Die berühmteste Karbonplatte der Welt

Ob die sagenumwobene Karbonplatte in jenem Moment, als sie in der Produktionsstätte von Nike vom Förderband rutschte und in die Zwischensohle jenes Schumodells, das den Namen Nike Zoom Vaporfly 4% bekommen sollte, eingebettet wurde, geahnt hat, welch wichtiger Teil einer weltweiten Berühmtheit sie einmal serienmäßig als „Energiekatapult“ würde? Nun ja, zumindest in der Laufwelt kennt und schätzt sie jeder. Mit der Produktion des Vaporfly 4% und dem direkten Nachfolger, der Vaporfly Next% ist dem US-amerikanischen Sportartikelhersteller nicht nur technisch und in der praktischen Umsetzung der sportlichen Leistung Bahnbrechendes gelungen. Die begleitende PR-Geschichte ist ein Kandidat für eine hochkarätige Auszeichnung für ein Paradebeispiel einer kommunikationstechnischen Erfolgsgeschichte. Der Verkauf floriert, die Beliebtheitswerte sprengen jede Skala, die Konkurrenz auf dem Laufschuhmarkt schwitzt unter Hochdruck, Nicht-Nike-Athleten machen sich Sorgen. Diese Story ist so potent, dass sie den Sport bedroht: War der Nike Vaporfly der große Star des Marathon-Jahres 2019? Dieser Meinung sind sogar einige seriöse Medien. Oder doch Kipchoge? Oder Kosgei, oder Bekele?
 

2:01:39 oder 2:04:54?

Es sei nun dahin gestellt, ob der Vaporfly 4% und der Vaporfly Next% tatsächlich jene fantastischen Vorteile einer konstanten 4%-5igen Energieersparnis für den Körper bei jedem einzelnen Schritt (und das sind bei einem Marathon nun einmal wirklich viele) bringen oder nicht. Die Studie zu den Zahlen oder doch umgekehrt lieferte die University of Colorado. Andere Experten schätzen eine umgerechnete Zeitersparnis von bis zu zwei Minuten mit der Spezialanfertigung „Alphafly“ für Kipchoge in Wien. Der Marathon-Weltrekordhalter bedankt sich in einem Interview mit der britischen Tageszeitung „The Telegraph“ bei Nike zwar höflich für die „guten Schuhe“, aber „letztendlich ist die Person mit ihrer Mentalität entscheidend.“ Eine nachvollziehbare Argumentation, zumal nach dem Umkehrschluss der Studienergebnisse der University of Colorado als Addition auf die Weltrekordzeit von Berlin Kipchoge laut einer Berechnung des anerkannten Sportwissenschaftlers Ross Tucker eine bereinigte Zeit von knapp unter 2:05 Stunden gelaufen wäre – hypothetisch, denn der Vergleichswert würde einen Schuh bedeuten, der den Läufer gar nicht unterstützt. Eine Hypothese, der Tucker übrigens angesichts der erwiesenen Klasse Kipchoges wenig Glauben schenkt. Der ansonsten so smarte und reflektierte Star wählte im Fortlaufenden des erwähnten Interviews übrigens den denkbar unglücklichen Vergleich mit der Formel 1, wo anscheinend der Fahrer entscheidend sei, weil alle Autos reglementierte Motoren und identische Reifen haben. Den Hamilton-Fans unter den britischen Sportenthusiasten wird’s gefallen haben.
 

War der Nike Vaporfly der große Star des Marathon-Jahres 2019?

