Crosslauf-EM: Alle Titelverteidiger und zahlreiche prominente Namen

© SIP / René van Zee

Die jährlich am zweiten Advent-Wochenende stattfindenden Crosslauf-Europameisterschaften haben eine Eigenheit, die ihre Qualität besonders macht: Einmal im Jahr trifft sich die europäische Lauf-Elite vom 800m-Lauf bis hin zum Marathon in einem Rennen. Auch wenn natürlich nicht alle der prominenten Läuferinnen und Läufer die Crosslauf-EM als Auftakt in eine sportliche Wintersaison mitnehmen, ist die Qualität bei keinem anderen Rennen des europäischen Laufsports so hoch wie hier. Das bringt natürlich auch die Schwierigkeit mit, dass man das gewisse Maß an Extraklasse – als Läufer generell oder als ausgewiesener Crosslauf-Spezialist – benötigt, um bei der Crosslauf-EM erfolgreich abzuschneiden. Eine sportliche Vorschau auf den EM-Sonntag in Lissabon.
 
Die allgemeine RunAustria-Vorschau auf die Crosslauf-EM 2019 in Lissabon: Crosslauf-EM meets Großstadt – neun ÖLV-Athleten in Lissabon
 

Andreas Vojta bei der Crosslauf-EM 2018 in Tilburg. © ÖLV / Coen Schilderman
 

Männer (10.225 Meter) – Jungstars bedrängen Ingebrigtsen

Vor einem Jahr in Tilburg hat Filip Ingebrigtsen für viele doch etwas überraschend die Goldmedaille gewonnen. Daher ist der Norweger auch in Lissabon der Mann, den es zu schlagen gilt. Herausforderer Nummer eins ist fast naturgemäß der im Vorjahr nur knapp unterlegene Isaac Kimeli aus Belgien, der ein ausgewiesener Crosslauf-Spezialist ist. Die Belgier haben mit Soufiane Bouchikhi einen weiteren starken Läufer im Rennen, der zuletzt beim Crosslauf in Roeselaere nur haarscharf hinter Kimeli ins Ziel gekommen ist. Weitere Medaillenkandidaten führen die traditionell starken Crosslauf-Nationen Spanien und Italien an. Auf der einen Seite, Ouassmin Oumaiz, der beim stark besetzten Cross Internacional Atapuerca in seiner Heimat sensationell einen Sieg feiern konnte, der nicht hoch genug einzuschätzen ist. Der 20-Jährige, Sohn von marokkanischen Einwanderern, wäre noch drei Jahre in der Altersklasse U23 startberechtigt, entschied sich aber für das Rennen der Allgemeinen Klasse. Das spanische Team, zu dem auch Carlos Mayo und Fernando Carro gehören, ist Favorit in der Teamwertung. Auf der anderen Seite, Yemaneberhan Crippa, der in den Nachwuchsklassen bereits einige Crosslauf-EM-Medaillen angehäuft hat. Der italienische Rekordhalter im 10.000m-Lauf hat sich in einem längeren Trainingslager in Kenia für die Herausforderung Crosslauf-EM fit gemacht, 2018 wurde er Sechster.
In Iten hat sich auch Julien Wanders vorbereitet, der zum ersten Mal bei Crosslauf-Europameisterschaften in der Allgemeinen Klasse antritt. Der Westschweizer gilt jetzt nicht als ausgewiesener Crosslauf-Spezialist und ist auch auf der Bahn noch nicht in die europäische Spitze vorgedrungen. Dagegen ist er als Europarekordhalter im 10km-Straßenlauf und Halbmarathon Teil der zumindest erweiterten Weltspitze, was ihn potenziell zum Medaillenkandidat macht. Eine schwer zu ermittelnde Frage vor einer Crosslauf-EM ist auch stets die Form der Türken. Ali Kaya und Aras Kaya haben jeweils schon einen EM-Titel gewonnen, Aras freute sich vor einem Jahr über Bronze, als eine Serie von vier türkischen EM-Titeln ihr Ende fand. Die Liste der Medaillenanwärter vervollständigen der Schotte Andrew Butchart, vor zwei Jahren Dritter, der britische Meister Ben Connor, der Holländer Mike Foppen, der zuletzt überraschend den Crosslauf in Tilburg gewann, und der Schwede Napoleon Solomon, im letzten Jahr Fünfter.
Angesichts der vielen klingenden Namen ist die Erwartungshaltung einer Top-Ten-Platzierung für Andreas Vojta (team2012.at) weit außerhalb des realistisch Möglichen. Der erfahrene Crossläufer kämpft um eine individuell gute Platzierung inmitten des hart umkämpften Mittelfelds. Deutschland wird durch Simon Boch, Johannes Motschmann und Samuel Fitwi, im Vorjahr Silbermedaillengewinner in der Altersklasse U23, vertreten, neben Wanders starten Universiade-Champion Jonas Raess (5.000m) und Christoph Graf für die Schweiz. Luca Sinn (Union St. Pölten) musste seinen Trip auf die Iberische Halbinsel kurzfristig absagen.
 

