Diamond League: Spektakulärer Auftakt in Monaco

© Adobe Stock / Sergey Yarochkin

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Über fünf Monate stand die Leichtathletik-Welt praktisch still, der gesellschaftliche Bremsschirm zur Abwendung größeren Schadens durch das SARS-Cov-2 war die Ursache. Nachdem im Frühsommer schon einige nationale Meetings mit regionalen Startmöglichkeiten für ausländische Leichtathletinnen und -athleten einen behutsamen Start in das Leichtathletik-Jahr 2020 markierten, läuft ab August die internationale Wettkampfsaison richtig an. Mit dem Herculis Meeting in Monaco, traditionell eines der sportlich besten und qualitativ hochwertigsten Leichtathletik-Feste des Jahres, startet die verkürzte Wanda Diamond League am Freitagabend (ursprünglicher Termin war der 10. Juli, Anm.), ab sofort ganz real und wenig inszeniert. Die bis Oktober dauernde „Late Season“ bringt den Stars der Szene lukrative Start- und Präsentationsmöglichkeiten unter besonderen Voraussetzungen. So hat World Athletics etwa die Diamond-League-Gesamtwertungen für das Jahr 2020 gestrichen. Dafür gibt es eine sehr motivierende Nachricht für alle Sportlerinnen und Sportler: Im Stade Louis II sind Zuschauer unter Einhaltung des Sicherheitsabstandes zugelassen, maximal 5.000, was eine Auslastung von gut einem Viertel des Stadions entspricht. Und die sehen gleich sechs vorzüglich besetzte Laufentscheidungen.
 
 
RunAustria-Tipp: Das Diamond-League-Meeting von Monaco wird auf dem YouTube-Kanal und der Facebook-Seite der Wanda Diamond League (Österreich) und im Schweizer Fernsehen (SRF) übertragen – Freitag, 14. Oktober von 20–22 Uhr. Im deutschen und österreichischen Free-TV ist die Diamond League nicht zu sehen.

Anm.: Nach einem geplatzten TV-Deal sollte die Wanda Diamond League erstmals nicht live im britischen Fernsehen übertragen werden, die BBC hat einen Last-Minute-Deal erreicht.
 
 

„Das Leben nimmt wieder Fahrt auf!“

In Monaco ist man durchaus stolz darauf, nach der Pandemie der Ort für den Restart des ganz großen internationalen Leichtathletik-Sports zu sein – anstatt wie üblicherweise der letzte Höhepunkt vor den internationalen Großereignissen wie Weltmeisterschaften oder Olympische Spiele. „Das Leben nimmt wieder Fahrt auf“, verkündete Meetingdirektor Jean-Pierre Schoebel. „Das Herculis Meeting wird zeigen, dass wir eingeschränkt waren, aber dass wir nun wieder unser Leben leben können.“ Auch wenn das Organisationsteam dafür einige spezielle Änderungen umsetzte: Die Logistik rund um die An- und Abreise sowie die Quartiere der Athleten und die Wettkampfdurchführung vor Ort. „Wir haben alles unter den Prüfstand gesetzt und bieten das Maximum an Sicherheit für alle Beteiligten an“, verheißt Schoebel. „Wir haben noch nie so hart an den Vorbereitungen gearbeitet wie in diesem Jahr. Die Situation ist wahnsinnig schwierig.“ Das Athletenhotel ist von der Außenwelt streng abgeriegelt, die Athleten und ihr Umfeld bewegen sich während der gesamten Aufenthaltszeit im Fürstentum in einer „Blase“.
 

