Dubai eröffnet Run auf Spitzenzeiten im Olympia-Jahr

Worknesh Degefa bei ihrem Sieg 2017. © Dubai Marathon / Giancarlo Colombo

Die Erbringung des vom Leichtathletik-Weltverband (World Athletics) definierten Limits für eine Teilnahme am Olympischen Marathon von Sapporo (2:11:30 bzw. 2:29:30 Stunden bei Männern bzw. Frauen) ist für viele Läuferinnen und Läufer bereits das Streben nach dem eigenen Leistungsmaximum und in zahlreichen Ländern der Welt reicht eine derartige Leistung auch, um beim Höhepunkt des Sports dabei zu sein. In den Marathon-Hochburgen Kenia und Äthiopien gelten andere Gesetze. Hier qualifizieren sich nur diejenigen, die sich innerhalb der absoluten Weltklasse durchsetzen und den Verband zur Nominierung überzeugen. In den letzten Jahren beriefen sich die Verbände in den beiden ostafrikanischen Verbänden häufig auf die Ergebnisse der Frühjahrsklassiker, wenn die Weltelite unter sich ist. Kenia will 2020 die Olympia-Teams frühzeitig bekannt geben. Und in Äthiopien versuchen Athletinnen und Athleten immer wieder, sich auf der schnellen Strecke des Dubai Marathon mit einer unerwartet überragenden Leistung ins Gespräch zu bringen. Das wird bei der diesjährigen Auflage des Dubai Marathon in der Nacht auf Freitag auch so sein, selbst wenn die Elitefelder im Olympischen Jahr 2020 auf dem Papier nicht die außergewöhnliche Qualität anderer Jahre aufzuweisen scheinen. Zwei Marathon-Starts vor den Anfang August ausgetragenen Olympischen Marathonläufe – also Dubai und ein Klassiker im April – scheint für viele der internationalen Top-Läufer ein zu großes Risiko zu sein. Und wer sich über den Dubai Marathon für eine Nominierung beim nationalen Verband bewerben möchte, muss wohl eine wirklich herausragende Leistung in Form einer Weltklassezeit bringen.
 
Der RunAustria-Tipp für Nachteulen: Der Standard Chartered Dubai Marathon 2020 wird live auf Youtube übertragen. Der Startschuss für die Elitefelder fällt am Freitag, 24. Jänner um 3 Uhr nachts MEZ (6 Uhr Ortszeit).
 
 

Worknesh Degefa bei ihrem Sieg 2017. © Dubai Marathon / Giancarlo Colombo
 

Degefa Favoritin auf zweiten Dubai-Sieg

Die große Ausnahme bildet Worknesh Degefa. Die 29-Jährige ist die einzige Teilnehmerin am Freitag, die tatsächlich gute Karten haben könnte, bereits im Gespräch für eine Olympia-Nominierung zu sein. 2017 gewann sie den Dubai Marathon bei ihrem Marathon-Debüt, 2018 lief sie hier erstmals unter 2:20 Stunden und 2019 raste sie zu einem äthiopischen Landesrekord von 2:17:41 Stunden. Pech nur, dass damals mit Weltmeisterin Ruth Chepngetich (2:17:08) eine Läuferin noch schneller war und für diese einzigartigen Konstellation sorgte. Degefas Reputation wurde allerdings durch ihren Triumph beim Boston Marathon 2019 komplettiert, so dass sie längst zur absoluten Lauf-Elite im erfolgsverwöhnten Läuferland Äthiopien gehört. „Ich habe gut trainiert und mich vier Monate lang gezielt auf dieses Rennen vorbereitet“, so Degefa, die hohen Zielen nachjagt: „Ich habe bisher jedes Mal hier eine persönliche Bestleistung aufgestellt. Das sollte heuer nicht anders sein. Die Strecke ist flach und die Wetterprognose gut.“
 

