Boston Marathon nach 123 Ausgaben erstmals abgesagt

© Adobe Stock / Ivana Tacikova

Er war nicht der erste Marathon der Geschichte. Dennoch ist der Boston Marathon das symbolische, lebende und erlebbare Monument des Laufsports. Ein historischer Anreiz für den heute so beliebten Freizeitsport. Inspiriert von der innovativen Idee des Laufs von Marathon nach Athen im Rahmen der ersten Olympischen Spiele der Neuzeit 1896 in der griechischen Hauptstadt wurde er im April 1897 erstmals ausgetragen. Mit rückblickender Pionierfunktion. 123 Jahre später blickt der Boston Marathon auf eine reiche Tradition und spannende Historie zurück. Als Zeuge der gesamten Entwicklung des Laufsports. Der Boston Marathon ist der mit Abstand älteste, jährlich durchgeführte Marathonlauf der Welt. Der zweitälteste, jährlich in den USA durchgeführte Laufevent hinter dem Buffalo Turkey Trot, der fünf Monate früher ins Leben gerufen wurde. Er hielt dem Ersten Weltkrieg stand, dem Zweiten Weltkrieg, erlebte als übergeordnetes Ziel Zig-Tausender Marathonläuferinnen und Marathonläufer auf der ganzen Welt, als Zugpferd und Sehnsuchtsort den Lauf-Boom, der spätestens Anfang der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts in Nordamerika kräftig an Fahrt aufnahm. Mit dem Terroranschlag im Zielgelände 2013 erlitt und überstand der Boston Marathon die dunkelste Stunde des Laufsports. Er kann es sich leisten, durch gestaffelte Qualifikationsanforderungen den Touch eines elitären Events aufrecht zu halten und gleichzeitig wird von der nationalen und internationalen Laufszene gestürmt. Für viele Marathonbegeisterte ein absolutes Muss!
 

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Premieren-Absage

Das Jahr 2020 wird als eigenwilliges, vielleicht als skurriles, aber jedenfalls als außergewöhnliches in die Menschheitsgeschichte eingehen. Im Mikrobereich auch deshalb, weil nach 123 Ausgaben dieser Pfeiler des (Lauf-)Sports umgefallen ist. Eine Pandemie, ausgelöst durch ein Virus, das mit dem Namen SARS-Cov-2 versehen wurde, sorgt für die ungewünschte Unterbrechung. Der ursprünglich vom traditionellen Termin des Patriot’s Day auf 14. September verschobene Boston Marathon findet im Jahr 2020 nicht statt. Nicht als reales Event, nur als virtuelles Angebot. Maximal ein Notangebot. Denn der Boston Marathon ohne die legendäre Strecke, die Atmosphäre vor Ort, die Lauftradition, das Feiertagshighlight ist nicht der wahre Boston Marathon.
 

„Wir können die Welt nicht nach Boston bringen“

„Priorität hat das Bewahren unserer gesellschaftlichen Gesundheit, der Gesundheit unserer Mitarbeiter, der Teilnehmer, der freiwilligen Helfer, der Zuschauer und Fans.“ Den Beginn der Erklärung von Tom Grilk, Vorsitzender der BAA, jener Organisation, die als Veranstalter des Boston Marathon und weiterer Laufbewerbe auftritt, kann mittlerweile jeder Sportfan auf der Welt fehlerfrei aus dem Gedächtnis vorbeten. Gefühlte hunderttausendmal wurde in dieser Wortwahl die Absage eines Sportevents in den letzten Monaten und Wochen erklärt. Der Virus ist halt ein globales Phänomen. Letztendlich wäre eine Durchführung des Boston Marathon mit den üblichen Reisebewegungen über den gesamten Erdball nicht möglich gewesen. „Wir können die Welt im September nicht nach Boston bringen“, erklärt Grilk. Bostons Bürgermeister Marty Walsh ergänzte in Politikersprache: „Während unsere prioritäre Zielsetzung lauten muss, das Virus einzudämmen und die Wirtschaft wieder voll in Gang zu bringen, wäre ein Event derartigen Ausmaßes wie der Boston Marathon weder am 14. September noch an einem anderen Zeitpunkt im Jahr 2020 realistischerweise verantwortungsvoll.“
 

Ein Jahr ohne Großevents

Aufgrund der COVID-19-Pandemie, die in den USA bereits über 100.000 registrierte Todesopfer gefordert hat (laut Zahlen des Johns Hopkins University, Stand 2. Juni 2020), ist das Jahr 2020 nicht das Jahr der Sportveranstaltungen. Zahlreiche Laufevents mussten bisher nicht nur in Österreich, sondern auf der ganzen Welt abgesagt werden. Die Absage des Boston Marathon ist das zweite starke Indiz nach der Limitierung des Berlin Marathon auf ein kleines Starterfeld, dass das Jahr ohne Laufsport-Großveranstaltung über die Bühne gehen könnte. Die WMM-Events London Marathon, Chicago Marathon und der New York City Marathon werden wie auch alle anderen Herbst-Marathons das Signal vernommen haben. „Es ist definitiv enttäuschend, aber ich bin sicher, dass die BAA die richtige Entscheidung für alle Involvierten getroffen hat. Ich weiß, dass viele es nicht erwarten können, zu normalen Gewohnheiten zurückzukehren, aber wir dürfen uns jetzt nicht auf die Überholspur begeben“, sagt die ehemalige Boston-Siegerin Desiree Linden gegenüber Runner’sWorld.com. Und fügte an: „Wenn Boston bereit ist, die Welt zu empfangen, werde ich mit großer Freude mitfeiern.“
 

Boston Marathon als virtuelles Event

Während die BAA allen für dieses Jahr angemeldeten Teilnehmerinnen und Teilnehmern eine komplette Rückzahlung der bezahlten Startgelder anbietet, lädt sie die Laufwelt ein, in der Woche vom 7. bis 14. September am virtuellen Boston Marathon teilzunehmen. Wenn schon die Welt nicht nach Boston kommen kann, soll Boston in die Welt ausstrahlen, formulierte Grilk. Offenbar will er diese Auflage als 124. zählen, erweckt die Promotion des virtuellen Events den Eindruck. Erzielte Qualifikationszeiten für 2020 bleiben übrigens auch für die nächste Auflage des Boston Marathon am 19. April 2021 gültig, zumindest für die Bewerbung für einen der geschätzten 31.500 Startplätze.
 
 
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