Herausforderung An- und Abreise als Odysee für Ugander

Während nicht einmal innerhalb der Europäischen Union ein beschwerdeloses und einschränkungsfreies Transferieren zwischen verschiedenen Ländern möglich ist, andere Sportarten wie Tennis ob der internationalen Reisebeschränkungen für ein umfassendes Turnierprogramm die Segel streichen musste, stellte die Reisefreiheit in Zeiten der Pandemie auch für die Diamond-League eine große Herausforderung dar. Für die Laufbewerbe insbesondere relevant in der Diskussion waren die Anreise der Läufer aus Kenia und Uganda, denn Menschen aus diesen Ländern können aktuell nicht in die EU einreisen. Über einige Wochen intervenierte der Kenianische Leichtathletik-Verband (Athletics Kenya) mehrfach beim kenianischen Sportministerium und machte sich für eine Anreise kenianischer Sportler zu europäischen Meetings ohne hinderliche Quarantänepflicht stark. Während der Veranstalter fleißig Verträge mit kenianischen Athleten abschloss. Dagegen dürfen Menschen aus Äthiopien seit 1. Juli wieder nach Europa einreisen, Ugander zwischenzeitlich ebenso. Kenianische und ugandische Sportler müssen sich nun in Besitz eines speziellen Visums an ein spezielles COVID-19-Protokoll während ihrer Aufenthaltszeit in Europa halten und mindestens zweimal auf das Virus testen lassen, das erste Mal vor der Abreise aus der Heimat. Die große Hürde für die ugandischen Athleten, darunter die Weltmeister Joshua Cheptegei und Halimah Nakaayi, hängte unterdessen nicht mehr nur von den europäischen Regeln ab: Laut der ugandischen Tageszeitung „Daily Monitor“ hat Uganda vor gut zwei Wochen die Grenzen komplett geschlossen. Es klappte, wie „Let’sRun.com“ mit einer aufregenden Geschichte schilderte: Mit einer von der ugandischen Regierung PR-wirksam organisierten Maschine reisten vier die ugandische Athleten via Nairobi und Istanbul nach Nizza – zweieinhalb Tage nach dem Start in der Heimat kamen sie am Montagmorgen in Frankreich an.
 

5.000m-Lauf der Männer: Der Weltrekord im Fokus

Von null auf hundert – das scheint zumindest die Devise von Joshua Cheptegei zu sein. Der 23-Jährige, der aus einer perfekten Wettkampfsaison 2019 kommt – Weltmeister im Crosslauf und 10.000m-Lauf, Diamond-League-Gesamtsieg im 5.000m-Lauf – hat es angesichts des späten Saisonstarts besonders eilig. Für den Auftakt auf der bekannt schnellen Laufbahn in Monaco kündigte er früh über diverse internationalen Medien eine Attacke auf den Weltrekord von Kenenisa Bekele an. 2004 war der Äthiopier in Hengelo eine seit damals nicht einmal andeutungsweise erreichte Zeit von 12:37,45 Minuten gelaufen, Cheptegeis Bestleistung liegt satte 20 Sekunden darüber. Doch mangelndes Selbstvertrauen war noch nie das Problem des ugandischen Sportstars schlechthin. Eingefädelt hat er einen Deal mit dem Veranstalter, nachdem er im Februar auf den Straßen Monacos einen Weltrekord im 5km-Straßenlauf aufgestellt hatte (12:51). Damals war eine komplette Unterbrechung der Sportsaison noch nicht absehbar. „Wir haben gedacht, wenige Wochen vor den Olympischen Spielen wäre das Diamond-League-Meeting in Monaco die optimale Gelegenheit, einen perfekten 5.000m-Lauf zu laufen und der Veranstalter hat die Idee unterstützt“, erzählte der Ugander. Die Olympischen Spiele wurden um ein Jahr verschoben, die Rahmenbedingungen in der Sport- und Trainingswelt waren monatelang unvergleichlich, aber Cheptegei will am Plan festhalten. „Monaco hat normalerweise perfekte Wetterbedingungen und eine grandiose Bahn!“ Obwohl die persönlichen Bestleistungen auf der Bahn keinen Weltrekordverdacht hegen, ist Cheptegei eine Riesenleistung zuzutrauen. Zumal er während der Wettkampfpause in der Höhe nahe Kampala optimal trainiert haben soll und seine persönlichen Bestleistungen auf der Straße sowohl über fünf als auch zehn Kilometer fantastisch sind.
Abgesehen vom klaren Favoriten auf den Sieg hält sich die afrikanische Teilnahme am 5.000m-Lauf in Grenzen. Die Äthiopier fehlten geschlossen, aus Kenia sind die Youngsters Nicolas Kimeli und Jacob Krop präsent. Das öffnet europäischen Läufern die Chance auf vordere Platzierungen und es sind einige namhafte dabei: Der Schweizer Halbmarathon- und 10km-Europarekordhalter Julien Wanders, der Norweger Henrik Ingebrigtsen, der französische Doppel-U23-Europameister Jimmy Gressier, der Spanier Ouassim Oumaiz, der Schwede Suldan Hassan oder der Italiener Yemaneberhan Crippa, dazu kommt der Australier Stewart McSweyn. Aussichtsreichster der Europäer ist wahrscheinlich Crippa, der vor kurzem in Rovereto auf der Unterdistanz von 1.500m glänzte und sich auf Rang vier der ewigen italienischen Bestenliste schob. Die Tempohärte stimmt, das Saisonziel des 23-Jährigen ist der italienische 5.000m-Rekord von Salvatore Antibo.
 