Megertu strebt nächsten Schritt an

Im Kampf um den Sieg am Freitag ist Wornkesh Degefa die klare Favoritin, doch mit Alemu Megertu gibt es eine interessante Herausforderin. Die 22-Jährige gewann 2019 den Rom Marathon mit einem Streckenrekord, steigerte sich beim Kopenhagen Halbmarathon auf der halben Distanz auf eine Spitzenzeit von 1:06:43 Stunden und erreichte das Ziel des Frankfurt Marathon in persönlicher Bestleistung von 2:21:10 Stunden auf Position zwei, wobei sie höher eingeschätzte Läuferinnen hinter sich ließ.
Für die beiden wie auch alle anderen Mitglieder des Elitefelds der Frauen – darunter die Äthiopierinnen Buzunesh Deba, die in Boston bereits einmal mit Rückenwind unter 2:20 Stunden gelaufen ist, die 20-jährige Bedatu Hirpa, Dera Dida, die 2017 und 2019 keinen Marathon bestritt, Sevilla-Marathon-Siegerin Gutemi Shone, Hamburg-Marathon-Siegerin Dibabe Kuma und Marathon-Debütantin Hawi Feysa, die noch nie weiter als 15 Kilometer gelaufen ist – geht es nicht nur darum, die pfeilschnelle Strecke des Dubai Marathon, die in schnurgeraden Passagen entlang der Küste führt und lediglich vier Wendekurven und eine 90°-Kurve aufweist, für persönliche Bestleistungen zu nützen, sondern auch um die beachtliche Siegesprämie von 100.000 US-Dollar (das entspricht gut 90.000 Euro) zu kämpfen. Streckenrekordprämie gibt es übrigens keine, dafür eine Weltrekordprämie von 200.000 US-Dollar.
 

Hanna Lindholm und der Kampf gegen schwedische Extraregeln

Den europäischen Beitrag zum ersten richtig schnellen Marathon des Jahres liefert Hanna Lindholm. Die Schwedin will zu den Olympischen Spielen in Sapporo und hat das internationale Limit von 2:29:30 Stunden zuletzt beim Frankfurt Marathon verpasst. Im Frühjahr 2019 schrammte sie in Hamburg gerade einmal um vier Sekunden vorbei. Das ist für die 40-Jährige, eine klassische Spätzünderin, die aus der internationalen Unbekanntheit heraus beim Dubai Marathon 2018 die Qualifikation für die Europameisterschaften von Berlin schaffte, allerdings irrelevant – der schwedische Verband fordert eine Zeit von 2:28:00 Stunden für eine Olympia-Nominierung. Diese Zusatzforderung des schwedischen Leichtathletik-Verbandes ist übrigens ein ziemliches Brett, denn Lindholm ist seit dem vergangenen Jahr die zweitschnellste schwedische Marathonläuferin aller Zeiten hinter der aus Kenia stammenden Isabellah Andersson, WM-Siebte von Daegu 2011 und nur ein Jahr jünger als Lindholm. Die routinierte mit einem klassischen schwedischen Namen ausgestattete Blondine, die 2019 ihr stärkstes Jahr feierte, nimmt’s sportlich und hofft auf den Olympia-Zug aufzuspringen, obwohl es in Dubai nicht leicht ist, in ihrem Leistungsniveau schnell zu laufen – sie wird recht alleine unterwegs sein. „Dubai ist ideal für mich, ich wollte 2020 so früh wie möglich einen Marathon laufen“, betont sie in einem Bericht auf der Website des Dubai Marathon. „Ich habe die letzten Wochen in Florida trainiert, weil das wetterbedingt besser harmoniert als ein Training im schwedischen Winter.“
 