Frauen (8.225 Meter) – Hoffnung für die Lokalmatadorinnen

Der Bewerb der Frauen ist der chronologisch letzte und soll den großen Höhepunkt für das Gastgeberland Portugal bieten. Carla Salomé Rocha ist die ausgewiesene Hoffnung der Portugiesinnen, für die auch noch Anna Dulce Felix und die nationale Meisterin Susanna Francisco ins Rennen gehen, auf Edelmetall. Die Hoffnungen sind berechtigt, denn das Rennen der Frauen scheint zwar gut, aber nicht überragend besetzt zu sein. Titelfavoritin ist erneut Yasemin Can aus der Türkei, die das größte Leistungsniveau aller Teilnehmerinnen besitzt, aber den Großteil der Saison 2019 verletzt verpasste. In den letzten drei Jahren war die aus Kenia stammende Türkin nicht zu schlagen, womit sie die Rekord-Europameisterin ist. Ihre größte Herausforderin ist die Norwegerin Karoline Bjerkeli Grövdal, die bei Crosslauf-Europameisterschaften in diversen Altersklassen bereits sechsmal Edelmetall gewann – nur Felix hat mehr.
 

Seit Jahren dominiert Yasemin Can die europäische Crosslauf-Szene. © European Athletics / Getty Images
 
Jessica Judd (Großbritannien) und Irene Sanchez (Spanien) führen zwei gut besetzte Teams an, die in der Nationenwertung eine Rolle im Kampf um die Medaillen spielen könnten, in der Einzelwertung eher nicht. Nach den Rängen fünf und sechs in den letzten beiden Jahren gehört die Deutsche Elena Burkard zum Kreis der Medaillenanwärterinnen, genauso wie die Rumänin Roxana Barca, eine Crosslauf-Spezialistin. Einen neuen Rekord stellt der irische Routinier Fionnuala McCormack auf, die zum 16. Mal bei Crosslauf-Europameisterschaften antritt. Die kürzlich in Chicago erzielte Marathon-Bestzeit zeugt davon, dass die zweifache Crosslauf-Europameisterin noch nicht zum alten Eisen gehört.
ÖLV-Athletin Julia Mayer (DSG Wien) steht vor ihrem bisher größten Rennen und könnte sich mit einem gelungenen Abschneiden in Lissabon für weitere, internationale Aufgaben empfehlen. Trotz der erheblichen Steigerung im abgelaufenen Wettkampfjahr befindet sich der 26-jährige Schützling von Trainer Karl Sander in einer klaren Außenseiterrolle. Neben Burkard starten Domenika Mayer und Deborah Schöneborn für Deutschland. In Abwesenheit der letztjährigen Silbermedaillengewinnerin Fabienne Schlumpf schickt Swiss Athletics Chiara Scherrer, Nicole Egger und Rea Iseli ins Rennen.
 

U23, Männer (8.225 Meter) – Gressier strebt nach dem Hattrick

Das Rennen der Altersklasse U23 war in den letzten Jahren eine Domäne der Franzosen. Das lag vor allen an Jimmy Gressier, der in den letzten beiden Jahren jeweils die Goldmedaille gewann – im Schlamm von Tilburg mit einer missglückten Jubel-Einlage auf der Ziellinie. Gressier, der bei der U23-EM im Sommer das Langstrecken-Doppel gelang, hat in Lissabon die historische Chance auf den Hattrick. Doch auch sein Landsmann Hugo Hay, der in den letzten beiden Jahren ebenfalls Edelmetall gewann, lieferte seinen Beitrag für die französische Dominanz. Louis Gilavert ist der dritte potenzielle Podestläufer im Team der „Grande Nation“.
Einfach wird das Vorhaben für Gressier allerdings nicht. Die größten Kontrahenten kommen aus Spanien: Ignacio Fontes, U23-Europameister im 1.500m-Lauf, und Abdessamad Oukhlefen. Außerdem sind der Israeli Tadesse Getahon, der Italiener Yohanes Chiappinelli, in Berlin EM-Dritter im 3.000m-Hindernislauf, und der Serbe Elzan Bibic, Bronzemedaillengewinner von Tilburg, starke Läufer, die ebenfalls auf Edelmetall schielen. Auch der Brite Alexander Yee und der Rumäne Andrei Dorin Rusu könnten Medaillenchancen haben. Österreichs Einzelkämpfer ist Tobias Rattinger (LAC Amateure Steyr). Der 22-jährige Oberösterreicher feiert sein Debüt bei Crosslauf-Europameisterschaften und gleichzeitig seinen Abschied aus der Altersklasse U23. Für Deutschland gehen Davor Aaron Bienenfeld, Markus Görger, Mohamed Mohumed, Jannik Seelhöfer, Marc Tortell und Nils Voigt ins Rennen, für die Schweiz ist Bjarne Kölle am Start.
 

