Sinn(losigkeit) von Awards

Es macht durchaus Sinn, am Ende des Jahres den Sportler und die Sportlerin des Jahres auszuzeichnen und auf diese Weise feierlich auf das vergangene Wettkampfjahr zurückzublicken. Dass das im Rahmen einer prunkvollen Gala über die Bühne geht, verleiht gewissen Sportarten einen Touch von Glamour, der oft gar nicht passt, aber den Charakter der Verehrung der Stars untermalt. Auf diese Weise machen es der Leichtathletik-Weltverband (World Athletics) und der Österreichische Leichtathletik-Verband (ÖLV) genau wie zahlreiche andere Sportarten und -verbände. Und sie halten sich dabei an eine wichtige Devise: die Wahl am Jahresende bzw. ersatzweise am Saisonende durchzuführen. Ein weiteres wichtiges Element von Award-Verleihungen machen beide Verbände sinnvoll und richtig. Sie kombinieren die Stimmen von Experten (darunter fallen auch Medienvertreter) mit den Leichtathletik-Fans und führen die Stimmen laut einer bestimmten Gewichtung zu einem Gesamtergebnis zusammen. So steigt die Wahrscheinlichkeit, dass der oder die Richtige am Ende die Auszeichnung auch erhält. So wie bei der World Athletics Gala. Jeder wird die Argumente für Eliud Kipchoge und Dalilah Muhammad nachvollziehen können. Oder Lukas Weißhaidinger und Verena Preiner, die bei der noch ausstehenden Wahl der österreichischen Leichtathleten des Jahres durch ihre WM-Medaillen völlig zurecht in einer derartigen Favoritenrolle stehen, dass es wohl nur auf den weiteren Positionen spannend wird.
 

Kein Mensch kann in Wirklichkeit verstehen, warum der World Athletics Leichtathlet des Jahres nicht der AIMS Marathonläufer des Jahres ist.

Die Awards für die Sportler des Jahres, verliehen von den Verbänden, haben ideologisch großen Wert und sind berechtigte Prestigeobjekte. Der Laufsport eignete sich in den letzten Jahren die zweifelhafte Aufgabe an, selbst weitere Awards zu verleihen, und bemüht damit die Sinnfrage. Braucht es einen Marathonläufer und eine Marathonläuferin des Jahres? Vielleicht ja. Aber sicher nicht auf diese Weise, wie die AIMS (die oft auftritt wie ein Weltverband der Straßenläufe) das praktiziert. Intransparent bestimmt das AIMS Athleten-Nominierungs-Komitee die Gewinner. Nichts gegen die verdienten Leistungen Lelisa Desisas und Ruth Chepngetichs, die waren jeweils hervorragend. Aber kein Mensch kann in Wirklichkeit verstehen, warum der World Athletics Leichtathlet des Jahres nicht der AIMS Marathonläufer des Jahres ist. Erst recht nicht, wenn dieser (Kipchoge) als Weltranglisten-Führender auf den dort zweitplatzierten Geehrten (Desisa) genau so viele Punkte Vorsprung hat wie Desisa auf den 20. der Weltrangliste (Emmanuel Saina). Zur Erinnerung: Die Weltrangliste orientiert sich an ein Punktesystem, bei dem Platzierung, Leistung und Qualität des Rennens wesentliche Parameter darstellen. Zweites Beispiel: Wer soll begreifen, dass Brigid Kosgei, die den 16 Jahre alten Weltrekord von Paula Radcliffe pulverisiert hat, dazu den am bestbesetzten Marathon des Jahres (London) gewonnen hat und natürlich klare Weltranglisten-Erste ist, sich nicht AIMS Marathonläuferin des Jahres rufen darf? Kosgei gehörte im Gegensatz zu Chepngetich übrigens zur fünfköpfigen Short List auf dem Weg zur Wahl der Leichtathletin des Jahres durch World Athletics.
 

Wer soll begreifen, dass Brigid Kosgei, die den 16 Jahre alten Weltrekord von Paula Radcliffe pulverisiert hat, sich nicht AIMS Marathonläuferin des Jahres rufen darf?

Seit 2017 fühlen sich die German Road Races, als Interessensgemeinschaft der Straßenläufe im deutschsprachigen Raum so etwas wie eine nationale AIMS, berufen, die deutschen Straßenläufer des Jahres auszuzeichnen. „Mit der Preisübergabe unterstreicht German Road Races seine Kompetenz für die deutsche Laufszene“, nahm GRR-Gründer Horst Milde damals in einer Presseaussendung Stellung. Wie genau die deutschen Straßenläufer bestimmt werden, dafür gibt es auf der Website der German Road Races genau so keine Informationen wie in den Presseberichten darüber. Fakt ist nur, dass die Wahl auf Tom Gröschel und Anja Scherl diskussionswürdig ist. Aus der Perspektive statistischer Daten wie auch wegen der fehlenden Transparenz. Die German Road Races entschieden sich für die deutschen Meister im Marathonlauf (Düsseldorf), womit eine Gemeinsamkeit mit der AIMS besteht, die die beiden Weltmeister auszeichnete. Die zwei der drei schnellsten Marathonzeiten des Jahres lief allerdings Arne Gabius, darunter die deutsche Jahresbestzeit in New York. Die Wahl auf Anja Scherl ist alleine deshalb schon überraschend, weil sie ihre schnellste Marathonzeit des Jahres möglicherweise erst laufen wird – am Sonntag in Valencia. Noch unverständlich ist die Wahl allerdings aus anderen Gründen: Kejeta Melat, seit Sommer deutsche Staatsbürgerin, stürmte beim Berlin Marathon bei ihrem Debüt zu einer Zeit von 2:23:57 Stunden, womit Deutschland plötzlich wieder eine Athletin mit Weltklasse-Potenzial hat. Katharina Steinruck kehrte in Frankfurt von einer Verletzungspause zurück und knackte persönliche Bestleistung und Olympia-Limit locker (2:27:26). Selbst Deborah Schöneborn und Anke Esser haben 2019 eine schnellere Marathon-Zeit erzielt als Scherl, die 2016 bis 2018 immer unter 2:30 Stunden geblieben ist, nur im Jahr des Gewinns des GRR Straßenläufer des Jahres Award (bisher) nicht.
 

Awards sind dazu da, die Besten auszuzeichnen.

Awards sind dazu da, die Besten auszuzeichnen. Und das auf Basis der Leistungen innerhalb des definierten Zeitraums. Stimmberechtigte sollten bei diversen Wahlen verstärkt auf diese Leitlinie Rücksicht nehmen. Nur auf diese Art und Weise ist die Verleihung von Awards sinnvoll und hat den erwünschten Effekt der globalen bzw. nationalen Anerkennung. Halten sich Institutionen nicht daran, driften derartige Auszeichnungen, wenn sie unter dem Titel einer ernsthaften Bezeichnung ausgestellt werden, schnell in die objektive Nicht-Nachvollziehbarkeit und damit auch Sinnlosigkeit ab. Und schadet letztendlich durch Verwässerung jenen, die auf nachvollziehbarem und authentischem Weg für ihre Leistungen geehrt werden.