Corona-Hysterie in Tokio

Die Welt scheißt sich an. Entschuldigen Sie die Wortwahl! Manchmal eignen sich sprachlich unschöne Kraftausdrücke aus dem rustikalen Sektor der österreichischen Umgangssprache, Phänomene auf den Punkt zu bringen. Auch die Laufwelt hat anscheinend übertriebene Sorgen vor dem Coronavirus, wie die abrupte und völlig überraschende Absage des Tokio Marathon am 1. März – das ist de facto eine Absage, denn die Marathon-Szene lebt nicht von 200 Eliteläufern, sondern von abertausenden Laufbegeisterten auf der ganzen Welt – eindrucksvoll demonstriert. *
In diesem Kommentar wird die Gefahr, die vom Ausbruch des Coronavirus’, der offiziell COVID-19 heißt, in der chinesischen Provinz Hubei ausgeht, nicht beschönigt oder geringgeschätzt. Erst recht nicht, den Infektionen und Todesopfern, die diese Krankheit bisher bereits verursacht hat, die Bedeutung, die sie verdienen, abgesprochen. Und auch nicht die Problematik im gesellschaftlichen Leben in der Ausbruchsregion rund um Wuhan abgeschwächt. Denn die tiefen Sorgenfalten treiben vielen zurecht die Schweißperlen auf die Stirn. Allerdings nur beschränkt auf die betroffene Region im südlichen Teil Chinas. Keine statistischen Zahlen rechtfertigen die über Massenmedien und andere moderne Kommunikationskanäle in andere Teile der Welt transportierte Hysterie, die auf dem besten Weg ist, Gesellschaften Angstzustände einzuimpfen, die das Potenzial haben, praktikable Hysterie-Vorgänger zumindest temporär abzulösen. Auf Basis des aktuell öffentlich verfügbaren Wissensstands ist die Hysterie nicht einmal im entferntsten annähernd nachvollziehbar. Zumal der Coronavirus Experten prinzipiell ohne die Präsenz von Vorerkrankungen, Schwächen oder anderen problematischen Faktoren prinzipiell nicht lebensgefährlich ist und in den überwiegenden Fällen ähnliche Symptome aufweist wie Grippen im allgemeinen.
 

Keine statistischen Zahlen rechtfertigen die über Medien transportierte Hysterie.

Auch nicht in Japan ist die Hysterie übertrieben. Dennoch sagt Yuriko Koike, als Gouverneurin der Metropolregion Tokios eine der mächtigsten Frauen der globalen Politlandschaft, in japanischen Medien: „Diese Restriktionen sind nötig!“ Vielleicht ist dieser Satz genau der, der im aktuellen globalen Kontext von ihr erwartet, gefordert wurde. In ihrer Position ist Koike die wichtigste japanische Persönlichkeit in der Gesamtorganisation der Olympischen Spiele von Tokio 2020. Gefühlt täglich muss das lokale Organisationskomitee öffentlich erklären, dass man die Austragung der Olympischen Spiele im Sommer nicht gefährdet sieht. Warum eigentlich? Die folgende Analyse von Daten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) – allesamt Stand 17. Februar, ein Tag nach der Entscheidung des Tokio Marathon, die sich im übrigen auch schwer tut mit Beschwichtigungen auf globaler Ebene, erklärt es nicht. Auch wenn der Höchststand der Infektionen Experten zufolge noch nicht erreicht ist und dahingehend zumindest gewisse Fragezeichen für die nahe Zukunft im Raum stehen bleiben.
 

Fast täglich muss das lokale OK öffentlich erklären, dass man die Austragung der Olympischen Spiele nicht gefährdet sieht.

