Europarekord für Ingebrigtsen bei „Impossible Games“

© Adobe Stock / nikitamaykov

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Mit einem eigenartigen, improvisierten Spektakel, aber für die Ausnahmesituation dieser Monate durchaus innovativen Idee ist ein kleiner Teil der Weltspitze der Leichtathletik in die Saison 2020 gestartet. Mit den „Impossible Games“, die der Veranstalter des traditionsreichen Leichtathletik-Meetings „Bislett Games“ in Oslo anstelle des abgesagten Diamond-League-Meetings auf die Beine gestellt hat, gelang ein Startschuss mit Wow-Effekt. Zumal die Inszenierung über diverse Plattformen Millionen von Leichtathletik-Fans erreichte. Im ungewohnten Umfeld produzierte das Team Ingebrigtsen, neben den Brüdern weitere Trainingskollegen als Pacemaker, einen neuen Europarekord für Jakob über die selten gelaufene Distanz von 2.000m. Auch Sondre Nordstad Moen bekam im auf norwegische Topathleten abgestimmten Programm ein Schaufenster und bedankte sich mit einem Europarekord über 25.000 Meter. Die kreative Umsetzung der „Impossible Games“, für die die Organisatoren in der norwegischen Hauptstadt viel Lob einsackten und vom Leichtathletik-Weltverband (World Athletics) ein sattes Preisgeld für die teilnehmenden Sportler spendiert bekam, hat nun Vorbildwirkung ausgestrahlt. In Zürich will der Veranstalter des Meetings „Weltklasse Zürich“, ebenfalls aufgrund der Nachwirkungen der Pandemie aus dem Kalender gestrichen, mit den „Inspiration Games“ am 9. Juli genauso ein Alternativsignal für die Leichtathletik aussenden. Acht Disziplinen an sieben Standorten sind geplant. Der „reale“ Start der diesjährigen Wanda Diamond-League-Saison, also inklusive des Scoring-Systems, ist für 14. August in Monaco geplant.
 

Ein norwegischer und ein europäischer Rekord

Unterstützt von praktisch der gesamten norwegischen Laufnationalmannschaft der Mittelstrecken traten die Ingebrigtsen-Brüder in zwei verschiedenen Laufentscheidungen auf der Laufbahn im mit einigen Pappfiguren verzierten, aber ansonsten mit der Kulisse von verwaisten Tribünen ausgestatteten Bislett Stadion an. Als erster war Filip Ingebrigtsen im 1.000m-Lauf dran und wurde gepact von den Roth-Brüdern Andreas und Thomas. Das Tempo war von Beginn an hoch, nach 1:48,8 Minuten waren die ersten 800 Meter absolviert. Den ersten der beiden ersehnten Ingebrigtsen-Rekorde des Abends realisierte sich, als Filip den norwegischen Rekord über 1.000m von Vebjörn Rodal, 800m-Olympiasieger von Atlanta 1996, um 0,32 Sekunden auf eine Zeit von 2:16,46 Minuten steigerte.
Abgeschirmt von seinem ältesten Bruder Henrik als finaler von vier Unterstützern vollendete Jakob Ingebrigtsen sein Werk über 2.000m in einer beachtlichen Zeit von 4:50,01 Minuten. Damit war der 19-Jährige um 1,38 Sekunden schneller als der Brite Steve Cram in Budapest vor 35 Jahren. Es war also ein Uraltrekord, der am gestrigen Abend in Oslo aus den Rekordlisten gestrichen wurde. Experten auf der ganzen Welt zeigen sich beeindruckt ob der fantastischen physischen Verfassung, in der sich Jakob Ingebrigtsen gegenwärtig befindet. Mit dieser Darbietung über 2.000 Metern, die laut einer Tabelle von World Athletics in etwa einer Leistung von 3:30-hoch im 1.500m-Lauf entspricht, liegt er auf Rang sechs der ewigen Bestenliste von World Athletics, seit 19 Jahren ist kein Läufer mehr so schnell über diese Distanz gelaufen.
Hinter Jakob folgen Henrik (4:53,72) und Filip (4:56,91), der eine Stunde nach seinem norwegischen Rekord über 1.000m sich in den Dienst der Familie stellte, über die Ziellinie.
 