Historisches Marathon-Jahr

Unwiderlegbar ist die aus der Beobachtung stammende Tatsache, dass weltweit auf allen Laufdistanzen bis hinauf zum Marathon seit gut einem Jahr flächendeckend schneller gelaufen wird und der überwiegende Großteil der Weltklassezeiten und -ergebnisse von Athleten und Athletinnen erzielt wurden, die den Nike-Wunderschuh trugen. Das stellte auch die New York Times, vorsichtig gesagt nicht unbedingt als boulevardesker Geschichten-Aufbauscher, sondern eine der hoch qualitativsten Medien der Welt, in einer Untersuchung im Sommer fest. Nun hat die New York Times eine neuerliche Analyse veröffentlicht und behauptet, die beiden Modelle von Nike (Vaporfly 4% und Next%), zwischen denen keine bedeutungsvollen Unterschiede festgestellt wurden, bieten einen noch größeren Vorsprung gegenüber Konkurrenzprodukte als bisher angenommen. Hoch überlegen sind die Paradeschuhe von Nike laut diesen Erkenntnissen. Sie machen zwischen 4 und 5% schneller im Vergleich zu Vorleistungen auf anderen Schuhen, im Vergleich zu Kontrahenten auf anderen Schuhen in den Rennen und laut statistischen Messungen zum Effekt von Laufschuhen. Die Top-Schuhe von Adidas, Hoka One und Mizuno folgen mit riesigem Abstand. 73% lautet die Wahrscheinlichkeit, mit einem der beiden Nike-Paradeschuhe eine neue persönliche Bestleistung im Marathon zu laufen.
 

73% lautet die Wahrscheinlichkeit, mit einem der beiden Nike-Paradeschuhe eine neue persönliche Bestleistung im Marathon zu laufen.

Und die Datenmenge, die analysiert wurde, ist mit über einer Million Marathon- und Halbmarathonläufen seit 2014 mehr als beeindruckend. Nicht ganz einwandfrei ist jedoch die Repräsentativität der Daten, da sich die New York Times auf Nutzer der App von Strava stürzte, wo die Journalisten nachvollziehen konnten, welche Läufer zu welchem Zeitpunkt welche Rennen gelaufen sind und welche Schuhe getragen haben. Außerdem ließen sie Informationen über das Alter, den Trainingszustand und das Wetter am Renntag einfließen. Dem renommierten US-Printmedium gelang es, mit einer beeindruckenden Datenmenge die Beobachtung aus dem elitären Laufsport auf die breite Masse auszuweiten und eine ausdrucksstarke Aussage zu treffen. Dennoch ist diese Vorgangsweise etwas eindirektional. Schließlich ist ein Schuhwechsel längst nicht der einzige potenzielle Grund für eine auch kräftige Leistungssteigerung. In der Conclusio heißt es daher: „Keiner der Zugänge dieser Analyse ist perfekt, aber sie kommen alle zum selben Ergebnis. Die Rennen haben sich verändert, seit es den Vaporfly 4% und den Next% gibt, mit Effekten, die bei keinen anderen Schuhen beobachtbar sind.
Das zeigt auch die Statistik, wie die US-amerikanische Läuferplattform „Let’sRun.com“ errechnet. 2019 gab es bedeutend mehr Leistungen unter 2:10 Stunden bei den Männern (294 im Vergleich zu 210 im Vorjahr und 221 beim bisherigen Bestwert 2012) und unter 2:30 bei den Frauen (324 im Vergleich zu 239 im Vorjahr), was einer unnatürlich ausgiebigen Steigerung entspricht. Die Tendenz ist auch in der Weltklasse ablesbar. 17 Leistungen von 16 Athleten unter 2:05 Stunden bedeuten ebenso einen neuen Rekord wie 13 von 12 Athletinnen unter 2:20 Stunden. Nike als Schuhausrüster lieferte in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle das Sprungbrett zur Weltklasseleistung.
 

Die Rennen haben sich verändert, seit es den Vaporfly 4% und den Next% gibt.

