Favoritensterben bei US-Trials – Überraschungstrio zu Olympia

© Atlanta Track Club / Dan McCauley / Facebook

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Aliphine Tuliamuk, Molly Seidel und Sally Kipyego – das sind die drei US-amerikanischen Läuferinnen, die ihren Verband am 8. August bei den Olympischen Spielen 2020, die Marathonläufe gehen in Sapporo über die Bühne, vertreten werden. Diese Konstellation hätte noch vor dem Startschuss am Samstagmittag auf einem tückischen und nicht einfachen Rundkurs in Atlanta ein Glückslos mit riesigem Gewinn bedeutet. Denn dieses Stockerl hätten vielleicht nicht einmal die kühnsten Sportwetter vorherzusagen versucht, Kipyego war die einzige, die zum erweiterten Kreis der Kandidatinnen auf einen Olympia-Startplatz gehört hatte. Doch während Tuliamuk, Seidel und Kipyego ihre Hausaufgaben sowohl in der Vorbereitung als auch im Wettkampf optimal erledigt haben, standen die großen Favoritinnen im sprichwörtlichen Regen und drückten ihre Enttäuschung zum Ausdruck. Auch Routinier Desiree Linden, die als Vierte um elf Sekunden ihre dritte Olympia-Teilnahme im Marathon in Serie knapp verpasste.
 
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Ein Duell der Freundinnen

Die Entscheidung in einem typischen Meisterschaftsrennen, in dem der Positionskampf vordergründig und die Endzeit maximal zweitrangig war, fiel klassischerweise bei Kilometer 35. In dieser heißen Phase setzten sich Aliphine Tuliamuk und Molly Seidel vom Rest des Feldes ab. Die beiden befreundeten Läuferinnen – keine von ihnen trug übrigens Nike-Schuhe – arbeiteten nun zusammen, um ihre überraschenden Olympia-Qualifikationen abzusichern. Die 30-jährige, gebürtige Kenianerin, die laut „Let’s Run.com“ 31 Geschwister hat, lief bis auf eine halbe Minute an ihre Marathon-Bestleistung hin und feierte in einer Zeit von 2:27:23 Stunden mit acht Sekunden Vorsprung auf Seidel ein Jubiläum: zehnter US-Meistertitel. Die 25-jährige Seidel, die sich mit einem guten Halbmarathon in Houston für die „Trials“ aufgewärmt hat, bestritt in Atlanta ihren ersten Marathon überhaupt und kam völlig unerwartet zu einem Flugticket über den Pazifik. Laut „Let’s Run“ wollte Seidel ursprünglich die Marathon-Trials gar nicht bestreiten und ist nun die jüngste US-Starterin in Olympischen Marathonläufen seit Cathy O’Brien in Barcelona 1992.
 

Kipyego meldet sich zurück

Mit der jahrelang für Kenia laufenden Sally Kipyego bekam der US-amerikanische Leichtathletik-Verband (USATF) mit ihrer Einbürgerung im August 2019 eine starke Läuferin dazu, die ein ohnehin schon starkes Marathon-Team verstärken sollte. Als WM-Zweite von Daegu 2011 und Olympia-Zweite von London 2012, jeweils im 10.000m-Lauf, brachte sie hervorragende Voraussetzungen mit. Beim Debüt in New York 2016 erzielte sie auf Anhieb den zweiten Platz. Doch nach einer Babypause gestaltete sich der Wiedereinstieg etwas zäh, der dritte Platz bei den Trials wenige Monate nach Rang sieben in Berlin ändert die Richtung. Kipyego wehrte alle Angriffe im schwierigen, finalen Stück ab und sicherte sich in einer Zeit von 2:28:52 Stunden ihre erste Olympia-Teilnahme als US-Amerikanerin. Und rettete an diesem Nachmittag die Ehre von Nike als einzige Athletin des Großkonzerns mit den schnellen Schuhen in den Top-Acht… Der Vollständigkeit halber: Tuliamuk ist vertraglich mit Hoka One verbunden, Seidel mit Saucony.
 

Das Favoritensterben

Das Favoritensterben bei den US-Trials 2020 war ein bemerkenswertes. Keine aus den angedachten Top-Fünf, Emily Sisson, Jordan Hasay, Molly Huddle, Desiree Linden und Sara Hall fährt zu den Olympischen Spielen, eine bis zum Rennen unvorstellbare Hypothese. Am nächsten kam dem Ziel noch Desiree Linden, die auf den letzten Kilometern alles gab, den Rückstand auf Kipyego noch zu verringern. Was gelang, allerdings fehlten am Ende zwölf Sekunden zum Soll-Resultat Rang drei.
Die dramatischen Einzelschicksale hatten ihren Anfang bereits vor der Zwischenzeit beim Halbmarathon. Jordan Hasay, die vor dem Rennen trotz Probleme mit dem Oberschenkel noch beteuerte, sich großartig zu fühlen, musste abreißen lassen. Die ehemalige NOP-Athletin kämpfte sich zwar ins Ziel, allerdings mehr schlecht als recht. Am Ende stand in einer Zeit von 2:37:57 Stunden ein 26. Platz – ein Debakel angesichts der Vorleistungen und Ansprüche.
Etwa zehn Kilometer vor dem Ziel bekundeten Molly Huddle und Sara Hall Probleme, dem Tempo der Spitze zu folgen. Wenig später warfen beide das Handtuch genau so wie Emily Sisson, die als US-Star der Gegenwart und Zukunft im Marathon angedacht war. Sie und ihre Leidensgenossinnen können in naher Zukunft tatsächlich glänzen – aber definitiv nicht bei den Olympischen Spielen 2020.
 
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Ergebnis US-Marathon-Trials 2020 der Frauen in Atlanta

1. Aliphine Tuliamuk 2:27:23 Stunden *
2. Molly Seidel 2:27:31 Stunden * / **
3. Sally Kipyego 2:28:52 Stunden *
4. Desiree Linden 2:29:03 Stunden
5. Laura Thweatt 2:29:08 Stunden
6. Stephanie Bruce 2:29:11 Stunden
7. Emma Bates 2:29:35 Stunden
8. Kellyn Taylor 2:29:55 Stunden
9. Nell Rojas 2:30:26 Stunden
10. Julia Kohnen 2:30:43 Stunden
11. Sarah Sellers 2:31:48 Stunden
12. Lindsay Flanagan 2:32:05 Stunden

26. Jordan Hasay 2:37:57 Stunden
DNF Emily Sisson
DNF Molly Huddle
DNF Sara Hall
 
* Startplatz im Olympischen Marathon 2020 in Sapporo
** Marathon-Debüt
 
 
US Trials 2020 in Atlanta
US-amerikanischer Leichtathletik-Verband