Undefinierte Verschiebung: eine Olympische Premiere voller offener Fragen

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Die Sportwelt rechnete mit dieser Entscheidung, sie ist aber dennoch als überraschend schnelle Antwort auf Druck ausübende, flächendeckende Forderungen aus dem Sport heraus gekommen. Die Olympischen Spiele und Paralympischen Spiele von Tokio 2020 sind auf einen unbestimmten Zeitpunkt verschoben, auf den vom japanischen Premierminister Shinzo Abe in einem laut IOC-Statement sehr freundlichen Gespräch mit IOC-Präsident Thomas Bach kommunizierten, gemeinsamen Wunsch Japans und der Veranstaltungsverantwortlichen in der Metropolregion der japanischen Hauptstadt. In erfolgter Konsultation mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO), wie alle Beteiligten stark betonen. Es herrscht Einigkeit unter den Entscheidungsträgern, dass die Olympischen Spielen als Symbol der Hoffnung für eine sorgenfreie Zeit nach der gegenwärtigen Gesundheitskrise stehen sollen. Sie sollen bis spätestens Sommer 2021 über die Bühne gehen, aber nicht im laufenden Kalenderjahr.
 

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Historische Premiere

Damit beschlossen Abe und Bach eine historische Premiere in der Geschichte der Olympischen Spiele, die ihren Ursprung im Alten Griechenland haben und dort sogar die magische Kraft nachwiesen, Kriege für die Wettkampfzeit zu unterbrechen. Diese Fähigkeit haben die Olympischen Spiele der Neuzeit verloren, die geplanten Austragungen von 1916 (Berlin), 1940 (Tokio und kurzzeitig alternativ geplant in Helsinki) und 1944 (London) fielen den beiden Weltkriegen zum Opfer (dazu kommen noch die Winterspiele 1940 und 1944). 1980 fanden die Olympischen Spiele in Moskau trotz des Boykotts der halben westlichen Welt statt, die Retourkutsche des Sowjetblocks erfolge vier Jahre später in Los Angeles. Auch 1976 in Montreal fehlten zahlreiche Nationen, doch all diese drei Auflagen fanden wie geplant statt, trotz der friedensbedrohenden Aufteilung in zwei Weltblöcke.
Eine Verschiebung Olympischer Spiele hat es noch nie gegeben, dafür brauchte es den unerwarteten Auftritt des mächtigen Coronavirus, das die (Sport-)Welt in unfassbaren Maß lahmgelegt hat. Erstaunlich ist auch die zufällige und oft zitierte 40-Jahres-Linie Olympia bedrohender Ereignisse. 1940 fielen die Olympischen Spiele wegen der weltweiten Kriegshandlungen ins Wasser – Gastgeber Tokio hatte sich aufgrund der brutalen Kriegshandlungen der Japaner in China bereits davor ins Abseits gestellt, 1980 verweigerten die USA und zahlreiche mit den USA befreundete Nationen die Teilnahme an den Spielen von Moskau, 2020 erwirkt eine Pandemie die historische Premiere einer Verschiebung. Das erste Rütteln am größten internationalen Sportfest in flächendeckenden Friedenszeiten überhaupt. Erstmals heißt es nicht mehr: „The Games must go on!“
 

Schutz nicht mehr sichergestellt

Denn aufgrund der unvorhersehbaren Ausbreitung des Coronavirus mit annähernd 400.000 registrierten Krankheitsfällen weltweit (zurzeit) und der entsprechenden, wohl mit Nachdruck nahe gelegten Warnung der WHO, die Infektionszahlen würden sich in weiten Teilen der Welt noch drastisch erhöhen, sehen das IOC und die japanischen Organisatoren den Schutz aller an Spielen Beteiligten nicht mehr als sichergestellt. Gleichzeitig lobte das IOC ausdrücklich, den Fortschritt der Japaner im Kampf gegen COVID-19, um zu untermalen, dass keine Versäumnisse des Gastgeberlandes zur Entscheidung führten.
 

