RAK Halbmarathon: Der Ruf nach dem Weltrekord

© Ras Al Khaimah Halbmarathon / facebook

Vieles neu beim RAK Halbmarathon am Persischen Golf. Vor wenigen Monaten stand einer der Premium-Halbmarathonläufe der Welt noch vor dem Aus, nun geht er unter der Führung der eventerfahrenen italienischen Mediengruppe RCS Media Group, zu der u.a. auch die italienische Sportzeitung „La Gazzetta dello Sport“ gehört, in die 14. Auflage. Mit dem Know-How der RCS Group Sport, die u.a. den Giro d’Italia oder den Mailand Marathon organisiert, soll das Ziel des Halbmarathon-Weltrekords intensiviert werden. Dank Nike-Technologie im Vaporfly und ein bärenstarkes Elitefeld bei den Frauen ist der Traum der schnellsten Halbmarathon-Zeit der Geschichte vielleicht näher als gedacht. Den Weltrekord in den Mund haben gleich mehrere ambitionierte Teilnehmerinnen genommen.
 
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Fancy Chemutai bei ihrem Sieg 2018. © Ras Al Khaimah Halbmarathon / facebook
 

Optimale Möglichkeit für schnelle Zeiten

Den größten Anspruch an eine Verbesserung des aktuellen Weltrekords von Joyciline Jepkosgei (1:04:51 Stunden) hat wohl Brigid Kosgei, schließlich ist sie seit dem Great North Run 2019 bereits Inhaberin des inoffiziellen, weil nicht rekordlistentauglichen Weltrekords von 1:04:28 Stunden. Die Kenianerin geht einen Tag nach ihrem 26. Geburtstag in ihren zweiten Wettkampf seit dem genialen Weltrekordlauf beim Chicago Marathon in einer Zeit von 2:14:04 Stunden. In der Zwischenzeit ließ sie das Wettkampfjahr 2019 mit einem Sieg beim Silvesterlauf in Sao Paolo ausklingen. „Das Starterfeld ist wirklich stark und das verheißt, dass es ein schwieriges Rennen wird“, zeigt sie Respekt. „Natürlich will ich stark laufen und eine neue persönliche Bestleistung erzielen. Ich habe schließlich sehr gut trainiert. Der RAK Halbmarathon ist sicherlich eine optimale Möglichkeit, eine schnelle Zeit zu realisieren“, wird sie im zweiten Moment gegenüber der kenianischen Tageszeitung „Daily Nation“ schon angriffiger.
 

„Es möge die Beste gewinnen!“

Kosgei, die beim RAK Halbmarathon ihr Finetuning für den London Marathon sucht, vergisst nicht, die Favoritenrolle von sich zu schieben. Der Grund: „Fancy Chemutai jagt den Weltrekord schon seit langem.“ Das ist tatsächlich richtig und bei ihrem Sieg beim RAK Halbmarathon vor zwei Jahren fehlte auch nur eine winzige Sekunde zum Weltrekord. Die 24-Jährige, die in ihrer Freizeit eine Hühnerfarm betreibt, fühlt sich bereit: „Mein Training war sehr gut, ich war verletzungsfrei und ich muss diese Ausgangsposition nur noch in den Wettkampf ummünzen. Das heißt, ich will meine persönliche Bestzeit verbessern und bei Gelegenheit den Weltrekord brechen“, erzählt sie der „Daily Nation“. Dem kenianischen Medium erläutert sie außerdem ausführlich, wie sie ihre langen Trainingsläufe durch die Teeplantagen in ihrem Wohnort Kericho genießt. Im Wettkampf will sie dagegen die Krallen zeigen: „Ich fürchte niemanden, aber das Feld ist schon sehr stark. Es möge die Beste gewinnen!“
 

Vier der ewigen Top-Sechs

Zählt man Kosgei mit ihrer inoffiziellen Bestleistung dazu, stehen vier der sechs schnellsten Halbmarathonläuferinnen der Geschichte an der Startlinie des RAK Halbmarathons. Dazu gehören auch noch die Kenianerinnen Joan Melly und Peres Jepchirchir, die 2017 in Ras Al Khaimah einen Weltrekord lief. „Im Gegensatz zum letzten Jahr, als ich direkt aus meiner Mutterschaftspause kam, bin ich dieses Mal gut vorbereitet. Das Rennen wird verdammt schnell, daher will ich meine persönliche Bestzeit attackieren“, so die 27-Jährige, die im Frühjahr den Boston Marathon bestreiten will und daher der Jagd nach dem Halbmarathon-Weltrekord, so die öffentliche Darstellung, keine große Bedeutung schenkt.
 

