US-Trials: Harter Kampf um drei begehrte Plätze

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Der Olympic Centennial Park in Atlanta – Start- und Zielort der US-Trials 2020. © Adobe Stock / Susanne
In den letzten Jahren hat sich die Dichte im US-amerikanischen Marathonlauf der Frauen im Bereich der Weltklasse und der erweiterten Weltklasse erheblich vergrößert. Ein erstes großes Zeichen war der Olympische Marathon 2016 in Rio, als mit Shalane Flanagan (6.), Desiree Linden (7.) und Amy Cragg (9.) alle US-Amerikanerinnen in die Top-Ten liefen. Es folgten Triumphe beim World Marathon Majors durch Flanagan (New York 2017), Linden (Boston 2018) und die WM-Bronzemedaille durch Cragg (2017). Acht der elf schnellsten US-Marathonläuferinnen der Geschichte erzielten ihre Bestzeit in der laufenden Olympiade.
Mittlerweile bildet eine neue Generation die Spitze des US-Marathonsports, doch die Routiniers um Linden, Molly Huddle und Sarah Hall wollen die Jüngeren noch einmal im Zaum halten. Der erbitterte Kampf um die Positionen eins, zwei und drei bei den Olympischen Marathon-Trials am Samstag in Atlanta liefert enorme Spannungsmomente. NBC überträgt ab 18 Uhr MEZ landesweit live, die Frauen starten zwölf Minuten nach den Männern um 18:20 Uhr (12:20 Uhr Ortzeit bei voraussichtlich humanen Lufttemperaturen). Die Ausgangsposition ist simpel und klar: Die ersten Drei im Ziel fahren im Sommer nach Sapporo. Nebenbei geht es auch um ein ordentliches Preisgeld, nämlich 80.000 US-Dollar (das entspricht gut 73.000 Euro) für die Siegerin, 65.000 bzw. 55.000 für die weiteren Olympia-Starterinnen.
 
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Die neue(n) große(n) Hoffnung(en) des US-Marathonlaufs

Eigentlich wurde diese Rolle vor einigen Jahren Jordan Hasay zugeschrieben, ehemaliger Schützling von Alberto Salazar, die 2017 in ihren ersten beiden Marathons die Ränge drei in Boston und Chicago belegte. Danach kam die Marathon-Karriere der mittlerweile 28-Jährigen ins Stocken, zuerst aus gesundheitlichen Gründen, im vergangenen Herbst auch aus emotionalen, als Salazar suspendiert und das Nike Oregon Project, in dem sie groß geworden ist, beendet wurde. Im Winter kündigte Hasay die Zusammenarbeit mit Paula Radcliffe an, die in beratender Funktion coacht. Die Trials werden der erste Wettkampf im neuen Karriere-Kapitel der Kalifornierin, die angesichts ihrer Probleme im letzten Jahr eine unsichere Kandidatin geworden ist, die angesichts der Konkurrenz für eine Olympia-Qualifikation eine gute physische Verfassung brauchen wird.
Die Rolle der neuen amerikanischen Marathon-Hoffnung nach dem Karriereende von Shalane Flanagan, die jahrelang die Beste in ihrem Land war, musste Hasay an Emily Sisson abgeben, die als Favoritin in die Trials geht. Die 28-Jährige aus dem Nordosten der USA, die unter Ray Treacy trainiert, ist eine gut ausgebildete Bahnläuferin (u.a. Rang neun bei der WM 2017 im 10.000m-Lauf, Rang zehn bei der WM 2019) und wechselte 2019 erfolgreich auf die Straße. Bestleistungen von 1:07:30 Stunden im Halbmarathon (Houston) und 2:23:08 Stunden beim Marathon-Debüt in London demonstrieren ihr Potenzial. Aus ihrem Umfeld ist in US-Medien zu lesen, dass die Vorbereitung auf ihren zweiten Marathonlauf tadellos verlief.
 

