US-Trials: Viele Fragezeichen, Rupp großer Favorit

Galen Rupp jubelt über Olympia-Bronze in Rio 2016. © Getty Images / Matthias Hangst

Am Samstagmittag Ortszeit steigen in Atlanta die US-Vorausscheidungen im Marathon. Die gesamte Elite des Langstreckenlaufs aus allen 50 US-Bundesstaaten kommt im Olympia-Austragungsort von 1996 zum Marathon-Highlight des Jahres in den USA zusammen, wo die Olympia-Trials einen besonderen Platz im Sportkalender haben. Die Spannung begründet sich im Modus: Die schnellsten Drei bekommen ein Olympia-Ticket. Da World Athletics (damals noch IAAF) die US-Trials ähnlich wie die japanischen Vorausscheidungen für die Olympia-Qualifikation mit einem Gold-Label-Marathon gleichstellte, ist der Aufschrei über die neuen Olympia-Qualifikationskriterien der Leichtathletik zumindest für den Marathon schlagartig verstummt und hat dafür gesorgt, dass auch alle Top-Athleten der USA in Atlanta am Start stehen. Abgesehen vielleicht von Parker Stinson, der beim Crosslauf-Training vor kurzem eine Knieverletzung erlitten hat. Diese verhindert einen Start des 27-jährigen Schützlings von Dathan Ritzenhein, der beim Chicago Marathon 2019 als Elfter überrascht hatte.
 
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Galen Rupp jubelt über Olympia-Bronze in Rio 2016. © Getty Images / Matthias Hangst
Galen Rupp als Aushängeschild

Aktuell hat die USA bei den Männern einen Läufer, der auf internationaler Ebene mit den Besten mithalten kann. Galen Rupps Marathon-Durchbruch gelang wenige Monate nach den US-Trials 2016, die er bei der Marathon-Premiere als Sieger beendete, bei den Olympischen Spielen 2016, als er seine Fähigkeiten perfekt in das Meisterschaftsrennen hineinlegte und die Bronzemedaille gewann. Seither ist der 33-Jährige gewachsen und hat die Marathons in Prag und Chicago gewonnen. Fragezeichen gibt es dennoch, nachdem er sich Ende 2018 einer Achillessehnen-OP unterziehen musste und das Comeback beim Chicago Marathon 2019 missglückte. Die durch die Suspendierung Alberto Salazars erzwungene Trennung von seinem Langzeitcoach und Vertrauten stellt weitere Fragezeichen in den Raum. Rupp trainiert nun unter Mike Smith in Flagstaff, Arizona. Das Testrennen, der Mesa Halbmarathon in Arizona, verlief vielversprechend und bestätigt ihn in der Favoritenrolle auf einen der Top-Drei-Positionen. Unlängst kündigte er in einem Bericht auf der Website von NBC an: „Ich bin fast wieder der Alte!“
 

Leonard Korir: der neue Hoffnungsschimmer des US-Marathonlaufs

Die Nummer zwei im Feld ist Leonard Korir, der im Herbst 2019 beim Amsterdam Marathon eine glänzende Premiere über 42,195 Kilometer hinlegte und in einer Zeit von 2:07:56 Stunden Elfter wurde. Und das nur zwei Wochen nach seinem WM-Auftritt im 10.000m-Lauf von Doha. Angesichts der Leistungen der letzten Jahre wäre eine Olympia-Qualifikation des 33-Jährigen nur ein logischer Schritt. Den Nachteil, noch nie einen Marathon mit Meisterschaftscharakter gelaufen zu sein, macht der gebürtige Kenianer in diversen Meisterschaftsrennen über kürzere Distanzen und die Erfahrungen daraus wett.
 

Viele „Contender“ um den begehrten Olympia-Startplatz

Hinter Rupp und Korir, die aufgrund ihrer beachtlichen Vergangenheit auf Unterdistanzen vor allen Dingen in der entscheidenden Rennphase gut gerüstet sein dürften, könnte das Rennen um den dritten Startplatz ein sehr enges sein – oder mehrere Startplätze, falls die beiden ihrer Favoritenrolle nicht gerecht werden können. Underdogs, erfahrene Olympia-Routiniers und Quereinsteiger könnten die Gunst der Stunde nützen, die Dichte ist hoch. Noch nie haben so viele US-Amerikaner die Marke von 2:11, 2:12 und 2:13 Stunden unterboten wie 2019.
Zu den Olympia-Routiniers gehört natürlich Bernard Lagat, der mit allen Wassern gewaschen ist und im Alter von 45 Jahren als Leistungssport-Pensionist seine sechste Olympia-Teilnahme in den Fokus gerückt hat. Hoffen lässt ihn der Gold Coast Marathon 2019, den er in einer Zeit von 2:12:10 Stunden abgeschlossen hat. Und sein großer Erfahrungsschatz sowie seine Lockerheit. Olympische Erfahrung hat auch Jared Ward aufzuweisen, der in Rio mit dem hervorragenden sechsten Rang glänzte. Zuletzt war der 31-Jährige gut in Schuss, lief zwei starke Marathons in Boston (8.) und New York (6.) und war beim Houston Halbmarathon vor sechs Wochen schnellster US-Amerikaner. Ward ist sicherlich der aussichtsreichste Kandidat der Gruppe, die abseits von Rupp und Korir um die Stockerlplätze kämpfen.
Berechtigte Hoffnungen auf einen Olympia-Startplatz hegen auch Scott Fauble, als Siebter bester US-Amerikaner beim Boston Marathon 2019 in persönlicher Bestzeit von 2:09:09 Stunden, Tyler Pennel und Routinier Matthew Llano. Dazu kommen die kenianisch stämmigen Sam Chelanga, Stanley Kebenei, der debütiert, Elkanah Kibet, Shadrack Biwott und Haron Lagat, die Allrounder Chris Derrick und Andrew Bumbalough, Trainingskollegen, sowie der bereits 43 Jahre alte Abdi Abdirahman, dessen Formkurve in den letzten Jahren allerdings nach unten zeigte. Zuletzt trainierte er in der Höhe Äthiopiens Seite an Seite mit Mo Farah. Große Probleme während der letzten Jahre hatte Dathan Ritzenhein, der seit 2015 auf einen guten Marathon wartet und zuletzt immer wieder von chronischen Fußverletzungen zurückgeworfen wurde. 2008 vertrat er die USA als Olympia-Neunter im Marathon von Peking beachtlich. Sie alle dürfen hoffen, im engen Feld der Glückliche zu sein, mit einer hervorragenden Tagesform nach den Olympischen Spielen zu greifen.
 