Anna Emilie Möller ist die klare Favoritin auf die Goldmedaille in der Klasse U23. © Veranstalter Crosslauf-EM 2018 in Tilburg / Facebook
 

U23, Frauen (6.225 Meter) – Möller haushohe Favoritin

In der Altersklasse U23 gibt es bei den Frauen eine haushohe Favoritin. Anna Emilie Möller aus Dänemark, ihres Zeichens Titelverteidigerin, war bei den Crosslauf-Weltmeisterschaften 2019 in Aarhus die beste Europäerin. In der Allgemeinen Klasse versteht sich. Ein anderes Szenario als eine erfolgreiche Titelverteidigung ist auch deswegen kaum vorstellbar, weil sich die 22-Jährige in diesem Sommer in ihrer Spezialdisziplin, dem 3.000m-Hindernislauf dermaßen verbessert hat, dass sie mehrmals den dänischen Landesrekord gesteigert hat – darunter zweimal bei der WM in Doha – und in eben dieses WM-Finale von Doha gestürmt ist. Außerdem gewann sie im Sommer bei den U23-Europameisterschaften die Goldmedaillen im 3.000m-Hindernislauf und im 5.000m-Lauf. Hat Möller sich also von den Strapazen des abgelaufenen Jahres anständig erholt und in der Vorbereitung nicht komplett alles falsch gemacht, wird sie das Rennen gewinnen.
Umkämpfter dürfte das Feld hinter der Skandinavierin sein und hier bietet sich Deutschland in Abwesenheit der Stars Konstanze Klosterhalfen und Alina Reh eine vielleicht noch bessere Medaillenchance als durch Burkard in der Allgemeinen Klasse. Miriam Dattke führt das sechsköpfige DLV-Aufgebot mit Johanna Flacke, Leah Hanle, Sarah Kistner, Lea Meyer und Lisa Tertsch an und könnte Anna Gehring nachfolgen, die im Vorjahr Silber hinter Möller gewann. Der Holländerin Jasmijn Lau und der Spanierin Celia Anton sind ebenfalls gute Chancen auf Edelmetall einzuräumen. Lena Millonigs (ULC Riverside Mödling) Leistungsfähigkeit ist nach der praktisch komplett entfallenen Saison 2019 schwierig einzuschätzen, Katharina Pesendorfer (SVS Leichtathletik), die aus den USA einfliegt, steht vor einer schwierigen Aufgabe.
 

Junioren (6.225 Meter) – Ingebrigtsen-Gala, die Vierte

Der Bewerb der Altersklasse U20 der Burschen ist der größte: 115 Läufer sind gemeldet. Es ist auch jener Bewerb, in dem unter vorhersehbarem Ermessen und unter Ausschluss übernatürlicher Ereignisse und außergewöhnlicher Begebenheiten nur die Silber- und Bronzemedaille vergeben werden, weil der Sieger schon feststeht. Ohne Arroganz: Wenn ein zweifacher Europameister der Allgemeinen Klasse, der bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften bei nicht optimaler Verfassung zweimal in die Top-Fünf gelaufen ist, bei der Junioren-EM an den Start geht, müsste er schon in außergewöhnlich schlechter Form sein um nicht zu gewinnen. Und wer das Team Ingebrigtsen in den letzten Jahren beobachtet hat, weiß, dass Jakob Ingebrigtsen nicht am Start stehen würde, wäre er nicht in Siegform – erst recht im Crosslauf, der nicht gerade zu den bevorzugten Disziplinen der norwegischen Brüder zählt.
 

Seit 2016 der Dominator in der Altersklasse U20: Jakob Ingebrigtsen. © SIP / René van Zee
 