Dass der Leichtathletik-Weltverband (World Athletics) die Hallen-Weltmeisterschaften in Nanjing frühzeitig abgesagt hat, ist zumindest aus geographischer Perspektive noch einleuchtend. Nanjing liegt „nur“ rund 450 Kilometer Luftlinie nordöstlich der praktisch abgeriegelten Stadt Wuhan. Tatsächlich gibt es in der Provinz Anhui rund um Nanjing 1.006 berichtete Infektionen inklusive sechs Todesfälle. Aufgrund dieser besorgniserregenden Perspektive war das Interesse der globalen Leichtathletik, nach China zu fliegen, sicherlich reserviert. Es ließen sich leicht, drei wesentliche Faktoren in die Argumentation einfließen zu lassen, die die registrierten über 70.000 Infektionsfälle und die 1.772 Todesfälle im bevölkerungsreichsten Land der Welt mit Ballungsräumen und Menschenanhäufungen, die wir in Europa nicht kennen, wovon der Großteil auf das Konto demographisch und sozial benachteiligter Menschen geht, im Verhältnis in einen anderen Rahmen setzen würden. Im Reich der Mitte sind die gesundheitliche Versorgung der Menschen, soziale Standards im Gesundheitssystem besonders für arme Menschen und allgemeine Hygienestandards weit unterklassig, wenn man das Niveau in den westeuropäischen Ländern zu Rate zieht.
Tokio aber liegt fast 2.500 Kilometer Luftlinie von Wuhan entfernt und ist aus China nicht über den Landweg erreichbar. Das ist in etwa dieselbe Entfernung wie zwischen Wien und Jerusalem, also nicht gerade „ums Eck“. In Japan gibt es nach China und Singapur die drittmeisten berichteten Infektionsfälle gemessen an Nationen, nämlich 59. 26 der Betroffenen sind direkt aus China eingereist. Ganz allgemein: Nicht einmal die sprichwörtliche Metapher der Nadel im Heuhaufen wird gerecht, wenn 59 Menschen in das Verhältnis der Dimension des alltäglichen Menschen-Gewusels in den Straßen der Millionen-Metropole Tokio gesetzt werden.
 

In Japan wurden 59 Infektionen, darunter ein Todesfall registriert.

Zudem liegt ein abgeriegeltes Kreuzfahrtschiff im Hafen von Yokohama mit 454 infizierten Menschen, die allerdings keinen Kontakt zur japanischen Bevölkerung haben. Von den beschriebenen 59 Infektionen ist bisher übrigens eine einzige mit Todesfolge verlaufen. Angesichts dieser Zahlen sei die wertfreie Frage erlaubt: Wer hat auf die Tokyo Marathon Foundation derartigen Druck ausgeübt, dass sie sich durchgerungen hat, den Tokio Marathon für 38.000 Hobbyläuferinnen und -läufer einfach abzublasen. Zwei Wochen vor dem Event. Und warum spricht Yuriko Koike von einer Notwendigkeit? Der Wunsch, die rund 1.800 chinesischen Hobbyläufer, also jene aus dem Ursprungsland des Coronavirus’, vom Tokio Marathon 2020 fernzuhalten, wäre in der Argumentation ja noch immerhin irgendwie nachvollziehbar gewesen und war auch der Ursprungsplan der Tokyo Marathon Foundation. Angesichts der zitierten Zahlen der WHO wäre eine Verbreitung des Virus’ beim Tokio Marathon ohnehin äußerst unwahrscheinlich und ein Import des Virus‘ von Marathonläufern, die nicht aus China stammen, praktisch auszuschließen gewesen. Zumal gut trainierte Ausdauersportlicher überlicherweise ein starkes Immunsystem aufweisen und abgesehen von einem Zeitfenster unmittelbar nach einem harten Wettkampf weniger anfällig für Infektionen sind.
 

Wer hat auf den Veranstalter derartigen Druck ausgeübt, dass er den Tokio Marathon abgesagt hat?

Die Auswirkungen auf die Läuferszene ist eine beachtenswerte Perspektive, die bisher nur von wenigen Medienberichten bezüglich der Absage in Betracht gezogen wird. Reisekosten für Flüge und Unterkünfte aus aller Welt anreisender Laufbegeisterter, die oft jahrelang auf die Gelegenheit gewartet haben, beim Tokio Marathon einen Startplatz zu bekommen, haben Tausende nun in die Luft geschossen, außer sie reisen trotz der Absage nach Tokio und laufen halt nicht. Die Startgelder will der Veranstalter automatisch auf 2021 verschieben. Die gezielten Trainingseinheiten und die harte Vorbereitung, um individuelle Ziele zu erreichen, waren für die Katz. Ungeklärt ist laut japanischen Medienberichten auch, was mit den eingezahlten Charity-Spenden passiert. Wer schaut in die Röhre: Spender oder die Charity-Organisationen? Und das abrupte Ausbleiben des wirtschaftlichen Wertes einer Großveranstaltung mit 38.000 Aktiven plus Reisebegleiter ist ein markanter wirtschaftlicher Schaden für die Stadt Tokio.
 