Ultralauf-Star auf neuen Wegen

Und dann gibt es noch einen prominenten Namen, der seinen ersten klassischen Marathon bestreitet und sich gleich selbst ins Spiel bringt: Jim Walmsley, Star der Ultralaufszene. Die Chance, dass er sich für den Olympischen Marathon qualifiziert, ist trotz eines guten Vorbereitungshalbmarathons gering, dennoch ist seine Leistungsfähigkeit aufgrund fehlender Referenzwerte kaum einschätzbar. Der anfängliche Optimismus ist jedenfalls etwas gedämpft. „Als ich Anfang 2019 den Plan geschmiedet habe, habe ich eine Chance gesehen. Damals war Galen Rupp verletzt, Leonard Korir war noch kein Marathonläufer, der bei seiner Premiere unter 2:08 lief, und Scott Fauble und Jared Ward hatten noch keine 2:09er-Zeiten“, erklärt er gegenüber „Let’s Run“. Dennoch glaubt er, ein Potenzial von 2:10 Stunden im Marathon zu haben und hofft auf die Fähigkeiten seines neuen Prototyps von Hoka One, der extra für die Olympischen Trials konzipiert wurde.
 

US-Trials der Schuhmarken?

Eines der dominierenden Themen im Vorfeld der US-Trials im Marathon sind die Chancen der Athleten, die keinen Nike-Vertrag in der Tasche haben. Das betrifft im Spitzenfeld der Männer hauptsächlich Jared Ward, der wohl einen Prototyp von Saucony laufen wird, Scott Fable und Jim Walmsley (beide Hoka One), sowie Dathan Ritzenhein (Brooks). In einem Statement für die US-Laufplattform „Let’s Run“ sieht Wards Coach Ed Eyestone keinen Wettbewerbsnachteil für seinen Schützling: „Saucony hat einen sehr guten Schuh, der dem Vaporfly nachempfunden ist!“ Außerdem habe Ward auch 2016 gegen die Ursprungsversion des Vaporflys die Olympia-Qualifikation geschafft. Viele der von Nike gesponsorten Athleten zieren sich, ob sie mit dem Vaporfly oder dem neuen Alphafly an den Start gehen. Bernard Lagat hat auf Instagram aus dem Trainingslager in Kenia ein Foto im neuen Alphafly gepostet. Dass der Oldie übrigens in seiner alten Heimat trainiert, ist komplett untypisch für die letzten Jahre. Bei der INEOS 1:59 Challenge hat in Kipchoges Coach Patrick Sang eingeladen. Der älteste Trial-Teilnehmer trainierte aufgrund seines Alters zwar überwiegend alleine, wie er in einem Interview mit der Website „Runnersweb.com“ erzählte, und bereitete sich gezielt auf die hügelige Strecke vor – „meine große Schwäche!“. Lagat scheint es also ernst zu meinen mit seinem Olympia-Marathon-Debüt.
 

Schwierige Strecke

261 Männer haben sich für die US-Trials qualifiziert, die Limits lagen bei 2:19 Stunden im Marathon und 1:04 Stunden im Halbmarathon. Vier der 261 – Rupp, Korir, Fauble und Ward – sind im Qualifikationszeitraum unter 2:10 Stunden gelaufen, etliche unterhalb des Olympia-Limits von 2:11:30 Stunden, weshalb das Gedränge dicht sein dürfte. Wichtige Fragezeichen neben der sportlichen Leistungsumsetzung der Athleten bringt neben den Laufschuhen auch der hügelige Rundkurs in Atlanta ins Spiel. Eine eher geringe Rolle dürfte im Gegensatz zu den Hitze-Trials von 2016 das Wetter spielen – die Prognose ist von den Temperaturen und der Luftfeuchtigkeit her exzellent, nur der Wind könnte etwas mitmischen.
 
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US-Marathon-Trials 2020 in Atlanta
US-amerikanischer Leichtathletik-Verband