Alle wichtigen Folgefragen sind unbeantwortet

Es ist überraschend, wie erstaunlich unkoordiniert – und daher in vollem Umfang nicht dem Anspruch einer Professionalität genügend – die Absage kommuniziert wurde. Zwar ist die wichtigste Frage nach dem plangemäßen Stattfinden nun beantwortet – diese Klarheit ist ein Vorteil, zahlreiche wichtige Folgefragen bleiben aber völlig offen. Anstatt Szenarien im Vorfeld mit verdeckten Karten durchdenken und sich auf die Folgewirkung der Entscheidung zumindest mit konkreten Anhaltspunkten vorbereiten zu können, steht der Weltsport, dazu gehören das IOC, das Olympische OK genauso wie alle Sportverbände global und national, nun im Licht der offenen Beobachtung der Weltöffentlichkeit vor der Mammutaufgabe, den internationalen Sportkalender für die nächsten Jahre über den Haufen zu werfen. Denn die Terminfindung für die Olympischen Spiele wird eine schwierige und vor allem wird sie zahlreiche Folgeverschiebungen von bereits fix geplanten Events bewirken. Fakt ist: Aufgrund der vertraglichen Vereinbarungen zwischen dem IOC und Tokio müssen die Spiele bis spätestens Juli 2021 stattfinden. Japan plädiert mitunter aus klimatischen Gründen für eine Austragung im Frühjahr 2021. Ob dieser Wunsch die Sportwelt in Jubel ausbrechen lässt, ist fraglich. Dass die UEFA mit der verlegten Fußball-Europameisterschaft einen potenziellen Zeitraum zwischen Mitte Juni und Mitte Juli bereits besetzt, ist ungünstig – eine Doppelung wird die internationale Medienlandschaft kaum akzeptieren.
IOC-Präsident Bach erbat sich Zeit für die terminliche Organisation. Zusammenfassend kann festgestellt werden: Eine Ungewissheit ist ausgeräumt, viele Ungewissheiten können dafür gegenwärtig nicht beantwortet werden. Bis ein genauer Termin der Olympischen Spiele feststeht, ist auch an sinnvoller Vorbereitungsplanung der Sportlerinnen und Sportler nicht zu denken, eine Neuorganisation des diesjährigen Sportkalenders nach Corona ebensowenig. Die Olympischen Marathonläufe übrigens sind weiterhin für Sapporo eingeplant, berichtet die britische Nachrichtenagentur REUTERS.
Das unkoordinierte und unvorbereitete Vorgehen des IOC und des lokalen Organisationskomitees in Japan ist die Folge der Welle an Druckausübung nationaler Verbände und einzelner Sportstars, kumuliert in den letzten Tagen. Experten schätzen, dass auch der als geheimes Schreiben intendierte, aber geleakte Brief des Präsidenten der Olympischen Kernsportart, Sebastian Coe einen wichtigen Einfluss auf einen raschen Entschluss hatte. Das Fass zum Überlaufen gebracht hat aber wohl das bemerkenswert unprofessionelle Verhalten des 77-jährigen Langzeit-IOC-Mitglieds Richard Pound, der sich in einem Interview mit USA Today am Montag verplappert hat.
 