Zwei ungleiche Zeitläufe

Das Rennen der Ingebrigtsens in Oslo sollte mit einem virtuellen Vergleich, dem „The Maurie Plant Memorial“ garniert werden. Denn zeitgleich startete in Nairobi ein Team rund um den Mittelstrecken-Dominator Timothy Cheruiyot, den die Ingebrigtsens selbst mit Jakob in Topform bisher nicht besiegen konnten. Im virtuellen Vergleich, live übertragen im Split Screen, war die Überlegenheit der Norweger groß, allerdings ist dieser natürlich kein verlässlicher Parameter. Ein engeres Duell verhinderten jedenfalls die Bedingungen, die in Oslo nahezu ideal, in Nairobi aber katastrophal waren. Regenschauer und heftiger Wind behinderten den Zeitlauf von Cheruiyot, der mit vier Landsleuten, darunter Ex-Weltmeister Elijah Manangoi, im Nyayo Stadium 13 Sekunden länger brauchte als Ingebrigtsen in Norwegen, wobei Cheruiyot vor der letzten Runde noch wesentlich weniger Rückstand aufwies. Dazu kam noch die Höhenlage von Nairobi (rund 1.800m über dem Meeresspiegel) als limitierender Faktor. Wirkliche Erkenntnisse: Erstens war Manangoi nach seiner von Verletzung durchzogenen Saison 2019 weit weg von einer Topform und zweitens spulten die Norweger ein hervorragend geplantes Rennen ab, während das kenianische etwas chaotisch und unrund verlief.
Alle drei Läufe, egal ob in Norwegen oder Kenia, konnten als „normale“ Rennen durchgeführt werden, weil die Sicherheitsabstandsregeln für Trainingskollegen im Gegensatz zu anderen Kontrahenten nicht gilt.
 

Zwei Schweizerinnen als „exotische” Gäste

Nur zwei Athletinnen, die nicht aus skandinavischen Ländern stammten, wurden in Oslo empfangen: die Schweizerinnen Lea Sprunger und Selina Büchel. Beide freuten sich über die lukrative Startmöglichkeit zu Saisoneinstieg, Büchel lieferte sich über 600m ein Duell mit Lokalmatadorin Hedda Hynne, die in einer Zeit von 1:29,06 Minuten gewann und eine Sekunde schneller war als die Eidgenossin. Aus Infektionssicherheitsgründen musste zwischen den Läuferinnen eine Bahn frei bleiben.
Sondre Nordstad Moen startete gemeinsam mit vier Landsleuten in den 25.000m-Lauf, damit war die Mindestanzahl für eine gültige Rekordleistung erbracht, auch wenn schlussendlich nur der ehemalige Marathon-Europarekordhalter die Zielflagge sah. In einer Zeit von 1:12:47 Stunden (Durchgangszeiten: 28:37 Minuten nach 10.000m, 57:55 nach 20.000m) pulverisierte der 29-Jährige den bisherigen Europarekord über diese kaum gelaufene Distanz des Deutschen Stephane Franke um eine Minute und elf Sekunden. 62,5 Runden musste der Straßenlauf-Spezialist im Bislett Stadion abspulen.
 

Bestleistung für Langläuferin Johaug

In einem Zeitlauf über 10.000m kam die mehrfache Olympiasiegerin Therese Johaug, die Gefallen an den langen Strecken in der Leichtathletik gefunden hat, zu einer Verbesserung ihrer persönlichen Bestleistung auf eine Zeit von 31:40,67 Minuten. Die zu den erfolgreichsten Wintersportlerin der Geschichte zählende Johaug liegt nun auf Rang vier der ewigen norwegischen Bestenliste in dieser Disziplin. Über ihre verstärkte Präsenz in der Leichtathletik ist aufgrund ihrer Dopingsperre vor einigen Jahren nicht jeder glücklich, vergangenen Winter dominierte sie nach ihrer Rückkehr den Langlauf-Weltcup nach Belieben.
Norwegens Topläuferin auf den langen Strecken, Karoline Bjerkeli Grövdal konnte ihren 3.000m-Zeitlauf nicht beenden. Ihr Ziel wäre ein sehr hohes gewesen, den norwegischen 3.000m-Rekord von Grete Waitz (8:31,75) zu brechen. Alle Protagonisten der Laufentscheidungen kamen in den Genuss von Lichtreflektoren entlang der Innenbahn als Ersatz für Pacemaker unterstützt. Diese präzise geplanten Lichtsignale sorgten für enorm harmonische Rennen, die jeweils auf einen Athleten oder eine Athletin ausgelegt waren – Beobachter sind begeistert von dieser Pacing-Variante.
 
 
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