Pure Erfahrung

Sisson und Hasay müssen sich im Olympia-Austragungsort mit einer Reihe von routinierten Läuferinnen auseinander setzen. Desiree Linden hat in ihrem Marathon-Leben praktisch alles erlebt, u.a. den Triumph in der wettertechnischen Weltuntergangsstimmung beim Boston Marathon 2018, der ihre Karriere verändert hat. Auch wenn sie bei den Marathons von Boston und New York im vergangenen Jahr jeweils am Stockerl vorbeigelaufen ist, ist die 36-Jährige noch gut in Schuss. Obwohl sie dem Boston Marathon Mitte April eine Startzusage gegeben hat, verspricht sie in amerikanischen Medien, alles für einen Top-Drei-Platz bei den Trials zu geben. Ebenfalls 36 ist Sara Hall, Ehefrau von Ryan, der die Olympischen Vorausscheidungen im Marathon im Jahr 2008 gewinnen konnte, hat sich mit ihrer Bestleistung beim Berlin Marathon 2019 (2:22:16) in die erste Reihe des US-Marathonlaufs hoch gearbeitet. Die dritte im Bunde der Erfahrenen ist Molly Huddle, Trainingspartnerin von Sisson, die allerdings einen Großteil ihrer Erfahrungen auf der Bahn gemacht hat und im Marathon relativ frisch ist. Im Gegensatz zu Linden und Hall ist Atlanta 2020 für die 35-Jährige der erste Versuch auf eine Qualifikation für einen Olympischen Marathon, wie für die beiden wahrscheinlich gleichzeitig der letzte realistische. Das setzt Huddle, die als 28-fache US-Meisterin sowie US-Rekordhalterin im 10.000m-Lauf und im Halbmarathon mit einer sehr großen Erwartungshaltung in den Marathon gewechselt ist, ziemlich unter Druck.
Routinier Nummer vier, Amy Cragg, musste ihre Teilnahme an den US-Trials leider absagen. Aufgrund eines Infekts reichte die Zeit zur vernünftigen Vorbereitung des Marathons in Atlanta nicht aus. Vor vier Jahren hatte sie die Vorausscheidungen in Los Angeles noch gewonnen. Als einzige Marathon-Trials-Siegerin im Feld bleibt durch die Absage der 36-Jährigen eine Serie aufrecht: Noch nie hat eine Läuferin die US-Marathon-Trials mehr als einmal gewonnen, bei den Männern gelang das einzig dem unvergessenen Frank Shorter. Galen Rupp hat am Samstag die Chance zur Egalisierung dieser Leistung.
 

Mit Potenzial für Überraschungen

Durch die hohe Qualität an der Spitze ist der Kreis der Anwärterinnen auf die Top-Drei relativ klein. Expertenumfragen in der US-Laufszene konzentrieren sich im Wesentlichen auf die fünf genannten Namen. Mit einem Abstand dahinter gibt es eine Gruppe von Läuferinnen, die als Außenseiterinnen mit einer fantastischen Tagesverfassung durchaus realistisch eine Überraschung schaffen könnten, zumal der erwartete Meisterschaftscharakter wohl kein schnelles Rennen produzieren wird. Dazu gehört Emma Bates, Vierte beim Chicago Marathon 2019 in 2:25:27 Stunden, Laura Thweatt, Sechste beim London Marathon 2017, und Kellyn Taylor, Sechste der Trials vor vier Jahren und Vierte des Prag Marathon 2019. „Eine Olympionikin zu sein, über diese Errungenschaft werden Karrieren definiert“, träumt die 33-jährige Taylor von der Sensation. Auf den Durchbruch von Sally Kipyego nach ihrer Einbürgerung und nach einer Babypause wartet die US-Laufszene noch, das Potenzial dafür sollte vorhanden sein und wurde durch den siebten Platz beim Berlin Marathon 2019 nur ansatzweise angedeutet. Noch weiter in der Außenseiterrolle stecken Aliphine Tuliamuk, Dritte beim Rotterdam Marathon 2019, Allie Kiefer, Lyndsay Flanagan, Molly Seidel und Stephanie Bruce.
 

Kampf um die Ehre, Kampf der Marken

Prioritär geht es bei den US-Trials natürlich darum, sich die Ehre zu verdienen, die USA bei den Olympischen Spielen zu vertreten. Auf zweiter Ebene waren die Trials immer schon enorm wichtige Wettkämpfe der Ausstatter und großen Sportartikelhersteller. Im aktuellen Kontext der Diskussionen um die Bedeutung der Laufschuhe ist dieser Punkt in diesem Jahr noch bedeutender. Den in den letzten Monaten entstandenen Eindruck, die ganze Welt würde Nike-Schuhe laufen, bestätigen die US-Trials nicht. Nach dem Karriereende von Shalane Flanagan und der Absage von Amy Cragg gehen von der heimischen Elite nur Jordan Hasay und Sally Kipyego mit Nike-Modellen in den Wettkampf am Samstag. Retrospektiv wird der ersten Generation der Nike Vaporflys eine wichtige Rolle bei den US-Trials 2016 zugeschrieben. 2020 ist davon auszugehen, dass die Konkurrenz leistungsstarke, teils brandneue Modelle einsetzt, um ihren Athletinnen Schlagfertigkeit im Duell mit den Nike-Läuferinnen zu bieten.
 

