Mehr Raum für Laufbegeisterte in Städten

Symbolfoto. © Adobe Stock / Maridav

Die gesellschaftlichen Einschränkungen zur Eindämmung einer Pandemie, die aktuell weltweit fast flächendeckend praktiziert werden oder in den vergangenen Wochen und Monaten wurden, haben zu einer wichtigen Erkenntnis für ein gesundes Leben im urbanen Raum geführt. Menschen, die in Großstädten und Metropolen leben, brauchen mehr Raum. Unabhängig der in verschiedenen Ländern unterschiedlich praktizierten, weil von den nationalen Regierungen unterschiedlich bestimmten gegenwärtigen Verhaltensweisen gibt es in zahlreichen Städten temporäre Konzepte, den urbanen Raum für seine Bevölkerung zu erweitern. Etliche Konzepte könnten die Temporarität überdauern und ein langfristiges, nachhaltiges positives Umdenken für das Zusammenleben in Städten bewirken, von dem sportlich aktive Menschen profitieren würden. Urban Running könnte an Beliebtheit gewinnen, nicht nur in urbanen Grünflächen.
 

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Mehr Raum garantiert Sport mit Sicherheitsabstand

Als letzte mehrerer Metropolen hat Toronto, größte Stadt Kanadas, Ende der vergangenen Woche das Sperren von Straßen im Stadtgebiet und die Umgestaltung von Verkehrsadern in verkehrsberuhigten Zonen angekündigt. Insgesamt 57 Kilometer Straßennetz, twitterte Bürgermeister John Tory, sollen der Stadtbevölkerung zur Verfügung gestellt werden, um vermehrt Zeit im Freien zu verbringen. Epidemologisch ist das Aufhalten außerhalb geschlossener Räume empfehlenswert, das ist eine der wenigen Erkenntnisse in der COVID-19-Pandemie, bei der Wissenschaftler und Experten weltweit Einigkeit zeigen. Tory erklärt in einer Presseaussendung: „Dadurch, dass wir zusätzlichen Raum in unserer Stadt sorgen, schaffen wir den Schritt von der Devise ,stay home‘ zur Empfehlung, sich so viel wie möglich im Freien zu bewegen sowie Sport zu treiben und gleichzeitig den Sicherheitsabstand einhalten zu können.“ Das, so der Bürgermeister weiter, würde die Gesundheit der Bewohner Torontos fördern.
 

„Velorution“ in Europas Hauptstadt

Die Idee ist nicht neu, Toronto bildet nur ein aktuelles Beispiel. Brüssel, Hauptstadt der Europäischen Union, gestaltete das Stadtzentrum vor einigen Wochen in eine Begegnungszone um und limitierte das Tempo des motorisierten Verkehrs auf 20 km/h, um Anreize zu schaffen, auf das Auto zu verzichten oder das Zentrum zu umfahren. Außerdem wurden die Rad- und Fußgängerzonen erweitert, die Radfahrer haben verstärktes Vorfahrtsrecht. In der belgischen Hauptstadt kursiert laut Medienberichten der Begriff „Velorution“, also Fahrrad-Revolution – denn die Innovation soll bleiben. Bereits erfolgreich umgesetzte Konzepte für Fahrradfahrer inklusive eines stark ausgebauten, komfortablen Wegenetzes für alle, die sportlich unterwegs sind, gibt es bereits in Kopenhagen und Amsterdam – beide Städte gelten als vorbildhaft in der urbanen Verkehrsregelung. Auch hier profitieren nicht nur Radfahrer, sondern auch Läufer vom komfortablen Angebot mitten in der Stadt. Nicht zufällig gibt es im Vergleich zum Anteil der Gesamtbevölkerung in Dänemark die meisten Läuferinnen und Läufer.
 

Infrastruktur für Freizeitsportler

In Mailand, einer der von der Coronakrise am stärksten betroffenen Metropolen der Welt, gibt es konkrete Vorschläge, Straßen zu sperren um nicht nur der Bevölkerung, die sich öffentlichen Raum bewegt – egal ob zum Sport oder aus anderen Motiven – langfristig mehr Platz zu schenken, sondern auch einen Teil des geschäftlichen Lebens in den öffentlichen Raum zu verlegen. Ein Beispiel: Gastgärten von Restaurants dort, wo früher Autos fuhren. Die Idee baut darauf auf, dass die Stadtpolitik seit Beginn der Coronakrise zahlreiche Straßen in Fahrrad- oder Fußgängerszenen umgewandelt hat. Vergleichbares wurde in Madrid, Epizentrum der Gesundheitskrise in Spanien, realisiert. Auch in New York, ebenfalls von der Pandemie hart getroffen, mussten Autofahrer bereits Raum zugunsten der Fußgänger, Läufer und Radfahrer abgeben. Als eine der ersten Metropolen reagierte die kolumbianische Hauptstadt Bogotà auf die Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) an die Menschen, aktuell vermehrt zu Fuß oder mit dem Rad den öffentlichen Raum zu betreten. 100 Kilometer temporäre Fahrradspuren haben die Behörden im Eilverfahren installiert. In Paris will Bürgermeisterin Anne Hidalgo die Vororte an das Radnetz anbinden, um motorisierten Verkehr zu verringern und oft prall gefüllte Öffis zu entlasten. Ähnliche bewegungsfreundliche und gesundheitsfördernde Konzepte in unterschiedlichem Ausmaß gibt es in Berlin, Rom, Budapest, Vancouver, Mexiko City – die Liste ließe sich fortsetzen.
 

Punktuelle Verkehrsberuhigung als Nährboden für Initiativen in Wien

Österreichs Städte zeichnen sich durch ihre großzügigen Grünflächen und damit auch Freizeitangebote aus, selbst die einzige Metropole des Landes. Auch Fußgänger- und Fahrradwege sind hierzulande gut ausgebaut. Wesentliche Gründe, warum Wien regelmäßig zur lebenswertesten Stadt der Welt ausgezeichnet wird. Die Diskussionen rund um die Schließung der Bundesgärten im Wiener Stadtgebiet hat gezeigt, dass auch das Bedürfnis der Wiener Stadtpolitik und der Wiener Bevölkerung nach mehr verfügbarem öffentlichen Raum in den letzten Wochen und vielleicht auch prinzipiell ein großes war. Schlussendlich wurden einige Straßen temporär verkehrsfrei gehalten und einige Pop-up-Fahrradwege geschaffen, flächendeckende Konzepte zum Ausbau des Radwegnetzes oder Fußgängerwegen, wie oben skizziert in anderen Metropolen, gibt es aktuell keine, wobei festzuhalten ist, dass Wien sich im internationalen Vergleich hier bereits auf einem guten Niveau befindet. Diverse Initiativen drängen jetzt aber genau in diese Richtung vor, dieses Niveau noch zu optimieren. Das Potenzial einer nachhaltigen und umweltfreundlichen Veränderung der Bewegungsströme im öffentlichen Raum wurde nicht nur hierzulande erkannt. Eine Entwicklung, die auch der Laufszene zugute kommen könnte – sie würde das Laufen in den Städten attraktiver und vielseitiger machen.