wettkampf nach ihrem Weggang vom aufgelösten Nike Oregon Project und ihrer damit verbundenen Rückkehr nach Europa, allerdings hielt sie sich fünf Monate lang in Äthiopien im Trainingslager auf. Dennoch ist die aus Äthiopien stammende Holländerin voll motiviert. „Man bekommt nicht oft die Gelegenheit, einen Weltrekord zu attackieren. Ich will sie mit beiden Händen packen“, so die Europarekordhalterin im 5.000m-Lauf und Halbmarathon sowie Weltrekordhalterin über die Meile. Im Duell mit Kosgei spricht für Hassan die Austragung des Rennens im Stadion, denn auf der Straße hat die Kenianerin die deutlich besseren Parameter vorzuweisen: 2:14:04 Stunden im Marathon (offizieller) und 1:04:28 Stunden im Halbmarathon (inoffizieller Weltrekord, weil auf der nicht rekordtauglichen Strecke des Great North Run erzielt). Kandidatin auf den dritten Platz oder gar mehr in diesem Rennen ist die Israelin Lonah Chemtai Salpeter, die vor dem Lockdown in Tokio einen Marathon in 2:17:46 Stunden gelaufen ist und zuletzt bei nationalen Wettkämpfen in Israel mehrere beachtliche Zeiten auf Mittel- und Langstrecken erzielt hat.
 
 

Weltrekordversuch von Kipyegon und einmalige Gelegenheit für Ingebrigtsen

Neben den beiden auf exakt 60 Minuten terminierten Highlights finden auch noch zwei „normale“ Laufentscheidungen statt. Nachdem Faith Kipyegon in Monaco den Weltrekord im 1.000m-Lauf von Svetlana Masterkova lediglich um 0,17 Sekunden verfehlt hatte, folgt in Brüssel der zweite Versuch, den Tempomacherin Noélie Yarigo vorbereiten soll. Im Kampf um den Sieg ist die Kenianerin konkurrenzlos, die vier europäischen Teilnehmerinnen sind die Lokalmatadorinnen Renée Eykens und Elise Vanderelst sowie Esther Guerrero aus Spanien und Eleonora Vandi.
Eine besondere Ausgangslage bietet sich Jakob Ingebrigtsen im 1.500m-Lauf der Männer, denn Timothy Cheruiyot ist nicht in Brüssel. Hinter dem alles dominierenden Kenianer musste sich der Norweger zuletzt regelmäßig mit dem zweiten Platz zufrieden geben. Die Chance auf seinen ersten Diamond-League-Triumph war noch nie so groß wie bei dieser Gelegenheit. Eine tolle Startgelegenheit hat der Deutsche Marius Probst erhalten, der als einziger deutscher Leichtathletik am Traditionsmeeting – mit heuer verkürztem Programm – teilnimmt.
 
 
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