Alte Hackordnungen und schottische Dominanz

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Station zwei der Wanda Diamond League 2020 hat die Positionen der Seriensieger auf den Mittelstrecken der Männer verfestigt. Erneut konnte Timothy Cheruiyot über 1.500m die Attacken von Jakob Ingebrigtsen abwehren, der weiterhin auf seinen ersten Sieg über den schier unbezwingbaren Kenianer und damit auf seinen ersten Triumph in der höchsten Meetingserie der Leichtathletik wartet. Über die kürzere der beiden Mittelstrecken zieht Weltmeister Donavan Brazier weiterhin einsam seine Kreise in einer eigenen Liga. Auch bei den Frauen standen die beiden Mittelstreckenläufe auf dem Programm. Beide endeten mit deutlichen Siegen zweier schottischer Trainingspartnerinnen, die sich gezielt auf dem Weg befinden, an der europäische Spitzenposition der im alt ehrwürdigen Olympiastadion von Stockholm abwesenden Sifan Hassan, zweifache Weltmeisterin von Doha, zu rütteln.
 

Muir mit Entschlossenheit in eigener Liga

Laura Muir startete in der schwedischen Hauptstadt erstmals in dieser Saison über ihre Spezialdistanz, dem 1.500m-Lauf und demonstrierte von Beginn an, dass sie diesen Event dafür nutzen wollte, ihre hervorragende Form unter Beweis zu stellen. Gleich setzte sich die 27-Jährige auf die Position hinter den Pacemakerinnen, zu denen die Deutsche Katharina Trost gehörte und die mit einer Durchnittsgeschwindigkeit von knapp 23 km/h ein angenehmes Tempo für sie organisierten. Eingangs der letzten Runde, pünktlich zum Glockenton, erhöhte die Schottin der Schlagzahl und legte einen beeindruckenden Abstand zwischen sich und die Konkurrenz. Mit einer starken Schlussrunde, über dem Daumen gepeilt knapp unter einer Minute, stürmte die Europameisterin zu einem klaren Sieg in einer deutlichen neuen Weltjahresbestleistung von 3:57,86 Minuten, haarscharf vorbei am zwei Jahre alten Meetingrekord von Gudaf Tsegay. „Ich bin sehr, sehr glücklich mit diesem Rennen. Es ist hervorragend gelaufen. Ich wusste, dass ich mich auf meine Ausdauer verlassen kann und wollte trotz des Windes so schnell wie möglich laufen“, strahlte die Siegerin, die als erste Läuferin des laufenden Kalenderjahres über die „metrische Meile“ unter vier Minuten blieb.
Ein echtes Rennen gab es nur um Platz zwei. Und in diesem spielten überraschenderweise 5.000m-Weltmeisterin Hellen Obiri und die zuletzt starke Irin Ciara Mageean keine Rolle. Dafür aber die ehemalige US-Rekordhalterin Shannon Rowbury, die eingangs der letzten Runde Position zwei an die Kenianerin Winny Chebet abgeben musste. Im Zielspurt wurde das Rennen dann nicht nur dank Muir zum herausragenden für den britischen Laufsport. Laura Weightman, zuletzt in Monaco mit einer hervorragenden 5.000m-Leistung, in einer Zeit von 4:01,62 Minuten und Melissa Courtney-Bryant mit einer persönlichen Bestleistung von 4:01,81 Minuten sicherten sich die weiteren Stockerlplätze noch vor Chebet, der jungen Australierin Jessica Hull, in Monaco mit Landesrekord über 5.000m, und Rowbury.
 

 

