Coe: „Nie stolzer auf Athleten als jetzt“

© Getty Images for IAAF / Chris McGrath

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Mit einem umfangreichen, offenen Brief, in dem die Grundstimmung trotz der aktuell nicht nur für den Sport, sondern in erster Linie für die gesamte Welt-Gesellschaft schwierigen Zeit aufmunternd, positiv und vorallem zukunftsorientiert formuliert ist, hat sich Sebastian Coe, Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes (World Athletics) an die globale Leichtathletik-Community, die mit ihren 214 nationalen Mitgliedsverbänden die größte der Welt ist, gewandt. Aus der Quarantäne, die die gesamte Führung des Verbandes in Monaco aus Sicherheitsgründen betrifft, um die Geschäfte am Laufen halten zu können. „Ich bin noch nie so stolz auf unsere Athletinnen und Athleten gewesen, die aktuell in Hinterhöfen und Schlafzimmer trainieren müssen und dennoch Zeit für inspirierende und motivierende Videobotschaften an die Welt finden. Dieser Spirit des menschlichen Optimismus lässt uns diesen Test, den wir uns unterziehen müssen, bestehen. Wir werden danach stärker und toleranter sein – und weltumspannender“, schreibt der Brite. Gleichzeitig sieht Coe sich durch die aktuelle Gesundheitskrise, die Narben im gesellschaftlichen Miteinander hinterlassen mag, in seinem Reformprozess des Sports und seinem Innovationswillen bestärkt. Der Spitzensport sei das eine, andererseits „müssen wir mit nationalen Regierungen zusammenarbeiten, um den Sport in Schulen, Vereinen und im Umfeld engagierter Personen wieder aufzubauen. Körperliche Fitness soll und könnte zu einer neuen Normalität werden.“
 

Befürworter der Olympia-Verschiebung

Hinter den Kulissen arbeitete Coe in den letzten Wochen gezielt mit, das Internationale Olympische Komitee (IOC) von einer Verlegung der Spiele von Tokio 2020 zu überzeugen. Es wäre weder der gewünschte noch richtige Zeitpunkt für die Olympischen Spiele gewesen, sagte der 63-Jährige, nachdem das IOC gemeinsam mit dem lokalen Veranstalter die Verschiebung kommuniziert hat. Nun wartet man auch bei World Athletics ab, bis der Termin für die Spiele im kommenden Jahr feststehen, um richtige Schrauben am eigenen Wettkampfkalender zu drehen. Zwischen den Zeilen schimmert hervor, dass Coe mit einer Verlegung der Weltmeisterschaften von Eugene 2021 auf das Folgejahr liebäugelt, um die zwei größten Höhepunkte der Leichtathletik innerhalb eines Kalenderjahres zu vermeiden. Auch, weil der ehemalige Mittelstrecken-Star und zweifache Olympiasieger die Olympischen Spiele 2021 viel lieber im Sommer als im Frühling sehen würde, was gerüchteweise vom japanischen Veranstalter bevorzugt wird.
Jedenfalls soll der Sportkalender für die Jahre 2021 und 2022 in einem Schritt erstellt werden, um die richtige Feinabstimmung zu finden. „Olympische Spiele 2021, Weltmeisterschaften 2022 in Eugene und 2023 in Budapest, Olympische Spiele 2024 in Paris – die Leichtathletik würde vier Jahre hintereinander eine Hauptrolle im internationalen Sportkalender spielen. Ich denke, wir alle, die Athletinnen und Athleten inklusive, könnten damit sehr gut leben“, richtet Coe den Blick in einer Videokonferenz mit afrikanischen und europäischen Medienvertretern nach vorne. Alles sei freilich noch zu definieren.
 