Debütant gegen die äthiopische Macht

Dass es bei der 21. Auflage des Dubai Marathon, der als einer der schnellsten Marathonläufe der Welt nicht das neue Platinum Label des Leichtathletik-Weltverbandes (World Athletics) erhalten hat und weiterhin ein Golden-Label-Event bleibt, zum elften Mal in den letzten 13 Jahren einen äthiopischen Doppelsieg geben wird, ist übrigens bereits vor dem Startschuss sehr wahrscheinlich. Denn der Dubai Marathon ist wie in vielen Jahren eine Hochburg äthiopischer Läufer und unter Kenianern nicht so beliebt. Bei den Frauen ist ein nicht äthiopischer Sieg auszuschließen, bei den Männern stammen zwölf der 13 schnellsten Läufer auf der Meldeliste aus dem ostafrikanischen Land mit dem großen Wirtschaftswachstum. Aber es gibt ein großes Aber: Der Kenianer Eric Kiptanui gibt seinen zweiten Versuch auf der Marathon-Distanz nach der Aufgabe in London 2019 und zählt angesichts seiner Vorleistungen auf den Unterdistanzen zum absoluten Favoritenkreis. Der 30-Jährige gewann die Halbmarathons in Barcelona (2019), Lissabon und Berlin (2018) und hält bei einer persönlichen Bestleistung von 58:42 Minuten. Im letzten Jahr lief es allerdings nicht so berauschend für den Kenianer, laut eigener Aussage, weil er zu hart trainiert hat. Der Dubai Marathon ist bekannt dafür, Newcomer raketenartig in die Weltspitze zu katapultieren.
 

Zwei sub-2:05-Läufer und eine Last-Minute-Überraschung

Angeführt wird das Feld von Solomon Deksisa, der in den letzten beiden Jahren zweimal auf dem Stockerl des Amsterdam Marathon landete. „Ich bin hier, um zu gewinnen. Wenn ich das schaffe, denke ich, dass ich einen Startplatz bei Olympia bekomme“, sagte der 25-Jährige bei der Pressekonferenz am Mittwoch. Der zweite Läufer mit einer persönlichen Bestleistung unter 2:05 Stunden ist der 22-jährige Seifu Tura, der diese Zeit 2018 in Dubai gelaufen ist und anschließend die Marathons in Mailand und Shanghai gewann. Als Sechster des Chicago Marathon 2019 hat er auch schon World Marathon Major-Erfahrung. Weiters sind die sub-2:07-Läufer Andualem Belay, Aychew Bantie, Birhanu Bekele und Limenih Getachew dabei.
Für zusätzliche Spannung könnte eine Last-Minute-Verpflichtung sorgen. Der Japaner Suguro Osako sitzt nach Rang drei beim japanischen Ausscheidungsrennen auf dem „Schleudersitz“. Denn diese Position reicht lediglich für einen Olympia-Startplatz, wenn in diesem Frühjahr niemand seinen japanischen Rekord von 2:05:50 Stunden unterbietet. Eine eigene persönliche Bestleistung könnte seinen Startplatz in Sapporo gewissermaßen absichern – diese will Osako laut Informationen der Website „Let’sRun.com“ aber nicht in Dubai, sondern beim Tokio Marathon realisieren. Daher scheint es ungewiss, ob der Japaner überhaupt ins Ziel läuft.
 

Erste Präsidentin im Leichtathletik-Verband der Vereinigten Arabischen Emirate

Der Dubai Marathon ist der bedeutendste Marathonlauf in Nahost und damit auch das leichtathletische Vorzeige-Produkt des nationalen Verbandes. Seine 21. Auflage, an der rund 3.000 Marathonläuferinnen und -läufer sowie inklusive aller Laufbewerbe rund 30.000 Aktive teilnehmen werden, ist die erste in der Präsidentschaft der ersten Frau an der Spitze des Leichtathletik-Verbandes der Vereinigten Arabischen Emirate. Sahar Al Abad hat ihre Aufgabe mit Jahresbeginn aufgenommen, ihr Geschlecht in Kombination mit ihrer Position ist in der Golfregion auch heute noch eine Besonderheit. Sie bezeichnet sie als Zeichen für die „Vision für starke Frauen“ im nationalen Verband.
 
 
Standard Chartered Dubai Marathon