„Lernen zu gewinnen“

Dass die Trainingseinheiten für die Tempohärte im Wettkampffinale zurzeit in der Trainingsgruppe von Andy Young in Glasgow hohe Qualität haben dürften, zeigte eine halbe Stunde später Muirs Trainingskollegin Jemma Reekie im 800m-Lauf. Die Jagd um den Sieg begann nach 500 Metern – Pacemakerin Noélie Yarigo hatte das Feld in 59,37 Sekunden in die zweite, entscheidende Runde geführt. WM-Medaillengewinnerin Raevyn Rogers attackierte die Führende auf der Außenbahn, doch die U23-Europameisterin konterte. Sekundenlang agierten die beiden Schulter an Schulter, ehe die Schottin eingangs der letzten Kurve sich auf der Innenbahn wieder in Führung schieben und mit langen Schritten einige Meter Abstand zur Amerikanerin erarbeiten konnte, die ihrerseits einen kleinen Vorsprung auf den Rest des Feldes genoss. Die Lücke auf der Zielgerade wurde deutlich größer, Reekie finishte in einer Zeit von 1:59,68 Minuten und ist die zweite Läuferin nach Rose Mary Almanza, die in der laufenden Saison die Marke von zwei Minuten mehrfach unterbot. Die Weltjahresbeste aus Kuba schaffte dies noch im März binnen acht Tagen in La Havanna gleich dreimal. „Ich habe es sehr genossen. Das Ziel für dieses Jahr ist, schnelle Zeiten zu laufen und mit wachsender Erfahrung zu lernen, zu gewinnen“, kommentierte die 22-Jährige. Rogers sicherte sich in einer Saisonbestzeit von 2:01,02 Minuten den zweiten Platz vor der Norwegerin Hedda Hynne. Christina Hering schnappte sich dank eines guten Finals Platz vier (2:02,13), die Schweizerin Selina Büchel (2:02,38) musste sich mit Rang sechs begnügen.
 

Neues Rennen, alte Verhältnisse

Höhepunkt der Laufentscheidungen im Rahmen der Bauhaus Galan, die ursprünglich für heuer ja aus der Diamond League hinausfallen hätte sollen, war das Duell zwischen Timothy Cheruiyot und Jakob Ingebrigtsen und der sehnsüchtige Wunsch des Norwegers, den kenianischen Seriensieger endlich zu besiegen. Cheruiyot wählte nach der Galavorstellung der beiden inklusive des Europarekords für Ingebrigtsen in Monaco (siehe RunAustria-Bericht) dieselbe Taktik wie an der Cote d’Azur, aber eine harmonischere. Die erste Runde war mit einer Durchgangszeit von 54,04 Sekunden deutlich langsamer als jener Harakiri-Start von neun Tagen zuvor, nach 800m war man mit einer Durchgangszeit von 1:50,90 Minuten beinahe bei derselben Ausgangsposition wie in Monaco. Zu diesem Zeitpunkt hatte der junge Norweger die kleine Lücke zu Cheruiyot wieder geschlossen. In seinem Rücken drängten sich in der vorletzten Runde Stewart McSweyn und Jesus Gomez an Filip Ingebrigtsen vorbei, der das Rennen nicht beenden sollte.
Die Stärke des Australiers war die Überraschung des Rennens. Der 25-Jährige attackierte auf der Gegengerade der letzten Runde im Windschatten von Cheruiyot sogar Ingebrigtsen auf der Außenbahn, erst eingangs der letzten Kurve sicherte sich der Skandinavier die zweite Position. Eingangs der Zielgerade war Ingebrigtsen sehr nahe dran am unschlagbaren Konkurrenten, der aber das bessere Finale hatte und sich in einer Zeit von 3:30,25 Minuten seiner gewohnten Gefühlslage eines Sieges widmete. „Es ist immer noch ein bisschen stärker als ich. Es war ein hartes Rennen, aber ich rücke näher an ihn heran. Es ist nur mehr eine Frage der Zeit, bis ich ihn einmal besiege“, analysierte Ingebrigtsen, der eine Zeit von 3:30,74 Minuten verzeichnete. McSweyn verbesserte seine persönliche Bestleistung um gut drei Zehntelsekunde auf eine Zeit von 3:31,48 Minuten und bleibt Zweiter in der ewigen australischen Bestenliste, 0,42 Sekunden hinter dem Landesrekord von Ryan Gregson. Eine starke Leistung verbuchte auch der Spanier Jesus Gomez als Vierter in 3:33,46 Minuten, dagegen konnte US-Meister Craig Engels erneut nicht mit der Spitzengruppe mithalten.
 