Spendelhofer: „Die Gesundheit aller hat absolute Priorität.“

Die exakt vier Monate vor der geplanten Eröffnungsfeier kommunizierte Verlegung der Spiele hat in der Sportwelt eine Welle der kollektiven Erleichterung ausgelöst. Fast ausnahmslos wird von einer richtigen Entscheidung gesprochen, Eliud Kipchoge nannte die Verschiebung eine „weise Entscheidung“ und versprach sein Antreten bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio, die auch bei einer Austragung 2021 so heißen werden – Marke ist Marke. Emma Coburn betonte: „Unsere Träume sind nicht zerstört, nur aufgeschoben.“ Nur einzelne Läuferinnen und Läufer reagierten nicht positiv: „Das ist keine schöne Nachricht, es ist eine schlechte. Sogar eine sehr schlechte“, sagt er italienische EM-Medaillengewinner Yemaneberhan Crippa und erklärte, eine Verschiebung in den Spätherbst 2020 anstatt eine in das nächste Jahr würde deutlich weniger zukünftige Ziele der Athleten gefährden. Dem widerspricht ÖLV-Sportdirektor Gregor Högler: „Sportlich gesehen macht eine Austragung nur 2021 Sinn, da eine Formkurve kein Kippschalter ist, den man einfach ein- und abdrehen kann. Wirtschaftlich kann und möchte ich die Entscheidung nicht beurteilen.“ ÖLV-Präsidentin Sonja Spendelhofer blickt in einer ersten Reaktion positiv nach vorne: „Es ist gut, dass nun endlich eine Entscheidung getroffen wurde. Die Gesundheit aller hat absolute Priorität. Ich wünsche allen unseren Athleten, dass sie ihre bisherigen Anstrengungen als gute Basis für eventuell verbleibende Saisonhöhepunkte und für das nächste Jahr mitnehmen können.“
Die harte Arbeit beginnt nun mit der Zukunftsplanung der nationalen Olympischen Komitees und der nationalen wie internationalen Sportverbände. Der erste Dominostein ist gefallen und hat den berühmten Dominoeffekt ausgelöst, die Kollateralschäden der Entscheidung werden zur Herausforderung. Das betrifft neben der Umgestaltung des Sportkalenders auch die lokale Organisation, die sich neben den finanziellen Verlusten in Höhe von geschätzten 5,5 Milliarden Euro und der Frage, wer dafür aufkommt, nun etwa mit Fragen beschäftigten muss, ob das Olympische Dorf, für 2021 bereits vorvertraglich verkauft oder vermietet, bei einer Verschiebung noch zur Verfügung steht. Dazu kommen infrastrukturelle Erhaltungskosten, die Tokio 2020 weder finanziell noch organisatorisch eingeplant hat, und Sicherheitskonzepte. Sportler und Verbände aus der ganzen Welt dürfen mit Reiseplanungen bei null beginnen.
 

Stimmung in Japan verändert sich

Große Begeisterung über die organisatorischen Neuaufgaben schimmern aus Japan trotz des kommunizierten Bedürfnisses, die Gesundheit von rund 11.000 Sportler, rund 90.000 Volontären und Hunderttausenden Sportfans und Gästen aus aller Welt zu schützen, nicht durch. Sieben Jahre gezielte Vorbereitungen der als symbolhafte Erholung Japans neun Jahre nach der Atomnkrise von Fukushima intendierten Spiele seien schließlich zu hinterfragen. OK-Präsident Yoshiro Mori, ehemaliger japanischer Premierminister, fasst treffend zusammen: „Wir haben keine andere Wahl als Hoffnung. Hoffen wir.“ Ein Zeichen der Hoffnung, dass die Spiele 2021 durchgeführt werden können, setzt auch die Olympische Flamme, die in Japan bleibt. Doch die Stimmung in der japanischen Bevölkerung wird ausgetestet: Aktivisten forderten in Demonstrationen die Komplettabsage der Spiele, ungeachtet des finanziellen Schadens von geschätzten rund 65 Milliarden Euro in diesem Szenario. „Die Japanerinnen und Japaner müssen sich die Frage stellen, ob die Ausrichtung Olympischer Spiele im Kontext der Corona-Situation wirklich notwendig ist“, zitiert die französische Nachrichtenagentur AFP einen Demonstrierenden. 10% der Japaner sind laut einer aktuellen Umfrage für eine Komplettabsage.
 

Verschiebung der Leichtathletik-WM 2021 wahrscheinlich

Der Leichtathletik-Weltverband (World Athletics) begrüßt in einem Statement die Verschiebung der Olympischen Spiele, die er davor in Einstimmigkeit des Präsidenten Sebastian Coe mit allen Präsidenten der Kontinentalverbände auch empfohlen hat. Während World Athletics Möglichkeiten der Neuorganisation der Leichtathletik-Saison im Sommer 2020 ausloten will, haben bereits Gespräche über eine Realisierbarkeit der Verlegung der Leichtathletik-Weltmeisterschaften 2021 von Eugene ins Jahr 2022 stattgefunden. Schließlich ist eine Doppelung der beiden wichtigsten Großereignisse für die Leichtathletik im selben Jahr in jeglicher Hinsicht eine schlechte Lösung. Aus den USA kamen bereits positive Signale. Auch der Schwimm-Weltverband (FINA) hat bereits signalisiert, die in Japan stattfindenden Weltmeisterschaften 2021 um ein Jahr verschieben zu wollen.
 
 
Olympische Spiele 2020 in Tokio
Internationales Olympisches Komitee

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