Dafür hat Ingebrigtsen, der nach einer gefühlten Ewigkeit (so muss es für die Konkurrenz wirken) zum letzten Mal in der Altersklasse U20 startberechtigt ist, eine gute Chance auf einen Rekord: Nach Chia, Samorin und Tilburg kann der Skandinavier zum vierten Mal den Crosslauf-EM-Titel in der Juniorenklasse gewinnen. Daran wird auch Österreichs Teilnehmer Sebastian Frey (DSG Wien) nichts ändern können, für den es darum geht, sich so weitestgehend wie möglich im Mittelfeld zu halten, schließlich zählt der 17 Jahre alte Wiener zu den Jüngsten im Feld. Und es zu genießen, mit dem europäischen Super-Talent im Laufsport gemeinsam an einer Startlinie einer Medaillenentscheidung stehen zu können. Das dürfen natürlich auch alle anderen für sich verbuchen. Der DLV schickt Marius Abele, Florian Bremm, Paul Feuerer, Dominik Müller, Elias Schreml und Paul Specht ins Rennen, Swiss Athletics wird von Leon Berthold, Anfang Oktober Sieger des Jedermannlauf Junior in Salzburg, Maurice Christen, Jonathan Hofer und Julien Stalhandske vertreten. 3.000m-Junioren-Europameister Elias Schreml gehört dabei zum Kreis der Medaillen-Anwärter, wie etwa auch der Belgier Tim van de Velde und Lokalmatador Nuno Pereira. Schwierig einzuschätzen, aber möglicherweise leistungsstark ist das Team aus Israel, das eine Reihe von augenscheinlich äthiopisch stämmigen, sehr jungen Athleten ins Rennen schickt.
 

Juniorinnen (4.225m) – Revanche für Tilburg?

Im Rennen der Juniorinnen sind die Top-Zwei aus dem letzten Jahr erneut am Start und damit die Favoritinnen. In Tilburg konnte die Italienerin Nadia Battocletti die Schweizerin Delia Sclabas hinter sich lassen, in Lissabon stellt sich damit automatisch die Frage nach der Revanche. Beide haben im Vorfeld einige Wettkämpfe bestritten, die Eidgenossin im Gegensatz zur Titelverteidigerin ausschließlich in Juniorinnen-Bewerbe.
Doch die Entscheidung im Rennen der Altersklasse U20 dürfte kein Duell Battocletti gegen Sclabas werden. Die die talentierte Portugiesin Mariana Machado wird vor heimischem Publikum wohl ein kräftiges Wort um die Goldmedaille mitsprechen. Die 19-Jährige, die die Junioren-Europameisterschaften in Boras etwas versemmelt hat, darf als Siegerin des Cross Internacional de Soria optimistisch und voller Selbstvertrauen in das Rennen gehen. Eine weitere interessante Starterin ist die frisch gebackene Berglauf-Weltmeisterin in der Juniorinnen-Klasse, Angela Mattevi aus Italien. Die Slowenin Klara Lukan hat bei der Junioren-EM die Goldmedaille im 5.000m-Lauf gewonnen – übrigens vor Battocletti, die Polin Zofia Dudek jene im 3.000m-Lauf.
 

Carina Reicht bei der Crosslauf-EM 2018. © ÖLV / Coen Schilderman
 
Bei einem sehr guten Rennverlauf ist Carina Reicht (run2gether) ein Platz im erweiterten Spitzenfeld zuzutrauen, eine Top-Fünf-Platzierung aber ist sicherlich außer Reichweite. Lotte Luise Seiler (KSV alutechnik) und die erst 17-jährige Katharina Götschl (USKO Melk) müssen sich in den oft lästigen Positionskämpfen im Mittelfeld behaupten. Für den DLV starten Blanka Dörfel, Olivia Gürth, Josina Papenfuß, Antje Pfüller, Paula Schneiders und Anneke Vortmeier. Insbesondere dank Papenfuß und Vortmeier ist in der Nationenwertung ein Top-Platz drin. Neben Sclabas treten Sibylle Häring, Valentina Rosamilia, Leonie Saurer, Alina Sönning und Livia Wespe für die Schweiz an.
 

Mixed-Staffel (6.225 Meter) – die üblichen Verdächtigen

Zwölf Teams haben für die Mixed-Staffel gemeldet. Vier relativ gleich lange Etappen von 1.500 Metern werden absolviert. Die favorisierten Teams kommen aus den üblich verdächtigen Nationen Spanien, Frankreich und Großbritannien. Weder Deutschland noch Österreich oder die Schweiz stellen eine Staffel in jenem Bewerb, der am ehesten für Mittelstreckenläufer ausgelegt ist, wobei die Anziehungskraft der Mittelstrecken-Stars überschaubar ist. Interessant ist die Nominierung von Meraf Bahta für das schwedische Team. In ihrem üblichen Leistungsniveau (also jenes vor der Sperre wegen drei verpasster Dopingkontrollen) hätte sie zu den Medaillenkandidatinnen im Frauen-Rennen gezählt.
 
 
Die allgemeine RunAustria-Vorschau auf die Crosslauf-EM 2019 in Lissabon: Crosslauf-EM meets Großstadt – neun ÖLV-Athleten in Lissabon
Crosslauf-Europameisterschaften 2019 in Lissabon
European Athletics