Hoffnung auf Saisonstart im Sommer

Die Verschiebung der Olympischen Spiele gibt der Leichtathletik die Möglichkeit eines späten Saisonstart und Raum, Meetings neu zu terminisieren. Der WA-Präsident würde gerne so bald als möglich auf die internationale Wettkampfbühne zurückkehren, aber frühestens „sobald es möglich ist und das ist, wenn es sicher ist.“ So viel wie möglich soll von der Saison gerettet und damit die Saison auf einem bestmöglichen Level abgewickelt werden, das liege im Interesse aller. Ein Saisonstart vor Juni ist aber de facto ausgeschlossen, wahrscheinlich wird selbst dieser Zeitplan nicht halten. Aufgrund der aktuellen Ausbreitung der Pandemie, der Reiseeinschränkungen und der schlechten Trainingsmöglichkeiten sei an Wettkampfsport aktuell ohnehin nicht zu denken.
Dass der Start zur Leichtathletik-Saison nicht in absehbarer Zeit fällt, demonstrieren bereits zahlreiche, frühzeitig kommunizierte Absagen bzw. Verschiebungen. Auch diese Entscheidungen seien im gemeinsamen Interesse aller Beteiligten gefallen, betont Coe. Nach den Verschiebungen der drei Auftaktmeetings der Diamond League in Doha, dem noch nicht zugewiesenen Termin in China und Shanghai werden nun auch die Meetings in Stockholm, Neapel und Rabat nicht am geplanten Termin im Mai stattfinden. Alle drei Meetings wurden provisorisch und undefiniert verschoben. Auch in der „zweiten Liga“, der World Continental Tour wurden bereits zahlreiche Meetings auf unbestimmte Zeit verschoben oder abgesagt, darunter der für 2. Mai geplante Auftakt der Kategorie Gold in Nairobi. Dazu kommen etliche spezielle Events, wie zum Beispiel das Mehrkampf-Meeting in Götzis, das für 2020 ausgefallen ist. Ebenfalls nicht wie geplant stattfinden werden die U20-Weltmeisterschaften, die Anfang Juli in Nairobi über die Bühne gehen hätten sollen (siehe RunAustria-Bericht). „Uns ist bewusst, dass wir irgendwann im Verlaufe des Jahres wieder Meetings brauchen, damit die Athletinnen und Athleten ihre Leistungen unter Beweis stellen und sich optimal auf die Olympischen Spiele 2021 vorbereiten können. Gott sei Dank arbeiten wir mit Meetingdirektoren und Veranstalter von Marathons und Straßenläufen zusammen, aber auch mit Partnern zusammen, die allesamt sehr flexibel sind“, lobt der Brite. Die absolute Priorität liege aber vorerst beim Ziel, die Coronavirus-Pandemie zu überstehen. „Die Welt nach der Pandemie wird nicht mehr dieselbe sein wie davor“, schätzt er.
 
 

Übersicht über die aktuelle Gestaltung des Meetingkalenders

 
Wanda Diamond League:
– Die Meetings von Doha (17.04.), Stockholm (24.05.), Neapel (28.05.) und Rabat (31.05.) wurden undefiniert verschoben.
– Das geplante neue Meeting in einer chinesischen Stadt fällt wohl aus.
– Das Meeting von Shanghai (16.05.) wurde verschoben und am 13. August wieder in den Kalender installiert.
– Frühest möglicher Start der Wanda Diamond League 2020 ist somit das Meeting in Eugene am 6. und 7. Juni.
 
World Athletics Continental Tour Gold:
– Die Meetings von Nairobi (02.05.), Nanjing (13.05.), Ostrava (22.05.) und Turku (09.06.) wurden undefiniert verschoben.
– Das Meeting von Tokio (10.05.) wurde noch nicht verschoben, man lässt sich ein Hintertürchen offen. Damit stellt das Meeting in der japanischen Hauptstadt den frühesten möglichen Termin für den Start der neuen World Athletics Continental Tour Gold dar.
– Das Meeting in Hengelo (01.06.) wurde abgesagt.
– Das Meeting von Kingston wurde vom 13. Juni auf den 12. September verschoben.
 
World Athletics Continental Tour Silber:
– Die Meetings in Brisbane (20.03.), St. George in Grenada (04.04.), Des Moines (24.–25.04.) und Braganca Paulista in Brasilien (17.05.) wurden undefiniert verschoben.
– Das Meeting in Miramar, Florida (09.05.) wurde ersatzlos gestrichen.
– Frühest möglicher Start der World Athletics Continental Tour Silber ist damit das Janusz Kusocinski Memorial im polnischen Chorzow am 24. Mai.
 
World Athletics Continental Tour Bronze:
– Die Meetings in Sydney und Auckland haben im Februar bereits stattgefunden.
– Das chronologisch nächste Meeting im japanischen Hiroshima (29.04.), jenes in Osaka (06.05.) wurden noch nicht verschoben, man lässt sein ein Hintertürchen offen.
– Die Meetings im japanischen Fukuroi (02.05.), Georgetown (06.06.) wurden undefiniert verschoben, bei allen weiteren Meetings im Mai gibt es im Kalender von World Athletics noch keinen Hinweis. Das betrifft auch die Meetings in Dessau und Bellinzona.
– Das Pfingstsportfest in Rehlingen (31.05.) und das Meeting Iberoamericano in Huelva sind ersatzlos abgesagt.
 
 
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