Männliche Lokomotiven für weibliche Züge

„Sie haben einen Tempomacher, sobald sie das Hotelzimmer verlassen, bis sie nach dem Rennen zurück ins Hotel kehren.“ Diese Aussage stammt von Österreichs Top-Marathonläufer Christian Steinhammer, der dank des parallelen Starts von Frauen und Männern beim diesjährigen Frankfurt Marathon aus nächster Nähe Zeuge der irrwitzigen Rennstrategie von Siegerin Valary Jemeli wurde. Erst nach dem Halbmarathon holte der Niederösterreicher die Kenianerin ein und zog an ihr vorbei. „Ich war schon geschockt“, gestand er nachher. Peripher habe er mitbekommen, dass die Führende im Frauen-Rennen mit einer Harakiri-Taktik das Rennen eröffnete – begleitet von männlichen Tempomachern, ohne die in letzter Zeit immer häufiger in Frauen-Eliterennen auftretende, waghalsige Renntaktik-Phänomene nicht realisierbar wären.
 

„Sie haben einen Tempomacher, sobald sie das Hotelzimmer verlassen, bis sie nach dem Rennen zurück ins Hotel kehren.“ (Christian Steinhammer)

Diese Episode und viele weitere, insbesondere natürlich der Weltrekordlauf von Brigid Kosgei beim Chicago Marathon, haben die ohnehin nie vollständig verdrängte Diskussion nach Sinn und Unsinn der Tatsache, dass Marathonläuferinnen von männlichen Tempomachern begleitet und geleitet werden dürfen (außer bei einigen Marathons wie jenen in Boston und New York, wo der Veranstalter die Frauen eine halbe Stunde früher ins Rennen schickt), wieder leicht entflammt. Denn eines ist Fakt: Mit männlichen Begleitern laufen Frauen schneller, zusätzlich zum ohnehin naturbedingten Vorteil des Pacemakings. Das liegt nicht vorwiegend daran, dass die Tempomacher männlich sind. Der große leistungstechnische Mehrwert ist der Tatsache, dass durch die biologisch bedingte größere Leistungsfähigkeit der Männer die Frauen in den Genuss bekommen, eine Begleitung auf dem individuell höchst möglichen Niveau bis zur Ziellinie oder kurz davor zu genießen, geschuldet. Oft sind das enge Vertraute, Coaches, Ehemänner und tagtägliche Trainingspartner. Eliud Kipchoge findet keinen Tempomacher, der sein Wunschtempo länger als 25 oder maximal 30 Kilometer durchhält. Und selbst wenn extra abgestellte Tempomacher nicht bis zum Schluss mithalten, können Eliteläuferinnen von in ihrem Leistungsbereich laufenden, männlichen Marathon-Teilnehmern als Begleiter in einer Gruppe profitieren.
 

Eliud Kipchoge findet keinen Tempomacher, der sein Wunschtempo länger als 25 oder maximal 30 Kilometer durchhält.

Die Logik, warum im Straßenlauf gemischte Rennen in Hinblick auf die statistische Anerkennung der weiblichen Leistungen toleriert werden, entstammt nicht aus dem Regelbuch. In der Stadionleichtathletik werden sie für die offizielle Statistik maximal teil-anerkannt – als persönliche Bestleistung mit Verweis ja, als taugliche Qualifikationszeit für internationale Meisterschaften nein. Oft proklamierte Argumente des Fehlens tauglicher Tempomacherinnen ist der ungleich schlechteren Entwicklung des Frauenlaufsports geschuldet und schreit nach nachhaltigen, entschlossenen Maßnahmen der Verbesserung statt sportlicher Verwässerung durch gemischte Wettkämpfe.
Dass in einem Frauen-Rennen ein männlicher Tempomacher die Lokomotive spielt, ist beim internationalen Top-Meetings undenkbar. Daher gibt es auf allen Laufdistanzen im Stadion lediglich einen Weltrekord. Im Marathon und im Halbmarathon verzeichnet World Athletics einen Weltrekord und seit 2012 einen weiteren Weltrekord für reine Frauen-Rennen. Zwei Weltrekordleistungen, die unvergleichbar bleiben. Letztendlich steht die statistisch langsamere immer im Schatten, ohne erörtern zu können, ob sie vielleicht sportlich wertvoller wäre. Damals sprach sich der Leichtathletik-Weltverband dafür aus, der reine Frauen-Weltrekord sollte die vorangegangenen Weltrekorde ersetzen, was rechtlich nicht umsetzbar war. Denn alte Weltrekorde wie beispielsweise jener von Paula Radcliffe im Marathon waren unter Einhaltung des Regelbuchs entstanden. Der skizzierte Kompromiss der Zweigleisigkeit ist die Folge.
 

Simpler, nachvollziehbarer und fairer, weil chancengleicher

Aus rein sportlichen Gründen sollten Frauen-Rennen mit männlichen Tempomachern oder auch nur simplen männlichen Begleitern aus dem Männer-Bewerb tatsächlich abgeschafft werden, auch um gesellschaftsmoderne Gleichheit der Geschlechter herzustellen. Auch wenn man dafür einen großen Teil Marathon-Geschichte unsensibel ins Archiv verfrachten müsste. Das wäre simpler, nachvollziehbarer und fairer, weil eben chancengleicher. Die Argumente für die Beibehaltung des Status quos sind neben den durchaus verständlichen nostalgischen und der Erhaltung historischer Leistungen auf würdige Art und Weise dienlichen natürlich organisatorische. Ein Umstand, weswegen eine kategorische Philosophie-Änderung in der vielfältigen und illustren Marathon-Welt nicht durchsetzbar und vielleicht auch nicht sinnvoll wäre. Einen eigenen Start für die Frauen-Elite in einem zeitlichen Abstand zur Männer-Elite, so dass sich die beiden Gruppen im Rennverlauf möglichst nicht behindern, verursacht einen breiteren Zeitplan und in der Organisation beträchtlichen Mehraufwand, der auch mit hohen Kosten verbunden ist. Daher können Boston und New York sich das leisten, ein Marathonlauf mit 1.000 Teilnehmern nicht. Ein zweites ist das Timing in der Dramaturgie eines Marathon-Tages, denn auch ein Marathonlauf muss medial so attraktiv wie möglich sein. Den Vogel schoss dabei der Paris Marathon 2019 ab, der mit einem zu kurz kalkulierten Startabstand zwischen Frauen- und Männer-Rennen mit Zitronen handelte. Die Top-Platzierten bei Frauen und Männern kamen praktisch im selben Zeitfenster und durcheinander ins Ziel, wodurch der Überblick verloren ging und die entscheidende Phase aus beiden Rennen nicht vernünftig dargestellt werden konnte.