 

Brazier im Schlussspurt überlegen

Im 800m-Lauf der Männer bot sich Weltmeister Donavan Brazier eine interessante Ausgangslage. Angeführt von Tempomacher Zan Rudolf, der die erste Runde unter 50 Sekunden absolvierte, hatten Marco Arop und Lokalmatador Andreas Kramer bereits einen kleinen Vorsprung auf den Amerikaner, als die Glocke die letzte Runde ankündigte. Bis zur Mitte der Gegengerade hatte Brazier seinen Nachteil kompensiert, doch in der Kurve schob sich Wesley Vazquez, ausnahmsweise nicht als Frontrunner, an ihm vorbei, wodurch der US-Amerikaner vor der entscheidenden Phase des Rennens nur Vierter war. Doch der Weltmeister fand eingangs der Zielgerade rechts von sich eine Lücke, stürmte auf Bahn zwei und zog seinen Schlussspurt, der die Konkurrenz deklassierte. In einer neuerlich sehr starken Zeit von 1:43,76 Minuten siegte der 23-Jährige noch mit einem Vorsprung von fast einer Sekunde – zehnter Sieg in Serie. Arop, mit seinen 21 Jahren einer der hoffnungsvollsten nordamerikanischen Talente neben dem ebenfalls noch jungen Brazier, lief erneut unter 1:45 Minuten und sicherte sich Rang zwei vor Andreas Kramer, der auf heimischem Boden sein bestes Diamond-League-Resultat überhaupt feierte. Der 23-Jährige erzielte bereits mehrfach niedrige 1:45er-Zeiten, wie auch in Stockholm, wo er in 1:45,04 Minuten eine Hundertstelsekunde über seinem schwedischen Rekord blieb. Es scheint nur eine Frage der Zeit, bis die Marke fällt, bereits viermal ist Kramer bisher unter 1:45,05 Minuten gelaufen – Konstanz!
Hinter WM-Bronzemedaillengewinner Ferguson Rotich und Vazquez beendete der britische Rohdiamant Max Burgin in einer Zeit von 1:46,02 Minuten sein Diamond-League-Debüt außerhalb seines Heimatlandes auf Platz sechs.
 

Ergebnisse Diamond-League-Meeting in Stockholm 2020

 
800m-Lauf der Frauen
1. Jemma Reekie (GBR) 1:59,68 Minuten
2. Raevyn Rogers (USA) 2:01,02 Minuten
3. Hedda Hynne (NOR) 2:01,44 Minuten
4. Christina Hering (GER) 2:02,13 Minuten
5. Alexandra Bell (GBR) 2:02,25 Minuten
6. Selina Büchel (SUI) 2:02,38 Minuten
7. Renelle Lamote (FRA) 2:02,53 Minuten
8. Lovisa Lindh (SWE) 2:04,98 Minuten
 
800m-Lauf der Männer
1. Donavan Brazier (USA) 1:43,76 Minuten
2. Marco Arop (CAN) 1:44,67 Minuten
3. Andreas Kramer (SWE) 1:45,04 Minuten
4. Ferguson Rotich (KEN) 1:45,11 Minuten
5. Wesley Vazquez (PUR) 1:45,88 Minuten
6. Max Burgin (GBR) 1:46,02 Minuten
7. Peter Bol (AUS) 1:46,26 Minuten
8. Amel Tuka (BIH) 1:47,55 Minuten
 
1.500m-Lauf der Frauen
1. Laura Muir (GBR) 3:57,86 Minuten *
2. Laura Weightman (GBR) 4:01,62 Minuten
3. Melissa Courtney-Bryant (GBR) 4:01,81 Minuten **
4. Winny Chebet (KEN) 4:02,58 Minuten
5. Jessica Hull (AUS) 4:02,65 Minuten
6. Shannon Rowbury (USA) 4:03,04 Minuten
7. Esther Guerrero (ESP) 4:03,13 Minuten **
8. EIlish McColgan (GBR) 4:03,74 Minuten

11. Hellen Obiri (KEN) 4:10,53 Minuten
 
1.500m-Lauf der Männer
1. Timothy Cheruiyot (KEN) 3:30,25 Minuten
2. Jakob Ingebrigtsen (NOR) 3:§0,74 Minuten
3. Stewart McSweyn (AUS) 3:31,48 Minuten **
4. Jesus Gomez (ESP) 3:§3,46 Minuten
5. Matthew Ramsden (AUS) 3:35,99 Minuten
6. Craig Engels (USA) 3:37,55 Minuten
7. Kalle Berglund (SWE) 3:38,19 Minuten
8. Neil Gourley (GBR) 3:38,30 Minuten
 
* Weltjahresbestleistung
** persönliche Bestleistung
 
 
Bauhaus Galan
Wanda Diamond League