5.000m-Lauf der Frauen: Hassan gegen Obiri

Einer der Höhepunkte des Meetings stellt auch der 5.000m-Lauf der Frauen dar, in dem die beiden Gigantinnen der letzten Jahre erstmals in der neuen Saison die Klingen kreuzen. Weltmeisterin Hellen Obiri und Europarekordhalterin Sifan Hassan, die bei den Weltmeisterschaften von Doha den 1.500m- und den 10.000m-Lauf gewann. Die Niederländerin, die vor einem Jahr an der Cote d’Azur den Weltrekord über die Meile brach (4:12,33), hatte sich viel für die Olympischen Spiele von Tokio vorgenommen, nun sind die sportlichen Planungen bei der ausgebildeten Krankenschwester in den Hintergrund gerückt. „Vor allem die ersten drei Monate hatte ich Angst. Für eine Ausdauersportlerin ist die Lunge äußerst wichtig. Ich war dementsprechend vorsichtig und habe größtenteils versucht, zuhause zu bleiben“, zitierten sie niederländische Medien. Zuletzt hatte der Sport wieder Priorität: Hassan, die nach der Sperre ihres ehemaligen Trainers Alberto Salazar Oregon wieder verlassen hat, bereitete sich in der Höhe von St. Moritz unter der Regie des holländischen Trainers Charles van Commenée intensiv auf die kommenden Aufgaben vor. Ein etwas größeres Fragezeichen steht hinter der Form von Hellen Obiri, die in kenianischen Medien erklärte, seit dem WM-Titel von Doha kaum hartes Tempotraining absolviert zu haben.
Mit Letesenbet Gidey, Vize-Weltmeisterin im 10.000m-Lauf, ist eine weitere Sieganwärterin dabei. Ein Gastspiel gibt Hindernislauf-Weltrekordhalterin Beatrice Chepkoech, die in kenianischen Medien damit auffiel, zu betonen, dass sie während der Coronakrise gar nicht trainiert hat. „Ich habe zugenommen und kann im Moment nicht einmal ein Huhn jagen. Ich brauche intensives Training, um an Gewicht zu verlieren“, sagte sie vor einigen Wochen. Die fehlende Wettkampfperspektive habe ihr die Motivation geraubt, weshalb sie sich während der Hochzeit der Pandemie auf ihre Farm zurückgezogen hat. Monaco wird für sie ein Maßstab, wie sehr sie den Trainingsrückstand bereits reduzieren konnte. Die nächststärksten Europäerinnen im Feld sind die Britinnen Eilish McColgan und Laura Weightman, aus den USA reist Shannon Rowbury an. Konstanze Klosterhalfen, deren Start angekündigt war, fehlt in den Startlisten, laut Eurosport aufgrund von Schmerzen im Beckenbereich.
 

1.500m-Lauf der Männer: Cheruiyot gegen Ingebrigtsen – Duell zweier Welten

Das virtuelle Duell im Rahmen der „Impossible Games“ von Oslo zwischen dem Team Ingebrigtsen und dem Team Cheruiyot trieb es vielleicht minimal an die Spitze, aber die Realität der Weltspitze im 1.500m-Lauf lässt sich nach der letzten Saison auf das Duell zwischen Timothy Cheruiyot und Jakob Ingebrigtsen herunterbrechen, auch wenn der Norweger in Doha keine Medaille geholt hat. Der Kenianer kommt als Solist nach Monaco, sein prominenter Trainingspartner und Ex-Weltmeister Elijah Manangoi hat sich zu viele Abwesenheiten bei unangekündigten Dopingkontrollen geleistet und ist suspendiert – was nicht das beste Licht auf den amtierenden Weltmeister wirft. Dafür kommt der 24-Jährige mit großen Ambitionen im Gepäck: „Ich hoffe, dass ich mein volles Potenzial abrufen kann. In den letzten Wochen habe ich gut trainiert und meinen Rhythmus gefunden.“ Zwei Jahre nach seiner persönlichen Bestleistung im Stade Louis II will er genau diese angreifen, auch wenn sein Trainer in einem Beitrag auf der Website von Eurosport zuletzt betonte, 2020 sei kein Jahr, indem Glorie, sondern das Überleben Priorität habe.
Das Duell zwischen den beiden Stars ist eines zweier Welten. Auf der einen Seite die kenianische Spitze, auf der anderen Seite ein außergewöhnliches europäisches Talent, das in die afrikanisch geprägte Weltspitze vordringt. Beide vereint, dass der Erfolg auf einem Teamgedanken basiert, bei Ingebrigtsen durch den intensiven Familienbund vielleicht noch mehr. Während Cheruiyot bisher keine verlässlichen Leistungsparameter in dieser Saison hinterließ, hat der Norweger seine starke Form bereits angedeutet und könnte diese in Monaco erstmals in seiner Spezialdisziplin auf die Bahn bringen. Einen Sieg bei einem Diamond-League-Meeting konnte Ingebrigtsen übrigens noch nicht verbuchen, im letzten Jahr war er dreimal Zweiter, jeweils hinter Cheruiyot – unter anderem in Monaco.
Jakob kann am Freitagabend auf die Unterstützung von Filip zählen. Mit Marcin Lewandowski, WM-Dritter von Doha, ist der große europäische Kontrahent der Ingebrigtsens am Start und kann mit seinem starken Endspurt wie immer Großes erreichen. Interessant ist auch der Antritt von Yomif Kejelcha, einer der besten Läufer auf den Langdistanzen.
 