Halbmarathon-Comeback von Defar

Neben den vier Top-Kenianerinnen stehen mit Halbmarathon-Weltmeisterin Netsanet Gudeta, ihren äthiopischen Landsfrauen Ababel Yeshaneh und Helen Tola sowie den Kenianerinnen Evaline Chirchir, Vivian Kiplagat und Debütantin Rosemary Wanjiru weitere starke Läuferinnen am Start. Ein Name sticht aus der Startliste heraus, nämlich jener der zweifachen Olympiasiegerin und Weltmeisterin im 5.000m-Lauf, Meseret Defar. Die 36-Jährige zeigte sich in den letzten Jahren nur sporadisch auf der internationalen Wettkampfbühne und lief zuletzt vor eineinhalb Jahren einen Halbmarathon. Die ersten Marathon-Resultate in Amsterdam 2018 und Nagoya 2019 entsprachen nicht ihrer Erfolgsverwöhntheit, beim Berlin Marathon 2019 musste sie aufgeben.
Die einzige Top-Europäerin im Rennen ist Melat Kejeta. Die aus Äthiopien stammende Deutsche hat sich kurzfristig gegen den Barcelona Halbmarathon am vergangenen Wochenende entschieden und jagt in Ras Al Khaimah ihre persönliche Bestleistung von 1:08:41 Stunden. Da die 27-Jährige im letzten Jahr mit so mancher Leistung zu überraschen wusste, nachdem sie bei Patrick Sang in Kenia trainiert hatte, zur Sicherheit eine statistische Zahl: Der deutsche Rekord liegt bei einer Zeit von 1:07:58 Stunden und wurde 1995 in Kyoto von Uta Pippig aufgestellt.
 

Im letzten Jahr schaffte Julien Wanders einen neuen Europarekord. © RAK Halbmarathon / facebook
 

Julien Wanders jagt eigenen Europarekord

Enorme Spannung im Kampf um den Sieg im Rennen der Männer, in dem auch die Österreicher Peter Herzog (Union Salzburg LA) und Lemawork Ketema (SVS Leichtathletik) (siehe eigenen RunAustria-Bericht) stehen, verspricht ein enorm dichtes Feld. Neun Läufer weisen Bestleistungen zwischen 59:09 und 59:34 Minuten auf. Der prominenteste Marathonläufer im Feld rangiert nur auf Rang neun der nach Bestleistungen gereihten Liste, Mule Wasihun, der im vergangenen Jahr in einer Spitzenzeit von 2:03:16 Stunden Dritter beim London Marathon wurde.
Sollten die Bedingungen dem entsprechen, will Julien Wanders am Freitag seinen im Vorjahr an dieser Stelle aufgestellten Europarekord von 59:13 Minuten attackieren. Die Form beim Westschweizer dürfte stimmen. Beim „Vorbereitungsrennen“ über zehn Kilometer in Valencia verbesserte er vor fünf Wochen seinen eigenen Europarekord im 10km-Straßenlauf auf eine Zeit von 27:13 Minuten. Diese Erfahrung soll die Basis für den „Rekord-Doppelschlag“ sein. Der 23-Jährige trainierte seither in seiner Wahlheimat Iten.
 

Chancen auf den ersten europäischen Sieg

Die schnellsten laut Vorleistung sind ein bekannter und ein wenig bekannter Läufer: der Kenianer Leonard Barsoton und sein Landsmann Alexander Mutiso. Der 23-jährige Mutiso lief zwar in den letzten Jahren anständige Zeiten und Resultate heraus, doch erst beim Santa Pola Halbmarathon in Spanien am 19. Jänner sorgte er mit einer Zeit von 59:09 Minuten für einen Paukenschlag. Mit einer Bestleistung von 59:10 Minuten ist der Äthiopier Andamlak Belihu, der schon zweimal den New Delhi Halbmarathon gewinnen konnte, die Nummer drei laut Vorleistungen. Da Wanders nur wenige Sekunden hinter dem Trio liegt, ist Europas bester Halbmarathonläufer ein heißer Siegkandidat. Einen europäischen Sieg gab es in Ras Al Khaimah noch nie.
Ein beachtliches Halbmarathon-Debüt feiert der Marokkaner Abdelaati Iguider, Olympia-Dritter im 1.500m-Lauf von London 2012 und WM-Dritter in derselben Disziplin von Peking 2015. Einen verbalen Hammer ließ Kibiwott Kandie, frisch gebackener kenianischer Crosslauf-Meister in der „Daily Nation“ los. Er will eine Zeit von 58:00 Minuten laufen – das wäre … Weltrekord!
 
 
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