Lamine Diack: Vier Jahre Gefängnis beantragt

Lamine Diack bei der WM 2015 in Peking. © Getty Images for IAAF

© Getty Images for IAAF
Mitte Juni, erst aufgrund neuer Beweise, dann aufgrund der COVID-19-Pandemie um einige Monate später als ursprünglich angesetzt, stand der ehemalige Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes (damals noch IAAF) Lamine Diack, der seit viereinhalb Jahren mit Hausarrest in der französischen Hauptstadt festsitzt, in Paris vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Senegalesen Betrug, Korruption, Veruntreuung und Geldwäsche vor und sprach von einem „Vergehen der Redlichkeit, das weltweit Schaden verursacht hat“. Konkret ging es unter anderem um Schmiergeldzahlungen aus Verbänden mehrere Länder (darunter Russland und Türkei), um positive Dopingfälle eigener Leichtathletinnen und Leichtathleten zu vertuschen, was teilweise unter sehr belastenden Indizien, teilweise mutmaßlich für kolpotierte 3,45 Millionen Euro (laut REUTERS) auch praktiziert wurde, oder Stimmenkauf bei der Vergabe von Großereignissen wie Olympische Spiele (Stimmrecht als IOC-Mitglied) oder Leichtathletik-Weltmeisterschaften. Die von Francois-Xavier Dulin angeführte Staatsanwaltschaft beantragte eine vierjährige Gefängnisstrafe für den 87-Jährigen, womit er angesichts der seit Ende 2015 andauernden Hausarrests glimpflich davon kommen könnte – wobei noch unklar scheint, ob diese Zeitspanne eingerechnet werden mag. Schließlich schwebte ursprünglich die Drohung von bis zu zehn Jahren Gefängnis über dem Prozess. Die Staatsanwaltschaft führte Diacks fortgeschrittenes Alter als strafmildernden Grund an. Beachtlich ist die Höhe der zusätzlich geforderten Geldstrafe von 500.000 Euro. Als Indizien lagen dem Gericht zahlreiche E-Mails, Schreiben und Finanztransfers aus der 16-jährigen Amtszeit von Diack (1999–2015) vor. Der Urteilsspruch soll am 16. September fallen.
 

„Unethisch, aber nicht kriminell“

Verteidiger Simone Ndiaye blieb laut der französischen Nachrichtenagentur (AFP) in seinem Schlussplädoyer der Strategie treu, davor zu warnen, mit einem zu strengen Urteil ein Exempel statuieren zu wollen, um seinen Mandanten als Sündenbock für ein System abzustempeln. Er bat die Richter, „sich vor rein moralischen Urteilen zu hüten“. Sein Mandant sei bereits schwer bestraft, sein Verhalten wäre „unethisch“ gewesen, aber nicht „kriminell“. Ihn ins Gefängnis zu schicken, wäre nichts als ein Sterbebeschleuniger, argumentieren Diacks Anwälte außerdem. Viel mehr versuchte die Verteidigung, die Hauptschuld Lamines Sohn Papa Massata Diack in die Schuhe zu schieben.
 

Interessenskonflikte

Beobachter erzählen, Lamine Diack soll während der Verhandlung zeitweise verwirrt und geistig abwesend gewirkt haben, das schreibt etwa die FAZ. Er versucht, seine Verfehlungen in ein positives Licht zu rücken und bezeichnete die korrupten Handlungen als „Kompromiss“, den er einging, um die finanzielle Gesundheit des Verbandes zu sichern und gleichzeitig die Popularität der Sportart zu erhöhen. Daher weist Diack die gegen ihn gerichteten Vorwürfe zurück und betonte, gedopte Athleten und deren Verbände nie erpresst zu haben.
Die Staatsanwaltschaft sieht dies naturgemäß anders und beschrieb die Verhältnisse in der ehemaligen IAAF-Spitze als „Paradies der Interessenskonflikte“. Der nun von Sebastian Coe, ehemals Diacks Stellvertreter, geführte Leichtathletik-Weltverband (World Athletics) stellt laut von der BBC zitierten Angaben eines WA-Anwalts Rückforderungen in Höhe von 41,2 Millionen Euro an Diack. So hoch sei der errechnete, heutige Wertverlust aus dem Diack-System. Coe selbst beteuert, von den Vorgängen im Verband damals nichts mitbekommen zu haben, weil er zeitgleich hauptsächlich mit der Organisation der Olympischen Spiele 2012 in London beschäftigt gewesen ist.
 

Auch Papa Massata Diack plädiert auf Unschuld

Lamines Sohn Papa Massata Diack, gesucht per internationalen Haftbefehl von Interpol, hat sich im Senegal verschanzt, das ihn nicht ausliefern will. Diack jr., der zuletzt den Vorwand der COVID-19-Krise verwendete, um die Reise nach Frankreich zu verweigern, soll als ehemaliger Marketingberater der IAAF Drahtzieher der korrupten Handlungen gewesen sein. In seiner Abwesenheit forderte die Staatsanwalt eine Gefängnisstrafe von fünf Jahren und eine Geldstrafe in Höhe von 500.000 Euro für ihn. Papa Massata Diack soll sich in zahlreichen Verhandlungen mit Geldgebern persönlich bereichert haben, laut eigener Zeugenaussage in Dakar im November 2019 soll er eine „Kommission in Höhe von zehn Millionen US-Dollar“ (FAZ) verdient haben. In seiner Zeugenaussage erklärte Lamine Diack, über die Aktivitäten seines Sohnes nicht Bescheid gewusst zu haben, belastete ihn dabei aber schwer. Papa Massata Diack argumentiert auf Unschuld. Einen Teil des Schmiergeldes aus Russland sollen die Diacks in der senegalesischen Politlandschaft eingesetzt haben, um die Präsidentschaftswahlen 2012 zu beeinflussen.
Zur damaligen IAAF-Spitze rund um Präsident Lamine Diack gehörte auch Anti-Doping-Chef Gabriel Dollé, Anwalt Habib Cissé, beide bereits sanktioniert und aussagekräftig im Zeugenstand, sowie der ehemalige Schatzmeister Valentin Balaknichev, der die Brücke zu Russland errichtete. Alle genannten Personen sollen auch persönlich profitiert haben, denn Gelder, die der IAAF gehörten, wurden einfach teilweise abgezwackt. Die ehemalige IAAF-Spitze und ihr unheimlicher Einfluss hinterlassen einen schweren Imageschaden für die Leichtathletik und den Spitzensport im Allgemeinen.