Eliud Kipchoge: „Think positiv!“

© SIP / Johannes Langer

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Seit Wochen ist es ungewohnt ruhig im kenianischen Hochland. Trainingszentren sind geschlossen, die anwesenden Stars der Laufszene, bei weitem nicht nur Einheimische, absolvierten ihre Laufrunden alleine und seit kurzem in Kleingruppen. Auch Superstar Eliud Kipchoge tauchte in eine für ihn ungewohnte Welt ein. Statt eiserne Disziplin und absoluter Fokus auf den Sport an sechs von sieben Wochentagen nahm sich der 35-Jährige in den letzten Wochen sehr viel Zeit für seine Familie und achtete darauf, körperlich fit zu bleiben. Die Einschränkungen zur Eindämmung der COVID-19-Krise weltweit haben seine Prioritäten temporär verändert, konkrete sportliche Ziele gibt es für ihn aktuell kaum. Den Weg zum Sieg über das Virus metaphorisiert er mit seiner Spezialfähigkeit: „Marathonlaufen ist wie das Leben. Wir können Marathons auf vielen verschieden Strecken auf der ganzen Welt laufen: flache, ansteigende, fallende. Die Zeit des COVID-19 ist wie ein ansteigender Kurs. Wir müssen das Leben in einem verlangsamten, aber positiven Weg beschreiten, um das Rennen gut zu finishen.“
 

Positiv denken, positiv leben

In einem Webinar, welches im Livestream auf der Website der Olympischen Spiele ausgestrahlt wurde, philosophiert der Kenianer, der nicht nur als schnellster Langstreckenläufer der Welt bekannt ist, als sehr intelligenter Athlet, über die Gegenwart und hofft, dass die Menschen die richtigen Lehren aus dieser, wie er sagt, seltsamen Zeit in die Zukunft mitnehmen. Seine persönliche Hitliste: „Nummer eins: Das Allerwichtigste ist die Familie. Es ist essentiell, zusammenzuhalten und sich um die Familie zu kümmern. Das hat mich diese Pandemie gelehrt. Nummer zwei: Wir müssen geduldig sein. Nummer drei: Wir müssen gesetzliche Einschränkungen und Vorgaben akzeptieren, dann schaffen wir es, zur Normalität zurückzukehren.“ Und auf diese Normalität, die Weltklassesport auf den Marathon- und Laufstrecken natürlich inkludiert, freut sich der Marathon-Weltrekordhalter und erste Mensch, der die Marathondistanz in einer Zeit unter zwei Stunden absolviert hat, bereits wieder. Sein simpler Ratschlag an die Athletinnen und Athleten: „Plant und bereitet eure Rückkehr zum Sport gut, setzt eure Prioritäten in der richtigen Reihenfolge. Lasst uns gemeinsam positiv denken und positiv leben!“
 

Solidarität mit Laufkollegen ohne Einkommen

Ein wichtiger Punkt ist dem Superstar auch die Solidarität mit zahlreichen seiner Landsleute, schließlich ist nicht jeder kenianische Läufer in seiner privilegierten Situation als reicher Weltstar. „Für acht von zehn kenianischen Läufer bedeuten die Teilnahmen bei Rennen in Europa, Nordamerika, Asien und Australien finanzielle Mittel, die die täglichen Mahlzeiten auf dem Tisch ihrer Familien garantieren“, betont er. In einer Initiative mit Kollegen stellte er über 70 Athleten und ihren Familien das Essen für einen Monat zur Verfügung, um deren aktuell ausbleibenden Einkommen abzufedern.
Dass das Ausbleiben der Einkünfte aus Start- und Preisgeldern im Wettkampfalltag den Lebensstandard zahlreicher afrikanischer Läuferinnen und Läufer und deren Familien bedroht, darauf haben in den letzten Wochen mehrere berühmte Sportler und Manager hingewiesen. Die Einkünfte aus der Farmen, die etliche neben ihrer sportlichen Laufbahn betreiben, reichen nicht, über eine bestimmte Zeitspanne überhalb der Armutsgrenze zu verbleiben.
 

Virtuelle Teilnahme am Lena Safari Marathon

Aktuell bereitet sich Eliud Kipchoge mit einigen seiner Trainingspartner, darunter New York City Marathon Sieger Geoffrey Kamworor, auf die virtuelle Teilnahme am Lewa Safari Marathon am 27. Juni vor. Inspiriert wurden die Stars von der Initiative der Veranstaltung, für die Umwelt und das kenianische Wildlife speziell einzutreten. Ein Anliegen, das Kipchoge nur allzu gerne unterstützt, wie er kenianischen Medien gegenüber erklärt.
 

Tokio 2021 als großes Ziel

Für den Wiedereinstieg in den Spitzensport nennt Eliud Kipchoge in diversen Medienberichten der letzten Zeit weder Datum noch Rennen. Ein Antritt beim auf den 4. Oktober verschobenen London Marathon, sofern die Veranstaltung in welcher Form auch immer realisierbar ist, scheint wahrscheinlich. Kipchoge selbst blickt voll motiviert in die Zukunft. Sein nächstes großes Ziel ist die Olympische Goldmedaille bei den Spielen von Tokio 2020, die nun im Sommer 2021 mit den Marathonläufern in Sapporo über die Bühne gehen sollen. Ein weiteres Ziel könnte ein regulärer Marathonlauf in einer Zeit von unter zwei Stunden sein, wie er in einem Interview mit Athletics Weekly verriet: „Ich vertraue meinem Verstand und meinem Herzen, dass es in den nächsten zehn Jahren ein Mensch schaffen wird. Warum sollte ich es daher nicht versuchen?“