Mit der Absage des Tokio Marathon hat auch die internationale Laufszene ihren Teil an der aufgeblasenen Hysterie beigetragen.

Apropos wirtschaftlicher Schaden: Es ist beeindruckend, welch ökonomisch negative Auswirkungen der Coronavirus erzeugt. Selbst hierzulande jammern die Touristiker über ausbleibende Gäste aus Ostasien. Handelsbeziehungen und logistische Kontakte zu China sind zum Stillstand gekommen und belasten die westlichen Wirtschaftssysteme. Noch schlimmer ist es anscheinend in Japan, das engere Handelsbeziehungen zu China unterhält und angeblich auf eine Rezension zusteuert. Mit der Absage des Tokio Marathon hat auch die internationale Laufszene ihren Teil an der aufgeblasenen Hysterie beigetragen.
 
 
Wenn Sie einen Startplatz bei einem der österreichischen Frühjahrsmarathons ergattert haben, sorgen Sie sich nicht zu sehr vor einer Coronavirus-bedingten Absage. Die Entfernung zwischen Wien und Wuhan liegt bei etwa 8.000 Kilometer Luftlinie, also gut dreimal so groß wie zwischen Wuhan und Tokio. Österreich verzeichnet trotz einer irren Top-Nachrichten-Frequenz des Coronavirus‘, die sonst maximal noch vergangene Korrutionsverdachtsfälle in der heimischen Politik aufrecht erhalten können, null Infektionen und dementsprechend null Todesopfer. Sie werden sich weder beim Vienna City Marathon, noch beim Linz Marathon oder beim Salzburg Marathon mit dem Coronavirus anstecken. Auch, weil es bis dahin hoffentlich bereits ein erfolgreiches Gegenmittel gibt – Forscher in Italien und Australien haben bereits vor Wochen das Coronavirus isoliert und forschen fieberhaft, um ein wirksames Medikament zu produzieren.
 

Bei österreichischen Marathonläufen ist die Gefahr ungleich höher, dass Sie sich eine handelsübliche Grippe einfangen.

Ungleich höher ist die Gefahr, dass Sie sich bei einem der heimischen Events eine Grippe einfangen. Im Winterhalbjahr 2018/2019 haben sich in Österreich laut des Jahresberichts des Bundesministeriums für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz hochgerechnet knapp 40.000 Menschen mit einem grippalen Infekt infiziert (die Dunkelziffer mag höher liegen), daraus resultierten geschätzte 1.504 Todesfälle und damit halb so viele wie im Winter davor. Über diesen Fakt gibt es übrigens keine tägliche Medienberichterstattung über etliche Wochen, sondern maximal schwerpunktmäßig zum Zeitpunkt, wenn die Pharmaindustrie die Impfsubstanzen auf den Markt schwemmt.
 

Risiko einer Coronainfektion in China (Stand 17.02.2020) / 0,00005% – 0,008% / Risiko eines Skiunfalls in den Alpen

Zum Abschluss ein überspitzter, unpassender, aber nahbarer, weil aktueller Vergleich: Das Bundesministerium für Europäische und Internationale Angelegenheiten hat angesichts der 70.635 bestätigten Infektionsfälle in China (die Dunkelziffer mag höher liegen) hohes Sicherheitsrisiko für Reisen nach China generell und eine partielle Reisewarnung für die Provinz Hubei ausgegeben. Alles übrigens verständlich. Die Referenzzahl lautet 1,4 Milliarden Menschen. So viele leben laut Wikipedia in der Volksrepublik China. Laut einer heutigen Aussendung des Deutschen Gesundheitsportals registrieren die Skigebiete in den Alpen pro Winter 163.000 Skiunfälle. Also mehr als doppelt so viele Skiunfälle pro Saison wie Coronavirus-Infektionen aktuell bei nicht selten vergleichbaren Aufenthaltszeiten in medizinischen Einrichtungen. Die Referenzzahl ist aber nicht 1,4 Milliarden, sondern rund 20 Millionen Skifahrer pro Saison. Eine Reisewarnung zum Skilift gibt es nicht.
 
 
* Bei Absagen chinesischer Marathonläufe ist die hier geführte Diskussion natürlich eine völlig andere.
 
 
Wichtige Quellen:
Weltgesundheitsorganisation
WHO-Bericht vom 17. Februar 2020
Influenza-Jahresbericht 2018/2019 des Bundesministeriums