1.000m-Lauf der Frauen: Britische Elite gegen drei WM-Medaillengewinnerinnen

Eine Weltklassebesetzung erfährt der 1.000m-Lauf der Frauen mit einem hochspannenden Feld. Die schottischen Trainingspartnerinnen Jemma Reekie und Laura Muir sowie die englische Hallen-Europameisterin im 800m-Lauf, Shelayna Oskan-Clarke treffen auf 800m-Weltmeisterin Halimah Nakaayi sowie deren Landsfrau Winnie Nanyondo, WM-Vierte, 800m-Vize-Weltmeisterin Raevyn Rogers und auf die kenianische Vize-Weltmeisterin im 1.500m-Lauf, Faith Kipyegon, die noch nie in Monaco war. Dieses Teilnehmerfeld verspricht enorme Spannung und ein hochklassiges Rennen. Die Irin Ciara Mageean und die Polin Sofia Ennaoui ergänzen die Startaufstellung.
 

800m-Lauf der Männer: Brazier-Show is coming

Mit einer deutlichen Weltjahresbestleistung von 1:43,84 Minuten bei einem Testrennen in den USA hat Weltmeister Donavan Brazier alle möglichen Fragen vorab beantwortet, wer in Monaco der unumstrittene Favorit sein wird. Der US-Amerikaner ist in bestechender Form, was auch ein schneller 1.500m-Lauf in Portland unter Beweis stellt. „Ich habe Europa und die hochkarätigen Meetings vermisst“, erklärte er. Noch ohne Saisonauftritt sind die prominentesten Kontrahenten Amel Tuka und Ferguson Rotich, womit das komplette WM-Stockerl im Fürstentum vertreten ist. Daher sprach Brazier gegenüber World Athletics von einer „Mini-WM“. Das Herculis Meeting bietet eine hochinteressante Startmöglichkeit für Marc Reuther, frisch gebackener deutscher Meister.
 

3.000m-Hindernislauf der Männer: Der positive COVID-19-Test

Zwischenzeitlich erweckte die internationale Medienlandschaft den Eindruck, der positive COVID-19-Test von Conseslus Kipruto wäre die dominierende Schlagzeile im Vorfeld des Diamond-League-Starts. Alle Laufplattformen und zahlreiche internationale Medien berichteten ausführlich darüber, dass der für alle kenianischen Athleten vor Abreise aus der Heimat verpflichtende Test beim Weltmeister im 3.000m-Hindernislauf positiv ausfiel. „Ich habe keinerlei Symptome“, ließ der 25-Jährige wissen. Für Monaco hatte er gigantische Pläne, sogar den Weltrekord wollte er attackieren. „Ich wäre in großartiger Form“, bedauerte er und hatte keine Ahnung, wie er trotz größter Vorsicht und Einhaltung der Verhaltensempfehlungen von Athletics Kenya zum Virus gekommen ist. Der Flieger aus Nairobi hob ohne Kipruto ab, der seinen Kollegen ein wunderbares Meeting wünscht und sich generell freut, dass die Leichtathletik-Saison 2020 endlich beginnt. „Auch ich werde bald zurück sein“, kündigt er gegenüber der kenianischen Zeitung „The Star“ an.
Auch mit Conseslus Kipruto am Start wäre ein Weltrekord tatsächlich unwahrscheinlich gewesen, ohne Kipruto ist er fast unmöglich. Angeführt wird das Feld vom äthiopischen Rekordhalter Lamecha Girma, der Kipruto um ein Haar bei den Weltmeisterschaften geschlagen hätte, und seinem Landsmann Getnet Wale. Auch der Marokkaner Soufiane El Bakkali, WM-Bronzemedaillengewinner, ist am Start, dazu eine Reihe starker Europäer. Da in den letzten Wochen kaum 3.000m-Hindernisläufe auf dem Programm standen, ist eine Prognose schwierig.
Herculis Meeting