Die Botschaft ist angekommen

Gestützt von diesen Daten und statistischen Auswertungen und beflügelt von der eigenen Perfektion in der Marketingstrategie baut Nike weiter am Denkmal seiner aktuellen Schuhgeneration für die globalen Spitzenläufer und streicht fantastische Gewinne ein. Die Schuhmodelle Vaporfly 4% und Vaporfly Next % haben längst die von Nike subjektiv erträumte und objektiv übertriebene Bedeutung auf dem lukrativen Läufermarkt erhalten. Der Käufer ist flächendeckend vom Angebot und den Versprechungen überzeugt und steuert mit seiner Kaufkraft seinen Anteil zum Gelingen der Erfolgsstory bei. Denn die Botschaft von Nike erzeugt über den vorhandenen statistischen Daten der potenziellen Leistungsverbesserung (potenziell, denn die Umsetzung obliegt nach wie vor dem Läufer) auch einen Placeboeffekt, der positive Auswirkungen auf das Selbstbewusstsein von Läufern und in weiterer Folge auf deren Laufleistung hat. Drastisch formuliert im Umkehrschluss: Man braucht nicht zwingend einen Nike Vaporfly, um schnell zu laufen – außer, man glaubt nicht daran.
 

Der Käufer ist flächendeckend vom Angebot und den Versprechungen überzeugt und steuert mit seiner Kaufkraft seinen Anteil zum Gelingen der Erfolgsstory bei.

Warten auf die Reaktion von World Athletics

Beim Leichtathletik-Weltverband beäugt man Laufschuh-Entwicklung kritisch. Mit dem Eintrag ins Regelwerk, ein Laufschuh dürfe Athleten keinen unnatürlichen Vorteil geben, müsse aber gleichzeitig für jeden potenziellen Läufer problemlos erwerblich sein, hat er einen schweren Stand. World Athletics sucht nach wie vor nach Indizien oder gar Beweise, die ein etwaiges Einschreiten rechtfertigen würden. Bisher gibt es keine, die Ergebnisse einer detaillierten Untersuchung werden erst 2020 veröffentlicht. Vielleicht ist die Verzögerung der Tragweite einer möglichen Diskussion geschuldet. Bis dahin hat World Athletics offiziell akzeptiert, dass der technologische Fortschritt sich naturgemäß nicht im Sinne der Werte des Sports entwickelt. Klar, die Leichtathletik-Welt sähe lieber die Athleten im Vordergrund, nicht die Schuhe.
Etwas anders stellt sich die Sachlage bei Spezialversionen des Vaporflys mit Spikes, die Sifan Hassan bei ihrem Meilen-Weltrekord in Monaco oder Laura Muir bei ihrem britischen Hallen-Rekord (Meile) getragen haben, dar. Diese Schuhe sind nicht universell im Handel erhältlich, grassierten aber unter der Elite bei den Weltmeisterschaften in Doha 2019. Übrigens: Der geheimnisvolle Alphafly, mit dem Kipchoge in Wien unter zwei Stunden gelaufen ist, ist es (noch) auch nicht. Dabei handelt es sich im Gegensatz zu Hassan oder Muir allerdings nicht um eine offizielle Rekordleistung.
 

Vorerst hat World Athletics offiziell akzeptiert, dass der technologische Fortschritt sich naturgemäß nicht im Sinne der Werte des Sports entwickelt.

Wettrüsten für Tokio

Unabhängig von der Stellungnahme von World Athletics werden die hohen Funktionäre den von Nike eröffneten Prozess nicht mehr verhindern können. Das US-amerikanische Unternehmen hat sich mit seiner Erfolgsgeschichte von allen anderen Kontrahenten abgesetzt und ist ihnen mindestens einen Schritt voraus. Fieberhaft arbeiten praktisch alle bekannten Ausrüster an der Produktion eines ähnlichen Schuhs, der Konkurrenzfähigkeit mit Nike-Athleten garantieren soll. Die Zeit ist knapp, denn mit den Olympischen Spielen im Sommer steht die wichtigste sportliche Bühne auch für die Ausrüster unmittelbar bevor. Die Tatsache, dass die Spiele in Japan stattfinden, lässt erahnen, dass nicht nur die US-amerikanischen und europäischen Mitbewerber von Nike, sondern insbesondere die führenden japanischen Laufschuh-Hersteller ein Ass aus dem Ärmel zaubern wollen, um im Wettrüsten vor Olympia den Rückstand zu Nike mindestens so knapp wie möglich verkürzen zu wollen.