Viele Sorgen, wenig Sorgen bei der Nike-Konkurrenz

Desiree Linden ist die Speerspitze und Role Model von Brooks und läuft den neuen Hyperion Elite (siehe RunAustria-PR-Artikel). Top-Favoritin Emily Sisson setzt auf New Balance. Hoka One schickt mit Kellyn Taylor, Stephanie Bruce und Aliphine Tuliamuk gleich drei Athletinnen ins Rennen, die sich Chancen auf eine Olympia-Teilnahme ausrechnen. Auch ASICS, ausgerechnet der größte Laufschuh-Produzent aus dem Olympia-Austragungsland, hat mit Sara Hall ein heißes und mit Lyndsay Flanagan sowie Emma Bates zwei warme Eisen im Feuer. Molly Huddle komplettiert als Saucony-Athletin die bunte Vielfalt im Feld, nur Nike-Erzrivale Adidas ist nicht vertreten. Huddle äußerte bereits vor Monaten die größten Sorgen eines Wettbewerbsnachteils via sozialen Medien. „Nervös vor den Auswirkungen auf die Olympia-Trials“, twitterte sie, kurz nachdem Eliud Kipchoge im Nike Alphafly im Oktober in Wien die Marathon-Distanz unter zwei Stunden absolviert und Brigid Kosgei in Chicago einen Fabel-Weltrekord aufgestellt hatte. Ihr Coach, Ray Treacy, auch Trainer von Sisson, sagt gegenüber „Let’sRun.com“: „Chancengleichheit ist definitiv nicht gegeben, da gibt es keinen Zweifel. Ich sag zu meinen Athletinnen, sie müssen aus ihren Möglichkeiten das Beste machen und keinen zweiten Gedanken in irgendeine andere Richtung verschwenden.“ Weniger sorgenvoll zeigt sich Ryan Hall, Ehemann und Trainer von Sara, der ankündigt, ASICS habe den Rückstand wettgemacht. Außerdem sehe er es ohnehin entspannt, weil seine Aufgabe wäre, seine Frau topfit an die Startlinie zu bringen. In dieselbe Kerbe schlägt gegenüber „Let’sRun“ auch Walt Drenth, Coach von Desiree Linden: „Ich kann nicht besorgt über etwas sein, das ich nicht kontrollieren kann. Des denkt genauso.“
 

Riesiges Feld und anspruchsvolle Strecke

Die US-Trials der Frauen haben bereits vorab für einen sagenhaften Rekord gesorgt. 510 Läuferinnen, und damit mehr als doppelt so viele wie vor vier Jahren in Los Angeles, haben die Qualifikationshürden von 2:45 Stunden im Marathon und und 1:13 Stunden im Halbmarathon geschafft, 456 werden tatsächlich am Wettkampf teilnehmen. Die Qualifikationszahl von 510 bedeutet, dass 2020 sich mehr Frauen für die Trials qualifiziert haben als 2016 Männer und Frauen gesamt.
Eine große Herausforderung für das riesige Starterfeld bei den Frauen und auch jenes bei den Männern bringt der anspruchsvolle Rundkurs in Atlanta, der an zahlreichen wichtigen und bekannten Stellen der Stadt vorbeiführt. Gelaufen wird u.a. auf der Peachtree Road, der bekanntesten Straße der Hauptstadt des US-Bundesstaats Georgia, Start und Ziel befinden sich im Olympic Centennial Park. Das Besondere: Der Kurs ist ziemlich hügelig, auf 42,195 Kilometern müssen 423 Höhenmeter im Auf- und fast genau so viele im Abstieg überwunden werden.
 
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US-Marathon-Trials 2020 in Atlanta
US-amerikanischer Leichtathletik-Verband